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1050 Seemeilen bis Galapagos, Isla San Cristobal, erzählt uns das GPS, als wir am 11.09. um 0900 Uhr peruanischer Zeit die treue Mooring- Leine los werfen.
"Auslandsegler- Sozialarbeiter" Jaime und Lancha- Fahrer Augusto verabschieden sich zum vorerst allerletzten Mal. Wir rechnen mit 10 Tagen für die Überfahrt.
Am Nachmittag zuvor haben wir mit Jaimes Hilfe in nur 2 Stunden ausklariert, die letzten Einkäufe erledigt und uns endgültig schweren Herzens verabschiedet. Peru bleibt uns als eines der faszinierendsten und interessantesten der bisher besuchten Länder in bester Erinnerung.
Die Armada legt uns auf einen Kurs von 315° und eine Geschwindigkeit von 5 Knoten fest; wir werden uns Mühe geben, deren Schulbuch- Wissen zu befriedigen.
Groß und Genua hoch und schon rauschen wir bei südlichen Winden von 15-20 Knoten mit 6-7 Knoten Fahrt komplett algenfrei dahin.
In den ersten Stunden kleben wir in Gedanken noch an Land und an den Menschen, die wir mal wieder zurücklassen. Lima´ s Folklore-Radiosender begleitet uns noch bis zum Abend.
Ab der 1000 m – Linie schweifen die Gedanken im monotonen aber endlich mal ruhigen Takt der Wellen voraus. Plankton erleuchtet das schwarze Wasser. Der Mond lugt hinter den Wolken hervor und beschert uns eine helle Nacht. Bis zu 50 Delfine begleiten uns auf den offenen Pazifik. Keine Insel, kein Fels liegen mehr zwischen uns und den Galapagos- Inseln.

Nach über 3 Monaten im Hafen, in der Großstadt, wachsen langsam wieder die Seebeine.
In der ersten Nacht bewährt sich sogleich die neue LED- Lampe des 3-Farben-Lichts, die nur noch ca. 0.2 Ampere pro Stunde verbraucht (nicht vom BSH zugelassen, aber die residieren ja weit weg in Deutschland). Und auch der hart erkämpfte Autopilot (letztendlich steuerfrei) bringt uns den Spaß am Segeln zurück, da er bei „Schmetterling“ das Boot perfekt auf Kurs hält, was die Windpilot nicht schafft.
Am Morgen verlässt uns der Wind und wir starten den Motor und – oh Wunder – kaum in den Tropen, schmeißt das Motor- Kühlwasser-Heizsystem die Heizung wieder in Gang, was im kühlen Humboldt-Strom nachts gar nicht zu verachten ist. Immerhin, Herr Humboldt schiebt uns mit mindestens einem Knoten zuverlässig nach Norden.
Als sich ein kleines Lüftchen regt, erfreuen wir uns an den bunten Farben des Genakers. Wir nutzen das Tageslicht, essen und lesen draußen.

Kein Vogel, kein Delphin, nur eine einsame Haifischflosse leistet uns Gesellschaft. Nachts wacht der Vollmond über uns.
Schichtwechsel: Der Mond geht zu Bett, als im Osten verschlafen die Sonne hervorblinzelt. Endlich wieder Barfuss- Wetter. T-Shirts, kurze Hosen und Bikini sind gefragt. Diese riechen zwar ein bisschen muffig, aber der letzte Einsatz ist ja auch schon ein paar Tage her.
Am 4. Tag begegnet uns ca. 200 Meilen vom Festland entfernt ein offenes Fischerboot mit 4 Leuten an Bord. Wir holen das Genaker- Segel ein, sie holen das Fischernetz ein. Die Piratenabwehr - Leuchtrakete liegt bereit.
„Wo kommt Ihr her? Habt Ihr „Agua“?“ Ja, haben wir. Timo schmeißt 2 Flaschen Wasser ins Wasser. Die Fischer fischen die Flaschen auf und sind vorerst beschäftigt. Segel hoch, Motor an und nix wie weg, bevor denen noch mehr einfällt.

Seit der letzen Fischer- Piraten- Begegnung sind wir eben ein bisschen nervös.
Am nächsten Morgen tauchen plötzlich schwarze Segel vor unserem Bug auf – ein Sprit sparender Fischer. Kein Netz in Sicht. Weder er noch wir haben Lust, die Segel zu bergen.
Nachmittags bricht der Block des Genakers. Das Segel flattert wirr durch die Gegend, was wir aber bei mäßigem Südwind leicht wieder einfangen können.
Am 17.09. starten wir abends den Motor, um die Batterien zu laden. Bereits nach 5 Minuten leuchtet die Lade- Kontroll-Lampe auf. Die Lichtmaschine lädt nicht. Als wir am nächsten Morgen den Motordeckel abnehmen, finden wir einen gerissenen Keilriemen vor. Benzin- Generator, Solar- und Windenergie müssen als Energiequelle reichen, bis wir im Hafen sind.
Seit 2 Tagen haben wir Besuch: „Senior Plüsch“, ein schneeballgroßer Landvogel quartiert sich im Schwalbennest zwischen den Schoten und Fallen im Cockpit ein. Ein bescheidener Gast, der nicht mal das Wasser aus dem Eierbecher anrührt. Er scheint sich nur ausruhen zu wollen und macht ab und zu einen Spaziergang über die Cockpit-Bank. Abends fällt er vor Timo´ s Augen plötzlich rückwärts um und ist tot. Seemanns- Begräbnis auf hoher See. Flagge auf Halbmast.
„Land in Sicht!“ Der Galapagos- Archipel besteht aus 13 größeren und 17 kleineren Inseln. Er ist seit 1959 Nationalpark und wurde 1970 von der Unesco zum Welterbe der Menschheit erklärt. Bevor Darwin mit seinem Buch über den „Ursprung der Arten“ den Inseln vulkanischen Ursprungs Weltberühmtheit verschaffte, dienten sie als Piratenversteck und Versorgungsstation für Walfänger. Die hier gefangenen Schildkröten wurden wochenlang ohne Futter und Wasser im Schiffsbauch als lebendiger Proviant gestapelt.

Es wird vermutet, dass erste Landtiere wie die Leguane auf Holzstämmen herüberkamen, Meerestiere mit den Meeresströmungen und Pflanzensamen über die Luftströmungen. Heute gibt es über 600 Pflanzenarten, von denen 300 nur auf den Galapagos-Inseln wachsen.
Nach genau 8 Tagen laufen wir am 19.09. in die „Wreck- Bay“ auf der Insel San Cristobal ein. Ganz schön windig hier; wir ankern nach der bewährten Tandem-Anker-Methode.
Nachdem wir die Capitania der kleinen ca. 5000 Einwohner zählenden Stadt „Puerto Baquerizo Moreno“ auf Kanal 16 angefunkt haben, kommen 2 Jüngelchen (Bundeswehr-Jargon: Schulter-Glatzen) der Armada per Boots- Taxi zur „Inspektion“ und teilen uns mit, dass wir keine andere Insel mit dem eigenen Segelboot anlaufen dürfen, hier aber 20 Tage bleiben können. Andere Inseln dürfen nur mit der Fähre (einfache Fahrt 40 US$ pro Person!) bzw. mit noch teureren Kreuzfahrtschiffen angelaufen werden. Ohne lizenzierten „Guide“ darf kein Schutzgebiet des Insel-Archipels außerhalb der Hauptorte betreten werden. Tolle Aussichten.

Günter vom Pacific Island Net - 14135 KHZ USB - 0000 UTC (wieder ab Ende November 2008) hat uns bereits via SSB vor den Machenschaften der Hafenkapitäne auf Galapagos gewarnt, siehe auch www.bluewater.de/revierberichte/pazifik/galapagos-probleme.htm. Vielen Dank Günter!
Wir werden darauf hingewiesen, dass wir zum Einklarieren einen Agenten benötigen. Also fahren wir gleich mit der Armada im Taxi- Boot an Land. Ein Agent namens „Fernando“ erwartet uns bereits am Pier.
Bevor er uns über die Einklarierungsformalitäten aufklärt, preist er gleich eine von ihm organisierte fünfstündige Insel-Tour an. Inklusive der Besichtigung einer „Galapagera“ (Schildkrötenfarm). Er habe einen Bekannten bei der Naturschutz-Behörde, so dass wir im Rahmen dieser Tour die normalerweise fällige „Naturschutz-Gebühr“ von 100 US$ pro Person nicht zahlen müssten. Ein Super- Sonderangebot also für nur 60 US$ pro Person! Was der wohl noch für Bekannte hat?

Plötzlich hat er es eilig. Erst geht es in den Copy- Shop zwecks Farbkopien des Reisepasses und der Bootspapiere und dann zur Immigrationsbehörde. Kurz vor der Mittagspause übergeben wir dem Zöllner unsere Pässe, die wir am nächsten Morgen mit den Einreise-Stempeln wieder abholen können. 15 US$ Einreisegebühren. Bei der Ausreise sind dann noch mal 15 US$ Bearbeitungsgebühr fällig.
Dann führt „Fernando“ uns in seine „Agencia“, die gleichzeitig ein Supermarkt ist. An der Ladentheke überreichen wir der Agenten- Kassiererin unsere Kopien, zahlen 80 US$ Agenten- Gebühren und werden gebeten, am nächsten Tag die Rechnung der „Capitania“ in Empfang zu nehmen.
Nach einer geldlosen Woche auf See nervt diese Dollar- Fischerei. Unser Glück, dass der US$ im Moment sehr schwach ist: 1 € = 1,378 US$.
Fernando redet uns noch mal ins Gewissen, in 2 Tagen an seiner Insel-Tour teilzunehmen. Mal sehen, jetzt wollen wir uns erstmal in Ruhe die Supermärkte der Konkurrenz ansehen.
Am nächsten Morgen holen wir die Pässe ab, die natürlich noch nicht fertig gestempelt sind. Danach geht es zum „Agencia“- Supermarkt. Noch mal 80 US$ in bar an die „Capitania“ für die Hafen- und Leuchtfeuerbenutzung. „Fernando“ treffen wir auch. Heute im Sonderangebot: Inseltour für 50 US$ pro Person. Vielleicht „manana“, erstmal müssen wir den gerissenen Keilriemen austauschen. Im Moment ist aber noch zu viel Wind, um den Motor dafür außer Betrieb zu setzen.

Bei einem ersten Strandspaziergang entdecken wir Meerechsen, Seelöwen, Fregatt- Vögel, Meeresschildkröten und jede Menge Blaufuß- Tölpel.
Woher kommt bloß der spöttische Begriff des tölpelhaften Benehmens? Darwin kann ihn vor 150 Jahren nicht erfunden haben, denn auch ihm müsste aufgefallen sein, mit welcher Geschicklichkeit diese ausdauernden und tollkühnen Flieger sich ihre Nahrung im Sturzflug aus dem Meer fischen. Sie erreichen eine Flügelspannweite von bis zu 150 cm. Ihre Füße sind tatsächlich von einem beeindruckenden Hellblau, warum auch immer. Vielleicht haben sie einfach nur Durchblutungsstörungen oder kalte Füße?
Fuss-Experten bitte melden.
Die urzeitlich dreinblickenden, schuppengepanzerten, schwarzen Meerechsen sind bis zu 1,7 m lang und können bis zu einer Stunde nach Nahrung tauchen.

Es sind die einzigen Echsen der Welt, die im Wasser jagen. Wir sehen sie allerdings meist regungslos auf den schwarzen Lava- Felsen in der Sonne liegen, um sich nach ihren Tauchgängen aufzuwärmen. Knallrote Klippenkrabben krabbeln überall auf dem schwarzen Lava- Gestein herum.

Die schwarzen Fregattvogel- Männchen erkennt man an ihrem auffallend roten Kehlsack. In der Paarungszeit blasen sie ihn etwa fußballgroß auf – je größer, umso paarungswilliger wird das Weibchen. Zum Glück haben die Weibchen unser Genaker Segel noch nicht gesehen- die würden wir niemals wieder los. Da sie fast keine Schwimmhäute und kein Wasser abstoßendes Federkleid besitzen, können sie im Meer nicht tauchen. Deshalb jagen sie, wie wir vom Boot aus beobachten können, oft den Tölpeln und Pelikanen ihre Beute in der Luft ab.

Ihre Flugkünste sind akrobatisch und sensationell. Die Flügelspannweite beträgt bis zu zweieinhalb Metern; sie sehen aus wie Riesen- Fledermäuse. Eine Möwe ist dagegen wirklich langweilig (wir lieben Möwen und bewundern deren Flugkünste).
In Strandnähe wachsen riesige Säulenkakteen und Palo-Santo Bäume mit silbrigweiß glänzenden Stämmen. In Rumpfnähe wachsen bereits wieder grüne Algen und rote Muscheln. Meisterin Propper (Sandra) rückt mit Schwamm und Schnorchel an und übt Kiel-Tauchen.
Am nächsten Morgen, wir wollen gerade mit dem Beiboot an Land, rumpelt das Boots-Taxi längsseits und „Fernando“ springt unaufgefordert auf` s Boot. Smalltalk, bis er uns freudestrahlend das Angebot des Tages offeriert: Morgen früh Inseltour für 40 US$. Das wird ja immer günstiger? Ihm fehlen zwecks Taxi- Auslastung noch 2 Personen. „Aha. Mal sehen, wir denken darüber nach, erstmal muss der Keilriemen gewechselt werden, vielleicht ein andermal…“
Am Nachmittag lässt der Wind nach und Timo hat tatsächlich nach zweistündiger Arbeit den neuen Keilriemen eingebaut. Wir laden wieder. Umso besser, denn der in Chile neu erworbene Benzin-Generator leidet bereits nach einem halben Jahr an Ermüdungs- Erscheinungen, springt schlecht an und lädt nur unregelmäßig.

Wir laufen den steilen Berg hoch zur einzigen Tankstelle des Ortes.
Wir wollen die Preise checken, da „Fernando“ uns am Morgen ein überteures Angebot für Diesel machte, 2,5 US$ pro Gallone (ca. 3l). An der Tankstelle kostet die Gallone Diesel nur 1 US$. Einmal voll tanken, bitte. 10 Dollar für unseren 35l Reservekanister; mehr haben wir nicht verbraucht. Hätten wir das vorher gewusst hätten wir in Peru nicht voll getankt (ca. 3 US$ pro Gallone).
Beim Taxi-Fahrer erkundigen wir uns nach dem Preis für eine Fahrt zur Schildkröten-Farm – 35 US$.
Am Abend läuft uns „zufällig“ schon wieder ein aufgeregter „Fernando“ über den Weg. Super-Sonderangebot: Morgen früh Inseltour inklusive Mittagessen für nur 30 US$ pro Person! Das ist schon nah dran am Taxi-Preis. „Gut, wir kommen mit“.
Gemeinsam mit 3 anderen Seglern der englischen Segelyacht „Santana“ fährt der Taxifahrer, der zugleich der lizenzierte „Guide“ ist, zum Hochlanddorf „El Progresso“, das mitten in einer wilden Dschungel-Landschaft gelegen ist. Hohe Luftfeuchtigkeit, Regen und Nebel schlägt uns entgegen. Bananenstauden, Kaffee-Plantagen, Orangen-Bäume säumen den Straßenrand, als wir weiter Richtung „Galapagera“ fahren.

Die Galapagos- Riesenschildkröten sind die Wahrzeichen und Namengeber der Galapagos- Inseln. Von den ursprünglich 14 Unterarten dieser bis zu 5 Zentner schweren Tiere sind 3 bereits ausgestorben. An der nur mit Booten zugänglichen Nordbucht der Insel befindet sich der Lebensraum der San- Cristobal- Riesenschildkröten. Einige von ihnen wurden zu Schutz-, Aufzucht- und Tourismuszwecken zu der im Landesinneren errichteten Schildkrötenfarm gebracht.
Wir wandern auf einem von Steinen gesäumten Pfad durch ein bewaldetes, eingezäuntes 12 ha großes Gebiet und bestaunen die in allen Größen im Zeitlupentempo umhertrottenden, nummerierten Schildkröten. Die jüngeren fauchen und verziehen sich komplett unter ihren Panzer, wenn wir zu nahe kommen. Die älteren fünfzig - fünfundsiebzigjährigen sind gelassener; schließlich sind sie den Umgang mit weißen Beinen und Kameras ihr Leben lang gewöhnt. Auch die „Nummer 1“ läuft uns über den Weg, die erste auf der Farm angesiedelte Riesen-Schildkröte.

Auf halbem Weg befindet sich die Aufzucht- Station. Höher nummerierte Baby- Schildkröten befinden sich nach Alter sortiert in katzen- und rattensicheren Gehegen. Nach 4 Jahren werden die Teeny Schildkröten aus ihrem Schutzgehege in die eingezäunte Freiheit entlassen. Sie können sich Zeit lassen auf ihrer Suche nach der Eiablage- Grube, denn sie werden erst mit ca. 25 Jahren geschlechtsreif.
Wir entdecken Darwinfinken mit den unterschiedlichsten Schnabelformen. Insgesamt gibt es 14 verschiedene Arten auf fast allen Inseln. Je nachdem, auf welche Nahrung sie sich spezialisiert hatten, entwickelten sie die günstigste Schnabelform. Eine Art benutzt zum Beispiel einen Kaktusstachel als Werkzeug, Um Insektenlarven aus Baumstämmen zu holen, eine andere stiehlt den Masken- und Rotfuß- Tölpeln die Eier und lässt sie den Hang hinunter rollen, bis sie an einem Stein aufbrechen.

Ein Hauptprogrammpunkt der Inseltour fällt buchstäblich ins Wasser.
Der Weg zum Aussichtspunkt auf den 896 m hohen Vulkan „Cerro San Joaquin“ und zur „Laguna El Junco“ ist aufgrund des starken Regens nicht begehbar. Die 700 m hoch gelegene Lagune dient den Inselbewohnern als Süßwasserreservoir und den Blaufuß-, Rotfuß- und Maskentölpeln als Nistplatz.
Am Straßenrand halten wir kurz, um ein paar wilde Mandarinen und Orangen zu pflücken.
Das Taxi bringt uns über eine Schotterpiste zu einem anderen Aussichtspunkt, von wo aus wir durch die Nebelschwaden einen Blick auf die „Isla Lobos“ werfen können. Den Regen lassen wir im Hochland zurück. Weiter geht es zum Drachen-Strand hinter dem Flughafen.

Hier tummeln sich jede Menge Meerechsen in allen Altersstufen auf den schwarzen Lava- Felsen in der Sonne. Wir haben uns noch gar nicht satt gesehen, da pfeift der Taxi-Fahrer bereits zur Weiterfahrt.
Der Tisch im Innenhof ist gedeckt, als wir das Haus von Fernando und seiner Familie erreichen. Das Mittagessen entpuppt sich als das Standardgericht Südamerikas: „pollo con arroz“ – Hühnchen mit Reis. Zum Nachtisch gibt es Pfirsiche aus der Dose; es gibt ja hier sonst keine frischen Früchte außer Bananen, Äpfeln, Orangen, Mangos, Mandarinen…
Der Keilriemen quietscht und möchte nachgezogen werden. Beim kompletten Ausbau der Lichtmaschine entdeckt Timo auch noch eine lockere Schraube an der Halterung, die eventuell die Ursache für den gerissenen Keilriemen war (hört sich alles einfach an, aber man muss erstmal rankommen!).
In den nächsten Tagen herrscht starker Schwell, der große Brecher am Ufer erzeugt. Der Himmel ist oft sehr bedeckt bei gelegentlichen Regenschauern. Trotzdem werden leicht 25 – 30 Grad erreicht. Ist ja immerhin Frühling hier.
Seelöwen-GeburtSo vergeht die Zeit und von unseren 20 Tagen sind noch 4 Tage übrig. 3 andere Segelboote liegen hier im Hafen: eine französische Familie mit 2 Kindern, ein junges (noch jünger als wir!) französisches Paar und ein älterer Engländer mit einer Katze und 2 Hippies als „Hand gegen Koje“ - Crew. Ursprünglich waren 2 weitere Segler an Bord, die allerdings inzwischen das Flugzeug nach Quito als zuverlässigeres Transportmittel gewählt haben.
Wie es sich für echte Hippies gehört, laufen sie barfuss und schlafen lieber am Strand in freier Natur statt in den Kojen.

Vom Segeln haben sie keinen blassen Schimmer und verweigern die Weiterfahrt ohne zusätzliche Crew. Alleine kann der an Parkinson leidende Skipper aber nicht losfahren. Bleiben die Fragen offen, wie man hier auf die Schnelle an erfahrene Crew kommt, warum sich die Hippies bei der 900 Meilen und 20 Tage! dauernden Überfahrt von Panama hierher nicht die Grundkenntnisse des Segelns angeeignet haben und welche Rechte und Pflichten sich bei der „Hand gegen Koje“ - Regelung ergeben? Willkommen auf der Barfuss- Route.
Timo, stolzer Inhaber des Schwimmscheines „Seepferdchen“,
hat sich inzwischen sogar in das von Haien (Blau- und Hammerhai) verseuchte Wasser getraut – in Neopren- Schwimmanzug, Taucherbrille, Schnorchel und Flossen sicher verpackt.
(Timo: bis jetzt noch keinen Hai gesehen. Sollen aber auch satt sein -viel Fisch und Touris mit Flaschen - wir sind ja nur magere Segler. / Sandra: man sollte allen Kindern den "Weissen Hai" im Fernsehen verbieten, Folgeschäden siehe Timo.).
Rumpf- Schrubben und Zinkanoden- Kontrolle bleiben aber aus Sicherheitsgründen der Tauchlizenz- Inhaberin Sandra überlassen. Bisher hat uns nur ein Seehund- Baby in die gelben Flossen gezwickt (und einen Haufen ins Dinghy gesetzt…).

Morgen treffen die ersten Boote der Ecuador-Galapagos-Regatta hier ein. Auch ein paar Segelboote aus Lima sind unterwegs und wir freuen uns, auf diese Weise Gonzalo und andere bekannte Gesichter wieder zu treffen. Die „Yacht Club Peruano- Fanclub- Flagge“ ist bereits gesetzt.
Morgen, am 09.10., soll es weitergehen – inoffiziell zu der 80 Meilen westlich gelegenen, touristisch kaum erschlossenen Insel Isabella, offiziell nach Costa Rica, Port of Entry: Golfito, ca. 700 Meilen von hier entfernt. Armada (11 US$ für das "internationale Zarpe") und Immigration (15 US$ für den Stempel) haben wir heute besucht.

Ob wir unsere Geburtstage auf Isabella oder auf Hoher See verbringen werden, hängt von der Persönlichkeit des dort zuständigen Hafenkapitäns ab. Ein plötzlich auftretendes technisches Problem könnte in diesem Falle weiterhelfen.
Wir könnten es auch rechtzeitig zur 400 Meilen entfernten Kokos Insel schaffen, doch beträgt der Eintritt zur Geburtstagsfeier dort mindestens 75 US$: 25 US$ pro Person pro Tag, 25 US$ fürs Boot pro Tag. Naturschutz-Gebühr oder Segler- Abzocke? Wir haben gehört, die Naturpark- Ranger lassen sich mit Snickers bestechen…
Ende Oktober wollen wir spätestens in Costa Rica ankommen und dort bis Mitte November die Hurrikan- Saison abwarten, bevor es weiter nach Norden geht.

Da wir selbst am Äquator noch das vertraute Patagonien-Netz via SSB empfangen können, erfuhren wir vor kurzem, dass sich das amerikanische Segelboot „Tamara“ mit unseren Feuerland-Freunden Marc und Nancy von Chile aus auf dem Weg zu den Galapagos befindet. In Costa Rica werden sich unsere Wege wohl wieder kreuzen.
Allerbeste Grüsse an Wolfgang (und Gabi), den Betreiber des Patagonien-Net 8146 KHZ USB - 1300 UTC.
Vielen Dank für Deine Hilfe und Informationen in den letzten beiden Jahren!!
Unser Freund Roger mit der britischen Segelyacht „Orbit“ wird weiterhin vermisst, aktueller Stand siehe www.yachtorbit.com.


First of all:
Some days ago we received the message, that the british sailing yacht "Orbit" is missed. The 70 years old single hander Roger Stephens starts his trip from Galapagos to Marquesas at the 10. of july 2008. Last contact with Roger his son had at the 26. of july by satellite telephone. Roger planned to sail straight to the Marquesas and than to Hawaii. His son suppose that Roger perhaps change his plans and sails directly to Hawaii.
Some dates about the boat: SY "Orbit", british flag, dark blue sloop, 38 feet, homeport Bristol, strange blue sprayhood, 1 mast.
His son informs about the newest results on the homepage www.yachtorbit.com. If anybody has informations about Roger and "Orbit" please inform directly the SAR "Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger" (info@seenotretter.de) or any Coastguard- Station, Rogers son or us.
Vor einigen Tagen haben wir erfahren, dass das britische Segelboot "Orbit" mit unserem siebzigjährigen Segelfreund Roger Stephens vermisst wird. Roger ist am 10 Juli allein von Galapagos zu den Marquesas gestartet. Sein Sohn hatte am 26.07. den letzten Kontakt zu Roger per Satelliten-Telefon. Roger wollte erst zu den Marquesas und dann nach Hawaii. Der Sohn nimmt an, dass Roger vielleicht seinen Plan geändert hat und direkt nach Hawaii segelt. Inzwischen wurde die Marquesas- und US- Coastguard eingeschaltet. Der Sohn berichtet über die neuesten Ergebnisse auf Rogers Homepage: www.yachtorbit.com. Jegliche Informationen über Roger und "Orbit" bitte direkt an die "Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger" (info@seenotretter.de) oder an die nächstliegende Küstenwache, an Rogers Sohn oder an uns weitergeben.
Another short sentence in english to say a very big „thank you“ to our amigo Gonzalo in Lima, member of the “Yacht Club Peruano” and the “Seven Seas Organisation”, who helps us getting our parcel with important spareparts out of the „Adouana“ (customs). Muchas Gracias Gonzalo!!!

Nachdem das Paket mit Ersatzteilen aus Deutschland nur 2 Tage für den Flug über den Atlantik benötigte, hängt es nun seit dem 26.05. im Zoll am Flughafen fest. Viermal fahren wir zum Flughafen aber weinen, drohen und „Yacht im Transit“ helfen nichts. Die Formular-Berge wachsen täglich, bis sich schließlich zeigt, dass wir ohne Agenten nicht mehr weiter kommen. 400 US$ Zoll werden verlangt.
Unser Freund und Helfer Gonzalo, Mitglied, der „Seven Seas Organisation“, schaltet seinen Firmen- Privat-Agenten ein und endlich, nach 4 Wochen, überbringt uns ein Kurier am frühen Morgen das ersehnte Paket ohne Zoll und kostenlos!

Am Morgen des 07.06. bebt die Erde, wir spüren die Vibrationen an unserer Boje, das ganze Boot zittert, aber zum Glück handelt es sich nur um ein kleines Erdbeben. Unser alter britischer Segelkumpan Roger macht sich heute mit seiner Segelyacht „Orbit“ auf den Weg nach Galapagos. Mal gespannt, wo wir uns wieder sehen.
Timo liegt mit Fieber unklaren Ursprungs im Bett, als uns in der Nacht zum 18.06. plötzlich ein lauter Knall aus dem Schlaf reißt. „Timo, komm schnell raus, die Mooring- Leine ist gerissen, wir sind auf ein anderes Boot getrieben“. Natürlich regnet es, als wir schnell den Leinen-Rest los werfen und den Motor starten. Nach einer halben Stunde liegen wir an einer anderen Boje und Timo mit 40 Grad wieder im Bett.

Gemeinsam mit dem amerikanischen Nachbarn und Strohwitwer „Herb“ („Hörb“)starten wir am frühen Morgen des 11.07. unseren Wochenend- Ausflug nach Huancayo. Der Zug fährt von Lima aus über eine der höchsten Eisenbahnlinien der Welt. Wir sind gespannt, wie und ob sich die Höhenkrankheit bei uns bemerkbar macht, wenn wir den Pass bei Ticlio auf 4829 m erreichen. So hoch haben wir uns bisher noch nie hinausgewagt.

Die spektakuläre Zugfahrt führt uns durch 68 Tunnel, über 61 Brücken und 9 Zick-Zack-Passagen (www.ferroviasperu.com.pe). Wir sind erstaunt über die noch sehr üppige Vegetation in diesen Höhen. Positiv überrascht sind wir von dem sehr guten Service während der gesamten Zugfahrt. Das Zugpersonal ist sehr besorgt um unser Wohl, verteilt Tabletten gegen die Höhenkrankheit und steht mit Sauerstoff- Flaschen für den Notfall bereit. Als der Zug am höchsten Punkt einen Stopp einlegt, sacken uns die Beine schon nach einer halben Runde um den Zug weg und die Lunge pfeift wie nach einem Marathon- Lauf.

Die Photo- Runde findet im Sitzen statt und wir sind froh, dass es nun wieder bergab geht.
Auf Anraten von „Herb“ und gewarnt durch die Symptom-Warnliste des Auswärtigen Amtes nehmen wir vorerst prophylaktisch Tabletten gegen Höhenkrankheit (Acetazolamid (Diamox®)).
„Auswärtiges Amt - Gesundheitsdienst 10/07/GvL/GB - Merkblatt für Beschäftigte und Reisende - Höhenkrankheit:
I. Die Erkrankung
Es gibt drei verschiedene Arten von Höhenkrankheiten:
1. Akute Bergkrankheit (acute mountain sickness, AMS) Sie ist häufig (bei ca. 30 % der Bergwanderer über 3.000 m) und wird ausgelöst durch "höhentaktische Fehler" bei der Höhenanpassung wie Überanstrengung und Eile beim Aufstieg, Alkohol, Flüssigkeitsdefizit durch Schwitzen, auch Infekte und Schlafmittel verschlimmern den Verlauf. Allgemeine Symptome wie Kopfschmerz, Schwindel, Schwäche, Sehstörungen und psychiatrische Störungen wie Kritiklosigkeit, Überaktivität, vernunftwidriges Verhalten werden oft noch toleriert, sind aber besonders gefährlich durch Auslösen schwerer Bergunfälle. Auch ohne Unfall fördert der weitere Anstieg unter Beschwerden die Verschlimmerung des Zustandes; Dann beginnt häufig die manifeste schwere Höhenkrankheit:
2. Höhenlungenödem (high altitude pulmonary edema, HAPE) (Wasser in den Lungen) oder
3. Höhenhirnödem (high altitude cerebral edema, HACE) (Hirnschwellung) Wasser lagert sich in Lunge und/oder Gehirn ein und führt zu lebensbedrohlicher Situation: Nur schnelle Therapie durch raschen Abtransport unter 2.500 m Höhe, Sauerstoff und Medikamente können helfen.
II. Erkennen der Gefahr
1. Frühzeichen Kopfschmerz, Übelkeit, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, kurze nächtliche Atemstörung, Leistungsabfall, Wasserödeme unter der Haut, Sehstörung, Herzschlag in Ruhe beschleunigt um über 20 %.
2. Warnzeichen Rapider Leistungsabfall, konstante, schwere Kopfschmerzen, Atemnot bei Anstrengung, nächtliche Atemnot in Ruhe, schnelle Atmung, Herzjagen, Schlaflosigkeit, schwere Übelkeit, Erbrechen, trockener Husten, Gleichgewichtsstörungen, Schwindel., Benommenheit, Lichtempfindlichkeit, Gang-/Stehunsicherheit, weniger als ½ l Urinausscheidung pro 24 Stunden; Patient darf nicht alleine absteigen!
3. Alarmsystem schwerkranker, bewusstloser oder "verrückter" Patient, Atemnot in Ruhe, schwerer Husten mit braunem Auswurf, Bewegungsstörungen, Druck auf der Brust, rasselnde Atmung.“
Doch Timo ist der Erste, der die Tabletten eigenmächtig wieder absetzt. Sandra die Zweite. Wir haben den Eindruck, dass sich das Medikament eher gegenteilig auswirkt. Und tatsächlich, als wir bei unserer nächsten Überland-Reise an den 3850 m hoch liegenden Titicacasee die Tabletten im Rucksack unten links liegen lassen, haben wir keinerlei Probleme mehr mit der Höhenkrankheit.
Die Stadt Huancayo zählt 430.000 Einwohner. Sie liegt auf einer Höhe von 3244 m und ist die wichtigste Handelsstadt des Zentralgebirges.
Sonntags geht es auf den berühmten und gut besuchten „Sonntagsmarkt“, wo man Teppiche, Ponchos, Stickereien, filigrane Silberarbeiten etc. kaufen kann. Hier erstehen wir unseren ersten „Manta“, ein bunt gewebtes, deckenartiges Tuch, das den Indio-Frauen auf dem Land zum Transport sämtlicher Dinge dient: Babies, Brennholz, Getreide, Kartoffeln, Mais, Schilfgras-Bündel, Baumwolle, Wäsche; überhaupt alles, was im Leben einer Anden- Familie so anfällt.

Der Transport zählt wohl zu den Aufgaben der Frauen, die sich in bunte, traditionelle Trachtenröcke wickeln und verschiedenartigste Hut- Modelle über langen geflochtenen Zöpfen tragen. Männer sieht man eher selten in gebückter Haltung mit Transport- Tüchern auf dem Rücken.

Wir machen einen Tagesausflug auf´s Land mit einem Führer und seinem ausgedienten PKW. Hier scheint die Welt stehen geblieben zu sein, irgendwann, vielleicht im Mittelalter. Schwerbeladene Esel säumen die Wege. Auf den Feldern bearbeiten Familien ihre kleinen Feld- Parzellen mit Ochsengespannen oder einfach mit einer Hacke.

Als wir eine Anhöhe erklimmen, um ein paar Inka- Ruinen zu bestaunen, treffen wir auf eine Indio- Mutter mit Sohn: Sie pflückt per Hand die reifen Kornähren von dem winzigen, in Terrassen abfallenden Feld. Er drischt das Korn, ebenfalls per Hand.
Die Ruinen dienten den Inkas einst als Korn, Mais- und Kartoffelspeicher – hoch oben über dem Dorf – die Fenster so ausgerichtet, dass die monatelang gelagerten Vorräte vom stetigen Wind gut gekühlt und belüftet wurden. Wie anstrengend muss es gewesen sein, die unzähligen Steinstufen zu behauen und die Vorräte für ein ganzes Dorf den Berg heraufzuschleppen.
An einer kleinen Lagune machen wir bei strahlendem Sonnenschein Rast und erholen uns bei frisch gefangenen, gegrillten Forellen, Kartoffeln aus dem Erdofen und in Tongefässen gekühltem „Chicha“ (erfrischendes Maisgetränk).
Montagabend steigen wir wieder in den Zug, der uns vom Mittelalter in die Neuzeit befördert.

Gerne wären wir noch länger hier geblieben, um die Natur und das Landleben zu erkunden.
Auch der Dschungel ist von hier aus nicht weit entfernt.
Den größten Teil der Nacht stehen wir im letzten Waggon mit offener Plattform, Bar und Tanzfläche und genießen bei Mondenschein und klirrender Kälte den Ausblick auf die schlafenden Anden.
Zurück in Lima fiebern wir für Deutschland – bei der Fußball-EM 2008. Pünktlich zum Finale am 29.06. wird der neue Großbild- Fernseher für den Yachtclub angeliefert. Alle vorhandenen Deutschlandflaggen werden in Position gebracht, doch die Spanien- Fans überwiegen eindeutig. Mitleidig wird uns auf die Schulter geklopft und ein peruanisches Bier spendiert, als der Sieger feststeht. Heimlich entledigen wir uns unserer Deutschland-Trikots und feiern mit den größtenteils spanischstämmigen Peruanern….
Dem heiligen San Pedro ist es egal, wer die EM gewonnen hat. Der Patron der Fischer hat heute seinen großen Tag. Alle Schiffe (Armada, Fischerboote, Yachten und die „Humboldt“) sind feierlich geschmückt. Begleitet von Trommeln, Pauken und Trompeten, wird die mannshohe und festlich gekleidete San Pedro- Statue nach einer Ansprache des Pastors würdevoll über den Pier getragen und auf ein Boot verfrachtet. Es folgt eine Boots- Parade durch den Hafen mit der Trompeten- Band an Bord und zufrieden nimmt „San Pedro“ wieder für ein weiteres Jahr auf seinem Altar am Club- Eingang Platz.

Die alte Geschichte: In 3 Tagen läuft unser dreimonatiges Visum für Peru aus. Was liegt da näher, als das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden? Wir fahren nach Bolivien.
Am 02.08. bringt uns ein Bus der etwas „vornehmeren“ Gesellschaft „Cruz del Sur“ innerhalb von 23 Stunden über Arequipa nach Puno. Das Busunternehmen preist immerhin einen vierstündigen Fahrerwechsel und verstellbare Sitze an. Durchgehend werden wir mit Kriegsfilmen bombardiert, bei strikter Kissen- und Deckenkontrolle. Als Sandra in der Nacht ihr Kissen verlegt, wird der ganze Bus danach abgesucht.
In Puno, der größten Stadt am Titicacasee, werden wir von einer eisigen Kälte und kalten Duschen im Hostel empfangen. Der Ort macht auf den ersten Blick einen dreckigen und verwahrlosten Eindruck. Wir begnügen uns mit der Besichtigung des Busbahnhofes, des Straßenmarktes und diverser Agenturen, die Busreisen zum Grenz- und Pilgerort Copacabana in Bolivien anbieten.

Bereits am nächsten Morgen bringen uns diverse Busse und ein Fußmarsch über die von Händlern und Pilgern stark frequentierte Grenze. Wir haben uns die richtige Zeit ausgesucht: 2 Wochen lang pilgern tausende von Menschen (hauptsächlich Peruaner) in den kleinen, touristisch gut erschlossenen Wallfahrtsort am Titicacasee, um das Fest der „heiligen Jungfrau von Copacabana“ zu feiern.
Die Halbinsel Copacabana, die nahe Sonneninsel und Mondinsel gehörten zu den allerwichtigsten inkaischen Heiligtümern. Auf ihrem Weg zur Sonneninsel unterzogen sich die inkaischen Pilger Ritualen, bevor sie mit Booten zum südlichen Ende der Insel übersetzten und auf der inkaischen Strasse zum nördlichen Teil der Insel wanderten, wo sich der wichtigste zeremonielle Platz und ein großer geheiligter Felsen befand.
Die heutigen Pilger begnügen sich mit einem Aufstieg auf den „heiligen Hügel“ von Copacabana, doch sie scheinen sich den gleichen, merkwürdigen Ritualen zu unterziehen wie ihre Vorfahren. Wir folgen der Menschentraube den Berg hinauf und trauen unseren Augen nicht. Buntverkleidete „Priester“ oder eher Medizinmänner postieren sich vor zahlreichen aus Stein gehauenen Altären und weihen Autos, Busse und Häuser aus Plastik, die auf dem Weg den Berg hinauf von den fliegenden Händlern erstanden werden können. Auch Geldscheine aller Nationen mit aufgedruckten Glückssymbolen stehen hoch im Kurs.

Die Plastikware und deren Besitzer werden zuerst in bunte Luftschlangen eingewickelt, mit Konfetti bestäubt und mit „Chicha“ (Maisgetränk) oder Bier übergossen. Dann kommen tote Gürteltiere – Symbol von Glück und Fruchtbarkeit – zum Einsatz, mit deren Hilfe der „Zauberer“ die Schlange stehenden Auserkorenen weiht.
Zum Schluss gibt es ein Knallfrosch- Konzert und schon ist der Nächste an der Reihe. Wir verzichten auf die Weihe, besorgen uns aber beim Abstieg vorsichtshalber ein paar Euro- und Dollarscheine mit aufgedruckter „Madonna de Copacabana“, goldenen Fröschen und Konfetti, um unsere Reisekasse aufzubessern.

Unterwegs begegnen uns noch Fruchtbarkeitssymbole der besonderen Art: getrocknete Alpaka-Embryos.
Auf der Markt-Strasse stöbern wir eine weitere bunte „Manta“-Decke auf.

Sonneninsel, Titicacasee, Bolivien
Am nächsten Morgen setzen wir mit einem vollbesetzten Touri- Boot zur Nordspitze der Sonneninsel über. Wie es sich für eine Insel mit diesem Namen gehört, werden wir von strahlend blauem Himmel und lachender Sonne empfangen. In dem kleinen, friedlichen Ort gibt es auch Übernachtungsmöglichkeiten. Gerne hätten wir hier eine Nacht verbracht, aber es geht leider am Abend schon wieder nach Copacabana zurück.

Ein Führer geleitet uns weiter zum geheiligten Felsen, wo laut der inkaischen Mythen der Gründervater „Manco Capac“ aufgetaucht ist. Von hier aus wandern wir in den nächsten 3 Stunden über einen steinernen Inkapfad bis zur Südspitze der Insel und genießen die wunderbare Ruhe und Aussicht über den Titicacasee. Wir begegnen kleinen Mädchen mit jungen Alpakas – 1 Sol pro Fotographie; der Tourismus hinterlässt seine Spuren.

Mit den Stempeln im Pass geht es wieder über die Grenze nach Peru. Wir haben uns für einen Nachtbus entschieden, der direkt bis Cusco durchfährt. Dieser Bus entpuppt sich als einer der schlimmsten, die wir bisher hatten. Keine Toiletten, kaum Fußraum, keine Decken. Geräusche, die auf einen Achsbruch hindeuten. Zudem hält der Bus in vielen kleinen Orten, um Einheimische, deren Kinder und Gepäck einzuladen. Nachts gegen 0300 Uhr wird der Bus in einer finsteren Seitenstrasse von Bewaffneten angehalten, die den Bus systematisch durchsuchen. Ein Überfall? Sandra versteckt vorsichtshalber mit zitternden Händen Geld und Visa- Karte unter dem Sitzpolster. Wohin mit der Kamera? Komisch, die gehen an uns vorbei. 15 Minuten später Entwarnung: Zollbeamten auf der Suche nach Schmuggelware.

Cusco liegt auf 3310 m Höhe und ist eine der schönsten Städte Perus, die wir bisher gesehen haben. Über den perfekten Grundmauern der eroberten inkaischen Hauptstadt bauten die Spanier ihre prachtvollen Kirchen, Klöster und Kathedralen sowie kolonialen Herrschaftshäuser, so dass eine einzigartige Mischung aus inkaischer und christlich-spanischer Architektur entstanden ist.

Das wichtigste Monument der Stadt war die am Hauptplatz gelegene, 1668 eingeweihte Kathedrale, die der Aristokratie zur Demonstration von Reichtum und Macht mittels Prozessionen und Geschenken diente. Über 300 Bilder schmücken das Innere; Gold und Silber zieren im Übermaß Bildnisse und Altäre.
Auf den Stufen des Hauptplatzes sitzend bestaunen wir den beeindruckenden Ausblick auf die zahlreichen Kirchen und den touristischen Trubel.
Am widersprüchlichsten und merkwürdigsten erscheint uns das Kloster „Santa Domingo“, das die Dominikaner 1539 über dem inkaischen Sonnentempel „Qoricancha“ errichteten. Auf den reichsten Tempel des inkaischen Imperiums wurde die beeindruckendeste Kirche des kolonialen Cuscos aufgepfropft.
In Cusco herrscht die Unsitte, für die Besichtigung der touristischen Haupt-Attraktionen (die wichtigsten Kirchen, Museen und Inka- Ruinen) ein „Boleto Touristico“-Paket für 45 US$ pro Person erwerben zu müssen. Wir boykottieren dies und beschränken uns auf die immer noch zahlreichen Sehenswürdigkeiten, die mit dem Erwerb einzelner Eintrittskarten besichtigt werden können.

Wir haben noch einen anderen Auftrag: Augusto, Arbeiter im Yachtclub in Lima und Oberhaupt der Familien- Folklore-Gruppe „ Isabel del Ande“ (Musica Huayno) kommt ursprünglich aus Cusco und hat uns gebeten, die erste aufgenommene CD seiner Musikgruppe beim Radiosender in Cusco vorbeizubringen.
Er möchte seiner restlichen Familie und seinem „pueblo“ im Umland von Cusco auf diese Weise Grüsse ausrichten. Er hat seine Familie, die keinen Telefonanschluß besitzt, seit Jahren nicht mehr gesehen oder gesprochen. Die Frau in dem kleinen Radiosender „Radio Emisora Tahuantinsuyo“ glaubt zuerst, wir „Gringos“ hätten uns verlaufen, doch nach einigen Erklärungen verspricht sie uns, die musikalischen Grüsse aus Lima weiterzugeben. Sie lädt uns gleich für den nächsten Tag zur Live-Sendung ein, doch wir haben bereits einen Ausritt zum „Mondtempel“ geplant.

Den „Mondtempel“, der so klein und unbedeutend ist, dass er in unserem ausführlichen Reiseführer gar nicht erwähnt wird, besichtigen wir dann bei strömendem Regen vom Rücken zweier durchgesessener, erschöpfter Andenpferde, die wir gerade mal zum Schritt-Tempo überreden können.
Der Markt von Cusco lädt zum Stöbern ein: wir erstehen 2 weitere bunt bedruckte „Manta“-Decken.
Am nächsten Morgen starten wir gemeinsam mit zehn anderen Reisenden und dem Führer „Hugo“ zu unserer dreitägigen „Inka JungleTour“ nach Machu Picchu. Mit einem kleinen Bus geht es über den 4300 m hohen Pass nach Abra Malaga.

Von hier aus düsen wir mit klapprigen Mountain Bikes den Berg auf der anderen Seite wieder runter und landen mitten im Dschungel. Wozu haben wir bloß die warmen Klamotten mitgeschleppt, die nützen in der plötzlich tropischen Hitze höchstens gegen Sonnenbrand und zur Moskito-Abwehr. Die ersten Papageien sausen uns um die Köpfe.

Nach 7 Stunden kommen wir schwitzend und voller Moskito-Stiche im 1400 m hoch gelegenen Ort „Santa Maria“ an.
4 Fahrräder haben die Strecke nicht überstanden. Der Kleinbus sammelt in regelmäßigen Abständen liegen gebliebene Fahrräder und Fahrradfahrer ein.
Bei Sandra fand sich gleich die gesamte Gangschaltung in den Speichen wieder - zum Glück gab es noch ein Ersatz-Rad für die letzten Kilometer.
Am Abend werden wir mit einem „All- inklusive- Menü“ belohnt, und fallen nach den überall auf der Welt gleichen Kennenlern-Spielen rückwärts in die 2-Zimmer-Koje der einfachen aber sauberen Herberge.

Früh am Morgen beginnt die Wanderung nach „Santa Theresa“ mit unseren schweren Winterklamotten im Rucksack. Schmale Inka-Pfade führen durch den tiefgrüne Dschungel- Landschaft,

vorbei an Kaffee, Baumwoll- und Coca-Plantagen.

An einem kleinen Bauernhof machen wir Halt und werden von einer Familie, 2 Affen und einem Ameisenbär willkommen geheißen.

Weiter geht es in das 10-Häuser Dorf „Huayco“ (Gelber Fluss), wo wir eine Hängematten-Pause einlegen und ein köstliches Mittagessen serviert bekommen.

Hier warten wir auf „Hugo“, der einen übergewichtigen, amerikanischen Nachzügler unserer Gruppe zur Strasse begleitet hatte, um auf ein vorbeikommendes Auto zu warten. Der Weg führt uns weiter durch ein ausgetrocknetes, steiniges Flusstal.
Inzwischen leidet unsere deutsch-schwedisch-amerikanisch-israelische Reisegruppe unter entzündeten Moskito-Stichen, Muskelkater und Blasen an den Füßen, so dass wir uns alle in die heißen Thermalquellen von „Cocalmayo“ stürzen. Welche Wohltat! Badeanzug und Handtuch Marke Barbie können zum Glück günstig ausgeliehen werden. Wir verzichten auf die letzte halbe Stunde Fußmarsch nach „Santa Theresa“, plantschen bis zum Sonnenuntergang und nehmen später den Bus.

„Santa Theresa“ wurde vor ca. 10 Jahren von einer durch ein Erdbeben verursachte Flutwelle heimgesucht und komplett zerstört.

Chilenische und kanadische Hilfsorganisationen, unter anderem das „Rote Kreuz“ halfen beim Wiederaufbau und erhielten zum Dank ein Denkmal auf dem neu errichteten Hauptplatz des kleinen Ortes. In einer der ehemaligen Baracken der Hilfsorganisationen, die zum „Hostel“ ausgebaut wurde, nächtigen wir unter warmen Wolldecken des „Cruz Rocho“.
Die letzte Wanderstrecke verläuft etwas eintönig und holprig entlang der Bahnschienen in Richtung „Aguas Calientes“, der Touristen-Auffangstation für Machu Picchu. Dort kommen wir so früh an, dass sich ein Teil unserer Gruppe entschließt, den nahe gelegenen Berg „Putucusi“ in 2560 m Höhe zu erklimmen.

Immer höher, über steile Steintreppen und noch steilere endlos lange Holzleitern erkämpfen wir uns Meter für Meter.

Auf dem Gipfel werden wir bei strahlendem Sonnenschein mit einem wunderschönen, unvergleichlichen Ausblick auf die heilige Stadt „Machu Picchu“ belohnt.

Runter geht es im Laufschritt; unten warten ein Eis und ein Bier.

Am nächsten Morgen werden wir schon um 0400 Uhr aus den Betten gescheucht. Mit Taschenlampen bewaffnet machen wir uns mit der Hälfte unserer Gruppe auf den Fußmarsch hinauf nach Machu Picchu. Die andere Hälfte nimmt um 0530 Uhr den Bus und ist trotzdem vor uns da. Aber wer verzichtet schon freiwillig darauf, über 1000 von Inkas und Spaniern behauene Stufen zu klettern?
Sandra zieht ihre Knie an den Hosenbeinen vor sich her, anders ist das nicht zu schaffen! Timo übernimmt zum Glück den Rucksack mit den 4 Litern Wasser (oben unbezahlbar) und sieht auch nicht viel sportlicher aus.
Wir sind noch vor der Sonne oben und reihen uns in die endlose, hauptsächlich mit dem Bus angereiste Schlange der internationalen Touristen-Szene.

1981 wurde Machu Picchu von der peruanischen Regierung zum „Historischen Sanktuarium“ erklärt und 1983 erhob die UNESCO es in den Rang des „Patrimonio de la Humedad“. Somit zählt Machu Picchu zu den wenigen Orten in Lateinamerika, die zugleich zum kulturellen und natürlichen Welterbe erklärt worden sind.

Der Quechua- Name „Machu Picchu“ bedeutet „ Alter Berg“ und ist auch bekannt als „die verlorene Stadt der Inkas“. Sie wurde im 15. Jahrhundert in der Herrschaftszeit des Inka „Pachacutec“ gebaut und blieb vom Westen unentdeckt, bis Hiram Bingen sie 1911 entdeckte.

Der urbane Sektor ist in 2 Zonen unterteilt, die durch einen großen Platz in der Mitte getrennt sind. Der Anbausektor verfügt über Terrassen, die mittels Kanälen und einem Steinbrunnen bewässert wurden. Die meisten Bauten mit zeremoniellem Charakter befinden sich in der oberen Hälfte.

Im Sonnentempel finden sich zahlreiche Nischen, in die man wahrscheinlich Mumien stellte.
Im höchsten zentralen Punkt steht, aus dem Felsen herausgearbeitet, der „Inti Huatana“, der den inkaischen Menschen in der Zeit orientierte und die landwirtschaftlich wichtigen Jahreszyklen markierte.

Für die perfekt gearbeiteten Steinmauern der Stadt mussten die Inkas schwere Steinblöcke über lange Distanzen herbeischaffen.

Am frühen Morgen des 12.08. bringt uns der Zug nach Ollantaytambo. Der Ort ist ein lebendes Museum und hat einen Großteil der inkaischen Architektur bewahren können, obwohl er bis heute bewohnt ist.
Wir schlendern über einen kleinen Markt und erstehen eine weitere „Manta“- Decke für unsere Sammlung. Timo hat inzwischen Designer-Qualitäten entwickelt und die Idee durchgesetzt, aus den bunten „Manta“-Decken Bezüge für unsere eintönig grünen Polster im Boot zu nähen. Das Projekt ist inzwischen abgeschlossen - eine ganz schön bunte Erinnerung an Peru.
Zurück im nebligen Lima. Es wird Zeit, dass unser algenumwobenes Boot aus dem Wasser kommt. „Manana“, heißt es mal wieder, also in 2 Wochen. Macht nichts, noch andere Projekte warten: Der Wärmetauscher hat mehrere durch Korrosion verursachte Lecks und benötigt eine neue Ummantelung und maßgeschneiderte Zinkanoden. Der Heißwasser-Boiler aus Aluminium ist auch dem Lochfraß zum Opfer gefallen und benötigt einige Schweiß- Reparaturen. Der Mechaniker „Senor Ushuya“ wird mit den Schweißarbeiten beauftragt.

Mit nur 3 Knoten maximaler Geschwindigkeit bei extremem Algenbewuchs tuckern wir zum Pier. Schließlich hebt uns der Travel Lift am 29.08. gegen Abend aus dem Wasser. In den nächsten 3 Tagen wechseln wir die Zinkanoden, bringen den Faltpropeller wieder an und verpinseln wir 3 Dosen teures kupferfreies Antifouling aus europäischen Beständen - geeignet für Gewässer mit geringem bis mittleren Algenbewuchs.
Am 01.09. schwimmen wir wieder im Wasser. Proviant ist eingekauft, Wärmetauscher eingebaut, Test-Segeln erfolgreich absolviert. Eigentlich können wir los, bevor das Boot wieder zuwächst. Aber „Senor Ushuya“ vertröstet uns mit der Boiler-Reparatur seit Tagen auf „manana“.

Am 03.09. bekommen wir Besuch von Augusto, seiner Familie und einem Kameramann. Insgesamt setzen 11 Leute auf die „Ultima“ über mit der Idee, ein Musik-Video von der Familien-Folklore-Gruppe auf unserem Boot zu drehen. Wir sind dabei, trotz bedenklicher Schlagseite. Timo setzt zur Feier des Tages alle vorhandenen Länder-Flaggen; eine übermannshohe Peru-Flagge wird noch schnell vom Yachtclub ausgeliehen. Die Statisten schlüpfen in ihre Kostüme. Die beiden Damen, Isabel, die Frau von Augusto und die „Tanz-Chica“ besetzen das Bad zu Umkleide- und Schminkzwecken.

E-Gitarren, Schlagzeug, Mikrofon und Boxen haben nicht mehr in die Taschen gepasst, also wird bei laufender CD „Playback“ gesungen und getanzt. Der Kameramann wird in ein Schlauchboot verfrachtet und die Familie geht in Stellung. Die Wasserlinie der „Ultima“ ist schon lange nicht mehr zu sehen.
Die Flaggen wehen, die Familie singt, tanzt und winkt im Rhythmus der „Musica Huayno“; was für ein buntes Spektakel. Die schüchterne “Tanz-Chica“ lässt sich in ihrem Bikini-Kostüm die Kälte nicht anmerken und gibt alles. Nur einer der Tänzer wird im Hafen seekrank und entwickelt eine bedenklich grüne Gesichtsfarbe. Timo gibt alles, um die freigewordene Tänzer- Rolle gebührend auszufüllen.

Isabel zaubert nach getaner Arbeit ein fertiges Mittagessen auf den Tisch; Seeluft macht hungrig.
Zu guter Letzt schlüpft auch Sandra in einen quietschbunten Trachtenrock mit Silberborte und Pailletten und leistet ihren Tanzbeitrag. Der Rock wird uns zum Abschied feierlich als Geschenk überreicht. Was für ein Tag.
Heute ist der 09.09. und heute soll der Boiler „ganz sicher“ fertig sein. Wenn also „Senor Ushuya“ heute kommt, kann Timo heute den Boiler einbauen, wir können heute bei Armada, Immigration und Hafenkapitän ausklarieren und morgen früh die Segel setzen – 1000 Meilen nach Norden, Richtung Galapagos. Und wenn nicht morgen, dann „manana“…
Und nun zu der Frage, die uns taeglich mehrmals gestellt wird: "Ti gusto Peru?" Ja, uns gefällt Peru! Es ist das interessanteste, merkwürdigste, widersprüchlichste und vielfältigste Land, das wir bisher besucht haben.

Es gäbe noch so viel mehr zu sehen, aber es ist an der Zeit, die Segel zu setzen. Andere Länder warten.
„Senor Ushuya“ bringt heute tatsächlich den Boiler zurück! Resultat nach 2 Wochen: Die Schweiß-Arbeit wurde nicht ausgeführt! Projekt gescheitert. Geld zurück. Der Boiler verschwindet erstmal in der Backskiste. Wer braucht schon Heißwasser in den Tropen? Unsere Abreise verzögert sich durch die Umbauarbeiten um einen Tag. Letzte Meldung: Heute haben wir ausklariert und morgen frueh am 11.09. geht es los.

Adios Peru. Adios Südamerika. Adios Amigos.

Nach knapp drei Monaten in Chile steht mal wieder eine Verlängerung des Visums und somit ein dreitägiger Ausflug nach Argentinien an. Auf halbem Weg stürmen chilenische Verkehrs-Sicherheits-Experten den Bus (ein Mitreisender hat sich beschwert) und befinden, dass dieses Gefährt aufgrund zahlreicher Mängel für eine Andenüberquerung nicht geeignet ist.
Ersatz aus Valdivia wird angefordert und nach 3 Stunden geht es weiter – gleicher Bustyp mit noch gravierenderen Mängeln, die aber diesmal niemand beanstandet. Unversehrt erreichen wir den Grenzort „Villa La Angostura“ und genießen mal wieder das argentinische Flair und Steaks.

Diesmal nächtigten wir sogar in einem sehr gemuetlichen 3- Sterne- Hotel mit Badewanne und SAT-TV inklusive „Deutsche Welle- TV“.
Zurück in Valdivia, lassen wir uns bei der Schiffswerft Alwoplast, die unter deutscher Leitung Luxus- Katamarane herstellt, 2 neue Seitenwanten mit passenden Terminals anfertigen. Vom deutschen „Shanty - Peter und Papagei Flint, erwerben wir noch ein Achterstag und Terminals.
Zwischendurch bestaunen wir das beeindruckende Schauspiel einer
Mondfinsternis bei sternenklarer Nacht im Naturtheater.

Valdiviva hat nach mehreren Einwanderungswellen einen sehr starken deutschen Einfluss. Und wo „Deutsche“ sind, gibt es auch…? Brauerein, Vereine, Mercedes-Autohäuser, Bayern München, Schrebergärten und Schuhplattler – stimmt ja auch.
Aber das wichtigste ist Crudo!!!

Was, noch nie was von Crudo´ s gehört? Ganz einfach: Toastbrot mit Rindergehacktem, Zwiebeln, Pfeffer, Salz und Gürkchen. Timo glaubt im Paradies zu sein, und stopft sich unentwegt Kiloweise die jahrelang vermisste „Maurer-Marmelade“ rein. Kochen brauchen wir hier nicht.
Gemeinsam mit der Orbit - Crew besuchen wir das Fort in Niebla, wo Befestigungswerke aus der Kolonialzeit erhalten sind. Nachdem die Kultur abgehakt ist, geht es auf die Touristen-Fressmeile, wo wir uns mit zwei weiteren deutschen Besatzungen von „Skrybilly“ und „Andiamo“ zusammensetzen. Spieße, Fisch, Bier, Assado, Apfelwein, Empanadas, Postre und natürlich Crudo.

Da wir nach langwieriger Vorarbeit für Mitte März einen Termin bei der US-Botschaft erhalten haben, wird es Zeit, Richtung Santiago aufzubrechen. Als deutsches Segelboot (gilt auch für Autos und Privatflugzeuge) benötigen wir im Vergleich zu regulären Flugreisenden für die Einreise in die USA ein Visum. Das Visum kostet mit Vorarbeit etwa 200 US$ pro Person (Visum150 US$, Telefonanfrage pauschal 10 US$, Photos, Kopien…).
So verlassen wir am frühen Morgen des 05.März das wunderschöne Flussdelta von Valdivia und segeln bei leichten, südwestlichen Winden auf den Pazifik hinaus.
Das Flussdelta in seiner jetzigen Form, entstand 1960 nach einem gigantischen Erdbeben. Die Auswirkungen des dadurch ausgelösten Tsunami sind noch heute teilweise sichtbar. Valdivia ist auch bekannt für dessen Schwarzhalsschwäne. Leider sind sie durch starke Wasserverunreinigungen nach dem Bau einer Papierfabrik vor drei Jahren sehr selten geworden.
Gegen Abend nimmt der Wind auf 25–35 Knoten zu und wir düsen unter gerefftem Groß und Fock mit knapp 7 Knoten dahin. Plötzlich ein Funkspruch auf Kanal 16: Ein Kabelleger informiert uns, 4 Meilen Sicherheitsabstand zu ihm zu halten, da sich auf der Wasseroberfläche mehrere Kabel befinden. Wende. Sofort. Wir haben nur noch einen Abstand von 2 Meilen!
Die Nacht ist stockduster, der Wind baut mächtige, ungemütliche Pazifikwellen auf – wie herrlich ist das Segeln…
Die Wellen sind ein anderes Kaliber als auf dem Atlantik. Südstürme senden den Schwell zu uns.

Ein paar Zahlen zum Vergleich:
Pazifik: Fläche: 166,24 Mio. km²; Volumen: 696,19 Mio. km³; Tiefe max.:11022 Meter; Tiefe mittel: 4188 Meter;
Atlantik: Fläche: 84,11 Mio. km²; Volumen: 322,98 Mio. km³; Tiefe max.: 9219 Meter; Tiefe mittel: 3844 Meter;
Ostsee: Fläche: 0,39 Mio. km²; Volumen: 0,02 Mio. km³; Tiefe max.: 459 Meter; Tiefe mittel: 55 Meter;
Der Pazifik ist größer als alle anderen Ozeane, Tümpel, Teiche und Flüsse zusammen.
Am nächsten Tag beruhigt sich der Wind, dreht aber dafür in der folgenden Nacht auf Nordost. Da wollen wir doch hin - Motor und hoch am Wind.
Dem Wind ein Schnippchen schlagend, segeln wir wieder Richtung Süden in die Bucht von Talcahuano hinein. Im Hafen der Armada „Marina El Manzano“ werden wir herzlich empfangen - wie herrlich ist´ s im Hafen…

Die Marina liegt in einem von der Armada streng bewachten Bereich, den wir außerhalb des Club-Geländes nicht betreten dürfen.
Wir erhalten von der „Capitaneria de Puerto“ ein mehrfach gestempeltes Papier, mit dem wir die Wachen der Militärpolizei von unserer Ungefährlichkeit überzeugen können (wenn die wüssten…). Dieses zerfledderte Papier („pase provisorio“) in Verbindung mit unseren Reisepässen gestattet uns die tägliche Transitfahrt mit einem Armada-Bus vom Yacht Club in die Innenstadt von Talcahuano und zurück. Das Boot brauchen wir hier jedenfalls nicht abzuschließen. Der Versuch, im Marine-Supermarkt einzukaufen, endet kläglich. Nach kaum 10 Minuten „Shoppen“ bringt uns die Polizei der Marineinfanterie zwangsweise nach Hause, äh zum Boot.
In den nächsten Tagen weht uns ein starker Nordwind von bis zu 35 Knoten um die Ohren; da kommen wir nicht mal aus dem Hafen geschweige denn nach Norden. Der Visum– Termin rückt näher. Der Hafen hier ist geschützt und günstig. Was liegt da näher als eine Plan- Änderung: Wir fahren mit dem Bus nach Santiago anstatt mit dem Boot in den teuren Hauptstadt-Yachtclub von Valparaiso (25 US$ pro Tag). Das gibt uns zudem die Möglichkeit, nach getaner Arbeit noch in Ruhe die Juan-Fernandez-Inseln anzusteuern. Inzwischen ist auch die altbekannte walisische Segelyacht „Orbit“ mit Roger und Malcom eingetrödelt.

Wir nutzen die gewonnene Zeit, um uns die 30 km entfernte Stadt Concepcion und das zum Schiffsmuseum umgerüstete Schlachtschiff „Huascar“ anzusehen. Es wurde den Peruanern 1879 im Salpeterkrieg abgenommen und ist seither im Hafen von Talcahuano als Kriegstrophäe ausgestellt.
Übrigens kommen dank Pinochet und Nachfolgern 10% der Kupfer-Einnahmen dem Militär zu. Man könnte ja auch sonst nichts Vernünftiges mit dem Geld anfangen. Deutschland freut´s: U-Boote, Zerstörer und Panzer (später mehr) sichern Arbeitsplätze. Das ebenso „reiche“ und „befreundete“ Nachbarland Peru ordert daraufhin ebenfalls deutsche Kriegsmaschinerie, damit man sich die Neuerwebungen stolz an der Grenze gegenseitig vorführen kann.
Am 18. März geht es über Nacht mit „TUR-Bus“ nach Santiago, wo wir nach 10 Stunden Fahrt am nächsten Morgen gerädert aussteigen. Zum Glück hatten wir bereits per Internet ein Pensions- Zimmer gebucht („Patio Suizo“ – sehr zu empfehlen) und so schlendern wir im Morgengrauen gemächlich durch die Hauptstadt in Richtung des Stadtteils „Providencia“. Der Botschaftstermin ist erst am nächsten Tag, also bleibt genug Zeit zur Stadterkundung.

Unmittelbar hinter der 5 Millionen Stadt ragen die Anden hervor, sofern der Smog nicht die Sicht vernebelt.
Gepflegte Häuser im Kolonial-Stil stehen neben turmhohen, gläsernen Büro- Palästen.

An der Plaza de la Constitucion vor dem Präsidentenpalast „Palacio de la Moneda“ (abgeleitet von der ursprünglichen Bestimmung des Gebäudes als Münzanstalt des Landes) erfolgt pünktlich um 0800 Uhr die Wachablösung mit Pauken und Trompeten.

Eines der Wahrzeichen der Stadt und Chiles ältestes Gebäude stellt die 1618 erbaute, rot getünchte Kolonialkirche „San Francisco“ dar. Das „Museo Colonial de San Francisco“ beherbergt im angrenzenden Franziskanerkloster eine interessante Sammlung chilenischer und peruanischer Kunst der Kolonialzeit.

Hinter dem imposanten Gebäude der Nationalbibliothek liegt einer der bedeutendsten Orte Santiagos: der „Cerro Santa Lucia“. Auf diesem Hügel beschloss Pedro de Valdivia nach seiner Ankunft im Jahr 1540 die Stadtgründung. Heute stellt der Hügel ein barockes Labyrinth aus Wegen, Gartenanlagen, Brunnen und Plätzen dar – eine kleine Oase in der Betonwüste.

Auf einen anderen Hügel, den „Cerro San Cristobal“, fahren wir mit einer Schweizer Zahnradbahn, vorbei am Zoo und am Freibad, auf den Gipfel.

Belohnt werden wir mit einer großartigen Aussicht über die ganze Stadt, einer 14 Meter hohen Statue der Jungfrau und einem Photo von Papst Johannes Paul II., der hier 1987 von seinem „Papamobil“ aus die Stadt segnete.
Die blutige Kolonialisierung Südamerikas durch die spanische Krone und die Missionierung durch die katholische Kirche prägen den gesamten Kontinent.

Inseln und Städte wurden nach Heiligen oder Eroberern benannt, in jedem noch so abgewrackten Taxi oder Bus baumeln Bilder und Püppchen von Jesus, Maria und den Heiligen vom Spiegel herab. Beim Passieren von Schreinen, Kirchen und Ähnlichem bekreuzigt sich der Busfahrer und 50% der Passagiere, ein Teil der coolen Jugendlichen unter vorgehaltener Hand. Schreine, Kreuze und Marienstatuen gibt es praktisch überall: In Höhlen, auf Bergen, in tiefen Wäldern, auf unbewohnten Inseln, in Bars - in allen Größen und Formen.

An diesem Punkt möchten wir Anke und Martin von der SY “Just do it“ aus einem Reisebericht über Peru zitieren:
„Die erste Iglesia prunkt mit blaufarben akzentuiertem Dachgewölbe und einem riesigen, goldenen Altar. Die in der Mitte gelegene, dreischiffige Kathedrale bescheidet sich mit einem Silberaltar, dafür beherbergt sie zahllose Heiligenfiguren, alle in kostbar glitzernde Kleider gehüllt. Jede Figur verfügt über einen Garderobenbestand, schließlich weiß man ja, was sich gehört. Je nach Anlass, Auftritt oder auch nur so, gibt´s frische Klamotten.
Der eigentliche Knaller ist aber Da Vinci´s Abendmahl, gleiches Format vermuten wir, gleiche Besetzung, bis, ja bis auf das appetitliche, knusprig gebratene Meerschwein, dass anstelle des Brotes auf dem Tische liegt. Da unterstelle noch mal jemand der Kirche mangelnde Toleranz: der Leib Christi symbolisiert als der Leib des gebratenen Meerschweins.
Die letzte Kirche beschränkt sich auf die Darstellung des heiligen James, der irgendwelche Spanier vor dem Angriff einer Indianerübermacht gerettet hat. Die Heiligen hatten anscheinend auch nicht gerade ein Faible dafür, sich auf die Seite der „Unterdrückten“ zu stellen. “

Am nächsten Tag besichtigen wir dann ein architektonisches Meisterwerk der Neuzeit: Den Hochsicherheitstrakt der amerikanischen Botschaft. Mobile Sicherheitskräfte auf der Dach- Plattform beobachten das Treiben auf der Straße. Empfangen werden wir auf der modernen Ritterburg von Metalldetektoren und Wachleuten hinter Panzerglas. Gesichtskontrolle, Passkontrolle. Kameras und Handys sind selbstverständlich verboten.
Höflich werden wir durch einen Innenhof in eine riesige Schalterhalle, ähnlich einer Bahnhofshalle, geleitet. Wieder Passkontrolle und Vorlage der zahlreichen von uns bereits ausgefüllten Formulare: Geburtsnamen der Mütter, Erfahrungen mit Waffen, Mitglied einer terroristischen Vereinigung, Einkommensnachweis, etc.
Dann heißt es warten mit all den anderen Wartenden und mit schlotternden Knien. Namentlicher Aufruf zum Schalter Nummer X, zweimal 10 Fingerabdrücke bitte, schweißfrei, wenn´ s geht. Bitte Warten. Nächster Aufruf zum nächsten Schalter. Eine Dame stellt uns freundlich auf Englisch einige Fragen. Sie ist sicher, denn sie sitzt hinter Panzerglas mit Oberdruck in ihrer Kabine, sodass unser Atem und unser Giftgas im Besucherraum verbleiben.
Sie nickt freundlich und sagt, „Welcome to America!“ Wir sind zwar schon lange in Amerika aber wir lächeln höflich und nehmen die Beine in die Hand. Die Pässe mit dem 10 Jahre gültigen Visum werden nach Fertigstellung in den Yachtclub geschickt. Hat sich doch gelohnt, meinen 40cm langen schwarzen Bart abzuschneiden (Timo).
Am nächsten, frühen Morgen springen wir in die Metro Richtung Busbahnhof. Zum Glück hat der „Pullmann“ – Bus Verspätung. Nun noch die letzte Hürde nehmen, ohne Pässe durch die Torwache der Marinebasis zu kommen. Zum Glück hat ein Trupp der Militärpolizei Wache, der uns inzwischen kennt, zackig salutiert und uns passieren lässt.
Wir sind froh, wieder auf dem Boot im sicheren Hafen zu sein. Unsere Pässe treffen 2 Tage nach uns ein, pünktlich zum Osterfest.
Noch ein paar Einkäufe, Diesel und Wasser, dann kann es am 26.03.08 losgehen nach Juan Fernandez, zur sagenumwobenen Robinson Crusoe Insel. 340 Meilen liegen vor uns. Das Zarpe ist beantragt und genehmigt, der Wind weht mit 15 Knoten aus Südwest, die Sonne scheint, der Pazifik empfängt uns freundlich.
Bis die Sonne untergeht und der Wind auf 35 Knoten zunimmt: Sturmfock, dreifach gerefftes Groß, Riesenwellen. Ungemütliche aber volle Fahrt voraus. 6.8 Knoten trotz wucherndem Algen- und Muschelgarten am Rumpf. Zwei Tage später geht dem Wind die Puste aus und wir dümpeln der Insel entgegen. Die Batterien wollen auch mal wieder geladen werden, also werfen wir den Motor an.
Unser VW- Golf arbeitet auch 2 Stunden sehr fleißig, dann geht er ohne Vorwarnung aus. Kein Neustart möglich. Wir dümpeln nachts 25 Meilen vor der Insel und spielen Rätsel raten, bis es hell wird und wir den Motorraum unter die Lupe nehmen können.
Kraftstoff- Filter verstopft? Nein! Motor will nach Filterwechsel immer noch nicht. Diesel- Schlamm? Ja! Der Grobfilter im Dieseltank ist verstopft, wie der Chef- Mechaniker nach einigen Verrenkungen und Flüchen feststellt. Da kommen wir aber auf hoher See nicht so ohne weiteres dran. Also überbrücken wir das Ganze und stecken den Treibstoffschlauch direkt in einen 20 Liter Reservekanister mit sauberem Diesel. Das klappt, der Motor läuft wieder. Bis nach Robinson muss das genügen.
6 Stunden später laufen wir unter Motor in der Cumberland Bay ein. Drei mehr oder weniger alte Bekannte liegen bereits dort: Unser alter Kumpel Ken von der „Spindrift“, die Deutschen Robert und Conny („Andiamo“) sowie Alicia und Alfredo („Onverra“). Wir sind das vierte Segelboot in der wunderschönen, friedlichen Bucht.

Ken holt uns gleich mit seinem Beiboot ab und zeigt uns die „Sehenswürdigkeiten“ des ca. 500 Einwohner zählenden Ortes „San Juan Bautista“: Ein paar ungepflasterte Strassen, die Armada- Station, ein paar Holzhäuser mit Gärten voller Blumenmeere, drei Mini- Läden, eine Schule, ein Internet-Cafe´ mit drei Computern, ein kleines Museum mit angegliederter Bibliothek, ein Fußballplatz und ein Friedhof. Am Fußweg oberhalb des Ortes finden wir Höhlen und spanische Kanonen aus dem 18. Jahrhundert. Mitten im Eukalyptus- Wald entdecken wir einen phantasievoll angelegten, öffentlichen Grillplatz, der später zum Segler- Versammlungsort auserkoren und fast täglich genutzt wird - dank des fließenden Bachwassers aus den Bergen unter anderem als Waschsalon.

Hier, am Fuße der bewaldeten Felshügel, hat im 18. Jahrhundert der „echte Robinson“ Alexander Selkirk seinen unfreiwilligen Urlaub verbracht.
Die Romanhandlung des „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe basiert auf den Erlebnissen des schottischen Navigators Alexander Selkirk, der vom Kapitän des Freibeuters „Cinque Ports“ nach einem Streit hier ausgesetzt wurde und viereinhalb Jahre auf Chiles winziger Besitzung im Pazifik festsaß. Er ernährte sich in dieser Zeit von wilden Ziegen, die spanische Kolonisten 1574 nach einem gescheiterten Besiedlungsversuch zurückließen.

Jeden Tag stieg er zu seinem Aussichtspunkt hinauf und suchte den Horizont ab. Zweimal gingen Schiffe in der kleinen Bucht vor Anker – aber es waren Spanier, die ihn mit Sicherheit zur Fronarbeit in die peruanischen Silberminen verschleppt hätten. Er war in Ziegenfell gekleidet und hatte seine Sprache bis auf ein Krächzen verloren, als er schließlich von englischen Freibeutern gerettet wurde.

Wir folgen Selkirk´s Pfad zum „Mirador de Selkirk“ in 550 m Höhe durch eine wilde Farn-Landschaft und genießen auf dem Gipfelgrat den wunderschönen Ausblick auf beide Seiten der Insel; in der Hoffnung, kein (Kreuzfahrt-) Schiff am Horizont zu entdecken.
Auf der Insel wachsen ca. 50 verschiedene Farnarten, die bis zu 5 m hoch werden.

Zahllose Büsche voller köstlicher roter Multe- Beeren säumen den Weg. Sandra schlägt sich den Bauch voll, während Timo und Ken sich in Hinblick auf die den Boden planierenden Pferde- und Esels- Äpfel vornehm zurückhalten und nur ein paar höher hängende Beeren probieren.

Im kleinen Insel- Museum sind Robinson Crusoe Bücher in zahlreichen Sprachen ausgestellt. Die anwesenden Segler deutscher, amerikanischer, italienischer und französischer Herkunft können dank des netten Bibliothekars das passende Exemplar ausleihen. Der Handlungsort des Romans ist allerdings in der Karibik.
Außerdem findet sich hier eine kleine Ausstellung über die Geschichte des deutschen Kreuzers „Dresden“, der hier im März 1915 zu Reparaturarbeiten (Maschinenschaden und Kohle-Mangel) Zuflucht gesucht hatte.

Die britischen Kriegsschiffe „Kent“ und „Glasgow“ beschossen unter Missachtung der Neutralität Chiles die „Dresden“, woraufhin Kapitän Lüdecke die Seeventile seines Schiffes öffnete. Es sollte nicht in die Hände des Feindes fallen. Nördlich der Stadt finden wir im Vulkangestein die noch scharfen! Granaten der britischen Kriegsschiffe, die auf die „Dresden“ abgefeuert wurden.
Der Kleine Kreuzer SMS „Dresden“ liegt seit der Selbstversenkung ganz in unserer Nachbarschaft in 60 m Tiefe und wurde zum chilenischen Nationalgut erklärt. 2006 wurde die gut erhaltene 155kg schwere Glocke des Schiffes von Tauchern geborgen und soll nach ihrer Restaurierung im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden ausgestellt werden.

Die scherenlosen halbmetergroßen Riesenhummer landen aus folgenden Gründen nicht bei uns im Kochtopf:
1. die meisten reisen rund um die Welt in Gourmets Restaurants
2. unserer Topf ist zu klein
3. sie erinnern uns an den Hauptdarsteller des Spielfilmes „Alien 1“
Nach 9 Tagen zieht es uns weiter und wir geben den 745 Meilen entfernten GPS- Wegpunkt von Antofagasta in Nordchile ein. Die ersten 4 Tage der Überfahrt verlaufen unspektakulär bei mäßigen westlichen Winden. Es dauert eine Weile, bis wir uns wieder an unser vierstündiges Wachwechsel- System gewöhnen, zumal unser elektrischer Autopilot endgültig die Arbeit quittiert hat. Bei schwachen Winden funktioniert die Windsteueranlage nicht, so dass wir häufig per Hand steuern müssen - eine ermüdende Sklavenarbeit.

Am fünften Tag ziehen bei zunehmendem Wind dicke, graue Wolken auf und der Himmel verdüstert sich. Die Wellen werden immer ruppiger. In der Nacht pustet der Wind dann mit 35 Knoten aus Südost: Sturmfock und zweifach gerefftes Groß. Mehrere Handelsschiffe passieren uns in geringem Abstand. Als uns einer zu nah kommt, funken wir ihn an, zum Glück, denn er konnte uns bei dem hohen Seegang nicht auf seinem Radar ausmachen.
Immer mal wieder trifft uns eine Riesenwelle von der Seite. Teekessel und Schnellkochtopf machen sich selbständig und wirbeln durch die Luft; einer der beiden trifft die brennende Petroleum- Lampe und zerschmettert den Glaskolben, den letzten dieser Art. Immerhin löscht der Teekessel dabei das Feuer der Lampe, aber leider auch die Bücher auf dem Tisch. Sandra fliegt derweil von der Kloschüssel. Diese fiese Welle zerfetzt zeitgleich im Cockpit auf beiden Seiten den Windschutz aus Segeltuch und reißt die Pinnenhalterung der Windsteueranlage aus ihrer Verankerung – eine gemütliche Segelreise…

2 Tage später schickt Neptun uns wieder angenehmeren Wind aus Süd mit 15-20 Knoten. Als wir den Motor mal wieder anwerfen, um die Batterien zu laden, lässt uns ein grässliches Geräusch im Bereich der Welle aufschrecken. Durch das Geschaukel haben sich an einer Dichtung des Hydraulik- Systems Schrauben losgerüttelt. Diese lassen sich zum Glück (fast) einfach wieder nachziehen und das Problem ist behoben, nachdem Hydrauliköl nachgefüllt wurde.
Da wir in Antofagasta nicht nachts ankommen wollen, steuern wir die 35 Meilen näher liegende „Caleta Cobre“ an, wo wir mit dem letzten Tageslicht eintreffen. Wir landen mitten in der Wüste in einer Mondlandschaft: eine stillgelegte Kupfermine, verlassene Fischerhütten, ein wenig einladender Steinstrand mit starker Brandung, karge Berge am Horizont.
Wir brauen uns einen lieblosen Eintopf aus grünen Bohnen, Kartoffeln, Zwiebeln und Corned Beef zusammen und fallen in die Kojen.
Um Mitternacht wachen wir auf, als es ans Boot klopft. Diebe, Halunken, Einbrecher?
An die Waffen!
3 düster aussehende Gestalten in einem offenen, leckenden Ruderboot fragen lautstark nach, ob wir frischen Fisch kaufen wollen. Nein danke. Gute Nacht. Die drei Gestalten werfen nebenan den Anker und gehen schlafen. Zumindest Sandra kriegt in dieser Nacht kein Auge mehr zu.
Am nächsten Morgen kriecht gerade die Sonne über den Berg, als wir starten. Die Fischverkäufer schlafen noch. Bei gar keinem Wind motoren wir nach Antofagasta. Da wir nur 3 Tage im Yacht Club von Antofagasta bleiben, u. a. wegen der horrenden Liegeplatzgebühren (drei Tage frei, dann 20 US$), sehen wir von der Stadt hauptsächlich die Tankstelle, das Einkaufszentrum, die Ferreterias und die Straßen dazwischen.
Geier kreisen über dem Hafenbecken, Pelikane watscheln über den Pier, Seelöwen räkeln sich in der Sonne am Fischerhafen. In der näheren Umgebung liegt die größte Tagebau- Kupfermine der Welt „Chuquicamata“ sowie die Mega- Mine „La Escondida“. Wir erfahren, dass es dort die größten Kipplastwagen der Welt gibt. Ein Reifen hat einen Durchmesser von 10m und kostet schlappe 20.000 US$. Von dort wird das Kupfer in unseren Nachbarhafen, den Industriehafen von Antofagasta, gekarrt. Unentwegt rollen mit Kupfer beladene Züge und LKW´ s durch die 230000 Einwohner zählende Stadt in der Wüste.

Uns zieht es weiter in ruhigere Gefiele und wir machen uns auf den Weg zur 20 Meilen entfernten „Isla Santa Maria“, einer kleinen sandigen Insel mit geschütztem Ankerplatz im Niemandsland. Der Anker fällt auf 5 Meter und wir stürmen bei strahlendem Sonnenschein los, um die Insel zu erkunden.

Ein paar Wellenreiter kommen uns mit ihren Brettern entgegen (wer hat da eigentlich Vorfahrt? Müssen mal dringend beim DSV anrufen), ein paar Einheimische grillen am Strand - Wochenende auf einer einsamen Insel, die wir in 2 Stunden zu Fuß umrundet haben. Über die Felsen am Pazifik- Strand huschen perfekt getarnte Eidechsen.

30 Meilen weiter nördlich liegt die kleine Hafenstadt Mejillones. Dort verwenden wir mehr Zeit für die Zarpe- Erneuerung als für die Stadterkundung, denn als der Wind mittags plötzlich dreht und auflandig weht, müssen wir zum Boot zurück.
Unsere letzte Stadt in Chile, Iquique, liegt auch im Wüstengebiet und ist noch 180 Meilen entfernt. Also Armada anfunken, das Zarpe „autorisieren“ lassen und los. Groß hoch, Genua ausbaumen, 15 Knoten aus Südwest, Sonnenschein, blauer Himmel – so lässt es sich segeln.

Ein Schwarm kleiner Fische schwimmt im Schutz des großen Fisches „Ultima“ am Heck mit. Doch die größeren Raubfische durchschauen den Trick und verjagen und verspeisen die Kleinen. Als die Sonne im Meer versinkt, schaut noch eine neugierige Gruppe Minke- Walen vorbei. Zum Glück verliebt sich keiner von Ihnen in den Wal „Ultima“, die Größe würde stimmen.
In den restlichen 2 Tage verlässt uns der Wind. Groß und Genua schlagen hin und her, die Windsteueranlage steuert nicht, also steuern wir mal wieder per Hand, bei einer frustrierenden Geschwindigkeit von 2-3 Knoten.
Auf SSB Funk hören wir den kanadischen Segler Glen, der sich auf einer Nonstop- Einhand- Weltumseglung gegen den vorherrschenden Wind befindet. Sein Boot „Kimchow“ hat sich nahe der Falkland Inseln im Sturm überschlagen und treibt nun mit Motorschaden und Ruderbruch im Südatlantik. Glen ist mit einer Kopfverletzung und ein paar Rippenbrüchen davongekommen. Engländer, Argentinier und die SY „Tamara“ vom Patagonien Netz organisieren eine Rettungsaktion und Glen wird nach 2 Tagen von einem argentinischen Schiff geborgen, ärztlich behandelt und zum Festland gebracht. Das Segelboot musste aufgegeben werden.
Einen Monat zuvor kenterte südlich von Kap Hoorn in einem Sturm die uns bekannte 14 Meter lange polnische Segelyacht „Bonnaterra“ und musste ebenfalls aufgegeben werden, nachdem der Einhandsegler gerettet werden konnte.
Vielleicht ist unsere Flaute ja doch gar nicht so schlimm...
Am 24.04.08 machen wir mit Leinen und Heckanker am Pier des Yachtclubs von Iquique fest und bleiben 4 Tage. Mehrmals am Tag werden wir als interessanter Bestandteil der Hafenrundfahrt von einem Touri- Boot besichtigt.

Viel sehen wir auch hier nicht von den kulturellen Errungenschaften der Stadt. Einen Großteil der Zeit verbringen wir in Behörden- Büros, denn immerhin verlassen wir demnächst das Land. Da fallen einige Papiere an: Armada, Zoll, Immigrations- Polizei. Stempel, Formulare, Kopien der Bootspapiere, alles in mehrfacher Ausführung - quer durch die Stadt.
Im Supermarkt entdecken wir einen deutschen Soldaten im Wüstenlook. Was macht der denn hier oder ist er eine Fatahmorgana? Hierzu hat die Frankfurter Rundschau vom 26.04.2008 zu berichten:
"Neun Bundeswehrsoldaten überfallen
Iquique/Berlin (ap) - Im Norden Chiles sind neun Bundeswehrausbilder in ihrer Unterkunft von Jugendlichen überfallen, gefesselt und bedroht worden. Nach einem Schusswechsel gelang es der Polizei, die Soldaten unverletzt zu befreien. Die fünf Täter im Alter von 14 bis 20 Jahren wurden verhaftet, wie der Polizeioberst der Hafenstadt Iquique, Rolf Reiman, sagte. Einer der Jugendlichen versuchte zu flüchten; ihm wurde vor der Festnahme ins Bein geschossen. (…)
Die Bundeswehr-Ausbilder sind mehrere Monate in der Hafenstadt Iquique mit rund 160.000 Einwohnern, um chilenische Panzersoldaten im Fahren von deutschen Leopard-Panzern einzuweisen. Chile hat mit der Bundesrepublik den Kauf von insgesamt 140 Kampfpanzern vom Typ Leopard 2 A4 aus Beständen der Bundeswehr vereinbart. Chile rüstet mit den Kampfpanzern bis 2010 drei Bataillone aus."
Wenn hier nicht mal die Bundeswehr sicher ist…

Weiter geht es auf der PanPacifico nach Norden. Am Nachmittag des 28.04. hießen wir nach vierstündiger Behörden- Sitzung Groß und Genua. 700 Meilen liegen vor uns. Der Wind weht sehr mäßig aus Süd. Wir schleppen uns mit 1 bis 2 Knoten durch die Nacht. Die Segel schlagen dermaßen, dass uns in der Nacht eine los gerüttelte Segellatte auf den Kopf fällt. Nachts um 0200 schlägt Sandra plötzlich Alarm, als im Stockdunkeln ein lautes, unheimliches Prusten zu hören ist: Eine Gruppe von Walen (vermutlich Minke Wale) taucht unmittelbar neben dem Boot auf, zum Greifen nah. Sie begleiten uns 10 Minuten lang, sind aber schneller als wir (1.5 Knoten) und überholen uns!
Der nächste Tag ist trübe, bedeckt und kalt. Timo setzt schon mal die Peru- Flagge. Nachts um 0200 schlägt Timo plötzlich Alarm, als ein Fischerboot mit minimaler Beleuchtung immer näher kommt. Als es nur noch ein paar hundert Meter entfernt ist und plötzlich auf Kollisionskurs geht, funken wir ihn mehrmals an – keine Reaktion. Ein blauer Holzkahn, ca. 10 Meter lang, von der Besatzung ist niemand zu sehen. Wir befinden uns ca. 100 Meilen von der chilenischen und 250 Meilen von der peruanischen Küste entfernt.
Wir segeln mit 4 Knoten auf unserem Kurs weiter, als er plötzlich fast längsseits ist und versucht uns abzudrängen. Der will uns bestimmt keinen Fisch verkaufen! Motor an und Blitzwende – nichts wie weg! Der Holzkahn wendet auch und folgt uns. Wir löschen alle Lichter und machen uns mit absolutem Vollgas und totaler Verdunklung in der stockdunklen Nacht davon. Wären wir nicht schneller gewesen, hätten wir bei einer weiteren Attacke versucht, den hölzernen Gegner durch Rammen zu versenken. Nach drei Stunden Flucht und Angst gehen wir auf alten Kurs.
Wir zerbrechen uns noch die ganze Nacht den Kopf darüber, was passiert war, was hätte passieren können: Wollten sie nur Diesel? Wollten sie uns überfallen? War es ein Fischer oder Schmuggler? Waren sie bewaffnet?
Hätten sie uns „nur“ beraubt oder mehr, wenn sie an Bord gelangt wären? Hätten wir sie gerettet, nachdem wir sie gerammt hätten und hätten wir dann die südamerikanischen Behörden verständigt? Wären wir dann im Knast gelandet? Viele Fragen ohne Antworten.
ONI (Office of Naval Intelligence) berichtet über folgenden Fall, der sich in Peru im Handelshafen von Callao ereignet hat:
„1. PERU: Bulk carrier boarded, robbed 26 Dec, 1950 local time in position 12:01.2S-077:11.0W, Inner Anchorage No.1, Callao. Three robbers armed with guns and knives boarded the bulk carrier and tied up the watchman. Another watchman noticed the robbers and informed the bridge. The master sounded the whistle and general alarm. The robbers jumped overboard and escaped with ship's stores (IMB).“

In den nächsten 3 Tagen kommen wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 4 Knoten vorwärts, bei südlichen Winden zwischen 10-15 Knoten. Nachts ist es stockdunkel und ungemütlich kalt bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit. Der einzige Lichtschein wird durch das leuchtende Plankton in der Heckwelle erzeugt. Tagsüber sammeln wir die festgetrockneten, durchscheinenden, kleinen Kalmare mit ihren riesigen, runden Augen ein, die sich in der Nacht auf´ s Deck verirrt haben. Der Schein unserer Petroleumlampe wurde ihnen zum Verhängnis. Wir taufen sie „Depri´ s“. Auch wir sind nicht weit entfernt von einer Depression, da die Sonne sich seit Tagen nicht blicken lässt – alles grau in grau, Nieselregen und Kälte.
In der Nacht des 6. Tages gibt es ein wenig Abwechslung. Dem Diensthabenden des Frachters „Topwing“, der uns in 2 Meilen Abstand passiert, ist langweilig. Der Diensthabenden der Segelyacht „Ultima“ ist auch langweilig.

Also kommt es zu einem interessanten Gespräch per VHF. Der 210 Meter lange Frachter kommt gerade aus Hongkong und lädt Kupfer in Chile. „Wie ist das Leben auf einem Segelboot?“, „wie gut sind wir auf dem Radar zu sehen bzw. sind wir es überhaupt?“, „welche Rettungsmittel habt ihr an Bord“, „welche Erfahrungen haben Sie mit Piraten in der Malaka- Strasse“, „was gibt´ s bei euch zu essen?“ und so weiter.
2 Tage später ein weiteres Highlight: Wir haben Besuch von einer winzigen Seeschwalbe, der sich in der Nacht ins Cockpit verirrt und es sich dann unter der Winschenhalterung bequem macht. Er verschläft den ganzen Tag. Thunfisch aus der Dose lehnt er beleidigt ab und am Abend verabschiedet er sich mit einem kühnen Sprung in den Ozean. Faszinierend, diese mutigen, kleinen Kerle. Oft schon konnten wir beobachten, dass sie (20 Gramm) erst richtig aktiv werden, wenn wir (7000000 Gramm) schon ernsthaft über´ s Beidrehen nachdenken.

Am 06.05. laufen wir nach 8 Tagen am frühen Morgen im großen Hafen von Callao in Peru ein und schmeißen Roger von der „Orbit“ aus dem Bett und in die Hosen. Er kam ein paar Tage vor uns an. Im Yachtclub Peruano liegen ca. 200 Boote an Moorings, also warten wir geduldig, bis uns eine passende Mooring zugeteilt wird.
Wie gerne würden wir jetzt ins Bett fallen, aber die Behörden warten: Die Gesundheitsbehörde, die Hafenbehörde, die Hafenkommandantur, die Einwanderungsbehörde; die „Banco de la Nacion“. Der gleiche Aufwand wie bei einem Frachtschiff. Und was die alles wissen wollen: „Auf welcher Position, bei welchem Kurs und welcher Geschwindigkeit(!) haben sie die peruanischen Hoheitsgewässer passiert?“. Kein Problem, Sandra schüttelt ein paar Zahlen aus dem Ärmel (Das Logbuch liegt auf dem Boot, wo es hingehört!). Papiere werden ausgefüllt, kopiert und abgeheftet – gelesen, gelacht, gelocht.
Ohne die Begleitung des sehr hilfsbereiten Club- Managers Jaime Ackermann wäre diese Einreise ohne teuren Agenten nicht möglich gewesen. Er schafft es, uns in 4 Stunden mit Bus und Taxi quer durch die Stadt zu lotsen und alle benötigten Stempel und Formulare einzusammeln. Muchas gracias Jaime!
Der Yacht Club Peruano liegt in La Punta, einem Stadtteil von Lima. La Punta liegt auf einer Halbinsel und wird am Eingang durch eine Polizeistation bewacht. Der Yachtclub wird Tag und Nacht bewacht. Somit ist es hier auch nach Einbruch der Dunkelheit sehr sicher. Der Yachtclub Peruano gehört zu den gepflegtesten und freundlichsten Häfen, die wir besucht haben. Des Weiteren liegen wir hier im ersten Monat kostenlos, dann zahlen wir 65 US$ monatlich. Es gibt gute Busverbindungen in die umliegenden Stadtteile.
Gleich am 3. Tag unserer Ankunft werden alle ausländischen Segler von dem Clubmitglied Gonzalo zum „Asado“ eingeladen. Haben wir ein Glück! Das Asado gleicht eher einem Bankett und die Gastgeber sind äußerst nett. Hier grillt der Hausherr Gonzalo höchstpersönlich, verrät sein Geheimrezept (Würstchen vor dem Grillen in Bier kochen) und gewinnt dadurch sogleich in Timo einen neuen Freund.
.Allerdings sind wir es nicht so recht gewöhnt, von einem Butler (!) unser Rinderfilet und typisch peruanische Köstlichkeiten serviert zu bekommen. Auch abwaschen braucht man -ausser der Hausangestellten- hier nicht. Unser Gastgeschenk, einen Tetrapack Wein (wie sonst unter Seglern üblich), lassen wir lieber im Rucksack.
Seit Tagen vertrödeln wir die Zeit mit täglichen Ausflügen zum Flughafen, um unser Paket mit dem Autopiloten aus Deutschland aus dem Zoll zu bekommen.
Homepage in der Internet- Bude, Wäsche waschen, Wasserkanister schleppen, Boot pinseln, Routenplanung, Segel ausbessern, Bus fahren, Planung für einen Landausflug nach Cusco, Malaria-Prophylaxe für den Amazonas, EM 2008, U- Boote erkunden...

So verbringen wir unsere Zeit.

Viele Grüsse
„Misson impossible“
Wir stecken mitten in den Vorbereitungen für den Pazifik: Überholung des Motors, Segelwechsel, Neu- Verkabelung der Elektrik etc…
Robin und Bob von dem amerikanischen Segelboot „Misty Dawn“, das vor einigen Tagen aus Neuseeland eingetroffen ist, erzählen uns von ihrem Auftrag, ein deutsches Kamerateam vier Tage lang zum Whalewatching durch die Gegend zu kutschierten. Hört sich sehr interessant an. Wir wünschen den Beiden viel Glück und gehen wieder an die Arbeit.
Am nächsten Tag werden wir von der jungen Crew eines irischen Segelboot zu einer Grillparty in der Marina „Oxxean“ eingeladen. Alles wie gehabt: Steaks, Hamburger, Würstchen und Wein. Der einzige Unterschied - wir lernen Raul kennen. Er wollte ursprünglich das Kamerateam chauffieren. Kurzfristig lehnte er dies aber aus dubiosen Gründen (5 Tage vor Antritt der Reise) ab und gab den Auftrag an die Segelyacht „Misty Dawn“ weiter.
Es geht auf Mitternacht zu und wir verabschieden uns. Am nächsten frühen Morgen klopft es an unserem Böotchen. Bob erzählt beim ersten Kaffee, dass er und seine Frau den Auftrag doch nicht annehmen.

„You can make it!“
Uns fällt fast die Kaffeetasse aus der Hand. Die Bezahlung ist gut, doch die Reise soll schon in fünf Tagen im 125 Meilen entfernten Quellon (Südspitze der Insel Chiloe) losgehen. Nach der dritten Tasse Kaffee verabschiedet sich Bob und wir arbeiten am Boot weiter. Nach 30 Minuten klopft es erneut – Raul! Der Kocher wird angeworfen und für uns Kaffee Nummer vier, für Raul Nummer eins serviert. Raul begutachtet unser Boot und sagt:

„Die zwei Kameraleute bringt Ihr ja locker unter. Toll, ihr habt ja sogar ein Echolot!“
Wir sollen das ARD - Team von Quellon in die 40 sm entfernte Bahia TicToc und zurück fahren. Dort ließen sich angeblich vor der Küste (mit hundertprozentiger Garantie!) Blauwale beobachten. Jedoch sei das Filmteam auch an den dort lebenden Peale- Delphinen (Lagenorhynchus australis) interessiert, falls wider Erwarten keine Blauwale auftauchen. Kein Problem, denken wir uns, nur der Platz…
Am nächsten Tag will der Agent vorbeikommen, um unser Boot zu begutachten. Wir machen uns aufgrund unserer begrenzten Platzverhältnisse keine allzu großen Hoffnungen, gehen wieder zur Tagesroutine über und warten auf den nächsten Tag.
Der Agent des Agenten und Raul treffen ein. Bootsabnahme Nummer zwei. Der Agent ist ein schleimiger, unangenehmer Typ, der auch noch hoch qualifizierte Fragen stellt: Agent: „Wofür ist die große schwarze Platte da?“
Timo: „Zur Stromerzeugung, nennt sich übrigens Solarpanelle.“
Agent: „Wo ist das Ruder?“
Timo zeigt auf die Pinne. Der Agent hat bisher nur Steuerräder gesehen und blickt sehr unzufrieden drein.
Der Spezialagent verlässt mit Raul das Schiff so schlecht gelaunt, wie er gekommen ist. Wir sind uns ziemlich sicher, dass es mit der Fahrt nichts wird und bereiten uns weiter auf den Pazifik vor. Nix da, Raul ist eine Stunde später zurück: „Ihr habt den Job mit den drei Kameraleuten!“ Kreisch: „Hast Du drei gesagt?“ „Si!“ „Oh mein Gott! Aber sonst hast Du uns alles erzählt?“ „Si! No problem.“
Jetzt, drei Tage vor der Ankunft des Fernsehteams, geht die Arbeit los.
Letzte Reparaturen,

Platz schaffen; mit drei Autoladungen wird die nicht notwendige Ausrüstung (Fahrräder, Kanister, große Werkzeugkiste, Spinnaker, ein Sack Stofftiere…) von unserem Boot befördert.
Timo schleppt Kisten, Sandra besorgt die Fahrtgenehmigung (Zarpe). Am nächsten Tag geht es in den Supermarkt - Grosseinkauf.
Die nächst Party steht an. Das deutsche Schiff „ZANSIBAR“ feiert die Befreiung der bestellten Ausrüstung (4000€) nach wochenlangen Verhandlungen aus den Fängen von Zoll und UPS.

Raul ist auch eingeladen. Nach einer Flasche Wein bekommen wir mehr Informationen: „Es könnte sein dass Ihr zur „Isla Guafo“ auf den Pazifik raus fahren müsst. Dort gibt es hundertprozentig Blauwale“. Von der „Isla Guafo“ war nie die Rede! Die Fahrt durch den „Boca del Guafo“ ist nach dem „Golfo de Penas“ bei widrigen Wetterbedingungen das zweitschlimmste Übel in dieser Gegend. Und dann noch zu einer Insel mit nur einer Ankerbucht, die nach Ost vollkommen ungeschützt ist und von der es bei schlechtem Wetter kein Zurück gibt.
Frage: „Was ist eigentlich, wenn Sturm ist oder wir keine Wale sehen?“
Raul: „Kein Problem, die interessieren sich auch für Delphine. Die Wale werdet Ihr sowieso nicht sehen. Die sind weiter draußen dieses Jahr (El Nino).“
So langsam bekommen wir Zweifel, aber auch eine motivierende Anzahlung sowie ein Handy zur Kommunikation. Hatten die Amerikaner vielleicht mehr Informationen und sagten deswegen ab? Es gäbe noch einige Fragen zu klären (Passnummern, Eßgewohnheiten, genaue Ankunftszeit der Gäste etc.), doch der Agent ist seit Tagen nicht telefonisch erreichbar.

Wir fahren los. Kurs „Isla Mechuque“. Nach 60 Meilen erreichen wir hauptsächlich segelnd die bescheuerte Insel, die sehr schön ist. Abendessen, schlafen, aufstehen und weitere 65 Meilen nach Quellon. Zum Segeln reicht der Wind nicht. Na und? Schmeißen wir eben den Motor an, was auch für eine halbe Stunde gut geht. Doch dann speit der Auspuff weiße Wolken. Die Motortemperatur bleibt aber konstant bei 80 Grad. Nach mehreren Schweißausbrüchen geht es an die Ursachenforschung. Der neu installierte Saugschlauch ist nicht zum Saugen geeignet (Industria Argentina, noch Fragen?). Passenden Ersatz haben wir nicht dabei, aber die Temperatur bleibt im grünen Bereich. Also weiter. Um 22:00 kommen wir qualmend in Quellon an.

Inzwischen haben wir erfahren, dass das Fernsehen erst um 12:00 kommt. Super!!! Um 09:00 Uhr rennen wir beide los. Timo versucht einen Saugschlauch zu bekommen, Sandra das Zarpe. Beides ohne Erfolg.
Zarpe „manana - puerto cerrado“ (Hafen geschlossen), Auslaufverbot für Boote unter 25 Tonnen, worunter ein Großteil der einheimischen Fischerboote fällt. Begründung der Armada: „Mucho viento“. Soviel Wind ist doch gar nicht…
Schlauch „si“ aber die Größe „no hay“ (gibt es nicht). Timo (in Fachkreisen auch als „Pumpen Paule“ bekannt) bastelt den zu großen Schlauch von 1 ½“ mit Hilfe alter Schläuche auf 1“ um. Schnell stocken wir die Dieselvorräte auf und sind fertig. Die aus der „Ersten Reihe“ können kommen.
12:00 ist durch. Keiner kommt. Kein Problem, wir haben ja Rauls Handy. Ups, der Akku ist alle. Können wir ja aufladen. Gedacht, getan. Leider ist das Ladekabel defekt. Sandra rast ins „Locutorio“ (bessere Telefonzelle), um mit dem Agenten Kontakt aufzunehmen. Dieser erwähnt im Nebensatz, dass das Fernsehteam „Diving- Equipment“ benötigt. Ein guter Witz. Wo sollen wir das so kurzfristig noch auftreiben? Unser vorhandenes „Diving- Equipment“ besteht aus einem kurzärmeligen Neopren- Anzug (made in Brasil), einer Taucherbrille und Flossen.

Das Treffen wird für 13:00 in der Stadt vereinbart.
Kurz nach eins trifft der Agenten-Bus mit den deutschen Reportern Verena und Michael und dem argentinischen Kameramann Juan Pablo ein. 10 Minuten später fährt der Bus mit den Dreien wieder ab.
Plan- Änderung: Da wir heute nicht auslaufen können, beschließen die Drei, in das ca. 100 km entfernte Castro zu fahren, um dort per Helikopter vor der Küste auf Blauwal- Suche zu gehen.
Die grundlegendsten Fragen bezüglich Schlauchbootgröße, „Diving- Equipment“, Bootsgröße etc. wurden inzwischen geklärt. Unklar bleibt weiterhin, ob das Wetter mitspielt und die Armada uns am nächsten Tag das Zarpe aushändigt. Die verbleibende Zeit reicht kaum noch für eine Tour zur „Isla Guafo“ auf den offenen Pazifik und zurück.
Gegen Abend trudelt ein erschöpftes Filmteam mit erfreulich handlichem Gepäck ein. Nach mehreren Schlauchbootrunden ist alles an Bord. Bei Züricher Geschnetzeltem werden die wichtigsten Fragen geklärt: Wer schläft wo? Wie funktioniert das Klo? Wo sind die Steckdosen? Lagebesprechung.

Michael verteilt zur Freude aller eine Riesendose Haribo und stößt sich zum ersten Mal den Kopf am Türrahmen, Verena schnappt sich das Federbett (pluma de ganso) und Juan Pablo zurrt lauthals singend die Kamera- Kisten an Deck fest.
Die beiden Herren werden im Vorschiff einquartiert, während Verena und Sandra auf dem umklappbaren Tisch nächtigen. Timo besetzt die Kapitäns- (Hunde) Koje.
Am nächsten Morgen düsen Verena, Juan Pablo und Sandra zur Armada und reihen sich in die Zarpe- Schlange der Fischer ein.
Die Armada beäugt misstrauisch den filmenden Juan. Nach ca. 1 Stunde halten wir das hart erkämpfte Zarpe in den Händen, mit der Einschränkung, heute innerhalb der Bucht von Quellon zu bleiben. Da schwimmen aber garantiert keine Blauwale herum.
Alternative: Muscheltaucher und Lachsfarmen.
Am Fischerpier werden Informationen eingeholt – „Ja, Blauwale wurden dieses Jahr schon im Golfo Corcovado gesichtet und die Muscheltaucher sind gerade zur Arbeit in die nächste Bucht (Estero Yaldad) gefahren“.
Per Taxi geht es zurück zur Werft. Unterwegs zeigt der Taxifahrer stolz ein mit seinem Handy aufgenommenes Photo von einem an der Westküste Chiloes gestrandeten Blauwal. Um den toten Wal in Szene zu setzen, macht das Taxi noch einen Schlenker zum Monument des Kilometers „0“ der Panamerikana, die über 22.000 Kilometer bis nach Anchorage in Alaska führt.
Gegen Mittag brechen wir auf in den Estero Yaldad. Nach zunächst erfolgloser Suche finden wir am Ende der Bucht ein Boot der Muscheltaucher, denen es eine Ehre ist, einem deutschen Fernsehteam ihre Arbeit vorzuführen.

Verena und Juan erklimmen sogleich den altersschwachen Kahn und versinken in stinkenden Muschelbergen.

Ein verrosteter Tauchkompressor rattert im Hintergrund und versorgt die beiden gewichtigen Taucher über einen langen, gelben Schlauch mit Luft. Später stürzt sich der wagemutige Juan in kurzärmligem Tauchanzug in die kalten Fluten, um die Taucher mit der wasserdichten Kamera zu ihrem Unterwasser- Arbeitsplatz zu begleiten.

Durch ein Bojen- und Leinenlabyrinth folgen wir den Muscheltauchern zum Verladehafen nach Yaldad. Gar nicht so einfach, da ohne Geleitboot wieder herauszufinden.

Abends erreichen wir schließlich den südlichsten Ankerplatz der Insel Chiloe im Estero San Pedro.
Der nächste Tag bringt den passenden Wind und strahlenden Sonnenschein, um im „Boca de Guafo“ nach Blauwalen Ausschau zu halten. Kurs Südwest. Bis zur „Isla Guafo“ (und zurück) schaffen wir es aus zeitlichen Gründen definitiv nicht mehr. Unterwegs werden ein paar Aufnahmen von unserem segelnden Boot aus verschiedenen Perspektiven gemacht: Der unermüdliche Kameramann Juan auf einer kleinen Insel, Juan im Schlauchboot, Juan im Bugkorb,

Juan im Mast…

Am Nachmittag haben wir alle einen dicken Sonnenbrand

aber immer noch keinen Blauwal gesichtet.

Das Stimmungsbarometer sinkt.
Auch das Anlocken der Wale mit Musik (Iron Maiden, Hans Albers, Chopin…) und Gesang (Juan) bleibt erfolglos.
Das größte heute lebende Tier der Erde lässt sich nicht blicken. Der Blauwal (Balaenoptera musculus) zählt zur Familie der Furchenwale. Er wird bis zu 33 Meter lang und 190 Tonnen schwer. Trotz seiner Größe kann er eine Geschwindigkeit von 30 km/h erreichen.
Auf See gehen Blauwale im Allgemeinen alleine oder paarweise und oft in weitem Abstand voneinander auf Nahrungssuche, indem sie mit ihren Barten am Oberkiefer im Plankton lebende Krebse filtrieren.
Unter bestimmten Lichtverhältnissen ist die typische Sprenkelung des Blauwals an Rücken und Flanken zu sehen. Die Sprenkelung nimmt die reflektierenden Blautöne des Wassers und des Himmels auf; daher auch der umgangssprachliche Artenname. Durch den Walfang wurde der Blauwal fast ausgerottet. Gegenwärtig bevölkern Schatzungen zufolge noch 6000 bis 14000 Tiere die Weltmeere.
Wende. Kurs: Nordost. Abends landen wir wieder im Ester San Pedro und ankern in der Nähe einer Lachsfarm (Salmonera). Verena und Juan schwingen sich ins Schlauchboot, um für den nächsten Tag einen Termin für Filmaufnahmen auszumachen. Die Salmonera- Arbeiter telefonieren sogleich mit dem Chef des Unternehmens, der das Anliegen des Ersten Deutschen Fernsehens ohne Umschweife ablehnt. Ein Rausschmiss? Dann können wir auf deren Grund und Boden heute wohl keine Würstchen grillen…

Am nächsten Morgen biegen wir um die Ecke und nehmen die Lachsfarm eines anderen Chefs ins Visier. Diesmal erproben wir eine andere Methode: Sandra fährt zuerst den Kameramann Juan zur Salmonera, damit er vor Ort den nächsten Rausschmiss filmen kann. Doch die „Tarnung“ funktioniert: Ein deutsches Segelboot auf Weltreise, dessen Besatzung sich für die Arbeit auf einer Lachsfarm interessiert.
„No problemo - schaut euch alles in Ruhe an“, lautet die unerwartete Antwort. Schnell wird Verena abgeholt, die „unauffällig“ Interviews mit den Bediensteten führt, während Juan sein Auge auf die Details lenkt. Gerade werden riesige Futtersäcke mit Fischfutter in Pellet- Format ausgeladen, angereichert mit Antibiotika und anderen den Lachs „gesund erhaltenden“ Medikamenten, worüber die Mitarbeiter der Lachsfarm zur Freude Verena´s detailliere Auskünfte geben.

Tonnenweise rasseln die Pellets durch dicke Schläuche, die zu den verschiedenen Lachs- Becken führen. In den kleinen Becken befinden sich ca. 100.000 Lachse, in dem größeren Becken 300.000 Stück, nach Größe und Alter sortiert. Das maximale Alter der Lachse beträgt 18 Monate, dann werden sie abtransportiert. Die Pellets rasseln, die Lachse springen dicht gedrängt gegen die Netze. Es stinkt zum Himmel. Sandra ist schlecht – nie wieder chilenischer Lachs!
Timo hält derweil das „Mutterschiff“ auf Kurs bzw. Drift, während Michael mit der Kamera den Gesamtüberblick festhält.

Noch Nahaufnahmen von den Lachs- Becken, dann wird langsam die Zeit knapp. Um 1300 Uhr erwartet der Fahrer des Agenten die Filmcrew, für die im Norden Ciloes nahe der Stadt Anchud noch ein Termin mit Wissenschaftlern ansteht. 3 Stunden Bootsfahrt bis Quellon liegen noch vor uns.

Unterwegs posiert noch die südchilotische Pinguin-, Kormoran- und Seelöwenprominenz. Dann heißt es schon wieder Abschied nehmen. Der Fahrer wartet bereits, als der Anker fällt. Gepäcktransfer. Winken.
Plötzlich sind wir wieder allein auf dem Boot und haben sehr viel Platz. Doch irgendetwas fehlt: Klingelnde Handys;
Verena, die sich das Federbett schnappt; Juan, der lauthals Lieder singt; Michael, der sich den Kopf an der Türschwelle stößt…
Wir machen uns am folgenden Tag wieder auf den Weg nach Puerto Montt, diesmal entlang der Festlandseite mit traumhaftem Blick auf bizarr geformte Vulkane.
Doch auch hier: Kein Blauwal in Sicht. Später erfahren wir, dass die Drei doch noch Glück hatten – Blauwale vor der Küste im Norden der Insel Chiloe!

Am Nachmittag des 22.01.08 machen wir wieder im Club Nautico die Leinen fest. Hier laufen die Chiloe- Regattavorbereitungen auf Hochtouren. Das 40 Fuß große Favoritenboot ist bei der Überführungsfahrt vor der Küste Valdivias gesunken, also gleiche Chancen für Nokia, Volvo, Stella Artois und Co.

Fernab jeglicher Regatta- Ambitionen rüsten wir unser Boot wieder zu einem Fahrten- Schiff um: große Werkzeugkiste, Spinnaker und eine dezimierte Anzahl von Kanistern werden wieder einsortiert. Die Fahrräder finden auf dem englischen Segelboot „Catch the wind“ bei David und Katalina eine neue Heimat.

Am 30.01.08 verlassen wir Puerto Montt in Richtung Valdivia. Mit der passenden Tide durchfahren wir am nächsten Morgen bei mäßigem Wind den Canal Chacao und ankern im rundum geschützten Estero Chaular im Norden der Insel Chiloe.
Am nächsten Vormittag dann die Überraschung: Als wir gerade die Segel gesetzt haben, begegnen uns nahe der Küste auf Höhe der Bahia Maullin auf 50 Meter Wassertiefe unsere ersten beiden Blauwale! Zuerst sehen wir aus der Entfernung zwei mächtige, ca. 9 Meter hohe Blasfontänen, auffällig schmal und senkrecht. In ca. 70 Meter Entfernung passieren uns die beiden majestätischen Tiere auf ihrem Weg nach Süden. Ein faszinierender, bewegender Anblick.

2 Stunden später ist bereits die nächste Nebelsäule in Sicht. Wassertiefe 150 Meter. Nur 20 Meter entfernt sehen wir die kleine, gedrungene Rückenfinne eines Blauwals, der neugierig auf unser Boot zu schwimmt. 30 Meter Wal gegen 10 Meter Boot - uns wird mulmig! Wir haben aber Vorfahrt - er oder Sie kommt von backbord.

Doch schon taucht er wieder ab und setzt seinen Kurs nach Süden fort. Eine halbe Stunde später: „Wal auf 10 Uhr!“ Auch dieser kreuzt 20 Meter von uns entfernt unseren Kurs und dreht dann nach Süden ab. Doch damit nicht genug, erscheint eine weitere halbe Stunde später der fünfte Blauwal. Willkommen auf der Blauwal- Autobahn!
Nach 200 aufregenden Seemeilen mit viel Wind aus der richtigen Richtung, sehr viel Schwell und einer Nachtfahrt erreichen wir schließlich am 02.02.08 die Marina Estancilla im Rio Valdivia.

Valdivia, inmitten einer wunderschönen Seenlandschaft gelegen, ist eine der schönsten Städte Chiles und wurde 1552 von „Pedro de Valdivia“ gegründet. Bei einem schweren Erdbeben im Jahr 1960 wurde die heute 120.000 Einwohner zählende Stadt fast vollständig zerstört.
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http://www.daserste.de/weltspiegel/
Chile: Wale oder Lachse ?
Rund um die Isla Chiloe wollen Tierschützer ein Meeresschutzgebiet errichten. Denn hierher kommen im südamerikanischen Sommer viele Blau-Wale. Allerdings sind sie bedroht von den Anitbiotika, die in den vielen Lachs-Farmen hier zum Einsatz kommen. Ein Film von Michael Stocks (ARD Rio de Janeiro).
Sendung (ARD) am 03.02.2008, 19:20 Uhr
http://www.daserste.de/mediathek_blank/play.asp?cid=16464
Eine 45 Minuten Sendung zum Thema Blauwale und Lachse in Chile wird voraussichtlich am 23.03.08 auf dem Fernsehkanal Phönix um 2100 Uhr ausgestrahlt.
Ciao Argentinien. Am 30.08. verlassen wir bei leichten südöstlichen Winden und Sonnenschein endgültig Ushuaia. Wir sind völlig überladen mit Diesel (550 Liter), Wasser (400 Liter) und Proviant in Frisch- und Konservenform; die Wasserlinie ist kaum noch zu sehen. Mit im Gepäck sind 2 Segelhandbücher über Alaska (eine Anspielung auf unsere Zukunftspläne?) und ein Kilo frisch gebackenes Brot von unseren französischen Nachbarn „Liledelle“. Abschied von den Winterseglern (bzw. Winterliegern).
Erstaunlich problemlos erreichen wir gegen Abend Puerto Williams. Als wir eine Stunde später den Motor anwerfen, um einem anderen Segelboot Platz zu machen, tut sich nichts. Der Anlasser streikt! Wozu die täglichen Motortests in Ushuaia? Der Anlasser wird noch am selben Abend ausgebaut und zu einer Mini-Hinterhof-Werkstatt gebracht, der einzigen in Puerto Williams. In Sekundenschnelle ist das übliche Bootschaos wiederhergestellt.
Wir haben Glück: Bereits am nächsten Tag ist der betagte Anlasser wieder funktionstüchtig, nachdem ein Schleifkontakt ersetzt wurden. Der Starter lässt uns auf der weiteren Reise nicht mehr im Stich, doch wir sind gewarnt – spätestens in Puerto Montt wird ein neuer Anlasser als Ersatzteil eingekauft.
Ein anderes Segelboot auf unserer Route hatte weniger Glück: Der Anlasser versagte den Dienst in einer einsamen Bucht 100 Seemeilen von der nächsten Stadt entfernt. Es dauerte 2 Wochen, bis ein neues Ersatzteil bestellt und von einem Schiff der Armada vorbeigebracht werden konnte.
Nach zahlreichen zuverlässigen Motorstarts, Chaosbeseitigung und Wetterbeobachtung beantragen wir das Zarpe (Fahrtgenehmigung) für die Reise durch die chilenischen Kanäle von Puerto Williams bis Puerto Montt.
Mit dem ersten Tageslicht starten wir am 03.09. bei perfektem Wind aus Nordost, Sonnenschein und 5°C in den Beagle Kanal Richtung Westen. Nach 60 Seemeilen hat der CQR- Anker in der Caleta Olla nahe des Ventisquero Holanda (Gletscher) seinen ersten Einsatz, neben dem südafrikanischen Segelboot „Wandering Albatros“. Wir bringen eine Leine zum Land aus und fallen nach einem kurzen Landgang erschöpft in die Kojen.
Am nächsten Morgen regnet es. Der Wind nimmt zu und dreht auf West. Bei jeder Böe slippt der Anker. Also raus in den Regen, Leine los und Anker hoch. Immer wieder haben wir trotz sorgfältigstem Einrucken Probleme mit dem allseits hoch gelobten CQR- Anker.
Um weiteren Unannehmlichkeiten aus dem Weg zu gehen, werden wir auf der weiteren Reise durch die chilenischen Kanäle auf das Prinzip des Tandemankerns umsteigen. Hierzu wird am CQR- Hauptanker eine 10 m lange Ankerkette befestigt, die mit einem weiteren Anker (Danforth 20 kg) verbunden wird. Am Danforth- Anker wird eine 12 m lange Leine befestigt und am anderen Ende mit einer Schwimmboje versehen, so dass man hierüber den Zweitanker später mit dem Bootshaken leicht wieder aufnehmen kann.
Am Nachmittag lässt der Wind leicht nach (der Regen leider nicht) und wir fahren unter Motor in die 12 Seemeilen entfernte Caleta Morning auf der Isla Gordon. Delphine geleiten uns in die Bucht. Unterwegs werden wir von dem herrlichen, unwirklichen Blau des Gletschers „Ventisquero Francia“ verzaubert und fühlen uns wie im Wunderland.
Unsere erste einsame Caleta: Ähnlich dem Einparken in eine Garage fahren wir mit dem Heck nah ans Ufer, setzen beide Anker und bringen 2 Landleinen aus. An der nahe gelegenen Felswand entdecken wir Kormorannester, ein Wasserfall plätschert lieblich den von Bäumen bewachsenen Hügel hinab.
Der Wind zeigt sich am nächsten Morgen von seiner besten Seite und weht leicht aus Südost. Zahlreiche wunderschöne Gletscher der „Cordillera Darwin“ liegen am Wegesrand, die wir gerne näher erkunden würden, doch das gute Wetter mit perfekten östlichen Winden nötigt uns zur Weiterfahrt.
Beim ersten Tageslicht werden Anker und Leinen eingeholt und weiter geht´s durchs Gletscherland bei strahlendem Sonnenschein. Gegen 1600 Uhr steuern wir nach 45 sm die Isla Londonderry, Caleton Silva an. Das Ufer ist gesäumt von einem kleinen Sandstrand, einem Wasserfall und riesigen Muschelbergen.
Schade, dass wir diese frei herumliegenden Köstlichkeiten nicht einfach in den Kochtopf werfen können. Im gesamten Gebiet der chilenischen Kanäle wird vor dem Verzehr von Muscheln gewarnt, die von „marea rocha“ (Rote Tide) befallen sein können. Der Verzehr dieser infizierten Muscheln kann tödlich enden.
Zweimal täglich empfangen wir über SSB (4146 kHz; 0830 und 2030 LT) den sehr detaillierten Wetterbericht und laden zusätzlich per Wetterfax aktuelle Wetterkarten der chilenischen Armada (www.directemar.cl) auf unseren Laptop.
Der nächste Tag bringt nordwestlichen Wind von 15-20 Knoten. Der Canal Ballenero empfängt uns ruppig, doch im Laufe des Tages wird es ruhiger. Die Überquerung der Bahia Desolada ermöglicht uns einen ersten Blick auf den endlosen Pazifik. Nach 30 Seemeilen verzurren wir uns in der Caleta Macias mit 3 Leinen zwischen dem Festland und einer kleinen Insel. Der Anker hat heute frei. Riesige Seesterne sind auf dem Grund durch das klare Wasser zu erkennen. Am Ufer liegt genug trockenes Holz, um ein Lagerfeuer zu entfachen: Bratwurstverzehr und Müllverbrennung.
Der Wetterbericht verheißt am nächsten Morgen leichte, südliche Winde, die uns bei gesetztem Vorsegel durch Canal Brecknock und Canal Occasion schieben. Weite, lange Pazifikwellen empfangen uns am Eingang des Canal Cockburn, der von unzähligen kleinen, kahlen Inseln mit grauen Felsrücken gesäumt wird. An der Isla Clarence finden wir einen wunderschönen, rundum geschützten Ankerplatz mit Märchenland- Idylle. Ein kleiner Bach windet sich durch grüne Moos- und Grasteppiche, in denen Kelpgänse rasten.
Centollas (kleine Königskrabben) tummeln sich im niedrigen Uferwasser.
In einer hoch gelegenen Felswand entdecken wir eine Höhle, die früher ein guter Unterschlupf für die in dieser Region lebenden Alakaluf- Indianer gewesen sein kann.
Beim täglichen Motorcheck entdecken wir, dass die Halterung der Lichtmaschine angebrochen ist und somit der Keilriemen schief sitzt. Da wir kein Schweißgerät besitzen, können wir das Problem erst in der nächsten Stadt beheben. Es bleibt uns nur die regelmäßige Kontrolle, noch lädt die Lichtmaschine. Eine Frage der Zeit, wann der Keilriemen sich verabschiedet.
Am sechsten Tag nehmen wir den kürzesten Weg durch den Canal Acwalisnan und werden gegen 1500 Uhr von der Magellanstraße sehr ruppig in Empfang genommen. 2 Meter hohe und kurze Wellen treffen uns von der Seite, der Strom steht noch gegen an. Mit Motor und gerefftem Klüversegel schlagen wir uns durch auf die andere Seite und erreichen nach insgesamt 45 Meilen erschöpft die Caleta Gallant, benannt nach dem britischen Piraten Thomas Cavendish, der 1578 hier mit seiner Flotte ankerte. Ein historischer Ankerplatz, den1828 Captain Robert Fitz Roy mit der „HMS Beagle“ und 1896 der erste Einhandweltumsegler Joshua Slocum mit seiner „Spray“ ansteuerte – ohne jeglichen Motorantrieb.
Der nächste Tag bringt südöstliche Winde von 10-15 Knoten und Nieselregen. Da wir heute den 15 Meilen langen Paso Ingles, eine Engstelle mit zeitweise starken Tidenströmen durchqueren wollen, starten wir nach Blick in die Tidentabellen erst gegen 1100 Uhr, um den passenden Strom abzuwarten.
Kaum haben wir die Bucht verlassen, wird der Keilriemen heiß. Gas weg, Motordeckel im Cockpit hoch: Die Halterung der Lichtmaschine ist komplett gebrochen, der Keilriemen schlackert, die Lichtmaschine lädt nicht mehr. Mit 3,5 Knoten speed tuckern wir in die nächste Bucht, Bahia Mussel auf der Isla Carlos III. Hier werden regelmäßig Wale gesichtet, doch uns zeigt sich während unseres halbstündigen Notstopps keiner.
In Rekordzeit baut Timo die Lichtmaschine aus und weiter geht es (ohne elektrischen Strom) mit dem Strom durch den Paso Tortuoso. Wir haben noch einen Benzin- Generator an Bord, mit dem wir in der nächsten Ankerbucht, der Caleta Playa Parda Chica, die Batterien laden können.
Im Sauseschritt passieren wir am nächsten Tag bei schiebendem Strom den Faro Felix im Boca Ocidental, dem westlichen Eingang der Magellanstrasse. Über uns liegt eine dunkelgraue Wolkendecke, es ist kalt und ungemütlich. Nieselregen. Kahle, graue Felsen vervollkommnen das Bild der Eintönigkeit. In der Ferne erstreckt sich der weite Pazifik, als wir die Isla Tamar umrunden. Schlagartig lässt der Regen nach und ein Stück blauer Himmel gewährt der Sonne ein freundliches Lächeln. Auf Nimmerwiedersehen Magellanstrasse!
Der Leuchtturmwärter des Faro Fairway winkt uns zu und nimmt per VHF die Daten auf, bevor wir in den Canal Smyth einfahren. Isla Hose in Sicht! Eine schmale Einfahrt führt in eine rundum geschützte, kreisrunde Bucht – Caleta Darde´. 72 Meilen heute, hauptsächlich unter Motor. Uns brummt der Schädel, als der Anker fällt und wir genießen den allabendlichen Landgang. Außer dem Rauschen des Baches herrscht eine friedliche Stille, die unsere Echo-Rufe umso lauter erscheinen lässt. Eine Leine wird noch am Baum befestigt, dann fallen wir rückwärts in die Kojen.
Der nächste Tag führt uns bei nordwestlichen, böigen Winden zu der 50 Seemeilen entfernten Isla Jaime. Zwischen den mit Muscheln überwucherten Felsen am Ufer entzünden wir in der Abenddämmerung ein Lagerfeuer. Später gesellt sich ein Fischer zu uns.
Am nächsten Morgen starten wir mit dem ersten Tageslicht, um mit der passenden Tide die Angostura Kirke zu durchqueren. 3 Engstellen können hier sehr starke Strömungen erzeugen. Das Fischerboot „Primera“, daß uns zuvor über Funk mit Insiderwissen versorgt, macht den Anfang. „Ultima“ tuckert brav hintendrein. Als „Primera“ die letzte Engstelle passiert hat, folgt ein weiterer Funkspruch: alles o.k., ein Knoten Strom gegenan. Wir folgen ohne Probleme und bedanken uns bei unserem Lotsen.
Gegen Abend laufen wir in Puerto Natales ein und finden einen Ankerplatz am nördlichen Ende der Stadt. 450 Seemeilen liegen nun nach 10 Tagen hinter uns.
Puerto Natales bildet mit ca. 19000 Einwohnern die Hauptstadt der Provinz „Ultima Esperanza“ und wurde 1911 als Ausfuhrhafen für Wolle und Fleisch gegründet. Plötzlich befinden wir uns in flacher Pampa- Landschaft, östlich der Anden. Ein beliebtes Ausflugsziel in der Gegend ist der über 180000 Hektar umfassende Nationalpark Torres del Paine, der 1978 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde. Gletscher, tiefblaue Seen, reißende Bäche und knorrige Südbuchen prägen hier die Landschaft. Gekrönt wird das Ganze von 15 aus Granit bestehenden Zwei- und Dreitausendern des Gebirgsstocks, der wie eine Fata Morgana aus der patagonischen Grassteppe ragt. In freier Wildbahn lassen sich Nandus, Flamingos, Guanakos, Kondore und „huemules“ (chilenische Hirsche) beobachten.
Wir tanken erst mal voll, räumen das Boot auf, kaufen frischen Proviant ein und bringen die Wäsche zur „lavanderia“. Auch unser amerikanischer Segelkumpan Ken, der 2 Tage nach uns Puerto Williams verließ, trudelt ein. Beide hatten wir perfekte Wetterbedingungen bis hierher, was am Abend mit Bier und Hamburgern gefeiert wird.
2 Tage später starten wir eine Erkundungstour in den Fjord „Ultima Esperanza“. Zu Beginn wird den Eberhards im Estero (Fjord) Eberhard ein Besuch abgestattet.
1896 kam der deutsche Seemann Hermann Eberhard auf der Suche nach Farmland hierher und gründete die Estancia Consuelo. Seine Enkel, 2 Männer in den Vierzigern, begrüßen uns auf deutsch und bieten an, ihre stabile Boje in der Bucht zu benutzen. Die Estancia ist sehr gepflegt, die Zäune in bestem Zustand. Ein paar Häuser liegen wie hingeworfen in einem wunderschönen, ruhigen Tal. Pferde, Kühe und Schafe tummeln sich auf den kargen, grün-gelben, hügeligen Wiesen. Bei ausgedehnten Wanderungen und einer Schlauchboot-Tour entlang des Flusses genießen wir diese Idylle.
Im Zickzack fahren wir auf der Suche nach schönen Ankerbuchten bei blauem Himmel, strahlender Sonne und Windstille durch den Ultima Esperanza Fjord. Bis zum Mittag haben wir einige Buchten ausgekundschaftet, doch sie erweisen sich als zu flach oder zu ungeschützt. Einfache Farmhäuser säumen die Landschaft. Wir werfen noch einen Blick in die Bucht am Rio Serrano, wo uns bereits ein freundlich winkender Ranger zur Kasse bitten will, da dieses Gebiet zum Nationalpark gehört.
Die Gletscher Ventisquero Balmaceda und Serrano liegen zum Greifen nah, direkt daneben befinden sich ein Hostel und die Ranger- Station. Zu viel los hier. Wir fahren noch ein paar Meilen weiter über die Ausflugsboot- Grenze hinweg und wählen für die Nacht eine kreisrunde Bucht mit steil abfallenden Ufern aus, nordöstlich des Lago Azul gelegen. Nachdem wir auf unsere Rufe fünffache Antworten erhalten, geben wir ihr den Namen Bahia Echo.
Ein mächtiger Berg taucht die Bucht am Nachmittag bereits in Schatten.
Während des Ankerns erschreckt uns ein rumpelndes Geräusch im Motorraum: Lichtmaschine und Keilriemen sind abgeflogen. Die Halterung ist gebrochen und muss in Puerto Natales geschweißt werden. Also werfen wir zum Laden der Batterien in der herrlichen Stille den Benzin- Generator an.
Am Montag geht es zurück in die Zivilisation. Unsere Motivation bezüglich der Lichtmaschinen- Reparatur erhält am nächsten Tag jedoch einen Dämpfer – Dia de Fiesta (Feiertag): Am 18.09. Dia de Patria (Unabhängigkeitstag), am 19.09. Dia de Armas (Tag der Streitkräfte). Alle Läden und Schweißer- Werkstätten geschlossen. Nach vielem Gerenne öffnet uns am 19.09. eine Hinterhofwerkstatt ihre Tore und der Mechaniker schweißt uns aus Mitleid die Halterung zusammen. Bezahlung: Eine Flasche Bier.
So stehen wir am frühen Morgen des 20.09. bereits wieder in den Startlöchern und rauschen mit 7 Knoten und Delfinbegleitung erneut durch die Angostura Kirke. Für den Abend Sturmwarnung, noch ist es ruhig.
Unterwegs werden wir per Funk von einem Patrouillen- Boot der Armada kontrolliert. Voraus braut sich etwas zusammen: dicke, schwarze Regenwolken türmen sich auf, der Wind weht böig aus Nordwest. Nach 60 Seemeilen verkriechen wir uns in die Caleta Victoria. Eine Stunde später brechen Wind und Regen über uns herein.
Bei Regen und Nordwest- Wind bis 20 Knoten schippern wir am nächsten Tag durch den navigatorisch nicht besonders anspruchsvollen Canal Sarmiento - breit, gerade und langweilig. Die dem offenen Pazifik zugewandten Bergrücken sind kahl und grau wie Elefantenrücken, die Berggipfel teilweise mit Schnee bedeckt.
Nachmittags treffen wir die Fähre „Puerto Eden“ der Navimag, die freundlicherweise unsere Position an die nächste Armadastation weitergibt. Nach 46 Seemeilen landen wir in einem lieblichen, von zahlreichen Bäumen gesäumten Fjord und ankern in der Caleta Damien. Die Temperaturen bewegen sich zwischen 2°C nachts und 9°C tagsüber.
Die nächste Tagesetappe von 54 Meilen führt weiter durch den Canal Sarmiento entlang der Isla Hannover, deren höchste Erhebung 1200 m misst. Wir passieren die trudel und Verwirbelungen der Engstelle Angostura Guia, um in den Canal Innocentes zu gelangen. Die See wird offener und ruppiger, so dass wir froh sind, gegen Abend die Isla Robert, Caleta Los Hermanos Moglia, zu erreichen.
Wie geschützt diese Bucht ist, bemerken wir erst, als wir sie am nächsten Morgen verlassen. Wind gegenan, wir kommen kaum vorwärts. Die steilen Wellen schaukeln uns durch. Wir denken schon darüber nach umzudrehen, als wir auf der Seekarte eine in den Handbüchern nicht verzeichnete Bucht ausmachen. Eine namenlose Bucht auf der Isla Figueroa. Wir tasten uns langsam in die Bucht hinein, starke Windböen treffen uns seitlich. Schwarz- weiße, große Delfine schwimmen voraus und zeigen somit, dass es hier auch für unser Boot tief genug ist.
Voraus ein paar kleine Inselchen mit gerade stehenden Bäumen und ruhigem Wasser. Ganz langsam, mit Blick auf den Tiefenmesser, schieben wir uns zwischen den Inseln hindurch. Der Anker fällt und 2 Leinen werden zum Heck an Land ausgebracht. Wie schön und ruhig es hier plötzlich ist. Der Rückwärtsgang streikt plötzlich. Eine Schraube am Ganghebel in der tiefsten Ecke der Backskiste hat sich gelöst, also wird (mal wieder) alles ausgeräumt, um überhaupt dran zu kommen. Der Schaden ist schnell behoben.
Wir beschließen, diese kleine Bucht nach Timo´s vor einigen Wochen verstorbenen Onkel aus Finnland zu benennen: Caleta Petteri. Dies ist der ideale Platz für ein Lagerfeuer und Grillwürstchen. Trockenes Holz liegt genug herum. Des Alakaluf- Indianers (Timo) Lieblingsbeschäftigung.
Nächster Tag: Sturmfrei. Ein dickes Tief rückt an, der Wetterbericht spricht von Temporal (Sturm), der uns einen Strich durch die Rechnung macht und uns noch länger auf dieser wundersamen Insel verweilen lässt. Wir bringen eine weitere Leine zu einer kleinen Felsinsel am Bug aus und sitzen nun wie die Spinne im Netz, auf besseres Wetter lauernd.
Aus einem Tag werden 5 Tage. Unser Ami- Freund Ken hängt mit seiner Segelyacht „Spindrift“ 5 Meilen weiter südlich auf der Isla Robert fest. Kondore schweben über der Bucht, ein Biber raschelt allabendlich am Ufer entlang und beäugt neugierig die Feuer machenden Fremden. Der undurchdringliche Dschungel gibt kaum einen Blick ins Innere der Insel preis. Bei einem Erkundungsversuch versinkt Sandra bis zum Bauch in Moos und Dornengestrüpp und verzichtet auf einen intensiveren Inselkontakt. Riesen- Spinnen lauern überall.
Am 27.09. wagen wir am frühen Nachmittag einen Startversuch. Je weiter nördlich wir kommen, desto eher entwischen wir der Tiefdruckzone. Am Morgen weht der Wind noch aus NW mit 30 Knoten, doch später tut sich eine Lücke zwischen zwei Tiefs auf, die wir nutzen können. Nieselregen. Leinen los, Anker auf. Volle Kraft voraus. Die Wellen laufen kreuz und quer, aber immerhin ist der Strom auf unserer Seite und schiebt uns durch den Canal Coception. Nach 24 Meilen erreichen wir durchnässt die Isla Topar – Caleta Neruda, eine verwunschene Bucht mit einem Flusstal und verlassenen Fischercamps am Ufer.
Das Barometer sinkt stetig, der Wind pustet weiter aus Nordwest und genehmigt uns am nächsten Tag ganze 3 Stunden Motorfahrt und 15 Meilen bis zu dem sehr geschützten Ankerplatz in einer malerischen Bucht der Isla Wellington: Estero Dock. 2 Eisvögel heißen uns an der sehr schmalen, von Steinen gesäumten Einfahrt willkommen.
Die Sonne kommt hervor und lädt zu einer Entdeckungstour mit dem Schlauchboot bis zu einer über Steinplatten rauschenden Flussmündung ein. Zahllose Wasserfälle schlängeln sich die steilen, bewaldeten Berghänge herab und versickern zwischen den Baumwurzeln. Einer eignet sich bestens zum Wasserholen und wir füllen die Kanister auf. Klitschnass aber zufrieden genießen wir das frische, eiskalte Quellwasser. 2 Stunden später brodelt draußen vor der Haustür das Wasser des Canal Wide, hier drinnen hingegen ist es herrlich ruhig und wunderschön. Der Anker hält bombenfest, Landleinen sind nicht notwendig. Wir nutzen den Rest des Tages zum Brotbacken, Durchlüften und Aufräumen.
Auf Sonne folgt Regen. Am Morgen wagen wir einen Versuch, weiterzukommen. Nach 5 nm geben wir auf und verziehen uns am frühen Vormittag in die Caleta Refugio mit gutem Blick auf den Canal Wide und seine Whitecaps.
Nachdem wir uns aufgewärmt und abgetrocknet haben, wagen wir nachmittags einen zweiten Versuch. Doch der Schein im Schutz der Bucht trügt und der Wind nimmt weiter zu, also steuern wir bereits nach 5 Meilen die nächste Bucht, Caleta Sandy, an. Mit einer Landleine sichern wir uns zusätzlich an einem Felsbrocken. Von draußen dringt viel Schwell in die Bucht, so dass Sandra die böige Nacht im Sitzschlaf verbringt, während Timo selig schlummert.
Der nächste Tag bringt nordwestlichen Wind von 30–35 Knoten (in Böen mehr) und starken Regen, Barometerstand 993 hPa, das wird heute nichts. Statt dessen bringen wir noch 2 zusätzliche Leinen aus (damit Sandra ruhig schlafen kann).
Am 01.10. passieren wir die Kanäle Icy und Grappler, bis der Wind uns nach 25 nm zurückpfeift. Stopp in Caleta Maria Stella. Nach einer Bratwurstpause wird Timo aber schon wieder unruhig („es wird ruhiger draußen“). Sandra traut dem Braten nicht („die Wolken ziehen schnell“).
Also gut, Anker auf! Fiese Wellen und Maximalgeschwindigkeit von 3.5 Knoten. Nach 2 weiteren Meilen sieht auch der Kapitän ein, dass da nichts zu machen ist. Wir kehren ein in der Caleta Grau und ziehen das Heck mit 2 Landleinen in die geschützte Flussmündung. Später trudeln noch 2 Kajakfahrer ein und schlagen ihr Zelt bei prasselndem Regen neben uns auf. Da haben wir es doch gemütlicher.
Die 14 Meilen bis Puerto Eden schaffen wir in knapp 4 Stunden, nachdem wir die Engstellen Paso del Indio und Paso Oriental durchquert haben. Nieselregen, Nebel, Barometer steigt. 800 Seemeilen in 30 Tagen liegen hinter uns.
Erster Halt bei der Armada – Boje zwecks Papierkram, dann suchen wir uns einen Ankerplatz in der Bucht des 250-Seelen-Dorfes. Ein faszinierender Ort, in dem die Zeit stillzustehen scheint.
Keine Autos, keine Verbindung zur Außenwelt außer der zweimal wöchentlich eintreffenden Navimag- Fähre. Eine Schule, ein Kindergarten, eine Kirche, ein Aussichtspunkt (Mirador), 3 Tante-Emma-Läden. Die Menschen, hauptsächlich Fischer-Familien, begegnen uns sehr freundlich und freuen sich scheinbar über die Abwechslung. Anstatt einer Hauptstraße führt ein gepflegter aber bei Regen sehr rutschiger Holzsteg am Ufer der Bucht entlang und verbindet die Häuser miteinander.
Die einzige Internet-Möglichkeit in der Bibliothek der Schule hat bis auf weiteres dicht. Macht aber nichts, denn wir sitzen am nächsten Tag mal wieder bei Sturm auf dem Boot fest. Mehr als 40 Knoten aus Nord. Es klappert und pfeift, der Wind brüllt wütend sein Lied. Zweimal slippen die Anker. Als wir das erste Mal den Tandem- Anker und die 50 Meter Kette aufholen, hat sich eine grobe Plastikplane um den Anker gewickelt, beim zweiten Mal fanden wir eine um den Anker gewickelte Leine.
Als wir dann endlich mal an Land paddeln können (der Außenborder hat sich unbezahlten Urlaub genommen), wartet die nächste Überraschung: Stromausfall im ganzen Dorf. Kein Licht, kein Internet. Wetter weiterhin schlecht („frontal, mal tiempo“), der Hafen wird gesperrt, keiner kommt raus.
Am 05.10. heißt es in der Vorhersage „anticiclonico, buen tiempo“. Hochdrucklage, voraussichtlich für mehrere Tage. Also los, der Golfo de Penas ist nicht mehr weit. Wir machen noch einen Abstecher zur Gletscherzunge am Ende des 12 Meilen langen Seno Iceberg. Der in den Zentralanden liegende Gletscher ist Teil des größten zusammenhängenden Eisfeldes jenseits der Polkappen, des Campo de Hielo Sur bzw. Hielo Continental Sur.
Leider ist der Himmel bedeckt und es beginnt zu regnen, als wir am Nachmittag den Gletscher erreichen. Unwirklich blau schimmerndes, uraltes Eis leuchtet uns entgegen, bizarr geformte Eisberge treiben durch das milchig-grüne Wasser und schaben am Bootsrumpf entlang.
Wir übernachten in einer durch die Insel Eliseo geschützten Bucht in der Mitte des Seno Iceberg. Da diese wunderschöne, von über 1000 m hohen Bergen umrahmte Bucht in den Karten und Handbüchern nicht näher bezeichnet wird, taufen wir sie zu Ehren unseres Neffen in Hannover auf den Namen „Bahia Elias“.
Laut aktuellem Wetterbericht hält sich das Hochdruckgebiet mit südlichen Winden, das ist unsere Chance. Andere Segelboote haben bis zu 20 Tagen auf eine Wetterlücke warten müssen. Wir geben Gas und erreichen bei Sonnenuntergang den Golfo de Penas (Golf der Leiden).
Entgegen der Vorhersage weht der Wind aus nordwestlicher Richtung mit ca. 15 Knoten, so dass wir kaum segeln können. Der elektrische Autopilot steuert seit ein paar Tagen Kreise, also steuern wir abwechselnd per Hand. Bei Wind gegenan und Motorfahrt nützt uns die mechanische Windsteueranlage nichts.
Der Pazifik zeigt, was er kann und lässt uns auf seinen mächtigen Wellen tanzen. Die Halterung der Lichtmaschine hat dem Geschaukel nicht standgehalten, so dass sich der Keilriemen nun endgültig in seine faserigen Bestandteile auflöst. Also brummt mal wieder der Benzin-Generator auf dem Vordeck.
Am Nachmittag des nächsten Tages erreichen wir nach einer holprigen Überfahrt und 180 nm die von einem weißen Sandstrand gesäumte Caleta Cliff. Hier wird erstmal ausgeschlafen und voll getankt.
Endlich sind die vorhergesagten, südlichen Winde mit bis zu 30 Knoten eingetroffen und schieben uns mit dreifach gerefftem Großsegel und Klüver durch die Bahia Anna Pink wieder hinein in den Schutz der Kanäle. Blauer Himmel und Sonnenschein bei 7°C.
Wir quartieren uns nach 57 Meilen für eine Nacht neben Lachsfarmen in der Caleta Giuanin ein. Canal Pulluche, Canal Chacabuco, Canal Errazuriz. 55 Seemeilen bei herrlichem Sonnenschein und leichtem Ostwind auf die Nase, bevor wir im Flusstal des Rio Humus einen Urlaubsnachmittag verbringen.
Sandra stürzt sich kurz in die kalten Fluten, während Timo von heißen Thermalquellen träumt. Das trifft sich gut, denn für den nächsten Tag stehen die „Termas de chilconal“ im Seno Aysen auf dem Programm.
Unterwegs im Canal Moraleda segeln wir eine Stunde auf gleicher Höhe mit Ken, der sich dann in Richtung Norden verabschiedet. Wir erreichen unser privates Natur- Thermalbad gegen 1500 Uhr bei Windstille und strahlendem Sonnenschein.
Ein Wasserfall fließt über heißes Vulkangestein und erwärmt sich. Es dampft schon von weitem. Voller Vorfreude werfen wir den Anker auf 20 Meter Wassertiefe direkt am felsigen Ufer und springen mit Handtuch und Badeschaum bewaffnet ins Beiboot.
Die Steine sind an manche Stellen so heiß, dass man sich die Füße verbrennt. Kein Mensch weit und breit, kein Bademeister, keine Kassiererin. Das Wasser schmeckt nach Schwefel und Bad Ems. Ein unvergessliches Erlebnis.
Im Seno Aysen prägen Vulkane und dicht an dicht stehende Lachsfarmen die Landschaft. Insgesamt 130 aktive Vulkane säumen in Chile die Andenkordillere zwischen Atacamawüste und Feuerland. Vor einigen Monaten hat ein Erdrutsch eine Tsunami- Welle ausgelöst, die einige Menschen das Leben gekostet hat. An der Uferböschung ein weißes Holzkreuz – zum Gedenken der hier verunglückten Arbeitern auf einer Lachsfarm. Auf einem Vulkan ist eine Bahn von getrocknetem, dunkelem Magma zu sehen. Unheimliche, faszinierende Landschaft. Wir übernachten in der nahe gelegenen, schattigen Caleta Gato, umgeben von dichtem Urwald.
Die Landschaft verändert sich, als wir nach Puerto Chacabucco kommen. Saftig grüne Wiesen voller Kühe, riesige Nadelbäume, schneebedeckte Berggipfel, gepflegte kleine Holzhäuschen. Wir ankern in der sehr flachen, nur bei Hochwasser zugänglichen „Ensenada Baja“ zwischen Lachsfarmen. Der kleine Ort ist überschaubar. Armada, Feuerwehr, Tankstelle, Fischfabrik, eine handvoll kleiner Läden.
Die nach einer fünfzehnminütigen Busfahrt zu erreichende, nicht besonders reizvolle Stadt Puerto Aysen hat mehr zu bieten: Supermarkt, Banken, Post, Krankenhaus, Ferreterias, Internet.
Ab dem 13.10. pustet uns der Wind fünf Tage lang fast ununterbrochen mit bis zu 40 Knoten aus westlicher Richtung um die Ohren. Frontal, frontal, frontal; täglich Sturmwarnungen, der Hafen wird von der Armada über Funk geschlossen, keine Chance, auszubüchsen; wir sitzen fest.
Wieder mal slippt bei starken Böen und Regen der Tandemanker - inzwischen haben wir Übung. Die Arbeitsklamotten stehen bereit: Gummihose, Gummistiefel, Mütze, warmer Pullover. Dummerweise war Timo gerade dabei, das Relais der Ankerwinde auszutauschen, also rutschen wir noch 10 Minuten über den Grund, bevor die Kette eingeholt werden kann. Der Außenborder zeigt weiterhin keinen Arbeitswillen, so dass der Landgang per Paddel zur langwierigen bis unmöglichen Tortour wird.
Inzwischen sind unser britischer Segelkumpan Roger und sein Begleiter Felipe mit der Segelyacht „Orbit“ eingetroffen. Ein erstes, freudiges Wiedersehen seit unserem Winterquartier Puerto Williams.

3 Tagen lang können wir nicht mehr an Land. Windböen fegen ohne Unterlass über die Bucht, Dauerregen. In Ermangelung frischer Eier backt Timo Sandra zum Geburtstag ein Schoko-Brot. Die geladenen Geburtstagsgäste Roger und Felipe sitzen ebenfalls auf ihrem Boot fest. Sauwetter und Sturmwarnung. Ankerwache im Sitzschlaf.
Dieser Geburtstag ist buchstäblich ins Wasser gefallen. Vielleicht hat Timo drei Tage später ja mehr Glück? Weit gefehlt: Frontal, Sturmwarnung und Nieselregen. Hafen geschlossen. Das Beiboot wird an deck festgezurrt. Roger und Felipe gratulieren Timo in 20 Meter Entfernung per Funk.
Als wir aus dem Fenster sehen, slippt bei Nieselregen und Sturmböen „Orbit“ mit ihrem „80-Pound-Anker“ an uns vorbei…
Der erste halbwegs ruhige Tag am 25.10. Nördliche Winde zwischen 15-25 Knoten, Regen, Barometer sinkt schon wieder Nichts wie weg aus diesem Wind-Loch. Seno Aysen, Puerto Aguirre, Canal Ferronave. Nach 50 nm erreichen wir die Caleta Olea auf der Isla Oreste. Riesige,
leuchtend rote Seesterne, gepanzerte Centollas (Königskrabben) und Heerscharen von Muscheln und schwarz- weiß schillernden Schnecken regieren die von dichtem Urwald umgebene Bucht.
Wetterbericht am nächsten Morgen: frontal, starker Nordwind. Trotzdem wagen wir einen Startversuch, aber kaum heraus aus dem Landschutz der Insel, werden wir eines besseren belehrt: Nord 30 – 35 Knoten. Keine Chance gegen Wind und Wellen. Rückzug. Regen. Und ein weiterer Tag in der Caleta Olea. Zeit für eine Urwaldexpedition. Ein verlassenes Fischercamp im dichten Gestrüpp. Vögel aller Größen hüpfen durch die Baumkronen, in der Luft schwebende Kondore, Riesenfarne und rot blühende Sträucher, dichtes Seegras, ein Bach plätschert über dicken, grauen Lehmgrund. Dicke Spinnen lauern in ihren Netzen. Ein Biber spielt mit unserer Ankerboje im Wasser und zieht mit beiden Pfoten daran. Leben im Überfluss. Warten.
Wetterbericht: Prefrontal a frontal. Wir wollen versuchen, den breiten Canal Moraleda zu überqueren und uns im Schutz der westlichen Kanäle weiter nach Norden zu schlagen. Regenschauer und Windböen sind unsere Begleiter.
Als wir den nach Westen zum Pazifik offenen Canal Ninulac überqueren, wird es extrem ruppig bei nordwestlichem Wind von 30-35 Knoten, aber wir kommen vorwärts.
Eine Abkürzung durch ein Gewirr von Inseln bietet vorübergehend Schutz, bis wir schließlich eine sichere Ankerbucht auf der Isla Canal erreichen. 2 Anker, 1 Landleine an Baum, eine an Stein; das muss reichen. Wie fast immer, ein kleiner Bach vor der Haustür.
Puerto Montt Radio sendet: “Mal tiempo, prefrontal a frontal, temporal (Sturm)“. Ruhetag.
Der Benzin- Generator streikt, ein Reparaturversuch schlägt fehl. Immerhin lädt das Solar – Paneel mit 1 Ampere.
Sonntag, 28.10.2007. Wind aus NW 20-25 Knoten. Im Canal Perez Sur funken wir einen Frachter an, der unsere aktuelle Position an die nächste Armadastation weitergibt.
Eine Abkürzung über zwei Sandbänke durch den Canal Skorpios führt uns zum Canal Perez Norte. Gegen Abend suchen wir uns auf der Isla Concoto eine kleine, vor Nordwinden geschützte Bucht und parken rückwärts zwischen 2 Felswänden ein. Eine Landschaft wie in den schwedischen Schären. Das wird dann wohl die „Caleta Ultima“. Im Beiboot umrunden wir die kleinen Inselchen und beobachten Seesterne.
Pünktlich zum Sonnenuntergang dreht der Wind plötzlich auf Süd. Noch weht er nur leicht, doch sollte er zunehmen, käme Schwell in die Bucht und wir würden auf die Felsen gedrückt. Sicherheit geht vor, also lösen wir schweren Herzens beim allerletzten Tageslicht die Leinen an Heck und Bug, was bereits bei wenig Wind einige Mühen bereitet.
Nachts wollen wir keine andere Bucht ansteuern, also tasten wir uns im Dunkeln in Schrittgeschwindigkeit Richtung Nordosten bis zum Canal Moraleda vor. Aufgrund der halbwegs günstigen Wetterprognose („inestable“ - zwischen den Fronten) und der schwindenden Energiereserven entschließen wir uns, heute Nacht den zum Pazifik hin offenen ca. 30 sm breiten Boca de Guafo zu überqueren. Der Wind hat inzwischen wieder auf Nordwest gedreht, also muss der Motor schuften. Nur wenige Fischer begegnen uns. Über den Golfo de Corcovado gelangen wir am Vormittag in die geschützten Gewässer der verwunschenen Insel Chiloe. Die letzten Meilen ziehen sich dahin, gegen den Strom, bis wir Quellon, die südlichste Stadt der Insel erreichen.
Wir ankern am westlichen Ende der Stadt, wobei der Tidenhub von ca. 5 Metern zu beachten ist.
Quellon, eine lebendige Stadt mit 8000 Einwohnern, ist ein bedeutender Fischerei – Hafen. 4 Tage bleiben wir in der Stadt, um unsere Energieprobleme zu lösen. Inzwischen ist auch Ken mit „Spindrift“ eingetrudelt, der während unserem Chacabuco – Abenteuer 3 Wochen auf der Isla Clotilde südlich des Boca de Guafo festsaß. In der letzten Nacht hatten wir ihn wieder eingeholt.
Bei leichtem Nordwind machen wir uns gemeinsam mit Ken auf den Weg zum 30 Meilen entfernten Estero Pailad. Dieser Ausläufer des Canal Queilen liegt sehr ruhig und geschützt in einer hügeligen Wiesen- Landschaft. Wir machen an einer Mooringboje fest, umgeben von Schafen, Kühen, Schwarzhals-Schwänen, kleinen Holzhäuschen, ein paar Lachsfarmen und einer seit Jahrzehnten verfallenen Mühle.
Idylle pur, wenn da nicht der zahnlose Wurzelzwerg Hector wäre, der uns sogleich mit seinem alten Ruderkahn überfällt. Ehe wir uns versehen, sitzt er bereits unter Deck am Tisch, während wir noch den alten Kahn festmachen und erzählt in unverständlichem, rasend schnellen spanisch seine Lebensgeschichte, bevor er zum eigentlichen Grund seines Besuches kommt: Der Pfand für die Mooring ist, wie uns bereits erfahrene Segler berichteten, ein Tetrapack Wein für Senor Hektor. Zudem interessiert er sich brennend für Sandra´ s bereits ausgemusterten, durchlöcherten Gummistiefel (Industria Argentina).
Wir sind mit den Nerven fertig und Hektor ist glücklich, als er sein voll beladenes Ruderboot nach einer Stunde zur nächsten Mooring katapultiert: Die „Spindrift“ ist sein nächstes Opfer. Er sitzt bereits unter Deck am Tisch, während Ken noch den alten Kahn festmacht...
Ein guter Grund, gleich am nächsten Morgen die Leine los zu werfen. Den Vorschlag Hektors, unter seiner Führung die verfallene Mühle zu besichtigen, lehnen wir dankend ab. 40 Meilen bis Castro.
Ursprünglich wollten wir in der kleinen Marina Quinched am Eingang des Estero Castro einkehren. Der Besitzer klärt uns über seine Preisvorstellungen auf: Eine Nacht an der Mooring ohne Strom und Wasser 8500 Pesos (ca. 12 €). In der Großstadt Puerto Montt liegen die Preise für einen Liegeplatz am Steg bei 2500 Pesos (3.5 €). Eine Busverbindung nach Castro gibt es nicht. Was liegt näher, als direkt mit dem Boot die paar Meilen nach Castro zu segeln, wo wir völlig umsonst und viel windgeschützter ankern können.
Das 1567 gegründete Castro ist mit 35000 Einwohnern die Hauptstadt der Regeninsel und eine der ältesten Städte des Landes. Die windschiefen Häuser am Ufer stehen auf Pfahlbauten, den „palafitos“, in denen manche Chiloten bis heute ohne sanitäre Einrichtungen leben. Sie schützen ihre Bewohner vor den großen Gezeitensprüngen an dieser Küste. Durch das Erdbeben im Jahr 1960 wurden alle Häfen, Brücken und Häuser in Küstennähe zerstört. Ein Kunsthandwerkermarkt lockt mit unzähligen Ständen. Das Stadtbild prägt eine von Franziskaner Mönchen erbaute Holz – Kathedrale, die dringend einen Anstrich nötig hat.
Die Menschen wirken sehr ärmlich und einfach. Viele betteln und schlagen ihre Arbeitslosigkeit in der Hafengegend tot. Im Umland werden die Felder mit Ochsengespannen gepflügt. Jugendliche packen in den Supermärkten die Waren in Tüten - chilenische ABM? Widersprüchliche Eindrücke.
Letzte Station vor Puerto Montt: Isla Mechuque. Ein hübscher kleiner Fischerort mit einer Fährverbindung zum Festland, umgeben von zahlreichen Lachsfarmen. Hier bleiben wir 2 Tage, bis wir die letzten 60 Meilen unserer Tour durch die chilenischen Kanäle bei südwestlichem Wind unter Segeln in Angriff nehmen. Am Abend des 10.11. erreichen wir den Club Nautico Reloncavi in Puerto Montt, wo Ken, der Segler John aus Alaska und das sehr freundliche Club-Personal bereits auf uns warten und die Leinen in Empfang nehmen. Es ist ungewohnt, nach 1500 Meilen durch die endlose, fantastische Natur und Einsamkeit der chilenischen Kanäle plötzlich wieder von so vielen Menschen umgeben zu sein. Ein wenig wehmütig blicken wir zurück.
Puerto Montt wurde 1835 gegründet und galt als Zentrum deutscher Einwanderer. Der „Deutsche Club“ bietet für 7 € eine Bratwurst an. Am Fischmarkt Angelmo finden wir zu günstigsten Preisen geräucherten (Gesund durch Antibiotikum) Lachs. Der Hafen wurde beim Erdbeben 1960 vollständig zerstört. Riesige Kreuzfahrtschiffe ankern in der Bucht und bringen Massen von Touristen aller Nationen dahin, woher wir kommen.
Zwei Wochen später unternehmen wir für ein paar Tage eine siebenstündige Busreise über den Andenpass nach Bariloche in Argentinien. Nach 90 Tagen in Chile ist mal wieder ein neuer Stempel im Pass fällig, auch für unser schwimmendes Heim müssen wir beim Zoll eine Verlängerung für 3 Monate beantragen. An der Grenze wird der Spürhund vom Zoll auf sämtliches Gepäck der Businsassen losgelassen. Die Kontrolle zieht sich über eine Stunde hin.
Bariloche, berühmt für seine Schokolade, war ursprünglich ein ruhiger und renommierter Ferienort der argentinischen High Society. Inzwischen lebt der Ort mit seinen 93000 Einwohnern hauptsächlich vom Tourismus, dementsprechend häufig stolpern wir über Backpacker und deren in riesigen Rucksäcken verpackten Hausstand. Wie angenehm ist es doch, mit einem Segelboot zu reisen.
Zurück in Puerto Montt, befassen wir uns mal wieder mit den unangenehmen Dingen des Reisens per Segelboot: Timo steckt über Wochen im Motorraum fest, tauscht Lichtmaschine und Anlasser aus, verlegt neue Kabel, nimmt mehrmals die Kühlwasserpumpe auseinander, tauscht Impeller und Ölfilter, dichtet Lecks ab und trägt Zinkfarbe auf. Der gebeutelte Motor sieht aus wie neu.
Sandra ist wie immer mit der Beschaffung der Ersatzteile beschäftigt, schrubbt die Bilge, kopiert Seekarten und Handbücher für den Pazifik, pinselt das Teakdeck und dichtet die Löcher im Schlauchboot ab. Die Windsteueranlage muss auseinander genommen und gereinigt werden, die Lampe im Bad flackert, die Homepage- Leser warten etc.
Zwischendurch erkunden wir die Stadt, besuchen einen chilenischen Zirkus und schlendern durch die für südamerikanische Verhältnisse riesigen Baumärkte außerhalb der Stadt. Weihnachten und Sylvester verbringen wir geruhsam in Gesellschaft der anderen Segler im Yachtclub. Die Zeit vergeht rasend schnell.
In den nächsten Tagen machen wir uns auf den ca. 100 Meilen langen Weg nach Valdivia, um von dort entlang der Küste weiter nach Nordchile und Peru zu segeln; mit südlichen Winden des Südpazifik-Hochs im Rücken und dem Humboldt Strom auf unserer Seite – Inshallah…
Zwei Wochen liegen wir in Startposition am Steg in Ushuaia, bis Wind und Tide sich endlich dazu herablassen, unser Trockenfall– Manöver zu ermöglichen. Möbel und Wassertank sind bereits ausgebaut (siehe Kapitel Salvador), dementsprechend gemütlich gestaltet sich das Bordleben. 
Frohen Mutes und sehr nervös machen wir uns im Morgengrauen des 16.04. an die Arbeit. Nachdem wir jeweils 3 Becher Kaffee zum Wachwerden intus haben, wird die arme Ultima eine Stunde vor Hochwasser (laut unseres PC- Tidenprogramms wxtide46) per Hand Richtung Strand gezogen, möglichst nah an der Südseite des maroden Steges, bis sie sich langsam in den Schlamm eingräbt und auf Grund sitzt.
In Windeseile (ca. 2 Stunden) werden Fender und Fenderbretter in die richtige Position gebracht und Leinen festgezurrt, 5 lange Holzbretter werden zur Stabilisierung zwischen Boot und Steg in den Boden gerammt. Den Mast sichern wir nicht zusätzlich mit Fallen am Steg. Wer weiß schon, wie gut die Reparatur in Puerto Deseado wirklich war (gebranntes Kind…). Jetzt heißt es abwarten, bis das ablaufende Wasser Kiel und Welle freigibt.
Aber wir müssen gar nicht allzu lange warten, um festzustellen, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Kaffeetassen rutschen in Höchstgeschwindigkeit über den Tisch, während sich unser schönes Segelboot immer weiter zur Seite neigt – weg vom Steg.

Bei 25 Grad Schräglage pendeln wir uns schließlich ein. Ändern können wir jetzt sowieso nichts mehr. Also zurren wir alles fest, was nicht schon umgefallen ist und bewaffnen uns mit Spachtel, Bürste und Machete. Endlich kommt unsere Gummistiefelanglerhose zum Einsatz.
Timo stürzt sich als erster in die abnehmenden Fluten und schrubbt, bis zum Bauch im Schlamm stehend, den von Muscheln und Algen stark überwucherten Rumpf – nie wieder ein Aluboot…

Bei einer Wassertemperatur von 4° C wechseln wir uns im 20- Minutentakt ab, bis die Oberkante der Schraube aus dem Wasser ragt. Bei Niedrigwasser stellen wir frustriert fest, dass die Welle weiterhin unter Wasser bleibt. Keine Chance, sie auszubauen. Das Wasser steigt bereits wieder.
Fehler 1: Falsche Hochwasserdaten des PC– Tidenprogramms, so dass wir, ohne es zu wissen, eine Stunde zu spät dran waren. Fehler 2: Durch die Schräglage liegt der Kiel tiefer im Wasser. Fehler 3: Zwischen den Ohren.
Immerhin ist der Bootsrumpf wieder sauber. Wir verholen das Boot in noch flachere Gewässer, um aufgrund der günstigen Wetterprognose gleich zum nächsten Hochwasser einen neuen Versuch zu starten. Das kann eine lange Nacht werden. Diesmal sind wir klüger und richten uns nach den aktuellen Hochwasserdaten des Yachtclubs. Noch näher an den Steg heran, damit wir nicht wegrutschen können. Langsam kriegen wir Routine. Die Gaffer und Besserwisser stehen schon am Steg bereit, als wir unser Boot wieder auf Grund ziehen. Sieht gut aus, schnell die Leinen fest.
Nach einer halben Stunde sacken wir wieder weg. Diesmal 25° zur anderen Seite, der Kiel ist seitlich in ein Schlammloch gerutscht, da der Boden hier sehr uneben ist. Schließlich haben hier schon viele andere Segelboote ihr (Un-)Glück versucht. Wieder schrubben bis zum Niedrigwasser, diesmal bei starkem Schneefall und Eiseskälte. Dann der spannende Moment: Das Wasser hat seinen Tiefpunkt erreicht und bleibt genau eine Handbreit über der Welle stehen. Nichts zu machen.
Wir bleiben also auf unserem Stammplatz und planen den Trockenfall Nummer 3 trotz angesagtem Ostwind gleich für den nächsten, sehr frühen Morgen.
Der Hafen ist nach Osten ungeschützt, so dass vom Beagle Kanal her ein unangenehmer Schwell zu erwarten ist. Aber die günstige Mondphase neigt sich dem Ende zu und wir wollen nicht noch einen Monat unverrichteter Dinge hier festsitzen. Also dasselbe Spiel noch mal. Der Schwell hebt das Boot in der kritischen Phase, um es sanft wieder auf den Schlamm zu werfen. Unsere Augenringe werden noch schwärzer, als sich das Boot wieder einmal bedrohlich zur Stegseite neigt. Ein Blick kurz vor Niedrigwasser genügt: Es reicht wieder nicht, die Welle bleibt unter Wasser.

Wir bleiben, wo wir sind und bereiten uns auf Trockenfall Nummer 4 vor. Es hilft alles nichts: Um die Bootsposition noch mehr zu stabilisieren, müssen 2 Mastfallen am Steg angebracht werden. Das kann uns im ungünstigsten Fall den Mast kosten, aber uns bleibt nichts anderes übrig. Diesmal klappt es, wir stehen aufrecht am Steg.
Timo bereitet über Kopf den Ausbau der Welle im Bootsinneren vor: In der engen Bilge ist kaum Platz, um Werkzeuge vernünftig anzusetzen, Eine schmieriger Fett- und Ölfilmpfütze macht das Arbeiten nicht gerade angenehmer. Die Überwurfmutter lässt sich trotz fast aller Tricks (einige wenige befinden sich noch in der Entwicklungsphase) nicht lösen, da muss ein Spezialwerkzeug her. Die Zeit und Lola, äh Sandra rennt. In 2 Stunden beginnt das Wasser wieder zu steigen…
Timo versucht weitere Tricks und Werkzeuge der Nachbarboote, während Sandra mit dem Taxi zur Werkstatt von Senor Castro rast. Leider ist auch hier der Spezialschlüssel nicht aufzutreiben, aber Don Castro ist erfinderisch: In einer halben Stunde hat er das gewünschte Werkzeug in seiner Werkstatt aus Metallresten hergestellt. Gute und schnelle Arbeit. Noch können wir es schaffen, also schnell zurück zum Boot. Als Sandra eintrifft, hat Timo es bereits geschafft, die Überwurfmutter zu lösen. Ist doch ganz einfach: Kleber, Sand, Schlauchschelle, Hammer und Gewalt!!!
Umso besser. Jetzt schnell die Welle aus dem Schaft ziehen und das Loch mit einem Leckstopfen abdichten, bevor das Wasser wieder steigt. Timo zieht an der Schraube, stemmt sich mit aller Kraft dagegen, hämmert an der Welle – nichts tut sich! Das blockierte Lager muss sich im Schaft verkeilt haben. Die Zeit ist um. Erschöpft und frustriert sehen wir zu, wie der Wasserspiegel langsam die Welle unter sich begräbt.

Trockenfall Nummer fünf steht an. Kurz vor Ladenschluss haben wir noch einen Wagenheber erstanden, mit dessen Hilfe wir morgen früh beim fünften Niedrigwasser in Folge hoffentlich die Welle herausbekommen. Wir hatten Glück, einen kleinen Wagenheber zu finden, der in der engen Bilge überhaupt stabil angesetzt werden kann. Als Timo kurz nach Ladenschluss den nagelneuen Wagenheber vorsichtshalber schon mal testet, tut sich leider gar nichts (ja, ja…ich hab Hydrauliköl draufgekippt!). Das Ding ist schließlich „made in Argentina“, also schon vor der ersten Benutzung kaputt! Unser Boot steht bereits kerzengerade auf dem Trockenen. Falls jemand Fragen über das Trockenfallen hat: RUF MICH AN 0190/...
Vorsorglich wird noch ein Mechaniker angerufen, der einen Industriewagenheber besitzt, bevor Sandra frühmorgens zum „Baumarkt“ rast, um das kaputte Ding umzutauschen. Leider noch geschlossen (0830). Öffnungszeiten: 0900h bis 1200h, dann Siesta…
Also im Sauseschritt quer durch die Stadt, um ein passendes Ersatzmodell zu finden. „No hay“ („gibt es nicht“) lautet die Antwort der ersten acht Läden. Inzwischen hat Sandra im „Baumarkt“ den kaputten Wagenheber wieder zu Geld gemacht, es war der letzte im Sortiment, also Umtausch nicht möglich…
Im neunten Laden für Autozubehör wird sie endlich fündig. Schon wieder läuft uns die Zeit davon.
Als Sandra mit dem funkelnagelneuen, funktionierenden Wagenheber im Hafen eintrifft, hat der Mechaniker namens „Panscho“ seinen Industriewagenheber bereits angesetzt. Der Zeitpunkt des Niedrigwassers ist soeben überschritten. Es muss schnell gehen, sonst wird es wieder nichts.
„Panscho“ und sein Hilfsarbeiter(„Sanscho“) hebeln mit voller Kraft, während Timo im Gummistiefelanzug in den kalten Fluten verzweifelt an der Schraube zieht. Inzwischen nagt wohl die Müdigkeit an uns, sonst hätten wir sicher bemerkt, dass „Panscho“ die Zerstörprinzipien der Mechanik perfekt beherrscht. Er setzt den Wagenheber, direkt auf der Zapfenwelle des gegenüberliegenden Ölmotors (teuerstes Element des Hydrauliksystems) an, ohne diesen auf Holzklötzen am „Fundament“ unseres Bötchens abzustützen.
Er und sein Hilfsarbeiter hebeln wie die Verrückten, ohne jegliches Feingefühl und ohne zu bemerken, dass sie die Antriebswelle in schiefem Winkel in den Schaft drücken. Zu guter Letzt bricht der Hebel des Industriewagenhebers ab („Made in USA“ mit 4 Tonnen Power).Bilder sagen mehr als Tränen:

Das Resultat: Rien ne va plus. Nach 10 cm bleibt die Welle stecken und bewegt sich weder vor noch zurück, während bei steigender Tide an den Seiten immer mehr Wasser eintritt. Viel Wasser! Saufen wir jetzt hier im Hafen ab? Wäre mal was Neues.
Timo versucht erfolglos von außen, die Welle mit Hilfe von Hebeln, Leinen und Hammerschlägen auf die Schraube wieder reinzudrücken. Einziges Resultat: Die Schraube wird leicht beschädigt.
Auch der Versuch, die Welle durch Fett abzudichten, schlägt fehl. Die neue Fettpresse („müde in Argentina“) verweigert ziemlich bald den Dienst. Lappen (auch von außen) und ähnliche Versuche scheitern ebenfalls. Wasser tritt inzwischen in Gummihose, Luftröhre und natürlich ins Boot ein.
„Panscho“ ist inzwischen zum „Baumarkt“ gefahren, um Dichtungsgummi zu besorgen. Wir kramen alle Pumpen hervor, die wir besitzen. Die elektrische Bilgepumpe läuft auf Hochtouren. Fragt sich nur wie lange, da „made in Argentina“. Die Nachbarboote stehen auf standby, um mit weiteren Pumpen auszuhelfen. Auf dem Boot sieht es aus, als hätten die Engländer die Malvinas (Falklandinseln) angegriffen.

Zeitgleich feiern die Argentinier den „Dia de las Malvinas“ (Tag des Angriffs der Falklandinseln im Jahr 1982). Zu diesem Anlass stattet der Präsident Argentiniens, Nestor Kirchner, Ushuaia einen Besuch ab und verkündet: „Die „Malvinas“ gehören zu Argentinien!“ Die Menge jubelt. Die englischen Segler machen vorsichtshalber einen großen Bogen um den Festplatz.

„Panscho“ kommt nach einer halben Stunde mit dem Dichtungsmaterial zurück und wickelt eifrig und unbeholfen einen Gummiklumpen um die Welle. Es tritt weiterhin Wasser ein, aber die Pumpe schlägt sich wacker und Timo bekommt ein Handtuch, Socken und einen Schnaps.
Wir verholen unser Boot bei Hochwasser ein paar Meter nach hinten und bändeln an 17 Tonnen belgischem Stahl an. Das Thema Trockenfallen hat sich für uns erstmal erledigt.
Schnell wird mit dem Yachtlub verhandelt, um baldmöglichst einen Termin für den nicht sehr Vertrauen erweckenden Slipwagen zu bekommen. Jetzt müssen wir doch in den sauren Apfel beißen und uns diesem Schrottgestell anvertrauen. Für den Preis von 500 US$! So können wir in Ruhe an Land den unnötigen Schaden einer verbogenen Welle und eines eventuell zerstörten Ölmotors beheben. Das hatten wir uns anders vorgestellt…
In halbminütigen Abständen reißt uns in der Nacht der automatische Bilgepumpen-Alarm aus dem Schlaf. Unsere Augenringe erreichen den größtmöglichen Durchmesser (mindestens Treckerreifen).
Am nächsten Tag gegen Abend wird bei Hochwasser auf Schienen der Slipwagen zu Wasser gelassen. Wir verzurren in zweistündiger Arbeit unser Boot an den verrosteten Seitenhalterungen des Wagens. Der für diese Aktion zuständige „Marinero“ Danny hat keine Ahnung, wie man die Spanngurte bedient, die sich auch noch als zu kurz herausstellen. Wir verlängern sie mit einer Leine, in der Hoffnung, dass diese das Gewicht unseres (mindestens) 6-Tonners + 2 Insassen halten wird. Der Slipwagen „torkelt“ Richtung Strand, als unser geschundenes Boot, bereits bis zur Hälfte des Kiels aus dem Wasser ragend, auf die Seite kippt. Schon wieder Schräglage!
Diesmal beweist der „Marinero“ mehr Geschick und schafft es mit einer zum Flaschenzug umfunktionierten Leine, das Boot wieder aufzurichten. Wir stabilisieren zusätzlich mit Mastfallen. Da es inzwischen stockdunkel ist, vertagen wir die Weiterfahrt (5 Meter) auf morgen und übernachten, mal wieder, auf dem Halbtrockenen.
Am 20.04. steht die Ultima endlich (halbwegs) sicher an Land, nach allen Seiten festgezurrt, um den starken Westwinden zu trotzen.

Endlich können wir in Ruhe die Schäden begutachten. Timo befürchtet einen Totalschaden (an Nerven und Boot) und lässt seinen Ärger lauthals bei „Panscho“ ab. Dieser fühlt sich durch all die berechtigten deutschen Flüche zutiefst beleidigt und in seinem Stolz verletzt (plötzlich versteht er etwas? Nein, kann nicht sein!). Wir sind der Meinung, dass er nun kostenfrei für den Ausbau der Welle zuständig ist, nachdem er diese total verbogen hat. Für weitere Reparaturarbeiten haben wir jegliches Vertrauen in ihn verloren. Haftpflichtversichert ist er natürlich nicht. Er macht sich also auf den Weg, um Werkzeug zu holen, wir warten…
2 Stunden später teilt er Sandra am Telefon mit, dass er jegliche Zusammenarbeit mit Timo ablehnt: „No mi gusto a trabajar con Timo“ („es gefällt mir nicht, mit Timo zu arbeiten“). Er ward nie mehr gesehen…sein Glück!!!

Wir bauen die Welle also selber aus, was sich plötzlich mit 30 Kilo Druck (und korrektem Ansetzen des Wagenhebers) als sehr einfach erweist. Wir haben nicht viel Hoffnung, die verbogene Welle reparieren zu lassen. Senor Castro holt sie am Samstagabend noch ab und will sein Glück versuchen.
In den nächsten Tagen erneuern wir sämtliche Lager und Dichtungen des Wellensystems. Außerdem verpassen wir an einem warmen Tag (8°C) unserem Boot einen neuen Antifouling- Anstrich. Danach schneit und stürmt es wieder. Glück gehabt. Auch die Teflon Buchsen am Ruder werden bei der Gelegenheit ausgetauscht.
Don Castro hat ganze Arbeit geleistet. Nach einer Woche montieren wir die Welle wieder und können endlich den Hydraulikmotor testen. Wir haben inzwischen entdeckt, dass der Ölmotor auf Antivibrationspuffern montiert war, die durch die Wagenheberaktion komplett zerstört wurden. Wenn wir viel Glück haben, wurde dadurch die Beschädigung der Zapfenwelle und des Motorinneren verhindert. Die ersten Tests an Land verlaufen erfolgreich. Jetzt müssen wir das Ganze im Wasser unter Belastung testen.
Am 03.05. rumpelt der Slipwagen auf den krummen Schienen wieder bergab. Ein letztes Mal den Atem anhalten und schon sind wir wieder im Wasser. Hier stehen wir mal wieder für 2 Stunden halbtrocken, bis die „Marineros“ ihre Siesta beendet haben und uns endlich ins tiefe, dreckige Wasser von Ushuaia zurückbefördern.
An den nächsten 3 Tagen werden Tests am Steg durchgeführt. Keine Probleme mit dem Antrieb – ein Wunder.
Wir wagen eine erste, dreitägige Testfahrt in den 10 Meilen entfernten Nationalpark und ankern in der idyllischen und geschützten „Bahia Lapataia“. Hier erholen wir uns bei böigem Wind und Nieselregen von den Strapazen.

Nachts wachen wir wegen kratzender Geräusche auf. Schliddern wir über Felsen, weil der Anker nicht hält? Nein, nur Eis, das unser neues Antifouling abkratzt (170 US$ pro 2,5l…).
Zurück in Ushuaia, bereiten wir uns auf die zweite Testfahrt vor: Kap Hoorn. Am 17.05. brechen wir auf nach Puerto Williams, um das „Zarpe“ (Genehmigung) für Kap Hoorn zu beantragen. Mit im Gepäck ist der holländische Rucksack- Reisende „Jouri“, Philosophiestudent auf Abwegen. Kaum Segel- Erfahrung, aber jung und unerschrocken. Auf den Testfahrt- Charakter der Fahrt weisen wir ihn vorsichtshalber hin.
Am Morgen des 21.05. starten wir bei halbwegs günstiger Wettervorhersage mit 20 - 25 Knoten Wind aus West. Wir segeln. Als der Wind im Laufe des Tages abnimmt, startet Timo den Motor. Der springt aber nicht an! Starterbatterie- oder Anlasserproblem? Timo, Meister des Improvisierens und Survivals, bekommt ihn schließlich zum Laufen. Das fängt ja wieder gut an.

Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir die Isla Lennox, wo wir an einer Boje der Armada festmachen. Hier warten wir die nächtlichen, südwestlichen Winde (30 Knoten) ab.
Per Funk holen wir zusätzlich zum Wetterfax von der Armadastation den aktuellen Wetterbericht für den nächsten Morgen ein: 10-15 Knoten aus Nordwest, gute Bedingungen für die Überquerung der Bahia Nassau.
Bereits in der Nacht lässt der Wind nach, so dass wir gegen 4 Uhr morgens auslaufen. Bei Südwest- Wind zwischen 5 bis 20 Knoten schaukeln wir unter Motor (ist ja schließlich eine Motor und Wellenlager-Testfahrt) über die Bahia Nassau.
Kurz vor Erreichen der Isla Wollaston nimmt der Wind ohne Vorwarnung schlagartig zu: Südwest 40 Knoten, in Böen mehr, direkt auf die Nase. Zum Glück sind wir durch die Insel vor großen Brechern geschützt. Doch wir stellen bald fest, dass wir unser geplantes Ziel, die noch 5 Meilen entfernte Caleta Martial auf der Isla Herschel, aufgeben müssen.
Das Wasser brodelt, der Wind brüllt, wir können den Kurs nicht mehr halten, treiben seitlich, Geschwindigkeit bei voller Kraft voraus: ein halber Knoten. Timo kämpft draußen mit dem Ruder, die elektrische Windsteueranlage schafft es nicht mehr. Jouri wird unter Deck verfrachtet. Wir kreuzen mit Maschine.
Einzige Möglichkeit: Ansteuerung der noch 2 Meilen entfernten, nicht im „Zarpe“ genehmigten Caleta Lientur, die nur bedingten (bei Ostwind keinen) Schutz bietet und für starke Fallwinde berüchtigt ist. Aber bedingter Schutz ist immer noch besser als gar keiner, also kämpfen wir uns fast 3 Stunden lang bis zum Eingang der Bucht vor.
Der CQR-Anker (22kg) fällt auf 16 Meter Wassertiefe – und slippt zweimal. Also befestigen wir einen zweiten Anker (Danforth mit 20kg) mit einer separaten Einholleine und 10 Metern Kette am Hauptanker und lassen die Kette rasseln. Fehler der Mannschaft: Die Einholleine verhakt sich an den Ankern, so dass diese sich nicht eingraben können.
Neuer Versuch bei 40 Knoten Wind, Regen und stockfinsterer Nacht. Zwischendurch hakt das elektrische Ankerrelais. Timo muss mal wieder ran: Überbrücken mit dem Schäkel- Öffner. Das kostet Zeit, aber die Finger werden warm.
Das Radar weist uns piepend auf den knappen Abstand zu der steilen Felswand hin. 3 begossene Pudel atmen erleichtert auf, als GPS und Radar eine stabile Position vermelden. In der Nacht läuft ein spannender Radar- Krimi. Nur „Tatort“ wäre aufregender gewesen.
Vernichtende Fallböen (Williwaws) pfeifen mit Torpedogeschwindigkeit durch die Bergeinschnitte und schleudern uns drei Tage lang durch die Bucht bis 30 Grad Schräglage beim ankern! Windhosen rasen durch Regenbogentore.

Gerne hätten wir die faszinierende Felslandschaft erkundet und die Pinguine besucht, doch wir verzichten aus Sicherheitsgründen auf einen Landgang (oder lässt sich ein fliegendes Beiboot steuern?). Früher lebten auf dieser Insel am Rande der Welt Yamana- Indianer, die riesige Muschelberge und Steinwerkzeuge zurückgelassen haben.
Abends lässt der Wind für ein paar Stunden nach, doch in der rabenschwarzen Nacht wagen wir uns nicht weiter in den unbekannten Süden vor.
Am zweiten Tag kracht es laut im Cockpit:
Monsterböe. Der letzte und heftigste Williwaw zerschmettert das Wasser und gleich 3 Flügel unseres sechsflügeligen Windgenerators und schleudert sie in Neptuns Reich (zum Glück nicht ins Fleisch). Ein Blick in die Hölle. 60 Knoten Wind oder 100? Unser Windanzeiger geht bis maximal 60 Knoten. Danach plötzlich Windstille.

Über SSB- Funk können wir mit „Puerto Montt Radio“ und der Armadastation der Isla Wollaston Kontakt aufnehmen, um unsere Position durchzugeben und aktuelle Wetterberichte zu erhalten. Unser Wetterfax informiert uns zusätzlich über die neuesten, deprimierenden Wetterlagen. Auch die „Patagonien-Netz“- Funkrunde (8164khz 0900Chilezeit) steht uns mit Wetterinformationen zur Seite. Einziges Problem: Alle Wetter- Quellen widersprechen sich.
Ein Blick aus der Luke genügt um festzustellen, dass uns in der dritten Nacht zunehmender Ostwind um die Nase weht. Das Bootsheck weist bedrohlich Richtung Land. Starker Schwell kommt in die nun völlig ungeschützte Bucht. Wir müssen hier schnellstmöglich verschwinden.
Aber wohin? Caleta Martial ist nach Osten ebenfalls völlig offen. Die einzige, nach allen Seiten geschützte Bucht in dieser Gegend, Caleta Maxwell auf der Isla Hermite, ist 13 Meilen entfernt. Die Ansteuerung dieser Bucht bei Nacht ohne jegliche Sicht bedeutet für uns ein zu großes Risiko. Zumal Anlasser oder Starterbatterie, oder Rasmus und Ankerwinsch nicht zuverlässig funktionieren. Das kostet Zeit, die wir im Ernstfall nicht haben. Der abendliche Wetterbericht über SSB ist nicht hörbar. Der Wetterfax- Ausdruck zeigt für die nächsten 12 Stunden südliche Winde bis max. 25 Knoten an. In den Bus sollten wir einsteigen.
Einstimmig beschließen wir, den Rückzug nach Norden anzutreten. Auf Wiedersehen Hölle.
Unsere südlichste Position: 55°43´S; 67°18`W.

65 Seemeilen, 12 Stunden Fahrzeit, Wind 20 – 25 Knoten SSW, starker Schneefall: Isla Wollaston (Hölle)- Bahia Nassau (Fegefeuer) –Puerto Williams (Paradies). Ankunftszeit Puerto Williams: 0815 Uhr lokal time. Fast die Hälfte der Fahrt schneit es und die Sicht reduziert sich auf wenige Meter. Das Radar arbeitet in dieser Nacht mehr als in den vergangenen zwei Jahren und Timo schwört, sich in Ushuaia eine Skibrille zu kaufen.
Natürlich sind die nächsten Tage absolut windstill. Die Sonne scheint auf uns herab und lacht. Hochdruckgebiet über Feuerland, Barometerstand 1035 mb.

3 Tage genießen wir die verschneite Idylle in Puerto Williams. Jouri begibt sich auf eine viertägige Schneeschuh- Wanderung über die „Dientes de Navarino“, die höchste Berggruppe der Insel. Er hat wohl genug vom Segeln. Doch bereits am ersten Abend kehrt er zähneklappernd wieder ins schwimmende Heim zurück, der Schnee war zu tief – und zu kalt…
Lernziel der Reisen über See und Schnee: Der Klügere gibt nach.
Am 28.05. kehren wir für 14 Tage nach Ushuaia zurück. Der Fleisch- und Dieselproviant wird aufgestockt. Außerdem wartet Arbeit auf uns: Ein deutsches Charter– Schiff steht im Trockendock und wünscht einen neuen Anstrich. Bei sehr winterlichen Arbeitsbedingungen (Schnee, Sturm, Minusgrade) schwingen wir den Schleifer und die Pinsel. Endlich mal wieder verdientes und nicht ausgegebenes Geld.
Bereits am 10.06. zieht es uns schon wieder nach Puerto Williams. Mit unserem amerikanischen Nachbarn Ken als Expeditionsleiter und anderen überwinternden Seglern unternehmen wir zahlreiche Wanderungen ins Hinterland von Navarino.
Verwilderte Pfade werden erschlossen,

Flüsse überquert,

Lagerfeuer- Würstchen gegrillt,

Biberdämme inspiziert, verlassene Militärbunker erobert und Kühe in die Flucht gejagt oder umgekehrt.

Die Tage sind kurz, die Zeit verfliegt. Seit dem 10.06. sind wir wieder in Ushuaia. Die Ski- Saison ist eröffnet.
Einige kleinere Wartungsarbeiten stehen noch an, die sich aber andauernd vermehren. Besonders die Feuchtigkeit lässt das Schiff leiden. In Backskisten, unter den Kojen und in anderen (besonders elektrischen) Ecken, gedeiht Schimmel und Pilz hervorragend.
Eine gute Heizung haben wir - manchmal. Grüsse an Eberspächer und die dumm dreinblickenden Kunden.
Während Timo schuftet, vergnügt sich Sandra mit der Französin Sandrine im städtischen Schwimmbad. Herrlich, aber auch hart erarbeitet, denn Voraussetzung war der Besuch beim Fußpilz- Doktor!
Nach dreistündiger Wartezeit im zugigen Wartezimmer wurden Hand- und Zehenzwischenräume eines kleinen Blickes gewürdigt, um jeglichen Pilzbewuchs auszuschließen. Dann noch 1 Stunde argentinische Bürokratie und ein Passbild, bis der ersehnte Schwimmpass den Eintritt ermöglichte. Dieser Pass kostet 15 Peso (knapp 4 €) und ist einen Monat gültig. Dann heißt es erneut: Fußpilz- Kontrolle!
Wir erwandern den Gletscher Martial in den Bergen von Ushuaia.

Auch ein Museumsbesuch steht an: Das „Museo Maritimo & Museo del Presidio“.
Für 10 US$ erhalten wir einen Einblick in das Leben der Strafgefangenen im Jahre 1920. Zu Hochzeiten wurden hier 800 Insassen untergebracht, bis das Gefängnis 1947 geschlossen wurde.
Neben dem Besuch der Zellen werden in dem weitläufigen Gebäude verschiedene Ausstellungen angeboten, die einen interessanten Einblick in die Geschichte der Region und die Erforschung der Antarktis geben. Außerdem sind zahlreiche maßstabsgetreue Modelle berühmter Schiffe und Bilder einheimischer Maler zu bewundern.
Fehlende Seekarten für die chilenischen Kanäle und den Pazifik werden kopiert. Für alle Fälle lichten wir auch die Hawaii Karten von unserem Ami- Freund Ken ab, da wir mit dem Gedanken spielen, über Hawaii nach Alaska zu segeln. Vorausgesetzt, wir bekommen unser Heizungsproblem in den Griff. Was wäre der Mensch ohne Träume…

Wir haben ein Arbeitsangebot auf einem Charterschiff für diese Saison erhalten und mit dem Gedanken gespielt, unseren Aufenthalt in Feuerland zu verlängern. Winterpause am Beagle Kanal. Bedenkpause.

Inzwischen haben wir uns für die Weiterfahrt entschieden. Der Pazifik ruft. Somit besteht unser nächstes Ziel darin, gegen Wind, Schnee und Eis durch die chilenischen Kanäle Richtung Norden zu schippern: Gletscher, patagonische Weite, Puerto Montt, Valdivia.
Diese Reise wird mindestens zwei Monate dauern, fernab jeglicher Zivilisation (Städte, Steaks, Diesel, Ersatzteile, Internet…).Seit 2 Wochen pfeift der Wind unaufhörlich durchs Gebälk. Vor einigen Tagen hat uns eine 60 Knoten- Böe nachts das Beiboot umgekippt, die beiden Paddel gestohlen und den Außenborder getauft.
Den folgenden Tag haben wir damit verbracht, den Außenborder wieder zum Laufen zu bringen und neue Ruder zu besorgen.
Es ist kompliziert bis unmöglich, ohne Motor und Paddel an Land zu kommen. In Ushuaia gibt es im Winter an jeder Ecke Skier zu kaufen, aber Paddel sind Mangelware. So geht die Zeit ins Land.
Nach einer Woche erhalten wir vom Yachtclub die Information, dass die alten Paddel wieder aufgetaucht sind. Erfreuliches Strandgut für unser Ersatzteillager.
Wann es losgeht? Gestern, morgen, in 2 Wochen. Wenn wir und das Boot wieder seetauglich sind. Und wenn der Wind uns lässt.

P.S.: Es ist schön hier!


Unser unfreiwilliger Aufenthalt in Puerto Deseado weitet sich auf über einen Monat aus, was dazu führt, dass wir uns in dem 9000 – Seelen –Städtchen inzwischen fast heimisch fühlen. Ein Schwätzchen hier, eine Einladung dort. Wir sind mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund.

Jeden Tag schauen die Werftarbeiter und die Crews der Fischerboote vorbei. Wir lernen einiges über das Arbeitsleben auf einer Werft und besichtigen zahlreiche Boote der Fischereiflotte.
Enrique, der Kapitän unseres Nachbar-Fischerbootes „Entrena Uno“, versorgt uns mit den neuesten Navigationsprogrammen und Insiderwissen über die speziellen Fangmethoden von Schrimps und Tintenfischen. Außerdem profitieren wir von seinen langjährigen Erfahrungen bezüglich des Wettergeschehens im Südatlantik.

Der Koch wird unser bester Freund, hungern müssen wir hier nicht: Pizza in der Mannschaftsmesse und Lamm- Assado auf dem Deck der „Entrena Uno“; Fisch und Dessert in der Offiziersmesse des neugierigen Kapitäns eines ehemals japanischen Tintenfisch-Fängers, der uns mit Seekarten aus aller Welt beschenkt. Auf der Brücke bestaunen wir den traditionellen, japanischen Schrein hinter Glas, ausgestattet mit einer Schale Reis, Saake, Salz und einigen anderen Glücksbringern, die die Geister der Meere gnädig stimmen sollen.
Eines Abends bringt uns der Chef der Schrimps- Fabrik nebenan 2 Kilo frische Schrimps vorbei. Wer soll das alles essen? Wir opfern uns.

Wir nutzen die Zeit für Landausflüge zum versteinerten Wald


und zum Gaucho - Festival am Stadtrand.


Bei einem Bootsausflug ins Flussdelta bestaunen wir die zahlreichen Pinguin- und Kormorankolonien.


Unser Boot hat sich inzwischen einen wuchernden Unterwassergarten aus Algen, Kelp und Garnelen zugelegt. Ein Tauchgang steht an. Sandra zwängt sich in die ausgeliehene Tauchausrüstung des schlanken Werfttauchers und steigt bei 10 ° Wassertemperatur in die undurchsichtigen Schlammgründe des Hafenbeckens hinab, um dem ca. 40cm langen Bewuchs zu Leibe zu rücken; bewaffnet mit Messer, Plastikspachteln und Bürsten - ein Rasenmäher wäre hier hilfreicher.

Irgendwann werden wir dann doch ungeduldig: Die Mastreparatur dauert viel länger als erwartet, der Mast liegt seit 2 Wochen halbfertig in einer 2 Kilometer entfernten Halle. Der Riss im Mastfuß wurde inzwischen geschweißt, die Aluminiumplatte für die Manschette aus Buenos Aires angeliefert. Eine Arbeit, die im Normalfall höchstens einen Tag dauern würde, zieht sich nun endlos hin. Carlos, der den Auftrag für die Mastreparatur übernommen hat, speist uns täglich mit „no problem“ und „manjana, manjana“ ab. Die Aufträge auf den im nächsten Monat auslaufenden Fischerbooten gehen vor.

Wir warten, fluchen, warten. Einiges läuft schief, es wird gepfuscht; die Aluminium-Manschette wird nicht wie vereinbart vernietet sondern verschraubt, mit verzinkten Schrauben statt VA- Schrauben! Da es laut Carlos im Umkreis von 200 km angeblich keine VA- Schrauben gibt, besorgen wir diese selbst: im Laden um die Ecke… Wir erscheinen nun täglich in der Halle, um den Fortgang der Reparatur zu überwachen.

Statt des Hartholzstückes, das zur zusätzlichen Stabilität eingeschlagen werden sollte, füllt Carlos eine Masse aus flüssigem Gummi und Sägespänen (oder Kork) in den Mastfuß – das Holz konnte wegen der bereits zur Befestigung der Manschette eingesetzten Schrauben nicht mehr eingeschlagen werden. Zu guter Letzt verschweißt Carlos gegen alle Absprachen die untere Mastöffnung mit einer Aluplatte!

Diese darf er bei unserem morgendlichen Kontrollgang auch gleich wieder entfernen, denn damit lässt sich der Mast nicht mehr auf der Steckvorrichtung des Bootsdecks anbringen. Mit der eingeklebten Sägespäne- Paste finden wir uns notgedrungen ab, wobei fraglich ist, ob sie irgendeinen Zweck erfüllt. Was für ein unkoordinierter Pfusch – und das auch noch zu einem unverschämten Touristenpreis.

A propos Preis: Nach 2 Wochen haben wir trotz fast täglichen Nachfragens immer noch keinen Kostenvoranschlag, bis wir eines Tages eine völlig utopische Summe genannt bekommen. Wir laden Carlos telefonisch zu einem Verhandlungsgespräch vor und siehe da: Innerhalb von 5 Minuten schrumpfen die Kosten plötzlich um die Hälfte! Wir einigen uns auf 2500 argentinische Pesos (625 €), inklusive der Kran- und Liegeplatzgebühren. Immer noch teuer genug, aber damit können wir leben, obwohl wir mal wieder feststellen: Segeln ist die teuerste Art zu reisen.

Unsere Väter helfen uns mal wieder aus der Klemme: in Zukunft wird der Mastfuß ein Schild mit der Aufschrift „Sponsored by Papas“ tragen. Vielen Dank an Euch beide!!!

Am 16.02.2007 ist es endlich soweit: Der Mast wird gesetzt! Wir sind wieder ein Segelboot!

Ein paar Tage verbringen wir noch mit dem Ausrichten des Mastes und dem Spannen der Wanten und Stage. Nach Erhalt eines halbwegs günstigen Wetterberichtes für die nächsten fünf Tage heißt es dann Abschied nehmen. Wir bedanken uns noch beim Werftchef mit einer besseren Flasche Wein, bevor wir am Nachmittag des 20.02. pünktlich zur auslaufenden Tide winkend die Leinen los werfen.

Bei leichten südlichen Winden verlassen wir mit Motorhilfe die vertrauten Gewässer von Puerto Deseado. Nach 2 Stunden passieren wir „Pinguino- Island“, wo die „Rock Hopper Pinguine“ zu Hause sind.

Plötzlich blockiert bei einer Wassertiefe von 50 Metern die Schraube und der Motor geht aus. Hat es nach dem Mast jetzt den Motor erwischt? Wir befürchten das Schlimmste! Neustart! Wir legen abwechselnd den Vor- und Rückwärtsgang ein, bis das Boot nach 10 Minuten plötzlich wieder Fahrt aufnimmt. Im Kielwasser sehen wir einen Kelp- Teppich von beeindruckendem Format davonschwimmen, hoffentlich des Rätsels Lösung.
Nach 2 Stunden, ebenfalls auf 50 Metern Wassertiefe würgt eine 2. Kelp- Attacke den Motor ab, keine Fahrt mehr voraus, dafür Schräglage! Wir hängen fest in einem zähen Gummipflanzenteppich. Dasselbe Spiel – vor und zurück, bis wir nach einer viertel Stunde wieder frei sind. Nichts wie weg von der steinigen Kelpküste!
Die erste Nacht auf See nach einem Monat begrüßt uns mit einem strahlenden Sternenhimmel, der sich im Wasser wieder spiegelt. Delphine springen vergnügt und Salto schlagend ums Boot.
Nachmittags sichtet Timo in wenigen Metern Entfernung 2 Wale (Minke Wal?) in Bootsgröße (d.h. mindestens 10 m), die uns ca. eine Stunde ihr Geleit geben. Sie scheinen Gefallen an der Musik aus unseren Außenlautsprechern gefunden zu haben: Iron Maiden! Erst als Timo die Heavy Metal Fans mit einem Konzert auf dem Signalhorn beleidigt, suchen sie das Weite.
Der Wind hat inzwischen zwar auf Nord gedreht, reicht aber kaum zum Segeln, so dass wir immer wieder den Motor mitlaufen lassen. Am 23.02. passieren wir in 100 Meilen Entfernung gegen Mittag die Magellanstraße. Barometer und Thermometer beginnen zu fallen, Nieselregen setzt ein, der Himmel verfärbt sich zu einem eintönigen Grauton. Der sehr böige Wind dreht auf West und nimmt auf ca. 20 Knoten zu, so dass wir endlich mal wieder segeln und unsere Dieselvorräte schonen können.

In der Nacht verlässt uns der Wind bereits wieder. Was soll´ s: Motor starten. Sind ja nur noch 85 Meilen bis zur „Le Maire Straße“.
Beim Starten des Motors vernehmen wir plötzlich ein starkes schabendes und polterndes Geräusch, das nichts Gutes verheißt. Geübte und leidgeprüfte Hände heben den Motordeckel im Cockpit zur Seite und leuchten mit der Taschenlampe den Motorraum aus. Hydrauliköl ist ausgelaufen; Ursache: Die Dichtung des Ölfilters wurde herausgedrückt (warum??? Rückschlagventil, verstopfte Leitung …).
Filterwechsel, Öl nachfüllen, Neustart. Das schabende Geräusch an der Welle bleibt. Lagerschaden? Für den Rest der stockdunklen Nacht bleibt der Motor aus, bei Windstärke 0 driften wir mit dem Strom zurück nach Norden! Auf unserer Wetterfax- Karte zeichnet sich deutlich ein herannahendes Tiefdruckgebiet ab. Mit der Gewissheit, in einen Sturm zu driften, legen wir uns schlafen. Schiffen könnten wir sowieso nicht ausweichen. Das AIS hält Wache.
Im Morgengrauen sehen wir uns noch mal den Motor an und starten ihn zum zwanzigsten Mal. Auf einmal funktioniert er wieder, wenigstens im Vorwärtsgang. Unser Jubel ist sicherlich bis nach Kapstadt zu hören. Vollgas Kurs „Puerto Parry“ auf der Staaten Insel (Isla de los Estados). Ab und zu bekommen wir 10 bis 15 Knoten Wind, so dass das Großsegel ein wenig schiebt.
Die Maschine werden wir auf jeden Fall bis „Puerto Parry“ nicht mehr abschalten, obwohl der Diesel für die Fahrt nach Ushuaia knapp werden könnte. In der Abenddämmerung stehen uns noch 25 Meilen bevor. Da wir im Hellen ankommen wollen, reduzieren wir die Fahrt auf drei Knoten.

Die Nacht wird regnerisch und ungemütlich, der Wind weht unregelmäßig. Dafür schiebt der Strom mit 2 Knoten, so dass wir zu früh ankommen. Bedrohlich zeichnen sich die über 1000m hohen schwarzen Berge im düsteren Morgengrauen ab, verschwinden aber immer wieder im Dunst. Wir fahren eine weitere Stunde im Kreis, bis wir die Hafen(Fjord)- Ansteuerung in Angriff nehmen.
Sobald wir im Fjord sind, ist von Wind und Schwell nichts mehr zu spüren. Die Landschaft ist atemberaubend schön – steile Berge, überall Wasserfälle, tiefschwarzes Wasser und richtige Bäume, die wir seit Mar del Plata nicht mehr gesehen haben. Das Wasser ist plötzlich spiegelglatt, als wir am Ende des vier Meilen langen und mehr als 100m tiefen Fjordes die Häuschen der Armada erkennen.

Auf unsere Funksprüche wird nicht reagiert. Wir vermuten einen Defekt unseres Antennenkabels durch die Mastreparatur; merkwürdig ist nur, dass wir auch mit unseren beiden Handfunkgeräten niemanden erreichen. So machen wir unser Boot an der Mooring für den Versorgungsdampfer der Station fest. Diese hat ungefähr das gleiche Gewicht wie unser Schiffchen. Sandra hüpft jedenfalls erstmal auf der Riesenboje herum und freut sich über die gelungene Ankunft.
Jetzt kann der Sturm kommen, aber vorher wird gekocht, noch einmal die Landschaft genossen und geschlafen. Am nächsten Morgen pfeift es ordentlich im Gebälk, auf den Bergen hat es bis auf 50m Höhe geschneit. Es ist das erste Mal richtig kalt: Luft 7°, Wasser 5°, natürlich funktioniert die Heizung nicht – wäre ja auch ein Wunder. Schnell Frühstücken, Armada ohne Erfolg anfunken und weiterschlafen. An eine Überfahrt an Land ist bei dem Wind und unserer Gummigurke (Beiboot) nicht zu denken.
Nach dem zweiten Erwachen hören wir ein kratzendes Geräusch auf dem Funkgerät. Die Auswahl, im Umkreis der „Islas de los Estados“ zu funken, ist sehr beschränkt, bleibt nur die Armada oder ein Fischer? Armada! Wir sehen rüber zur Station und sehen eine Gestalt mit den Armen fuchteln.
Hilft ja nichts. Also wird das Beiboot bei strömendem, kaltem Regen aufgepumpt und wir fahren rüber. Am Steg werden wir von vier Soldaten in Empfang genommen, die uns gleich in Ihren gemütlichen, beheizten Aufenthaltsraum führen. Es stellt sich heraus, dass sie die einzigen Bewohner auf Zeit dieser Insel sind. Nach 50 Tagen bringt das Versorgungsschiff neue Lebensmittel und neue Soldaten. Das Ganze dient dazu, Argentinien den Anspruch auf die Staaten Insel zu sichern. „Man weiß ja nie, ob die Engländer nicht noch mal angreifen“, erwähnt später einer der Parry´ s grinsend in einem Nebensatz.
Nach kurzem Beschnuppern weicht deren und besonders unsere Nervosität. Wir erfahren, dass die Funkantenne der Armadastation beim letzten Sturm abgerissen wurde. Wir waren zwar gut zu empfangen, konnten aber nicht angefunkt werden. Haben es ja auch nur 76-mal probiert (Port Control PUERTO PARRY, PUERTO PARRY for SY ULTIMA, SY ULTIMA…) und die Jungs um Ihre Nachtruhe gebracht.
Nachdem Sandra in unserem Segelhandbuch entdeckt hat, das man hier Berge besteigen kann, befragt sie die Armada sogleich, wo der Weg startet. Sofort erklären sich zwei Inselhüter bereit, mit uns zu dem Gebirgssee hinauf zu klettern. Timos Gesichtszüge entgleisen, aber was tut man nicht alles…

Der angebliche Pfad ist nur 50m lang, danach entwickelt es sich zu einer hindernisreichen Bergbesteigung. Auf so eine Kletterpartie durch einen verwilderten Wald und über bemooste, nasse Felsen waren wir nicht vorbereitet, also rutschen wir auf unseren profillosen Seglergummistiefeln den Berg hinauf. Ein Soldat schiebt von hinten, der andere zieht von vorne. Nach 350 Höhenmetern erreichen wir den Gebirgssee. Timo dankt schweißüberströmt dem Lieben Gott, diese Tortur überlebt zu haben.
Timo: Ich bin seit zwei Tagen vom Durchfall geschwächt!
Sandra: Ja, ja…um eine Ausrede nie verlegen, wenn es ums Laufen und Abwaschen geht!
Na ja egal, die Aussicht ist herrlich, das Quellwasser schmeckt köstlich und von nun an geht es wieder abwärts. Rutschend und schliddernd erreichen wir die Marinebasis. Die anderen 50% der Inseltruppe hat inzwischen einen Käse-Nudel-Auflauf in den Ofen geschoben und eine Flasche Wein geöffnet. Zum Nachtisch wird ein heißer Kaffee mit selbstgebrautem Kaffeelikör (der Sanitäter hatte eine Flasche medizinischen Alkohol geopfert) und frisch gebackener Kuchen serviert. Die heißen, mit Quellwasser gespeisten Duschen stehen uns ebenfalls zur Verfügung. Was für ein Empfang!
Während wir in den nächsten Tagen auf besseres Wetter warten, versorgen uns die „Parry´ s“ mit aktuellen Wetterberichten, 20 Litern Diesel und frischem Quellwasser. Der Esstisch wird inzwischen ohne Worte für 6 Personen gedeckt. Es folgt noch ein lustiger Spiele - Abend („Risiko“, was sollten Soldaten auch anderes spielen).

Am frühen Abend des 03.03. verlassen wir schweren Herzens den geschützten Hafen von „Puerto Parry“, und lehnen zähneknirschend die Einladung zum morgigen Sonntags– Asado ab. Was nimmt man nicht alles in Kauf für ein günstiges Wetterfenster. Timo hätte am liebsten andere Prioritäten gesetzt, aber Kapitänin Bligh hat die Mannschaft im Griff.
Am Fjordeingang werden wir von starkem Schwell, Regen und 25 Knoten Wind aus Nord begrüßt. Vorbei geht es am Kap San Antonio und hinein in die Le Maire Straße.
Der Wind hat in der Nacht auf Südwest bis zu 20 Knoten gedreht, der Strom ist noch gegenan, so dass wir zeitweise mit nur 3 Knoten Geschwindigkeit vorwärts kommen.
Auf Höhe der Bucht Aguirre nimmt der Wind langsam ab und dreht auf Südost, so dass wir mit Großsegel und Klüver segeln können. Im Beagle Kanal haben wir wieder Strom gegenan und schleppen uns zeitweise mit weniger als 2 Knoten Geschwindigkeit voran.
Der Anker fällt am nächsten Abend in der Bucht von „Puerto Harberton“. Im gemütlichen Restaurant der direkt am Ufer liegenden, historischen Estancia (Schaffarm) ergattern wir trotz später Stunde sowohl einen Platz am Ofen als auch ein köstliches Stück Fleisch. Glücklich und zufrieden fallen wir in die Federn.

Als wir am nächsten Morgen aufwachen, liegt Schnee auf dem Deck! 6 ° - mit Mütze, Schal und Handschuhen bewaffnet geht es Anker auf. Wir hangeln uns durch ein Kelp- Feld und büßen in der nächsten Stunde mindestens einen halben Knoten Geschwindigkeit ein, da sich mal wieder eine zähe Gummipflanze am Kiel verhakt hat.
Zu allem Überfluss haben wir 20 Knoten Wind aus West, genau gegenan. Macht nichts, wir wollen endlich ankommen; die 25 Meilen bis Ushuaia schaffen wir jetzt auch noch. Wir lassen Puerto Williams (Chile) links liegen und geben Gas. 3 Stunden später werden wir von Schneehagel attackiert, die Sicht ist äußerst schlecht und die Geschwindigkeit beträgt ganze 3 Knoten. Die Schnellfähre düst nah an uns vorbei, wir sehen sie nicht, haben aber Funkkontakt.

10 Meilen vor dem Ziel klart der Himmel auf: Ushuaia in Sicht! Ein beeindruckendes Panorama mit bis zu 1500 m hohen gletscher- und schneebedeckten Gipfeln erstreckt sich vor und zu beiden Seiten neben uns.

Um 2000 UTC machen wir an einer Boje des Yachtclubs fest, als sich auch schon über Funk die Prefectura meldet. Mit dem Beiboot geht es zum Steg, an dem es vor Charterbooten wimmelt. Nachdem die Formalitäten erledigt sind, machen wir uns auf den Weg zum nahe gelegenen Supermarkt. Bei unserer Rückkehr wartet schon der Bojenbesitzer mit seinem Motorboot auf uns. Umzug zur nächsten freien Boje. Ankern fällt vorerst aus, denn das Ankerrelais hakt urplötzlich. Beim Versuch, den Rückwärtsgang einzulegen, ertönt wieder das grauenhafte, schabende Geräusch. Oh ja, es kommt mal wieder viel Arbeit auf uns zu – aber nicht heute und auch nicht morgen!

Am nächsten Tag erleben wir die nächste Überraschung: Unser 90– Tage Visum für Argentinien ist dank all der Verzögerungen inzwischen abgelaufen. Es wird uns nur eine Verlängerung für 10 Tage und 100 Pesos (25 €) gewährt. Ein Tag davon geht bereits für die Rennerei zwischen den verschiedenen Immigrationsbehörden und Banken (zwecks Einzahlung der 100 Pesos) drauf. Es bleiben uns also vorerst nur ein paar Tage, um Ushuaia zu erkunden.
1870 errichtete die britische Südamerikanische Missionsgesellschaft hier ihren ersten ständigen Außenposten in Feuerland. Zwischen 1884 und 1947 kerkerte Argentinien viele seiner Schwerverbrecher und politischen Gefangenen hier oder auf der Staaten Insel ein. 1906 wurde das Militärgefängnis hierher verlegt. Seit 1950 ist die Stadt ein wichtiger Marinestützpunkt.
Heutzutage vermarktet sich die 58000 Einwohner zählende Stadt erfolgreich mit ihrer Lage am „Ende der Welt“. Globetrotter und Kreuzfahrtgäste tummeln sich in den eng beieinander liegenden Souvenirshops und Restaurants. In der Stadt herrscht eine laute und hektische Atmosphäre.
In unmittelbarer Nähe erstreckt sich der „Nationalpark Tierra del Fuego“; darüber hinaus lädt die gesamte Bergkette hinter Ushuaia mit ihren Seen und Flüssen zum Wandern ein.

Wir haben einige Segelyachten getroffen, die Ushuaia als Anlaufpunkt für Touren in die Antarktis nutzen. Die Antarktis – Saison ist inzwischen vorbei, dafür beginnt im Juni, wohl auch für uns, die Ski – Saison.

Das Wetter ist günstig, wenig Wind aus nördlicher Richtung, so dass wir uns aus immigrationstechnischen Gründen am 10.03. auf den Weg nach Puerto Williams in Chile machen. Die neue Gastlandflagge wird gesetzt, 25 Meilen durch den Beagle – Kanal nach Osten und schon halten wir die Pässe mit den ersehnten Stempeln in der Hand. Innerhalb von 10 Minuten sind alle Formalitäten erledigt, perfekte Organisation; da sollten sich die Argentinier, Brasilianer und Uruguayer mal ein Beispiel nehmen.

Puerto Williams, obwohl der wirklich südlichste Ort der Welt, ist das absolute Gegenteil von Ushuaia. In der verschlafenen Marinesiedlung auf der Isla Navarino gegenüber des argentinischen Teils von Feuerland zählt gerade mal 2250 Einwohner.
Missionare errichteten Mitte des 19. Jahrhunderts eine dauerhafte europäische Siedlung, die während des Goldrauschs in den 1890er Jahren weiteren Zuzug bekam.
Militärbaracken und vorgefertigte Plattenhäuser mit weißen Palisadenzäunen reihen sich entlang der wenigen Schotterstraßen; freilaufende Pferde grasen am Wegesrand und in den Gärten, zwischen der frisch aufgehängten Wäsche.

Am Ortsrand liegt der 1956 erbaute Friedhof mit wunderschönem Blick auf den Beagle Kanal, wo die letzten Yahgan (Yamana) Indianer begraben liegen - unter ihnen Rosa Yahgan de Milicic, eine der letzten Zeuginnen der alten Yamana Rituale.

Die Landschaft entlang des Beagle Kanals wirkt lieblich und mild, ganz anders, als wir es erwartet haben.
Interessant ist ein Besuch im „Museo Martin Gusinde“, das an den deutschen Pfarrer und Ethnologen erinnert, der von 1918 – 1923 bei den Yahgan –Indianern arbeitete.

Puerto Williams ist ein offizieller Hafen für alle Yachten auf dem Weg zum Kap Hoorn und in die Antarktis.
Über einen steilen Pfad durch moosbedeckte Lenga– Wälder erreicht man nach 2 (mit Seglerbeinen nach zweieinhalb) Stunden den beeindruckenden Aussichtspunkt „Cerro Bandera“. Der Abstieg gestaltet sich für uns etwas unkonfortabel, da wir eine weglose „Abkürzung“ entlang eines Wasserfalls durch tiefen Wald, Gestrüpp und Matsch wählen. Die mehrtägige Wandertour zum „Lago Windhond“ nehmen wir uns für den nächsten Besuch auf der verwunschenen Insel vor, mit Zelt und Schlafsack.

Aus den 2 Tagen, die wir in Puerto Williams bleiben wollen, werden 2 Wochen. Wir genießen die Ruhe in dem sehr geschützten Hafen Micalvi und erholen uns von den Strapazen der letzten Wochen.
Im Hafen treffen wir neue und alte Bekannte:
- die deutsche SY „Santa Maria Australis“ mit Besitzer Wolf, Bootsmann Jochen und dem derzeitigen Kapitän Michael, die uns schon auf Madeira, Gran Canaria und in Buenos Aires begegnet sind und die Chartertouren in die Antarktis durchführen;
- die amerikanische SY „Spindrift“ mit dem Einhänder Ken;
- die deutsche SY „Shanty“ mit Peter (Kapitän), Flint (Papagei) und Wolfgang (Betreiber der Patagonien-Funkrunde). Dieses Treffen war besonders interessant, da wir mit Wolfgang seit mehreren Monaten in Funkkontakt stehen und über unsere Problemchen berichten. Beim Kuchenbackwettbewerb wurden wir von den dreien allerdings betrogen. Sandra´ s Kuchen: leicht angebrannt und lecker. Shanty´ s Kuchen: köstlich aber gekauft;

- der chilenische Touri- Dampfer „Victory“, mit dem wir zu Webeaufnahmen in den Murray-Kanal und zur Button-Island fahren.

Dieses Gebiet ist für ausländische Yachten gesperrt. Wandern und Assado inklusive.

Da es hier weder Ersatzteile gibt noch eine Möglichkeit, die Bootsunterseite näher zu betrachten, starten wir am 24.03. wieder Richtung Ushuaia, 25 Meilen Richtung Westen. Dies erfolgt im Morgengrauen, um zu verheimlichen, dass unser Rückwärtsgang nicht funktioniert. Die Armada in Chile ist zwar sehr freundlich, aber bei Booten mit technischen Problemen verstehen Sie aus Sicherheitsgründen keinen Spaß. Es wird von Booten berichtet, die an die Kette gelegt wurden (selbstverständlich ohne Zugriff auf den Schlüssel).
Der frühe Morgen beginnt mit einem Adrenalinschub, verursacht durch ein extremes Ansteigen der Motortemperatur. Gashebel runter, Motordeckel hoch bei 20 Knoten Wind gegenan. Timo fischt ein Bündel Kelp aus dem Vorfilter und verbrennt sich die Hand am kochenden Kühlwasser, danach sinkt die Temperatur wieder. Dieses verflixte Kelp! Am Ruder hängt auch schon wieder eine fünf Meter lange Kelp– Girlande und bremst unsere ohnehin schon langsame Fahrt.
Inzwischen liegen wir seit 3 Tagen an einer Boje des Yachtclubs. Wir planen, sobald es das Wetter zulässt, unser Boot am Steg trocken fallen zu lassen. Dort wollen wir Schraube und Welle erstmal von außen begutachten und den verwilderten Algengarten bändigen.
Allerdings vermuten wir einen erneuten Schaden am Wellenlager (Einzelheiten siehe Salvador / Brasilien), dessen Reparatur mit einer Menge Arbeit, Schweiß und Flüchen verbunden sein wird. Uns graust davor, die gesamte Sitzecke, den Tisch (unseren Lebensraum) und den 200 l Wassertank auszubauen, um an das Wellenlager überhaupt heranzukommen.
Derzeit liegen die beiden morbiden Boote „Ultima (Das Ende)“ und die norwegische SY „Ragnarök (Weltuntergang)“ nebeneinander. Wir versuchen uns gegenseitig mit technischen Horrorstorys zu übertrumpfen, die seit dem letzen Treffen in Puerto Deseado eingetreten sind. Norwegen gewinnt, bei uns geht der Motor nicht, bei Klaus und Jürgen wackelt der Kiel und Wasser tritt ein.

Wir haben die Schnauze gestrichen voll von all den Reparaturen und wünschen uns:
Sandra: „Eine Hacienda mit Blick auf´ s Meer und einem Garten voller Pferde, Hunde und Blumen – und eine Badewanne und einen Bollerofen und eine Waschmaschine!“
Timo: „Ein Steak mit Pommes!“

Viele Grüße vom Ende (oder Anfang) der Welt
FROHE OSTERN!!!
Die drei letzen Berichte wurden mit einigen Photos ergänzt.
Wir befinden uns in Le Havre (Normandie / Frankreich). Für dieses „beachtliche“ Stück von 350 sm haben wir neun Tage gebraucht. Das bedeutet einen Schnitt von 38 sm am Tag. Ziemlich wenig, aber wir kommen leider kaum zum Segeln. Ständiger Wind aus Südwest oder Süd, so dass man Ihn nicht gebrauchen kann. Windstärke sechs wird praktisch auch nicht unterschritten. Sehr zum Leidwesen von Sandra´ s Magen.
Fangen wir vorne an:
Wir starten am 27.10. in Den Helder und segeln mit einer frischen Brise Richtung Südwest. Die Nacht ist sehr warm, um die 18 Grad. Der Wind nimmt leicht zu und das erste Reff kommt ins Großsegel. Bald darauf tauschen wir den Klüver gegen die Fock.

Blankenberge in Belgien erreichen wir am späten Nachmittag des nächsten Tages, nachdem uns ein Angler an der Kaimauer gefangen hat (oder wir Ihn? Na ja - ging im Geschrei unter). Der Ort ist furchtbar – wie Grömitz mit hohen Bettenburgen. Hafengeld 16 €. Nur die Pommes und die Fleischkroketten sind zu empfehlen.
Schnell weg! Start am nächsten Morgen um 0800 und ab geht es in den Ärmel-Kanal. Der Wind ist mäßig. Das erste Mal auf unserer Reise fällt der Anker - vor dem Stahlwerk von Dünkirchen.
Der Wind bläst inzwischen mit Stärke 7 aus Süd. Die Stahlwerksbetreiber nutzen den ablandigen Wind zum Reinigen Ihrer Filter. Es wird ein sehr romantischer Abend mit Schwefelgeruch (lag nicht an der Erbsensuppe).
26,7 sm später und nach einer ruppigen Überfahrt machen wir am 30.11. an einer Mooring in Calais fest. Aufgrund des starken Fährverkehrs nach Dover wurde eine Art Ampel erfunden, um sicher in den Hafen zu kommen.
Unser Nachteil ist nur, dass unsere zwei Hafenhandbücher die verschiedenen Lichtsignale genau gegenteilig interpretierten. Zum Glück läuft gerade ein französischer Segler vor uns ein, dem wir uns anschließen. Wie sich später herausstellte, ignorierte er die Ampeln oder hatte dasselbe Buch wie wir. Wir haben die entgegenkommende Fähre überlebt und keinen Strafzettel bekommen.

Mit dem Enterhaken wird an einer Wartemooring festgemacht. Der Yachthafen öffnet seine Tore nur bei Hochwasser, was uns bezüglich der Startzeit am nächsten Tag sehr einschränken würde.
Ein weiterer Vorteil der Moorings ist, dass Sie nichts kosten. Also Schlauchboot aufpumpen und rüber an Land. Die Stadt gefällt uns auf den ersten Blick besser als erwartet. Man kann gut essen und einkaufen. Die Sonne scheint und uns überkommt zum ersten Mal ein Gefühl der Urlaubsstimmung. Dank der Zeitumstellung bekommen wir noch eine Stunde geschenkt.
Nächste Etappe Calais – Dieppe:
Um 0600 starten wir. Diesmal mit der richtigen Ampel. Sandra kramt unter Deck und Timo steuert.
Der Steuermann zuckt zusammen, als die Lautsprecheranlage des Hafens lauthals ertönt und versucht, irgendetwas auf französisch zu vermitteln. Jetzt rächt sich, dass man in der Schule nicht aufgepasst hat. Der Lautsprecher meldet sich noch ein zweites Mal. Diesmal ignoriert der Steuermann lässig die Ruhestörung und auch den Umstand, dass eine Fähre hinter uns losmacht. Aber alles geht auch ohne Strafzettel und Karambolage wieder gut.
Mal wieder mit starkem Südwest, schlittern wir am 31.11. gegen 2100 in den Hafen von Dieppe hinein. Die Stadt wird von mächtigen Kreidefelsen eingerahmt.
Schon im Jahr 907 nutzten die Wikinger die hiesige Flussmündung wegen ihrer Tiefe als Hafen. Und nannten sie „djepp“, in ihrer Sprache das Wort für „tief“. Viele Kirchen, eine Burg aus dem 15. Jh. und ein altes Stadttor aus Sand- und Feuerstein verschönern das Stadtbild. Die Häuserfassaden werden von schmiedeeisernen Balkongittern geschmückt.
Obwohl die Stadt uns sehr gut gefällt, werden wir nach drei Tagen Stillstand doch langsam nervös. Südwest 6 – 8 Beaufort und in Böen noch mehr.
Es wird am Boot gebastelt, geputzt, eingekauft und voll getankt. Jeden Tag verrichten wir aufs Neue die Hafengebühren, immer in der Hoffnung, dass der Wind am nächsten Morgen nachlässt oder zumindest aus der richtigen Richtung pustet. Keine Chance. Weder der Seewetterbericht im Deutschlandfunk noch der Aushang beim Hafenmeister haben positive Nachrichten zu vermelden.

Wir haben alle Gassen durchstöbert, mit dem Fahrrad das mittelalterlich wirkende Fischer-Viertel „Le Pollet“ und die Außenbezirke erkundet. Große und kleine Geschäfte säumten den Weg, wir fanden aber nur ein bankrottes Internet – Cafe´ und einen sehr weit entfernten Segel – Ausrüstungsladen, der natürlich die Glühbirne für das Positionslicht (>une ampoulle<), die wir brauchten, gerade nicht auf Lager hatte - so ein Ärger und eine Rennerei im Regen wegen nichts.
Aber das wird uns wohl noch häufiger blühen...
Am zweiten Abend finden wir uns in einem Fischrestaurant bei „Muscheln a` la Roquefort“ wieder, so günstig und köstlich, dass wir uns am nächsten Tag direkt beim Fischer am Hafen mit frischen Muscheln eindecken und das neue Roquefort – Rezept testen, noch günstiger ( 1 Kilo Miesmuscheln 1,50 €) und fast noch köstlicher.
Als der Wind zwar noch aus Südwest weht, aber immerhin etwas nachgelassen hat (so glaubten wir...), beschließen wir, uns mit dem Motor in Küstennähe bis Le Havre durchzukämpfen. Dazwischen liegt nur Fecamp, ein Hafen, dessen Einfahrt bei Niedrigwasser trocken fällt und somit für uns nicht in Frage kommt.
So starten wir gegen 0900, um später den bei Hochwasser einsetzenden Strom Richtung W/SW nutzen zu können. Es beginnt eine der bisher unangenehmsten Etappen: Wind absolut von vorne; kurze, steile und bis zu vier Meter hohe Wellen stürzen über uns und das Boot herein.
Der Motor gibt alles, was man von unseren Fenster- Dichtungen leider nicht behaupten kann. Timo steuert, Sandra speit Galle und anderes.
Abends um 2300 surfen wir endlich in den sicheren Hafen von Le Havre, machen unser braves Boot an einem Gastliegeplatz fest und fallen rückwärts in die Kojen. Hier gibt es, wie auch in Dieppe, unsere geliebten Ampeln an der Hafeneinfahrt. Der Schiffverkehr ist für einen der größten europäischen Häfen entsprechend stark.

Viele Schiffe liegen vor dem Hafen auf Reede.
Am nächsten Morgen schmerzen die Knochen immer noch. Der Hafenmeister kassiert 49 € für 2 Nächte und zweimal duschen, dass schmerzt noch mehr.
Es gibt nichts Schlimmeres, als in eine verdreckte, enge, braun gekachelte 60er– Jahre–Dusche eine Münze einzuwerfen, um dann feststellen zu müssen, dass das lauwarme (oder laukalte?) Wasser die geschundenen Schultern nur tropfenweise und per immer wieder zu betätigendem Druckknopf erreicht. Und dann der fremde Haarpfropf im Ausguss (Zitat Timo: „Ich glaube, vor mir hat King Kong geduscht“).
In solchen Fällen wünschen wir uns nichts sehnlicher zurück als unsere eigene, private Badewanne...
Die Stadt wurde im letzten Krieg fast völlig zerstört, so dass sich der Architekt Auguste Perret seine Traumstadt baute. Leider war er, unübersehbar, ein Betonfanatiker und machte nicht einmal vor der Kirche halt.
Des weiteren gibt es einen Betonklotz, der sich Kulturzentrum nennt.

Die Läden für Segelausrüstung haben wesentlich mehr zu bieten.
Zufällig findet an diesem Wochenende die Jacques Vabre Transatlantik – Regatta (www.jacques-vabre.com)statt. Es geht nonstop von Le Havre nach Salvador de Bahia in Brasilien.
Am Samstag starten zwanzig „60-Fuß-Monocoques“ (Einrumpfboote), ein spannendes Ereignis – Menschenmassen und Zuschauerboote sind unterwegs; es herrscht Volksfeststimmung.
Sechs Hubschrauber kreisen in halber Masthöhe über dem Geschehen. 10 Meter an unserem Liegeplatz vorbei fahren die französischen und englischen „Stars“ wie Ellen Mc Arthur, Roland Jourdain, Mike Golding mit stolzen Rennyachten namens „Galileo“, „Sill&Veolia;“, „Bonduelle“, „Ecover“ (meistens nach den Namen der Sponsoren benannt).
Am Sonntag wird es noch turbulenter auf dem Fahrwasser und auf den Bürgersteigen, als die riesigen „Multicoques“ (Mehrrumpfboote) gegen Mittag den Hafen verlassen.
Die haben es gut, die können bei dem Wind (SW 7-8, in Böen 9-10) relativ problemlos auslaufen (Gedankengang: Die haben ja auch Sponsoren und müssen – Wir haben noch die Boots- Versicherung und könnten...Nein Danke!.
Auch technische Problemchen haben wir:
Unser Großsegel hat einen Riss im Achterliek, den wir mit Panzertape in Den Helder vorerst provisorisch geklebt haben (hält immer noch);
Zudem fahren wir manchmal mit zwei- oder dreihundert Litern Wasser in der Ankerkiste durch die Gegend – wir arbeiten zum dritten Mal daran, die Kiste mit Moosgummi abzudichten;
Unser 800 € teures Batterieladegerät spinnt (laut Prospekt: „...erkennt Fehler selbst!“);
Undichtigkeit im Kleiderschrank (der Heizlüfter der Marke „Fakir“ arbeitet Tag und Nacht daran, die Schurwolle wieder ins Trockene zu bringen);
Werkzeuge verschwinden einfach (Klabautermann?);
Der Kühlschrank macht eine wohl saisonal bedingte Pause, deren genauerer Ursache wir bisher noch nicht auf die Schliche kamen. Diesem Problem werden wir uns wohl in wärmeren Gefilden ernsthafter widmen;
Und wir werden auch diesmal nicht enttäuscht: Es ist finster vor Kap Finster, kein Mond, keine Sterne, schnell weiter...
Doch plötzlich erscheinen in der Düsternis hell leuchtende, riesenhafte Plankton – Sterne, dort wo das Boot die Wellen aufwühlt. Als wir zum Bug rasen, trauen wir unseren Augen kaum:
Delphine tanzen auf der Bugwelle und leuchten unwirklich in der stockfinsteren Nacht – schnell, schimmernd, schön. Sind wir in der Milchstraße gelandet?
Die Delphine begleiten uns lange in dieser Nacht und lotsen uns sicher am Kap vorbei. Später nimmt der Wind zu, dreht und die Wellen werden seltsam kurz und unangenehm kabbelig.
Wir sind froh, als wir am nächsten Vormittag Bayona erreichen, unsere letzte spanische Stadt am Festland.

Da die Hafengebühren hier unverschämt teuer sind und die Stadt uns vom ersten Eindruck her nicht besonders anspricht, halten wir uns hier nicht länger auf als notwendig: Duschen, Schlafen und der inzwischen traditionelle Pommes– Test.
Es erwartet uns ein sonniger Segeltag mit wenig Wind aus N – NE, der uns am Abend in den kleinen Fischerort La Guardia an der spanischen Grenze verschlägt. Anlegen ist hier nicht möglich, also werfen wir den Anker, nah an der Hafeneinfahrt. Da der Untergrund hier sehr steinig ist, hält der Anker nicht. Dies merken wir allerdings erst, als der Wind zunimmt und wir schon längst in den Federn liegen.
Ein zufälliger Blick vor dem Einschlafen überzeugt uns davon, im Frierkostüm den Motor anzuschmeißen, den Anker hochzureißen, und das Weite zu suchen.
Spanien ade´ - Portugal gefällt uns sowieso viel besser. Die Menschen erscheinen uns grundsätzlich freundlicher, hilfsbereiter und weltoffener – zumindest spricht selbst der betagte Portugiese ein paar Brocken englisch und bemüht sich ansonsten ernsthaft mit Hand und Fuß.
Viano do Castello nennt sich also unsere erste Anlaufstation im Land mit den langen Stränden; nachts um 0330 werden wir von zwei freudig plappernden portugiesischen Hafenwärtern an unseren Liegeplatz geleitet. Ausschlafen, Stadtbesichtigung, Strandbar und natürlich – Pommes.
Da Portugal dann doch leider nur eine Transitstrecke für uns ist, zieht es uns bereits am nächsten Morgen weiter Richtung Süden. Wir machen unser Boot im wegen Umbau geschlossenen Hafen von Leixos / Porto fest. Das hat den Vorteil, dass wir die Hafengebühren einsparen, die wir dann später viel besser in immer noch sehr billigen, aber köstlichen Fleischwaren beim Metzger anlegen.
Hier trudelt in der Nacht auch die französische Segelyacht mit den drei jüngeren „Kanaren – Club – Mitgliedern" ein, die wir seit La Coruna immer wieder treffen. Wetterberichte werden verglichen, neben diesen Nachbarn werden wir unser Zuhause wohl noch öfter „parken".
Am nächsten Morgen stehen wir frühzeitig auf, um nach langer Zeit mal wieder unsere kulturellen Bedürfnisse zu befriedigen und eine Busfahrt nach Porto zu unternehmen. Nach einer Stunde Schaukelei durch hässlichste Vororte werden wir im Zentrum der „heimlichen Hauptstadt" mit rund 380 000 Einwohnern ausgesetzt.
Unser Reiseführer hat über Porto als lebendige, weltoffene Handelsstadt, als das produktive Zentrum des Landes zu berichten. „Hier wird nicht gelebt, hier wird gearbeitet", behauptet ein altes Sprichwort.
Bereits durch die Kelten besiedelt, ab 711 durch den Einfluss der Mauren geprägt, wird Porto mit seinem Hafen „portus – cale „ bereits im Jahr 868 durch die Christen erobert - Porto hat dem ganzen Land seinen Namen gegeben.
Wir erleben die hügelige Stadt mit vielen Barockbauten mit zahlreichen Plätzen und Kirchen als sehr vielseitig, doch trotz der protzigen Bauten wird die bittere Armut der Bevölkerung in dieser Stadt Europas sehr deutlich.
Wir fühlen uns zeitweise in eine Zeit „vor unserer Zeit" versetzt – kleinste Gemüse-, Obst- und Allerlei- Läden, wie man sie in Deutschland seit Jahrzehnten (wie wir aus Erzählungen wissen) so nicht mehr findet. Viele Häuser sind verfallen, grau, mit eingeschlagenen Fenstern. Der Vergleich mit einem kommunistischen Land Osteuropas kommt uns in den Sinn.
In der Markthalle verkaufen alte Frauen (in Pantoffeln, dicken Wollsocken und einfachsten Haushaltskleidern), die kaum noch stehen können, Gemüse für Pfennigbeträge – sie können kaum auf ein 2- Euro– Stück herausgeben.
Einerseits eine faszinierende Einfachheit – aber aus unserer verwöhnten, europäischen Sicht auch erschreckend. Dieser Eindruck bestätigt sich in den anderen (Hafen-) Städten Portugals, die wir kennen lernen.
Der Reiseführer verweist darauf, dass die Situation sich im östlichen Landesinneren eher noch verschlimmert. Dort werden die unwegsamen Berghänge noch mit Ochs und Pflug bewirtschaftet.

Der eher frostige Eindruck, den wir von der „Kulturhauptstadt Europas 2001" gewinnen, wird sicher noch durch die Temperaturen knapp an der Schneefallgrenze und den beständig auf uns niederrieselnden, eisigen Regen verstärkt.
Und weiter geht die Fahrt am nächsten Morgen, kaum haben wir den Hafen verlassen, überfällt uns eine grollende Gewitterwolkenfront, die Mützen, Jacken, Turnschuhe und Nacken innerhalb von Sekunden bis obenhin mit Wasser füllt...
Nach einer Nachtfahrt erreichen wir den Fischerort Nazare´. Herrenlose Hafenhunde durchstöbern vor der Fischfabrik die Fischreste des Tages. Ab und zu Regenschauer.
Auf einer lang gestreckten Betonmauer haben sich andere Segler verschiedener Nationen mit Farbe und Pinsel teilweise sehr kunstvoll verewigt.
Das Highlight, nachdem Timo das Hafengelände und den Strand erkundet hat: Die gewaltige Brandung des Atlantiks am Strand nahe der Mole: Timo´s Augen stürzen sich fasziniert leuchtend in die riesigen Wellen.

Währenddessen tobt auf den Kanaren der Tropensturm „DELTA". Gut das wir uns bis jetzt Zeit gelassen haben: So ein Sturm ist selbst im Hafen unangenehm wenn nicht sogar gefährlich.
Die "Sueddeutsche Zeitung" schreibt am 29.11.2005:
Tropensturm "Delta"
Kanaren von Außenwelt abgeschnitten
Mit Windböen von bis zu 120 Kilometern in der Stunde hat das Unwetter bislang sieben Menschen das Leben gekostet und erhebliche Schäden angerichtet. -->
Erste Ausläufer von "Delta": Wellen brechen an der Promenade von Santa Cruz de la PalmaFoto: dpa
La Palma, El Hierro, Gomera und Teneriffa waren durch den Sturm praktisch von der Außenwelt abgeschnitten. Wegen Erdrutschen oder umgestürzter Bäume waren mehrere Straßen blockiert, wie der Rundfunk in der Nacht zum Dienstag berichtete.
Rund 150.000 Haushalte waren ohne Strom, und auch die Telefonverbindungen brachen vielerorts zusammen. Angesichts des Unwetters hatten die Behörden die Schließung aller Schulen auf den Kanaren angeordnet.
Rund 400 Kilometer südlich des Archipels brachten das Deltas Böen ein Flüchtlingsboot zum Kentern. Bereits am Montag waren mindestens sechs Flüchtlinge aus Afrika ums Leben gekommen, die wegen des Unwetters rund 400 Kilometer vor den Kanaren mit ihrem Boot kenterten. Zwölf weitere werden noch vermisst. 32 der Insassen überlebten und wurden mit einem Rettungsschiff und einem Hubschrauber geborgen. Die Schiffbrüchigen waren von einem unter der Flagge Panamas fahrenden Öltanker gesichtet worden. Auf Fuerteventura starb nach offiziellen Angaben vom Dienstag ein 63-Jähriger, der vom Dach seines Hauses stürzte, als er dieses reparierte. (dpa)

Auf dem Weg nach Lissabon legen wir noch einen weiteren Stopp in Peniche ein, wo uns ein freundlicher Zöllner per Handschlag begrüßt und in wenigen Minuten unsere Papiere kontrolliert.
Der hilfsbereite Hafenmeister drückt uns einen sehr ausführlichen, aktuellen Wetterbericht in die Hand. Ein seltener Service, der nach der Erzählung des Hafenmeisters darin begründet liegt, dass vor ca. 10 Jahren ein Segler – Pärchen ohne Wetterprognose diesen Hafen verließ und Lissabon nie erreichte...

Das Highlight, nachdem Sandra in der Nacht offenherzig die Luken auflässt: Rattenalarm!
Von einem leisen Getrappel auf Deck geweckt, riskiert sie einen Blick nach draußen: In Sandra´ s Augen spiegelt sich der blanke Horror, als sie einer Ratte direkt ins Antlitz blickt. Alle Schotten dicht!!!
Noch in dieser Nacht werden lebhaft Strategien zur Ratten- (und Kakerlaken-) Abwehr entwickelt. Vorläufiges Ergebnis: Große Plastik – Teller mit Einschnitt, so dass sie über die Festmacher – Leinen gestülpt werden können, überdimensionale Mausefallen (tot oder lebendig!), Lebensmittelkontrolle und Reinigung des Frischproviants außerhalb des Bootes...
Nach einem sonnigen Segeltag fällt der Anker am 29. November in Cascais, einem Vorort von Lissabon mit 30 000 Einwohnern; ehemalige Sommerresidenz des Königshauses und ein beliebter Badeort mit dem Charme eines alten Fischerdorfes.
Der nächste Tag beginnt kalt, aber mit strahlendem Sonnenschein. Das Klüver – Segel wird zur Reparatur gebracht. Später laden wir das Schlauchboot mehrmals bis obenhin mit Einkäufen für die Atlantik – Überquerung voll.
Beim dritten Mal geht es dann schief: Als Timo am Strand anlanden will, erwischt ihn eine Welle, die das Beiboot zum Kentern bringt. Timo klitschnass, Außenborder klitschnass – und streikt auf dem Rückweg zum Boot komplett. Paddel? Vergessen! Also wird leidlich mit den Händen gefächert, bis sich ein freundlicher Fischer mit Paddelboot erbarmt...
Eigentlich wollte uns an diesem Wochenende Schulfreundin Assi und Uwe besuchen, hat leider wegen unpassender Flugverbindung nicht geklappt. Schade!

Inzwischen haben wir unser getreues Boot und uns in den Hafen verholt, um solche Annehmlichkeiten wie z.B. halbstuendiges Duschen oder einen am Abend dauerlaufenden Heizluefter nicht laenger missen zu muessen. Wir bereiten uns auf die Ueberfahrt zu den Kanaren vor (Einkauf, Tanken etc.), versuchen, etwas portugiesische Weihnachtsstimmung zu erhaschen und Lissabon zu erkunden.

Die Lissabon - Erkundung startet mit einer halbstuendigen Zugfahrt, hin und zurueck fuer 2,90€! Wir laufen planlos durch die Stadt.
Ueberall Denkmaeler, Burgen, Theater, Cafe´s, wunderschoene Plaetze, Maronenverkaeufer, Museen, blinde Losverkaeufer, Verkehrschaos, Blumenfrauen, Bettler...Wir laufen und laufen.
Gut, dass wir zu Fuss unterwegs sind, denn der Verkehr kommt komplett zum Erliegen, als ein Lieferwagen die Strassenbahnschienen blockiert. Mindestens 10 hektische Polizisten versuchen der Lage Herr zu werden. Der Fahrer ist nicht aufzufinden und schon kommt mit Karacho ein Abschleppwagen der Polizei mit Blaulicht und Sirene ueber den Buergersteig gerast.
Aber als Erstes verbringen wir eine Stunde in einem Fachgeschaeft fuer nautische Karten. Der Angestellte ist heute Vater geworden und bester Laune?! Wir bekommen Uebersegler und bestellen Gastlandflaggen fuer Suedamerika (und wenn wir genug Geld haetten, auch fuer den Rest der Welt). Die Adresse des gut sortierten Geschaefts haben wir auf dem Boot vergessen - wird nachgereicht.
Die Stadt ist im Vergleich zu Porto herrlich lebendig und vielseitig.
Fuer den Mittwoch nehmen wir uns das "Ozenarium", groesstes Meerwasser - Aquarium in Europa vor. Eigentlich wollten wir dann schon auf Hoher See sein, aber...

Der Hafen von Cascais, einem Vorort von Lissabon, in dem wir derzeit liegen, ist empfehlenswert, da die Haefen direkt in Lissabon am Flussufer des Tejo teuer und laut sind. Hier gibt es, im Gegensatz zu Cascais, keine Winterpreise und keinen Supermarkt in der Naehe.

Nach mehreren Stunden in Lissabon ist es ein schoenes Gefuehl, in das ruhige, uebersichtliche und beschauliche Cascais zurueckzukehren.
Weihnachten werden wir, hoffentlich sturmfrei, auf den Kanarischen Inseln verbringen.
Weihnachtspost in deutscher Sprache wird von uns heiss ersehnt (allerdings nur Worte - oder Briefsendungen, keine Paeckchen) und kann an folgende Adresse geschickt werden:
SY Ultima
Sandra Wulf u./o. Timo Hollaender
c/o Officina del Puerto
Muelle Deportivo
Las Palmas de Gran Canaria
Spanien

In der in Las Palmas erhältlichen deutschen Zeitung (vier große Buchstaben) ist in den letzten Tagen häufig vom Mangel deutscher Tugenden die Rede, z. B.:
Verlässlichkeit, Pflichterfüllung, Disziplin, Pünktlichkeit, Bildung, Fleiß.
Vielleicht sollten Herr Platzeck & Co des Vergleichs wegen mal das europäische Spanien und seine Inselwelt besuchen um zu erkennen, dass „preußische Tugenden“ in der deutschen Gesellschaft nach wie vor fest verankert sind und dass „Made in Germany“ (zumindest im Ausland) immer noch steht für Qualität, Langlebigkeit, Kundenservice etc.
Wir haben während unserer Reise sowohl auf spanischem Festland als auch auf Gran Canaria bisher die Erfahrung gemacht, dass es viel Schweiß, Geduld und Mühe erfordert, spezielle Ausrüstungsgegenstände bzw. Ersatzteile zu erhalten oder defekte Geräte reparieren zu lassen.
Dies liegt sicher u.a. an unseren mangelnden Spanisch – Kenntnissen (wir arbeiten daran), andererseits sind wir immer wieder verwundert darüber, dass Spanier aller Altersgruppen häufig schulterzuckend abwinken, wenn wir sie in englischer Sprache ansprechen – obwohl der Tourismus hier eine wichtige Rolle spielt.
In letzter Zeit setzen wir uns häufiger mit Begriffen wie „Arbeitsorganisation“ oder „Zeitmanagement“ auseinander.
Ein Beispiel: Wir bringen unseren Außenborder, der einen Wasserfall hinter sich hat und völlig versandet ist, zur Reparatur. Nachdem wir dem lethargischen Verkäufer mit Hand und Fuß zeitaufwändig unser Anliegen vorgebracht haben, versichert uns dieser, dass der Außenborder in die Werkstatt gebracht wird und wir am nächsten Tag einen Kostenvoranschlag erhalten.
Als wir am nächsten Tag frohgemut den Laden betreten, steht der Außenborder immer noch neben der Tür. Manjana, manjana...
Am nächsten Tag ein neuer Versuch: Manjana, manjana...
Am folgenden Tag hängt der Motor im Schaufenster wie zum Verkauf – der Verkäufer hat vergessen, ihn dem Werkstatt – Lieferanten mitzugeben und nutzt ihn lieber zu Werbezwecken: Manjana, manjana...
Wieder einen Tag später nehmen wir den Außenborder unverrichteter Dinge und frustriert wieder mit.
Das holländische Allroundtalent Martyn vom Nachbarboot hat uns angeboten, den Motor zu reparieren. Einen Tag später erhalten wir ihn nach fünfstündiger Komplettreinigung und Generalüberholung zurück – er läuft besser denn je.
Ein leichtes Gefühl von gesundem Patriotismus kommt auf, wir merken erst jetzt, wie sehr wir die guten alten deutschen Tugenden verinnerlicht und schätzen gelernt haben. Manchmal muss man wohl erst das eigene Land verlassen, um eine solche Erkenntnis zu gewinnen.
Aber fangen wir doch von Vorne an...
Am 09.12.2005 verlassen wir Lissabon / Cascais mit Ziel Lanzarote auf den Kanaren. Der Wind weht mäßig aus Nordost und wir segeln mit Großsegel und Genua 3 Tage und Nächte ohne große Vorkommnisse. Am 4. Tag geht uns der Wind aus und dreht dann immer mehr auf Südost, für uns die Entscheidung, per Halse den Kurs in Richtung Madeira zu ändern.
Am 14.12. erreichen wir um 1400 Uhr den Hafen von Funchal / Madeira. Der schwimmende Blumengarten öffnet uns seine Pforten.
Madeira besteht aus einem Archipel aus fünf Hauptinseln vulkanischen Ursprungs. Wir laufen die größte der Inseln -Madeira Grande - an, die der Inselgruppe ihren Namen gab. Mehrere tausend Meter vom Meeresgrund aufsteigend, misst der höchste Punkt auf Madeira Grande 1862m. In der Mitte der Insel ragt der große, erloschene Vulkankrater empor. Aufgrund der vulkanischen Natur gibt es hier keinen Sandstrand, den man aber auf der nahe gelegenen Nachbarinsel Porto Santo finden kann.
Nachdem bereits die Phönizier die Inseln besucht haben, wurden sie zu Beginn des 15. Jahrhunderts von den Portugiesen „wiederentdeckt“. Sie waren unbewohnt und von dichten Wäldern bedeckt, was ihnen ihren Namen einbrachte, der von dem portugiesischen Wort „madera“ (Holz) stammt.
Im goldenen Zeitalter der Entdeckungen spielte Prinz Heinrich, Sohn des Königs Johann von Portugal, eine bedeutende Rolle. „Heinrich der Seefahrer“ nahm nicht selber an den Entdeckungsfahrten teil, inspirierte und unterstützte aber die verschiedenen Reisen.
Die Ansteuerung ist einfach, Ankern vor dem Hafen jedoch nicht unbedingt empfehlenswert. Im Hafen selber ist sehr wenig Platz für Gastlieger. Es passen maximal vier größere Schiffe an die Mole, an der wir nun auch im Dreier - Päckchen liegen.
Das Einklarieren klappt ohne Probleme, allerdings betragen die Hafengebühren 17,00€ pro Nacht. Mauer der Marina ist mit farbenprächtigen Bildern von durchreisenden Segelyachten bemalt. Um die sanitären Einrichtungen zu erreichen, muss man erst das Hafenbecken umrunden und etwa 10 Restaurants passieren. Jedes Restaurant hat einen Kellner vor der Tür postiert, der vorbeiziehende Touristen in sein Etablissement locken will. Dies erfolgt sehr freundlich und mit der Speisekarte in der Hand, ist aber störend und zeitaufwendig wenn man dringende Geschäfte erledigen muss.
Die Hauptstadt Funchal ist sehr sehenswert. Es gibt mehre Festungen aus dem 16. Jahrhundert, die zur Piratenabwehr gedient haben. Zahlreiche Parks und Gärten zieren die Stadt, in denen Strelizien, Orchideen, weiße Lilien, Hibiskus und Frangipani blühen. Preisgekrönte Blüten, normalerweise von Gärtnern gezüchtet, wachsen hier wild wie Unkraut. An vielen Ecken kann man Blumen kaufen – garantiert nicht „Made in Holland“! Hoch über der Stadt befindet sich der Botanische Garten, über eine Seilbahn zu erreichen.
Das „Madeira Story Centre“ gibt einen umfassenden und lebendigen Überblick über die geschichtlichen Hintergründe des Insellebens (10€ Eintritt). Weiß getünchte Häuser im portugiesischen Kolonialstil und hübsche Mosaikbürgersteige prägen das Bild der Altstadt.
Wir nutzen umsonst ein sehr gut ausgestattetes städtisches Internetcafe´ am „praca do municipio“.
An Segelläden ist Funchal nicht allzu gut bestückt. Die Versorgung in Supermärkten ist gut, wenn man nicht fußkrank ist. Für Fußkranke gibt es aber auch einen Tante-Emma-Laden direkt im Hafen mit fairen Preisen und kaltem Bier. Auch mit dem Madeira Wein sollte man sich auseinander setzen – zum Kochen noch interessanter als im Glas.
Mit einem Linienbus erkunden wir die Insel. Die Linie 80 startet um 1000 an der Hauptstrasse und fährt an der Westküste nach Porto Moniz. Die Busfahrt ist ohne Übertreibung mit dem Begriff „atemberaubend“ zu umschreiben. Der Weg führt über Serpentinen auf Klippen, die mehrere hundert Meter steil ins Meer fallen. Immer wieder stürzen Wasserfälle ins Meer. Die Landschaft ändert sich abhängig von der Höhe, die der Bus erklimmt. Bananenplantagen und Blumengärten gehen schon nach 10 Minuten Aufstieg in spärlichen alpinen Bewuchs mit Moosen, Flechten und Farn über.
Bewässerungskanäle, die „levadas“, leiten das Wasser von den Berghöhen auf die Felder im Tal. Nach drei Stunden sind wir in Porto Moniz.
Wer diese Busfahrt unternimmt, sollte unbedingt seine Badesachen mitnehmen, da es hier eine wunderschönes, in das Lava - Gestein eingefügtes Natur - Freibad gibt. Nach vierstündigem Aufenthalt geht es um 1600 Uhr mit der Linie 139 (selber Busfahrer wie bei der Hinfahrt) über Santa Vicente quer durch die Berge zurück.
Als wir am nächsten Morgen aus dem Fenster schauen, hat über Nacht das deutsche Kreuzfahrtschiff „Aida Blue“ festgemacht. Wir entschließen uns, dem Pott einen Besuch abzustatten, um dessen Bibliothek zu plündern. Die unsere ist stark dezimiert, da wir beim Segeln Unmengen von Büchern „verbrauchen“.
Leider mangelt es uns an Schlips und Abendkleid, so dass der „Türsteher“ an der Gangway uns abweist (mit der Begründung, es gebe keine Bücher auf dem Schiff) und wir unverrichteter Dinge von Dannen ziehen.
Die „Aida Blue“ hat inzwischen seine 2000 Passagiere ausgespuckt, so dass in Funchal nun alle deutschen Dialekte zu vernehmen sind. Mit Walking - Stöcken, Mountainbikes oder einfach nur zu Fuß werden die ersten 100 Meter der Insel unsicher gemacht.
Es wird Zeit für unsere Abreise. Leider befinden sich unsere Schiffspapiere im Hafenbüro, das am Wochenende geschlossen ist. Die Papiere bleiben im Tresor.
Abfahrt: Montag!
Nach eingehender Wetterberatung mit unseren norwegischen Nachbarn starten wir am 19.12.05. In unser GPS geben wir den Wegpunkt Las Palmas de Gran Canaria ein, Kurs 170 °.
Mit wechselnden Winden kommen wir nur langsam voran und brauchen für die Strecke von 285 sm vier Tage.
Am 22.12. legen wir um 1000 Uhr an der Texaco – Tankstelle im Hafen von Las Palmas an, tanken voll und erreichen eine halbe Stunde später unseren Liegeplatz an Ponton 18, wo wir geruhsam und in netter Gesellschaft die Weihnachtstage verbringen. Wir buddeln aus dem Vorschiff die Kiste mit dem Weihnachtsschmuck aus und machen bei 20° aus unserem Aluminium – Dampfer ein Weihnachtsschiff.
Zu unserer Linken liegt noch ein Schiff mit deutscher Flagge: Klaus aus Bayern mit seiner schönen „Lisa“, Heimathafen Lübeck.
Namentlich begrüßt werden wir bei unserer Ankunft von der deutschen Segelyacht „Como No“ von den beiden Kapitänen Hermann aus dem Rheinland und Boy aus Stade. Auf ihrem Tisch liegt fein säuberlich ausgeschnitten unser Zeitungsartikel vom Stader Tageblatt, sie wissen bereits alles über uns, kennen sogar bereits den Vornamen von Timo´s Mutter, wir sind gerührt. Es stellt sich heraus, dass wir fast die gleiche Reiseroute haben, also trinken wir an Heiligabend nach Bescherung und Schweinebraten mit Rotkohl und Klößen erst mal „auf gute Nachbarschaft“.
Weitere Weihnachtsgäste sind Martyn, der Holländer und Gregor aus Osnabrück v on einem deutschen Charter–Schiff (auf dem Weg nach Chile), das wir bereits auf Madeira getroffen haben.
Am 27.12.05 ziehen wir um auf den Ankerplatz, nachdem wir unsere Rechnung von 38€ für 5 Tage beglichen haben. Alle lieb gewonnenen deutschen Nachbarn sind heute in Richtung Kap Verden und Karibik losgezogen, um den Wind zu suchen.
In der Nacht kommt dann auch mehr als genug Wind: Wir fahren aus dem Tiefschlaf hoch, um festzustellen, dass der Anker nicht hält. Wir treiben auf eine Betonmauer und ein schweres, schwarzes Stahlschiff zu – Riesenalarm, Anker auf und nix wie weg. Zum Glück nur ein leichter Schaden: Die Relingstütze an backbord ist mittig leicht verbogen (lässt sich am nächsten Morgen wieder gerade biegen). Erst nach dem 4. Anlauf hält der Anker - nicht viel Schlaf bleibt uns in dieser Nacht. Bei 2 anderen Segelyachten hält der Anker aufgrund der starken Böen und des felsigen Grundes ebenfalls nicht.
Am Morgen des 30.12.05 machen wir unser Boot an einer nahe gelegenen Betonmauer fest, wo wir uns bis zum heutigen Tag in vertrauter Gesellschaft des Holländers Martyn und eines englischen Segelboot – Paares befinden. Weitere Nachbarn sind ein meist „untertage“ lebender amerikanischer Segler, ein schwedisches Boot mit junger Besatzung und ein holländisches Ehepaar mit Katamaran. Jeder achtet auf den Anderen, Auffälligkeiten (wie z. B. ein fehlendes Rad am Fahrrad, das an Land steht) werden sofort registriert.
Am 6. Januar 2006 werden wir von der spanischen Art, Weihnachten zu feiern, überrascht: Hier ist heute Feiertag, es wird das Dreikönigsfest begangen:
Zahlreiche Familien versammeln sich bereits vor Einbruch der Dunkelheit mit Klappstühlen am Straßenrand. Wir wundern uns, worauf sie warten.
Plötzlich tanzen Gestalten wie aus einem arabischen Märchen entsprungen durch die Nacht:
Bunt verschleierte Prinzessinnen, die heiligen drei Könige auf Kamelen, umgeben von bockigen Schaf- und Ziegenherden und deren Hirten, römische Feldherren ziehen an uns vorbei. Die Menge jubelt, wir auch.
Von der Insellandschaft bzw. -kultur haben wir bisher leider noch nicht viel gesehen, denn wir verbringen die meiste Zeit in Supermärkten, bei Schiffsausrüstern und in Werkstätten. Lebensmittel für die Atlantiküberfahrt und die Zeit danach sind hier sehr günstig, so dass unser Boot immer tiefer im Wasser liegt.
Vom Hafen aus betrachtet wirkt die klotzige Beton – Kulisse von Las Palmas nach unseren Madeira – Erfahrungen eher ernüchternd. Um in das Stadtinnere zu gelangen, muss man zunächst die „Avenida Maritima“, eine lärmende, schnelle, autobahnartige Küstenstraße überqueren. Ampeln und Unterführungen sind in Hafennähe rar gesät. Der Weg in die Altstadt, Vegueta genannt, ist zu Fuß kaum zu bewerkstelligen. Bus oder Fahrrad sind zu empfehlen, wobei das Fahrradfahren bei den zahlreichen, stark befahrenen Einbahnstraßen viel „Fußspitzengefühl“ erfordert.
Fest steht: Wir werden Las Palmas nicht zu unserer Lieblingsstadt erklären; wir nutzen die Möglichkeit, Proviant und Ausrüstungsgegenstände zu erhalten und freuen uns darauf, das Insel – Hinterland im Süden zu erkunden und weitere Kanaren – Orte kennen zu lernen.
Ein trauriges Erlebnis hat Sandra, als sie auf der Suche nach einer Werkzeugabteilung per Rolltreppe in den sechsten Stock eines Kaufhauses befördert wurde:
In gläsernen Boxen und vergitterten Käfigen findet sie auf Zeitungsschnipseln vegetierende, winselnde oder schlafende Hunde verschiedenster Rassen, die dort auf würdeloseste Weise zu Wucherpreisen (ca. 1000 € pro Stück) angepriesen wurden. Die Verkäuferin stand teilnahmslos daneben und puderte sich die Nase.
Und dass, obwohl der Hund Namensgeber der gesamten Kanarischen Inselgruppe ist.
Wasser- und Lufttemperaturen sind hier beständig um die 20°, es ist meistens bewölkt und regnet zeitweise.
Gestern haben wir unsere neue Taucherausrüstung (Flossen, Taucherbrille und Schnorchel lagen unter der Weihnachtspalme) zum ersten Mal getestet und bei der Gelegenheit gleich den verölten Bootsrumpf geschrubbt. Unsere vor vier Monaten aufgetragene Antifouling - Farbe zeigt erste Schwächen. Unser Boot bekommt wie der Skipper einen immer längeren Bart.
Unser neuestes Projekt ist eine selbstgebaute Maststufenleiter, kostengünstig und effektiv (der Prototyp wurde gestern erstmalig getestet).
Außerdem haben wir inzwischen auf unserer Cockpitüberdachung eine Solarpaneele installiert, die uns auf dem Ankerplatz zusätzlich Strom liefert. Bisher ist die Kapazität wegen der ständigen Wolken noch nicht voll ausgelastet. Wenn wir wieder in Deutschland sind, werden wir sicher Ehrenmitglieder bei den „Grünen“ – wir versorgen uns nur mit Wind und Sonne.
Eine neue Bilgepumpe wurde installiert, nachdem die alte völlig verschlissen war. Gleichzeitig bauten wir ein akustisches Signal ein, um nicht mehr von schwimmenden Bodenbrettern unangenehm überrascht zu werden.
Der bereits in Deutschland gekaufte CD – Player wurde endlich installiert, funktionierte aber nicht. Eine zeitaufwändige Fehlersuche ergab: Wackelkontakt in der Schalttafel.
Dann lief erst einmal einen Tag lang Hans Albers, wir liefen melancholisch durch die Gegend. Für die bisherige Nicht - Nutzung unseres spanischen Sprachkurses auf CD gibt es nun keine Ausrede mehr. Auf dem Atlantik wird täglich mindestens ein Kapitel durchgenommen, mit anschließender Vokabel – Abfrage (sehr zum Leidwesen der männlichen Besatzung).
Wir bedanken uns herzlichst bei allen überaus fleißigen Weihnachtspost – Schreibern. Es war ein sehr schönes Gefühl, in den Hafen von Las Palmas einzulaufen und nach Erledigung der Einreiseformalitäten am 22.12.05 die Post aus der Heimat in Empfang zu nehmen. Wir haben sie ungeöffnet bis zur „Bescherung“ am 24.12. auf unserem Gaben - Navigationstisch platziert – wegen der Vorfreude...Die Berichte über das alltägliche Leben in Deutschland haben wir in sentimentaler Laune verschlungen – es gibt eben Dinge (und Menschen), die fehlen...
Wir planen, in den nächsten Tagen Puerto Mogan im Süden von Gran Canaria, Süd - Teneriffa und evtl. noch eine kleinere Kanaren – Insel anzulaufen. Sobald der Wetterbericht eine günstige Prognose verheißt, werden wir anschließend in Richtung der Kapverdischen Inseln aufbrechen. Die Überfahrt dauert ca. 10 Tage.
Unsere dortige Postanschrift lautet:
Karl-Heinz Lange c/o Oficina Zakar
SY Ultima / S. Wulf & T. Holländer
Medina
Palmeira/Sal
Kap Verden
Westafrika
YACHT IM TRANSIT

Den ersten Tag haben wir keinen Wind und folgen der Küste von Gran Canaria unter Maschine. Am südlichen Ende bekommen wir südwestliche, frische Winde, so dass wir die flache marrokanische Küste erreichen. Dieses Seegebiet sollte gemieden werden, da bei westlichen Winden ein starker Schwell auftritt.
Die Wassertiefe beträgt südlich von Cap Bojador nur 100 Meter und über eine Breite von 60 sm teilweise noch deutlich weniger. Dies belegen hunderte von Wracks, die wir zum Glück nicht gesehen haben. Des weiteren kommen viele Fischer und gerade im Gebiet der West-Sahara Patrollienboote vor, die Yachten und alle anderen aufbringen (entern).
Nachdem der beständige Nordostpassat eingesetzt hat, ist unsere Seereise unproblematisch. Einige Hochseefischer, die schlecht beleuchtet sind, und auch Frachter kreuzen auf dem weiten Ocean unseren Weg, so dass sich der Ausguck immer lohnt.
Nachts leuchtet das Plankton und endlich zogen die Delphine wieder Ihre glänzenden Bahnen in der Nacht. Zusätzlich leuchten undefinierbare Plankton - Ungeheuer in Pfannengröße für mehrere Sekunden in der Heckwelle auf. Besser nicht zurückblicken. In einer mondlosen Nacht strahlen Großsegel, Himmel und Sterne in einem unheimlichen Grün.
Die Republik Kap Verde liegt ca. 560 km nordwestlich des Senegals im Atlantischen Ozean und besteht aus insgesamt 18 Inseln. Die Inselgruppe ist geteilt in Ilhas de Barlovento (Inseln über dem Wind) im Norden (wozu die Insel Sal zählt) und Ilhas de Sotavento (Inseln unter dem Wind) im Süden.
Das Klima ist im Allgemeinen sehr trocken, die Landschaft kahl. Der NO – Passat erreicht in den ersten Monaten des Jahres seine größte Stärke und bringt oft rötlichen Staub aus der Sahara herüber, so dass wir jeden Morgen erst mal die Fenster und das Solarmodul „fegen“ müssen.
Im Jahre 1456 wurden die Inseln von den Portugiesen entdeckt. Damals waren sie unbewohnt und grün, daher der Name „verde“. Sie schafften aus Westafrika Sklaven für ihre Plantagen heran. Durch ihre strategisch günstige Lage wurden die Inseln zu einer Basis für den Sklavenhandel mit Süd- und Nordamerika.
Es kam zu einem gewissen Wohlstand, bis Mitte des 18. Jahrhunderts mehrfach Dürreperioden auftraten, verursacht durch ein Ungleichgewicht in der Umwelt: Man hatte die Wälder abgeholzt und gleichzeitig Ziegen gezüchtet, die den Bodenbewuchs fraßen. Tausende von Inselbewohnern starben im 18. und 19. Jahrhundert infolge dieser Dürren, viele wanderten aus. Von Portugal kam nur wenig Hilfe.
Die ehemalige portugiesische Kolonie erreichte 1975 nach 14 Jahren Guerillakrieg die Unabhängigkeit. 1992 erhielt die Republik ihre Verfassung. Die Hauptstadt ist Cidade de Praia auf Sao Tiago.
Die Amtssprache ist portugiesisch, wobei von den meisten Inselbewohnern das einheimische Crioulu gesprochen wird. Die Landeswährung ist der Kap- Verde- Escudo (110 CVE = ca. 1 €).
Wir haben uns entschlossen, direkt die Insel Sal anzusteuern, da diese für Segelyachten als die Sicherste gilt. Dies gilt für uns leider nicht, wie sich einige Tage später herausstellen wird, aber dazu später mehr...
Kurz vor der Hafeneinfahrt werfen wir den Motor an und wundern uns über ein scharrendes Geräusch im Bereich der Welle und Schraube, das sich leider als Schaden am Ölmotor unseres hydraulischen Systems herausstellen wird, aber dazu später mehr...
Wir staunen über die ungewöhnliche Landschaft, die sich vor uns ausbreitet: 3 kleine Vulkane inmitten einer staubigen, kargen Mondlandschaft. Es könnte auch der Planet vom kleinen Prinzen sein:
„Er besaß zwei tätige Vulkane, das war sehr praktisch zum Frühstückkochen. Er besaß auch einen erloschenen Vulkan. Da er sich aber sagte: man kann nie wissen! fegte er auch den erloschenen Vulkan. Wenn sie gut gefegt werden, brennen die Vulkane sanft und regelmäßig, ohne Ausbrüche. Die Ausbrüche der Vulkane sind nichts weiter als Kaminbrände. Es ist klar: wir auf unserer Erde sind viel zu klein, um unsere Vulkane zu kehren. Deshalb machen sie uns so viel Verdruss.“ (Antoine de Saint-Exupery, Der Kleine Prinz).
So fällt der Anker nach drei CQR-Versuchen am 03. Februar 2006 in der Bucht von Palmeira, wo uns die deutsche Segelyacht „ComoNo“ wieder erwartet. Wir haben 25 Liter Diesel und 45 Liter Wasser verbraucht.
Noch am Vormittag werden wir in die örtlichen Begebenheiten eingeführt: Wir klarieren bei der Polizei in Palmeira ein, wo wir für einen Einreisestempel im Reisepass 100 Escudos (ca. 1 €) zahlen und eine Kopie der Schiffspapiere hinterlegen müssen. Bei der Ausreise sind dann noch mal 500 Escudos (5 €) bei der „Hafenpolizei“ fällig. Der Preis beinhaltet auch die Ankergebühr.
Außerdem lernen wir „Carlos“ (Karl – Heinz Lange, den Trans – Ocean – Stützpunktleiter auf Sal) und seine Elisabeth!!! kennen. Carlos verwaltet einen sehr beliebten Gas-Adapter und zahlreiche wertvolle Informationen über die Insel.
Ansonsten gibt es in Palmeira eine Fischfabrik, einige kleine Läden (wir empfehlen die tiefgekühlten Hamburger aus Brasilien und die H-Milch aus Deutschland) und Bäckereien, einige kleine Bars und Restaurants und eine Wasserstelle („Fontainaria“), wo wir gemeinsam mit den Dorfbewohnern unsere Wasservorräte (entsalztes Meerwasser ca. 0,016 € pro 40 Liter) beziehen.
Besonders zu empfehlen ist der “Continental“. Der Besitzer „Allindo“ ist sehr hilfsbereit, hat ein funktionierendes Fax - Gerät und spricht englisch. Einen Internetzugang gibt es in diesem Dorf nicht. Einen Computer mit Modem finden wir erst Tage später im Nachbarort, der aber von den Einheimischen belagert wird und nur ab und zu funktioniert.
Am Hafen kann man direkt aus dem Fischerboot absolut fangfrischen Fisch kaufen. Wir erstehen zwei Barsche, rot mit schwarzen Punkten (600 g 4 €). Direkt neben ihnen liegt ein „Weißer Hai“ von drei Metern Länge (Haigeschichten mit Bad – End erzählt Carlos kostenlos).
In der Nacht vom 11. auf den 12.02.2006 werden wir zwischen 2300 und 0100 Uhr im Tiefschlaf auf unserem eigenen Boot bestohlen. Heute fragen wir uns, ob es vielleicht sogar gesünder für uns war, so gut geschlafen zu haben (Messer am Hals, etc...).
Die Diebe haben sich auf leisen Sohlen (eine nasse „Kindersocke“ fanden wir am nächsten Morgen) vom Cockpit bis in den Salon vorgearbeitet, und entwendeten uns folgende Dinge:
1 nagelneue (Las Palms) Digital – Kamera von Panasonic / Lumix (incl. 1 GB –Speicherkarte) ohne Ladekabel (500 €),
1 Quadband - Handy (dessen einziger Zweck es war, unsere Familie per SMS Lebenszeichen aus aller Welt senden zu können) ohne Ladekabel (250 €),
2 Handfunkgeräte ohne Ladegerät (26 €),
einen Solartaschenrechner (1,41 €),
1 Paar sehr gebrauchte und stinkende Ledersandalen (Timo trägt nun Adiletten),
1 Bikini,
2 Sonnenbrillen (eine davon mit spezieller Sehstärke),
1 Sonnenmilch LSF 30,
1 Schweizer Taschenmesser mit Gravur,
6 belegte Brötchen mit Schinken, Käse und französischen Senf,
eine Flasche Wasser (1,5 Liter).
Wir haben es den Dieben leicht gemacht und all diese Dinge bereits griffbereit in 2 handlichen Rucksäcken verstaut, da wir am nächsten Morgen in aller Frühe zu einer Vulkan – Besteigung aufbrechen wollten... sehr dumm gelaufen...
Am selben Tag, wurden auf Sal zwei Franzosen in einer Nachbar - Bucht überfallen. Sie wurden mit Messern bedroht und komplett ausgeraubt.
Tag und Nacht Boote abschließen auch wenn Ihr vorhanden seid! Beiboote abschließen! (Paddel und alles andere sichern!)
Wir rasen sofort mit Carlos (TO) zur Polizeistation in Palmeira und geben die ganze Geschichte in einer Mischung aus französisch, englisch, portugiesisch und creolisch zu Protokoll.
Der Ortspolizist schickt uns daraufhin zur Kriminalpolizei im größeren Nachbarort Espargos („Spargel – City“). Dort wiederholt sich die Tortour, leider werden aufgrund der Sprachschwierigkeiten im späteren Bericht einige gestohlene Gegenstände völlig falsch oder gar nicht beschrieben.
Aber damit nicht genug: Vom Pech verfolgt, werden uns 2 Tage später aus dem zweifach abgeschlossenen und gesicherten Schlauchboot am Strand die 2 Paddel geklaut, während wir bei Carlos noch über den ersten Diebstahl diskutieren. Zum Glück haben sie uns den verriegelten Außenborder gelassen. Die ComoNo hilft uns mit einem stabilen Holzpaddel aus.
Wir haben die Schnauze gestrichen voll und sitzen schon wieder auf dem Polizeirevier.
Falls jemand ein Aufsichtsratsmitglied bei
Panasonic, LEICA, Nikon, Canon, Minolta, etc...
kennt:
Wir können keine Photos mehr machen und brauchen Hilfe!!!
Quadband von Nokia, Samsung, Siemens oder Motorola
für die Kommunikation sind auch herzlich bei uns willkommen!
Am nächsten Tag werden wir noch zur Regional– Polizei in Espargos geschickt, wo wir nach einstündiger Wartezeit, trotz Termin, und vielem Hin und Her schließlich im abgedunkelten Büro eines Commissario´ s landen. Dieser wuerdigt uns nicht eines Blickes, während er (im Einfinger– System...) aus zwei vorhandenen Berichten einen dritten (noch ungenaueren) zaubert; über die Fliegenangriffe in seinem Büro berichten wir erst gar nicht.
Zwischendurch streikt der Monitor. Wir sitzen währenddessen wie zwei Verbrecher auf der Büßerbank, zum Schweigen verdonnert.
Eine Stunde später werden wir auf´ s unhöflichste aus dem Büro katapultiert und im Flur abgestellt. 10 Minuten später überreicht uns der Commissario gewichtig seinen falschen und einfältigen Bericht und teilt uns in höchstens einer Silbe mit, dass wir nun das Polizeirevier verlassen können.
Es wird bereits dunkel, als wir mit dem Sammeltaxi zurück nach Palmeira rasen (pro Person 50 Esc auf der Pritsche, richtiges Taxi 250 Esc). Wir sind bedient.
Fortsetzung folgt - im nächsten „Polizeirevier“ am Freitag.
Zu allem Überfluss stellen wir zwischen unseren Polizeibesuchen fest, dass der Antrieb unserer Hauptmaschine komplett ausgefallen ist, so dass wir nur noch im Leerlauf die Batterien laden können.
Da hier eine Reparatur absolut unmöglich ist, haben wir uns entschlossen, ohne Motor über den Atlantik nach Salvador de Bahia in Brasilien zu segeln (so Gott uns helfe!...Kolumbus, Schenk und die Wikinger sollen es ja auch geschafft haben).
Im Gebiet der Inseln werden wir über Funk mit der „Como No“ in Kontakt bleiben. Die Kalmenzone werden wir ohne Motor meistern müssen, obwohl wir bis obenhin mit Diesel voll geladen sind (Shit Happens, wir sind schließlich auf einem regattatauglichen Segelboot...).
An alle, die dieses oder ähnliches vorhaben: Verlasst euch nicht auf die Technik!!!
...und wir mögen bunte Lichter und Displays...
Die Hafeneinfahrt von Salvador ist sehr einfach anzusteuern und 6000 Meter breit, so dass wir hoffen, segelnd einen der Ankerplätze vor der Marina Bahia erreichen zu können. Von dort können wir uns dann nach dem Einklarieren direkt zum 40 t – Travel – Lift schleppen lassen und trockene Füße bekommen. Einen Sack MilleStar Antifouling haben wir auch schon dabei.
Weniger Probleme wären besser, aber es geht auch so...
Also drückt uns derweil die Daumen dass die Kalmen sich nicht aufblasen, wir melden uns, sobald wir in Brasilien sind (das kann dauern...).
1978sm:Wind-Motor+ComoNo=?
Wir wollen zunächst durch den Ärmelkanal über Portugal zu den Kanarischen Inseln segeln. Im Dezember, nachdem die Hurrikan-Saison vorbei ist, wird Kurs auf Brasilien über die Kapverdischen Inseln genommen und der Atlantik überquert.
Weihnachten 2005 wollen wir mitten auf dem Atlantik in Äquatornähe feiern.
Erste Station in Brasilien soll Natal werden. Der Küste Brasiliens folgend, mit Zwischenstopp u.a. in Rio de Janeiro, wird unser Schiff in Montevideo (Uruguay) festmachen. Nachdem wir uns in dem einen und anderen Steakrestaurant gestärkt haben, geht es weiter in den kalten Süden Amerikas – nach Argentinien. Gletscher, Sturm und Wale werden uns im Bereich der „Roaring Fourties“ erwarten.
Um den Pazifik zu erreichen, haben wir uns für die Magellan-Strasse zwischen Feuerland und Patagonien entschieden. Kap Hoorn, vor dem weit mehr als tausend Schiffe gesunken sind, kommt für uns als Alternative nicht so richtig in Betracht. Wir wollen es auf der ersten Weltreise ja nicht übertreiben.
Durch die eindrucksvollen Fjorde Chiles geht es nach Norden, bis der 40. Breitengrad der südlichen Erdhalbkugel erreicht ist. Über die Osterinseln (Rapa Nui) mit Ihren geheimnisvollen Steinköpfen geht es weiter in die Inselwelt der Südsee. Cook Islands, Samoa, Fidschi Islands...
Die nächsten Ziele sind Auckland in Neuseeland und die "zweite" Hauptstadt des fünften Kontinents: Sydney. Tauchen im Barrier- Riff wird sicherlich ein Höhepunkt der Weltreise werden. An der nordwestlichen Ecke Australiens wird unser Bug Richtung Sri Lanka zeigen. Dabei wird ein respektvoller Abstand zu dem piratenverseuchten Südost-Asien gehalten (Die Zeiten von Long John Silver und Co. sind noch lange nicht vorbei – im Gegenteil).
Das nächste Land auf der Liste ist Indien. Dort werden wir einen Freund besuchen, der im nächsten Jahr ebenfalls Celle verlassen wird. Auf unserer Weltreise werden wir nun das letzte Mal in südlicher Richtung segeln: Malediven, Seychellen, Madagaskar, Südafrika.
Vor uns liegt nun das stürmische Kap der guten Hoffnung. Hier treffen Atlantischer und Indischer Ozean sowie deren kalten und warmen Ströme aufeinander, die häufig zu einem extremen Seegang führen. Wenn Schiff und Mensch dieses hoffentlich gut überstanden haben, wartet der Tafelberg von Kapstadt auf uns. Leinen los – vier Wochen auf See.
Landfall: Dakar (Senegal). Das letzte fremde und unbekannte Land. Der Kreis schließt sich auf den Kanarischen Inseln. Die letzte Etappe wird zum dritten Mal durch Biskaya, Ärmelkanal und Nordsee führen.
Und schon sind wir nach drei Jahren und ca. 30.000 Seemeilen wieder zu Hause. Eine mehrjährige Weltreise mit einem Segelboot ist schwer im Voraus zu planen. Die Route soll nur ein Leitfaden sein. Wir werden es sicherlich an einigen schönen Orten länger aushalten und an anderen Stellen Zeit einsparen müssen – die Reisezeit ist knapp bemessen (wirklich!). Zwangsaufenthalte durch "Schäden an Mensch und Material" werden uns sicherlich auch nicht erspart bleiben.

Auf dem Steinhuder Meer suchten wir mit unserem Kielzugvogel "Njord" einen Ausgang zur offenen See. Wir landeten so in Malmö und stellten fest: Ein Dach über dem Kopf wäre nicht schlecht.
Es folgte also unser zweites Boot, die schwedische Tur 80 "Ara Moana". Norwegen, Finnland, Baltikum, so segelten wir einmal um die Ostsee herum.
Was dann folgte, ist längst klar: Hier ist unsere "Ultima"!!!
Bei uns handelt es sich um:
Sandra Wulf, geb. am 16.10.1972 in Koblenz, Krankenschwester und Dipl.-Sozialpäd. (in Zukunft Wunden-, Seelen- und Segelnäherin);
Timo Holländer, geb. am 19.10.1973 in Stade, Mechaniker und Refa-Techniker (in Zukunft Petroleum-,Wasser,-Klo...).
Im Februar haben wir uns bei Malaga in Spanien die Segelyacht „ULTIMA“ gekauft. Hierbei handelt es sich um eine 10,68 m lange, kuttergetakelte Sloop, mit 5,5 Tonnen Verdrängung, die aus Aluminium in Wedel gebaut wurde. Der Typ nennt sich ¾ Tonner. Ein Bootstyp, der für Transatlantikrennen konstruiert wurde. Der Mast ist 13,6 m hoch, acht verschiedene Segel sind vorhanden. Des Weiteren steht uns ein 34 PS starker Diesel-Antriebsmotor zur Verfügung.

Navigiert wird mit GPS, Radar, Sextant, Log, Lot, Kompass, Funk sowie einem Kartenplotter. Strom wird über einen Windgenerator, den Motor und zukünftig auch Solar erzeugt. Die Yacht verfügt über ein Schlauchboot und eine Rettungsinsel für den Fall, dass nichts mehr geht.
Das Schiff weist dieselben Ausstattungsmerkmale wie eine kleine Wohnung auf: Dusche, WC, Kühlschrank, Herd, Zentralheizung und Druckwasser. Gesteuert wird von uns, einer elektrischen Selbststeueranlage und hauptsächlich von der Windpilot „Pacific“.
Im Moment liegt die„ULTIMA“ in Neustadt/Holstein. Am 08. Oktober 2005 wird im Stadthafen von Stade an der Elbe Abschied von Familie und Freunden genommen.
Wir wollen zunächst durch den Ärmelkanal über Portugal zu den Kanarischen Inseln segeln. Im Dezember, nachdem die Hurrikan-Saison vorbei ist, wird Kurs auf Brasilien über die Kapverdischen Inseln genommen und der Atlantik überquert. Weihnachten 2005 wollen wir mitten auf dem Atlantik in Äquatornähe feiern. Erste Station in Brasilien soll Natal werden.
Der Küste Brasiliens folgend, mit Zwischenstopp u.a. in Rio de Janeiro, wird unser Schiff in Montevideo (Uruguay) festmachen. Nachdem wir uns in dem einen und anderen Steakrestaurant gestärkt haben, geht es weiter in den kalten Süden Amerikas – nach Argentinien. Gletscher, Sturm und Wale werden uns im Bereich der „Roaring Fourties“ erwarten.
Um den Pazifik zu erreichen, haben wir uns für die Magellan-Strasse zwischen Feuerland und Patagonien entschieden. Kap Hoorn, vor dem weit mehr als tausend Schiffe gesunken sind, kommt für uns als Alternative nicht so richtig in Betracht. Wir wollen es auf der ersten Weltreise ja nicht übertreiben.

Durch die eindrucksvollen Fjorde Chiles geht es nach Norden, bis der 40. Breitengrad der südlichen Erdhalbkugel erreicht ist. Über die Osterinseln (Rapa Nui) mit Ihren geheimnisvollen Steinköpfen geht es weiter in die Inselwelt der Südsee. Cook Islands, Samoa, Fidschi Islands...
Die nächsten Ziele sind Auckland in Neuseeland und die "zweite" Hauptstadt des fünften Kontinents: Sydney. Tauchen im Barrier- Riff wird sicherlich ein Höhepunkt der Weltreise werden.

An der nordwestlichen Ecke Australiens wird unser Bug Richtung Sri Lanka zeigen. Dabei wird ein respektvoller Abstand zu dem piratenverseuchten Südost-Asien gehalten (Die Zeiten von Long John Silver und Co. sind noch lange nicht vorbei – im Gegenteil).
Das nächste Land auf der Liste ist Indien. Dort werden wir einen Freund besuchen, der im nächsten Jahr ebenfalls Celle verlassen wird. Auf unserer Weltreise werden wir nun das letzte Mal in südlicher Richtung segeln: Malediven, Seychellen, Madagaskar, Südafrika.
Vor uns liegt nun das stürmische Kap der guten Hoffnung. Hier treffen Atlantischer und Indischer Ozean sowie deren kalten und warmen Ströme aufeinander, die häufig zu einem extremen Seegang führen.
Wenn Schiff und Mensch dieses hoffentlich gut überstanden haben, wartet der Tafelberg von Kapstadt auf uns. Leinen los – vier Wochen auf See. Landfall: Dakar (Senegal). Das letzte fremde und unbekannte Land. Der Kreis schließt sich auf den Kanarischen Inseln.
Die letzte Etappe wird zum dritten Mal durch Biskaya, Ärmelkanal und Nordsee führen. Und schon sind wir nach drei Jahren und ca. 30.000 Seemeilen wieder zu Hause.
Eine mehrjährige Weltreise mit einem Segelboot ist schwer im Voraus zu planen. Die Route soll nur ein Leitfaden sein.
Wir werden es sicherlich an einigen schönen Orten länger aushalten und an anderen Stellen Zeit einsparen müssen – die Reisezeit ist knapp bemessen (wirklich!). Zwangsaufenthalte durch "Schäden an Mensch und Material" werden uns sicherlich auch nicht erspart bleiben.

Die Idee, diese Reise zu unternehmen, ist nicht von einem Tag auf den anderen entstanden. Die konkrete Planung begann vor zwei Jahren. Die heiße Phase startete vor einem Jahr mit der Suche nach einem geeigneten Schiff. Dieses fanden wir früher als erwartet, weshalb sich die Ereignisse überschlugen.
Es gab hunderte von Punkten, die noch geklärt bzw. erledigt werden mussten.
Dazu zählten u.a.:
Zahlreiche Behoerdengaenge und Telefonate, die Umstellung der Krankenversicherung auf eine mehrjährige Auslandsreise-Krankenversicherung, Kündigung diverser anderer Versicherungen und Verträge, Kündigung der Rundfunkgebühren, Verkauf des Auto´s und des Hausrates zweier Haushalte, Wohnungskündigung und natuerlich die Vorbereitung unseres Segelbootes auf die lange Reise:
Check und Ausbesserung der Segel beim Segelmacher, Einbau und Beschaffung verschiedener Geraete (Funk, PC mit Navigationsprogramm, EPIRB, Windpilot...) incl. Beantragung der Lizenzen,Beschaffung eines Geruchsfilters für den Fäkalientank (der seit 6 Jahren nicht mehr hergestellt wird) etc.
Gegen Ende der 'Umbauphase' wurde das Boot per Kran fuer 10 Tage in einer "bayerischen Werft" in Neustadt an Land gestellt, um mehrere Schichten Antifouling aufzubringen sowie passende Zinkanoden zu montieren.
Es folgte noch eine teilweise Verschoenerung des Teakdecks durch Abschleifen und Lackieren. Dann wurde unser "Eisbrecher" rundherum poliert, mit Antipockenfett geschmiert und von einem fluchenden Bayern wieder sicher ins Wasser befoerdert.
Einen wichtigen Aspekt bei unseren Vorbereitungen stellte auch die Zusammenstellung verschiedenster Medikamente und gesundheitserhaltender Materialien (wie sterile Einmalspritzen, Kanülen etc.) dar. ("Danke Holger für Deine professionelle Beratung und das Material, und natürlich den spontanen Wundennähkurs in Stade- absolviert an einer präparierten, unblutigen Schaumstoffwunde !")
Wir bleiben noch einige Tage in Neustadt, um die “letzten Feinheiten” zu erledigen.
Timo verbringt z. B. einen Nachmittag im Masttop, um einen Fehler an der Dreifarbenlaterne aufzuspüren. Gleichzeitig fällt natürlich die elektrische Winde, die Timo ursprünglich mit dem Bootsmannsstuhl in den Mast hieven soll, fauchend und qualmend aus, so dass die am Boden gebliebenen (Sandra und Fritz) stattdessen ins Schwitzen kommen.
So ergibt sich - wie so oft - aus einem noch ungelösten Problem bereits das nächste.
Als Timo schließlich frustriert und unverrichteter Dinge den Mast wieder herabgeschwebt ist, entdeckt er - zufällig und ganz nebenbei - die Ursache für den Beleuchtungsfehler : Ein Wackelkontakt in einer Kabelverbindung im Wandschrank!
Während Timo die Zeit fluchend im Mast hängend oder kopfüber in der Bilge liegend verbringt, klappert Sandra mit dem treuen Noch-Passat die umliegenden Einkaufs- und Baumärkte, Segelläden und Apotheken ab, immer auf der Suche nach Langzeitvorräten, diversen Ölfiltern, Schrauben in allen Variationen, bleischweren 12 Volt - Batterien, Medikamenten, Werkzeug, Küchenrolle, Lampenöl, Büchern aller Art...
An einem unserer letzten Tage in Neustadt kommt Magnus, unser EDV - Spezialist und Homepage - Architekt. Schnell stellen wir fest:
Ohne Internetzugang keine Homepage, ohne USB -Anschluss keine Daten für die Homepage.
In ganz Neustadt finden wir einen muffigen Spielsalon, der nebenbei auch PC´ s mit Internetanschluss beherbergt. Nach dem (an allen 10 Computern vorhandenen) USB -Anschluss hat wohl noch niemand gefragt - so war bisher auch noch keinem der Mitarbeiter aufgefallen, dass dieser Zugang wohl nur der Dekoration dient.
Also geht´ s mit dem Auto ins Hinterland, während sich der Tag langsam dem Ende neigt. Als wir um 17.20 nach zahlreichen Kilometern und Fehlschlägen tatsächlich ein Internet- Cafe´ in dörflichem Kurort - Ambiente entdecken, lesen wir an der verschlossenen Pforte: Öffnungszeiten 9 - 17 Uhr!
Am nächsten Morgen fährt Magnus nach Ingolstadt zurück - die Homepage bleibt vorerst ein leeres Gerüst.
Am 1. Oktober 2005 wird in der Ancora - Marina für 100 € voll getankt. Der Tankwart steht einsam im strömenden Regen und winkt zum Abschied.
Um 1400 werfen wir die Leinen los. Als zusätzliches Crew - Mitglied begleitet uns Fritz bis Rendsburg in den Nord - Ostsee - Kanal. Nach einem Stop in Großenbrode landen wir am Abend des 02.10.05 in Kiel - Holtenau.
Pflichtbewusst legen wir am nächsten Morgen gähnend mit einer Tasse Kaffee in der Hand um 0730 ab und wundern uns, dass wir ausnahmsweise mal die ersten sind. Hinter der Schleuse ist nichts zu erkennen - außer dickem Nebel!
Erst um 0945 öffnen sich endlich die Schleusentore.
Vor Rendsburg erwartet uns um 1330 die nächste Zwangspause: Der NOK ist wegen der längsten Ruderregatta der Welt für die nächsten 2 Stunden gesperrt! Beidrehen, Boot schrubben, abwarten...
Wir übernachten bei KM 40,5 im NOK. Der Startschuss fällt am nächsten Morgen um 1030 über Funk: Die letzten Nebelschwaden hängen in der Luft, alle wartenden Segelyachten rasen gleichzeitig los. Um 1430 erreichen wir die Schleuse von Brunsbüttel und werden in die Elbe geschubst.
Mit dem Hochwasser laufen wir am 04.10.05 um 1845 im Stadthafen von Stade ein.

Wir erwarten, von unserer Weltreise reich an Erfahrungen und Erlebnissen zurückzukehren und kurze aber intensive Freundschaften mit anderen Seglern und Einheimischen zu genießen.
Wir freuen uns auf ein Leben in und mit der Natur und haben gleichzeitig Respekt vor den Naturgewalten.

Auch unsere Partnerschaft werden wir unter ganz anderen Voraussetzungen erleben:Gefühle der Enge und Weite, Nähe und Distanz, Freude und Ärger, Lachen und Tränen, Gemeinsamkeit und Einsamkeit, Mut und Angst werden uns begleiten.
Und natürlich lockt das Abenteuer...
Ein besonderer Dank gilt:
Fritz Holländer:
Ressort "Finanzen und Logistik", Standort Celle
Nina Holländer & Co:
Ressort "Frau für alle Fragen (und Antworten)", Standort Hannover
Dr. Holger Rosenblatt:
Ressort "Gesundheit", Standort Buxtehude
Magnus Kalkuhl:
Ressort "EDV und Neue Medien", Standort Ingolstadt
Astrid Karbach:
Ressort "Germanistik und Lektorat", Standort Vaihingen a.d. Enz.
Abschied im Hafen: Timo Holländer und Sandra Wulf setzen die Segel

Große Flaschen Maggi-Soße und rote Weihnachtsbaumkugeln haben sie eingepackt. Ansonsten mussten sich Timo Holländer und Sandra Wulf beschränken. Mit der 10,68 Meter langen Segelyacht „Ultima“ starten der gebürtige Stader und seine Freundin zu einer Weltumseglung. Im Stader Hafen nehmen sie am Freitag Abschied.
„Von einer Weltreise habe ich mein Leben lang geträumt“, sagt Timo Holländer. Mit seinem Vater Fritz Holländer, der vor seinem Umzug nach Celle mit seiner Familie in Buxtehude lebte und viele Jahre im Altländer Yachtclub Mitglied war, segelte er seit frühester Kindheit. In Hannover lernte der 31-Jährige seine Freundin Sandra kennen, eine „Wasserratte“ aus dem Hunsrück, die erst auf dem Maschsee und dem Steinhuder Meer ihre Leidenschaft fürs Segeln entdeckte. Zusammen sind sie von Neustadt aus auf der Ostsee gesegelt, haben viele Touren nach Skandinavien, Finnland, dem Heimatland seiner Mutter Kristiina, und ins Baltikum unternommen.

Seit zwei Jahren planen der Techniker und die Krankenschwester und Sozialpädagogin die Reise. In Malaga in Spanien kauften sie im Februar ein stabiles Aluminium-Boot:
eine 20 Jahre alte Sloop, in Wedel gebaut, die für Transatlantikrennen konstruiert wurde. 13,6 Meter hoch ist der Mast, mit acht verschiedenen Segeln, einem Dieselmotor und einer Rettungsinsel für den Notfall ist der Dreiviertel-Tonner ausgerüstet.
Des Skippers größte Sorge sind die Wale, die unter der Wasseroberfläche schlafen, und im Wasser treibende Container. Auch Piraten seien handfeste Gefahren – „doch das lassen wir auf uns zukommen“, sagt Sandra Wulf. Vor Langeweile fürchten sie sich dagegen nicht. Sie seien mit Büchern gut eingedeckt und am Boot gebe es immer etwas zu reparieren. An Bord haben sie kein Satellitentelefon und damit auch keinen Internetanschluss. Einsam kann es auf dem Wasser deshalb schon werden, doch in den Häfen sind sie erreichbar: Über ihre Homepage www.world-sailing-ultima.blogspot.com und per Email (ultima.wh@web.de) halten sie Kontakt zur Heimat.
Sonntag früh werden sie mit dem Hochwasser zu ihrer rund 30 000 Seemeilen langen Reise auslaufen. Richtung Kanaren, dann über den Atlantik nach Südamerika, durch die Magellan-Passage und die Fjorde Chiles, über den Pazifik in die Südsee, Australien, Indien, Afrika. Eine genaue Route haben sie nicht ausgearbeitet, sie wollen sich Zeit lassen, immer wieder neu entscheiden. Mindestens drei Jahre wollen sie unterwegs sein.
Ihr erstes Weihnachtsfest feiern sie auf hoher See. Dann kommen die roten Kugeln zum Einsatz.
Artikel erschienen am: 08.10.2005 © Zeitungsverlag Krause GmbH & Co. KG
08.10.2005:
Offizieller Abfahrtstermin!
Die ersten Gäste trudeln um 1000 ein. Wir frühstücken bei bestem Wetter gemeinsam draußen. Nach und nach kommen immer mehr Mamas, Papas und „Zaungäste“ (aufmerksam geworden durch den Artikel in der Zeitung), so dass das Boot langsam zu kentern droht, weil alle auf der Backbord - Seite sitzen. Sektflaschen werden geköpft, Bierfässer angestochen, Haare werden uns vom Kopf gegessen (zugegeben, ein paar Haare essen wir selbst). Ein Stader bringt uns noch eine Flasche Wein vorbei, wie er sagt „für harte Zeiten“ – Danke!

Es wird langsam dunkel und die meisten Gäste sind wieder unterwegs nach Hause. Nur Fritz und Timo' s Arbeitskollege Andreas sind uns treu geblieben und wollen über Nacht bleiben. Achso, Andreas hat seine Zwillinge mitgebracht, zwei Mädchen im Alter von sieben Jahren, sehr wissensdurstig und verspielt. Jetzt wird sich zeigen ob unser Schiff stabil ist:
Alle Leinen werden bedient, alle Schränke geöffnet, die Pinne geschwenkt, an den Wanten gerüttelt, das WC getestet, und noch vieles mehr. Die Erwachsenen, mit dem Leeren des Bierfasses beschäftigt, konnten den beiden Wirbelwinden gar nicht so schnell folgen. Es dürfte so ein zwei Uhr am Morgen geworden sein, als wir in die Kojen gekrochenen sind. Die Zwillinge schlummerten bereits seit Stunden mit unserer Stoff – Crew im Arm im Vorschiff.
Abfahrt:
Um 0630 brüllte der Wecker. Aufstehen!!! – Wir fahren heute um die Welt! (na ja, heute wollen wir erstmal bis Cuxhaven...). Leinen los, Gäste und Zwillinge in Stader Sand von Bord befördern (Uta ´s und Holger´ s Taxi – Service wartet bereits) und weiter geht´s Elb abwärts.

Von Cuxhaven geht es über Norderney und Borkum nach Emden. Manch einer würde behaupten, dass Emden nicht genau auf der Strecke einer Weltumseglung liegt, damit haben sie wohl Recht!
Hier erhalten wir den letzten Besuch von Fritz auf deutschem Boden.
Im Gepäck ein zweites GPS (unser Geburtstagsgeschenk), das Navigationsprogramm und den reparierten Wallas – Petroleumherd. Dieser stand bis zur Reparatur mehrere Wochen in einer Werkstatt bei Lübeck und war erst betriebsbereit, als wir schon „über alle Meere“ waren. Fritz und sein alter Mercedes (kurz vor dem Achsbruch) erbarmen sich, bringen den Herd nach Emden und begleiteten uns ein letztes Mal zum Aldi – Großeinkauf.
Auch eine Zugfahrt nach Hannover steht noch an, um uns endgültig von unserem bisherigen Leben zu verabschieden und den Verkauf unseres „Zuhauses“ auf dem Festland abzuwickeln.

Am 19.10., Timo´s Geburtstag, geht´s weiter.
Bei südlichen Winden von bis zu 8 Beaufort kreuzen wir nach Holland, besuchen die Insel Vlieland und erreichen schließlich Den Helder. Unser Navigationsprogramm „Navichart“ bewährt sich bis jetzt sehr gut, ebenso die Windpilot.
Der gute Mann von der Deutschen Welle redet auch weiterhin von 8 Bft und mehr aus südlicher Richtung. Deswegen sitzen wir nun schon seit vier Tagen in Den Helder fest und passen auf, dass die Kaffeetassen nicht vom Tisch fliegen - so stark drückt der Wind das im Hafen festgemachte Boot auf die Seite.
Wir und unser Segelboot sind bestens
bewacht.
Diesen Part übernimmt die Königliche Niederländische Marine, in deren Sportboothafen wir liegen.
Zu unserer Verteidigung stehen zahlreiche Zerstörer, Fregatten und U-Boote zur Verfügung. Wenn wir in die Stadt gehen, melden wir uns bei der Torwache an und ab. Der Zapfenstreich gilt für uns, zum Glück, nicht.

Gegen 1100 Uhr deutscher Zeit heißt es bei 2 Schiffen in der Ankerbucht von Palmeira auf Sal zeitgleich: Anker auf. Die Besatzung der ComoNo (Hermann und Boi) schleppt die antriebslose Ultima ins freie Wasser. Wenig später sieht man am Horizont zwei Segelschiffe die Genua setzen und einige Stunden einträchtig nebeneinander vor dem NE - Wind dahinsegeln, bis auch die vier kleinen Vulkane im Hintergrund sich in der Dunkelheit verlieren. Von nun an segeln wir allein auf dem Atlantik.
Augrund der Tatsache, dass auf Sal eine Reparatur unseres Antriebs nahezu unmöglich gewesen wäre (kein Travel–Lift, keine Ersatzteile, keine Hydraulik-Spezialisten) beschließen wir einstimmig, unsere erste Atlantik-Überquerung allein mit der Kraft von Wind und Segeln zu wagen. Der Umstand, dass wir an Land den diebischen Inselgestalten vollends ausgeliefert wären, trug nicht unwesentlich zu unserer Entscheidung bei.
Anhand der Windkarten für den Monat März sowie Jimmy Cornell´s „Segelrouten der Weltmeere“ erarbeiten wir einen Kurs, der uns hoffentlich möglichst schnell durch die Kalmenzone bringt. Wir entscheiden uns, den Äquator auf Höhe des 25. Längengrades zu überqueren, so dass wir gleichzeitig einen gebührenden Abstand (ca. 200 sm) zu den Felsen von St. Peter und St. Paul halten können, die sich mitten im Atlantik befinden und von weitem nur sehr schwer auszumachen sind.
In den ersten 9 Tagen bleibt uns der NE-Wind mit mäßiger Stärke von 10-15 Knoten treu. Delphine in den unterschiedlichsten Größen tanzen übermütig ums Boot. Fliegende Fische geben sich auf dem Deck die Klinke in die „Flosse“; sie fliegen teilweise 100 Meter weit über die Wasseroberfläche und schlagen dabei noch Haken, um ihre Verfolger abzuschütteln.
Je näher wir dem Äquator kommen, desto mehr nehmen Hitze, Luftfeuchtigkeit und Regenschauer zu. Vor der Hitze versuchen wir uns mit einem Sonnensegel und zahlreichen Pützduschen zu schützen. Die salzhaltige Feuchtigkeit ergreift Besitz von den Kojen, Polstern, Schränken und
Klamotten, alles ist klamm und muffig.
Wir werden tagsüber träge und faul, lesen viel, essen viel; erst die Kühle der Nacht erweckt unsere Lebensgeister: fasziniert betrachten wir die unendlichen Sternen- und Wolkenformationen und staunen über die zeitlose Weite des Ozeans.
Ab und zu passiert ein Frachter in 2-3 sm Abstand, um uns daran zu erinnern, dass wir nicht ganz allein sind auf dieser fließenden, berauschenden Welt.
Ab dem 10. Tag schläft der Wind ein. Regen und noch mehr Regen wird von stundenlangen Gewittern begleitet. Sobald sich uns die sog. „Squalls“ (düstere, mächtige Regenwolken) nähern, schnappen wir uns das Duschzeug und tanzen jubelnd übers Deck. Da wir nur ca. 300 Liter Trinkwasser mit uns führen, ist dies ein kostbares, sparsam zu gebrauchendes Gut.
Die Segel schlagen, der Baum schlackert krachend hin und her, das Geschirr klappert in den Schränken, das Boot dreht sich im Kreis, die Stimmung ist auf dem Nullpunkt. Da hilft nur Sauerkraut mit Kassler. Der Wind der regelmäßig am Himmel erscheinenden Squalls allein treibt uns innerhalb von 5 Tagen durch die ca. 250 sm breite Flautenzone.
Am 4. März steigt um 0300 Uhr am Morgen die halbstündige Äquator-Fete mit Sekt und Kuchen, bei 81% Luftfeuchtigkeit und Wetterleuchten. Der riesige Mond scheint orange-rot am Himmel; er wirkt so nah und tief, als könne man auf seinen Kratern spazieren gehen.
Im Morgengrauen versuchen 2 Tölpel den Landeanflug auf unseren Windgenerator, wir taufen sie Don Quichotte und Sancho Panza. Sie verlieren den Kampf gegen die Windmühle und lassen sich nach weiteren erfolglosen Landeversuchen auf der wehenden Deutschlandflagge schließlich in einem Meter Abstand zu uns auf dem seitlich angebrachten Fenderbrett nieder. Uns behandeln sie wie Luft. Bis kurz vor Salvador nutzen die beiden flatterhaften Gesellen nachts unseren kostenfreien Transportdienst. Tagsüber beschäftigen sie sich mit dem Fischfang und fliegen mit den beiden erhabenen Fregattvögeln um die Wette. Riesige Thunfische trainieren den Bauchklatscher, portugiesische Galeeren ziehen mit aufgestelltem „Quallensegel“ zielstrebig an uns vorbei. Wer braucht da noch ein eigenes Haustier?
Am 18. Tag erschüttern plötzlich starke Geräusche im Mast die gewohnte Ruhe. Wir fürchten schon um unsere einzige Fortbewegungsmöglichkeit – die Segel, als wir einen Riss zwischen den Kabeldurchlässen am Mastfuß und einen Spalt zwischen Mastfuß und Mastmanschette entdecken. Timo stabilisiert die unheilvoll knarrende Schwachstelle provisorisch mit einem Bolzen, so dass das Geräusch verstummt. Wir werden uns erst später an Land ausgiebig mit diesem Problem beschäftigen können.
Tagsüber Hitze, Flaute und alle halbe Stunde Pützduschen – nicht viel los auf dem Atlantik. Nicht mal mehr Wellen, da war ja auf dem Steinhuder Meer no
ch mehr Seegang! Sehnsüchtig und schwitzend warten wir auf die nächtliche Brise.
Nach 23 Tagen enthält unser 200 Liter – Hauptwassertank keinen Tropfen mehr. Hätten wir einen funktionierenden Motor, wären wir wohl schon in Salvador, doch so bleiben wir noch eine Weile Spielball der nervenaufreibenden Flauten, dümpeln dahin und träumen von riesigen Rindersteaks mit Pommes und kaltem Bier.
Timo kämpft mit einer Knie-Entzündung, die ihm den Schlaf raubt, aber bei unseren drei Stunden Schichten bekommt man sowieso nicht so viel Schlaf.
Am Morgen des 16. März ist endlich Land in Sicht bzw. ein Schornstein von Salvador-Stadt. Die Morgenflaute vergisst uns auch heute nicht, doch diesmal schlagen wir ihr ein Schnippchen: Das Beiboot wird aufgepumpt und mitsamt dem 4,5 PS-Außenborder am Heck befestigt. Mit einer Geschwindigkeit von 2,8 Knoten (immerhin) passieren wir nach 3 Stunden die 200 Meter-Linie.
Gegen 1700 Uhr kommt endlich Wind auf, so dass wir bald am Leuchtturm von „Santo Antonio“ vorbei in die „Allerheiligen-Bucht“ (Baia de Todos os Santos) segeln.
Bleibt noch das Anlegemanöver ohne Motor: Gerade rechtzeitig erreichen wir unsere rettenden Engel Hermann und Boy von der ComoNo (bereits seit einer Woche im sicheren Hafen) über Funk (Kanal 69 – wie vor dreieinhalb Wochen vereinbart). Sie berichten von den großzügigen Platzverhältnissen im Hafen des „Centro Nautico da Bahia“, der sich nahe des Stadtzentrums am Fort „Sao Marcelo“ befindet.
Wir beschließen kurzfristig, mit Hilfe des böigen Windes aus günstiger Richtung direkt am Steg anzulegen, anstatt außerhalb der Hafenmauern erstmal den Anker zu werfen. Unterstützt von plötzlich eintretenden Böen und umkreist von Touristenbooten kreuzen wir in die Marina, Hermann und Boy winken am Ende des Stegs. Der Außenborder schiebt uns die letzten 5 Meter, das deutsch – brasilianische Empfangskomitee nimmt die Leinen in Empfang.
Wir sind da! – Unser erster Ozean ist überquert!!!
Nach der letzten Woche mit ausschließlich lauwarmen Vitamin-Brausetabletten-Wasser genießen wir das eisgekühlte Willkommens-Bier auf dem Nachbarboot. Steaks gibt´ s morgen!
In der ersten Woche klarieren wir bei Zoll, Immigration, Hafenmeister und streikender Gesundheitsbehörde ein (hat insgesamt 3 Tage gedauert) und erkunden die Reparaturmöglichkeiten in Salvador – die Kultur muss warten.
Auf Anraten unseres „Agenten Roberto“ machen wir uns, mal wieder im Schlepptau der treu sorgenden ComoNo, auf den Weg in das 10 sm entfernte Aratu, wo günstige Liege-Gebühren und angeblich kompetente, mit Hydraulik vertraute Mechaniker locken.
Der kleine Ort Aratu liegt eingebettet in idyllischen, von Palmen umsäumten Sandbuchten, umrahmt von teilweise gerodetem Urwald und Mangrovensümpfen.
Die ersten Tage verbringen wir zufrieden bei Bier und Steaks auf der schattigen Terrasse des Yachtclub-Restaurants, doch dann werden wir langsam misstrauisch:
Der korpulente, lethargische nur portugiesisch sprechende „Roberto“ sitzt auch am liebsten auf der Terrasse, anstatt die Reparaturschritte zu koordinieren. Eine Verständigung mit ihm ist kaum möglich.
Der seit Jahrzehnten in Aratu wohnende Deutsche Manfred Kraus gibt uns später deutlich zu verstehen, dass wir unser brasilianisches Visum mit einer Gültigkeit von 90 Tagen wohl verlängern müssen, wenn wir unser Vertrauen weiterhin „Roberto“ schenken – noch dazu ohne Aussicht auf eine erfolgreiche Reparatur.
Als nach einer Woche nicht ein einziger Mechaniker seinen Fuß auf unser an der Mooring liegendes Boot gesetzt hat, reisen wir frustriert wieder ab – mal wieder geschleppt von der ComoNo – Richtung: Salvador Stadt.
Bug an Bug laufen wir wieder im Hafen am Fort „Sao Marcelo“ ein. Die deutsche Marine (3 Zerstörer) und ihre französischen Kollegen sind auch schon da.
Inzwischen haben wir uns mit dem Gedanken angefreundet, bis Rio bzw. Santoz zu segeln, wo sich die Hydraulik – Spezialisten tummeln. Gleichzeitig denken wir über die Anschaffung eines gebrauchten 20 PS-Außenborders nach, um entlang der brasilianischen Küste Richtung Süden provisorisch manövrierfähig zu sein.
Aber es kommt anders: Bei Bruno, dem französischen Hafenmitarbeiter (Bereich Öffentlichkeitsarbeit), treffen wir durch Zufall einen Agenten, der sofort unser Antriebsproblem in Augenschein nimmt und für den nächsten Tag zwei kompetent und schnell arbeitende Mechaniker mit Fachgebiet Hydraulik organisiert.
Sie benötigen nur einige Stunden, um die Mahagoni-Möbel fachgerecht auseinander zu nehmen, der 200 Liter fassende Fäkalientank wird ebenfalls an Deck gehievt und zwecks Reinigung in seine Einzelteile zerlegt – buchstäblich ein „Scheiß–Job“.
Die Mechaniker (Lenival und Moses) nähern sich dem tiefsten Punkt im Boot, wo sich der Hydraulik-Ölmotor befindet. Nachdem dieser mit geschickten Handgriffen ausgebaut wurde, stellen wir fest, dass nicht besagter Ölmotor sondern ein Lagerschaden an der hierdurch blockierten Welle das Problem darstellt.
Uns fällt ein Stein vom Herzen, denn die Reparatur des massiven Ölmotors wäre sehr kostspielig geworden, ganz zu schweigen von der Ersatzteilbeschaffung über die deutsche Firma „Linde“.
Als wir uns gerade Gedanken machen, wo wir das Boot zur Entfernung der Welle aus dem Wasser heben lassen, übertreffen die Mechaniker all unsere Erwartungen: Mit Hilfe eines schnell herbeigeschafften, primitiven Tauchkompressor entfernen sie noch am selben Tag die Welle und Schraube unter Wasser am schwimmenden Schiff (!!!) und dichten das „Leck“ provisorisch ab. Ein fehlender Dichtungsring für das Lager der Welle wird aus Sao Paulo eingeflogen, die Welle gerichtet, die Schraube poliert und gepinselt, das Wellenlager geschmiert, die Bilge geschrubbt und fertig ist das Zauberwerk.
Da kaum Ersatzteile benötigt wurden, halten sich die Kosten in Grenzen, so dass wir es wagen, auch noch unseren Wallas – Kocher in Auftrag zu geben. Hier erleben wir die nächste Überraschung: Als er am nächsten Tag zurückgebracht wird, funktioniert er besser denn je.
Die Kühlschrankreparatur heben wir uns für Argentinien auf, derzeit helfen wir uns mit 8kg - Eissäcken von der Tankstelle aus, die ca. 2-3 Tage Steaks und Getränke kühlen.
Timo hat sich zu allem Überfluss in Aratu eine ernsthaftere Magen-, Darm- und Harnwegsinfektion eingefangen.
Als das Fieber steigt und die Schmerzen zunehmen, erkundigen wir uns bereits nach einem geeigneten Krankenhaus, starten aber einen letzten Eigenversuch mit einem Breitband-Antibiotikum: Es schlägt an und Timo erholt sich zusehends. Heute hat er schon wieder ein Steak verdrückt!
Unsere vertrauten Weggefährten von der ComoNo haben kurz vor dem geplanten Auslaufen literweise Salzwasser im Motor entdeckt und wurden auch von 2 Mechanikern auf Trab gehalten, die inzwischen das verkorkste Auspuffsystem wieder in Gang gebracht haben. So lagen in der letzten Woche 2 deutsche Wracks im Hafen von Salvador, überhäuft von Bergen voll Werkzeug, Ersatzteilen, Bodenbrettern etc….
Doch es geht aufwärts: Die ComoNo läuft am 14. April aus. Wir müssen nur noch unser Werkstatt – Boot aufräumen und planen, in der nächsten Woche diese interessante, lebendige Stadt zu verlassen.
Der einzige Vorteil unserer technischen Probleme ist der Umstand, dass wir mit freundlichen und hilfsbereiten Einheimischen in Kontakt kommen und so unsere Portugiesisch-Kenntnisse bruchstückhaft erweitern können.
Nach drei Wochen in Salvador und Umgebung haben wir einen ersten Eindruck von der afro-brasilianischen Lebensart gewonnen:
Schwarze Götter mischen sich im größten katholischen Land friedlich unter christliche Heilige; mit 76 Kirchen setzt sich Salvador an die Spitze aller brasilianischen Städte. Der Hafen befindet sich in der „Unterstadt“, unweit vom Mercado Modello, einem riesigen Einkaufsmarkt für Kunsthandwerk aus Bahia und afro-brasilianische Kultgegenstände wie Masken, Schmuck, Ölgemälde etc.
Der 200 Meter entfernte Elevador Lacerda befördert täglich ca. 60.000 Passagiere in die 70 Meter höher gelegene „Oberstadt“, ins sog. Pelourinho, wo im Kolonialstil renovierte Häuser, barocke Kirchen und zahlreich
e Kunsthandwerksläden in engen Gassen zu bewundern sind. Als wir allzu weit vom Weg abkommen, stehen wir plötzlich vor einem düster aussehendem Haus mit der Aufschrift „Haus der sieben Morde“, schnell flüchten wir „Gringos“ wieder in die von der Touristenpolizei überwachten Strassen.
Sobald die Sonne untergeht, füllen sich die Gassen mit Menschen. Musik donnert aus allen Ecken, ein einzigartiges Tanzfest beginnt.
Auf den Straßen tummeln sich Verkäufer und Einmann-Betriebe aller Arten: Einer hat einen tragbaren Schuhputz-Stand, ein anderer verdingt sich als mobiler Frisör, Transvestiten flechten und verlängern Haare, Kinder verkaufen Ketten und Armbänder, alte Frauen verkaufen selbst genähte Puppen, einer verkauft Kugelschreiber, viele tragen Eisboxen mit gekühlten Getränken über der Schulter, hier gibt es Trink-Kokosnüsse für 1 Real (ca. 40 Cent), dort gibt es gebratene Fleisch-Spieße, und da streckt schon wieder jemand die Hand aus für ein paar Centavos.
Ein Transvestit bittet Timo mindestens fünfmal um Geld. Timo mag aber überhaupt keine Geldspenden, und nachdem der/die Transe erzählt, er/sie habe ein krankes Baby, glaubt Timo an einen Trick und geht mit dem flitternden Transvestiten in die nächste Apotheke, wo dieser tatsächlich auf ein Milchpulver zeigt, das Timo ihm bezahlt. Er bedankt sich überschwänglich und eilt hüfteschwingend davon – zu seinem kranken Kind, oder was macht ein Transvestit sonst mit Babynahrung?
(Inzwischen wurden wir von der Schweizerin Karin aufgeklärt: Der Milchpulver – Trick ist in Brasilien gängig, um das Mitleid der Touristen zu erwecken und ihnen so das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das Milchpulver wird sofort in Drogen umgesetzt!).
Ab und zu kommt uns der 14jährige Junge Samuel auf dem Boot besuchen, trinkt eine Cola, isst ein paar Kekse, erzählt von der Schule und verschwindet dann wieder, um Ketten an Touristen zu verkaufen. Die Menschen schwirren durch die Strassen und tun irgendetwas. Besser als nichts.
Auch die Kakerlaken schwirren geschäftig durch die Strassen, zu unserem Leidwesen knirscht es ab und zu lauter oder leiser unter unseren Schuhsohlen…
Wir haben unseren Abreisetermin auf den 18. April festgelegt, um endlich Brasilien und seine traumhaften Sandstrände und Buchten kennen zu lernen. Schließlich haben wir noch 60 Tage Zeit, bis unser Visum abläuft, der Zuckerhut in Rio und die von deutschen Einwanderern aus dem Hunsrück geprägte Stadt Blumenau im Süden Brasiliens (in der stillen Hoffnung auf deutsche Hausmannskost) wollen noch besucht werden.
Besonders bedanken möchten wir uns an dieser Stelle bei dem Trans- Ocean- Stützpunktleiter Gerd Bücking und seiner Frau Silvia (Stützpunkt Pasito Blanco, Gran Canaria), die nicht nur die Post aus Deutschland in Empfang genommen und für uns aufbewahrt haben, sondern uns das SSB – Funkgerät von ihrem früheren Schiff geschenkt haben. Wir haben uns darüber sehr gefreut und werden es demnächst installieren. Es war unsere erste Erfahrung mit einem TO- Stützpunkt und die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Beiden wird uns in Erinnerung bleiben.
Auch unsere zweite TO- Stützpunkt- Bekanntschaft Carlos (Karl Heinz Lange) und Elisabeth (Stützpunkt Sal, Kap Verden) hat unseren Erfahrungsschatz positiv bereichert. Unermüdlich haben sie sich unserer Sorgen angenommen und uns sicher durch den Dschungel des kapverdianischen Polizeiapparates geleitet.
Als nächste Postadresse geben wir aufgrund des langen Postweges vorsichtshalber folgende Anschrift in Argentinien, Buenos Aires an:
Stützpunkt Buenos Aires
Heribert Römer
SY Ultima - Sandra Wulf / Timo Holländer
Avda del Libertador 2844
ARG – 1636 Olivos
Argentinien
Wir rechnen damit, im Juli in Buenos Aires einzutreffen.
Frohe Ostern !!!

„Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ - sagen wir uns, als wir am 30.06. in unserem von Muscheln und Algen überwucherten Segelboot sitzen und vom Travel- Lift einer kleinen Werft in Angra dos Reis sicher an Land befördert werden.

Eine Woche lang ist dieser familiäre Werftbetrieb, von dem wir sehr freundlich aufgenommen werden, nun unser Zuhause. Tagsüber erarbeiten wir uns einen kräftigen Muskelkater; nachts bewachen drei freilaufende, gefräßige Wachhunde unsere Leiter und sorgen für einen sicheren Schlaf (mit einer Bockwurst bewaffnet gelingt auch der Toilettengang). Wir schlafen während unseres Landaufenthaltes an Bord, was später in Argentinien und Uruguay aus Sicherheitsgründen nicht mehr erlaubt sein wird.

Am ersten Tag wird das Unterwasserschiff mit Wasser, Spachteln, Schleifgeräten und alten Fischernetzen (guter Tipp der Werftarbeiter) gründlich gesäubert; einen Hochdruckreiniger gibt es hier nicht.


Unser Vorrat an metallfreiem Antifouling, das wir für den Aluminiumrumpf benötigen, wird nun endgültig aufgebraucht. Leider reicht es nicht mehr für den Anstrich des Ruders.
In Brasilien ist dieses Antifouling nicht erhältlich: Hier wird nach dem Auftragen mehrerer Primer- Schutzschichten auch bei Aluminium- Booten kupferhaltiges Antifouling benutzt. Kein Problem, wie uns unser Farbenspezialist Mario in einem mehrstündigen Vortrag (bei dem Timo eingeschlafen ist) versichert. So bleibt uns nichts anderes übrig, als das Ruder in dieser Form vor Bewuchs zu schützen - solange es nicht beschädigt wird, ist keine Korrosion zu befürchten.

Der Anker erhält einen neuen Schutzanstrich, das Teakdeck im Cockpit wird von alten Lackresten befreit. „Signore Madeira“, der Holzspezialist, ersetzt für umgerechnet 20 € eine marode, ausgebrochene Leiste an der Ankerkiste.
Für das Ruder wird in der Dreherei eine neue Nylon- Buchse gebaut, die erst nach mehreren Versuchen (innerhalb von drei Tagen) passt und vieles mehr.

Zwischendurch bringen wir unseren alten Navigations- Laptop zur Reparatur, der nach einer unbemerkten Erfrischungsgetränk- Dusche nicht mehr arbeiten will. Leider gibt es hier nicht die notwendigen Ersatzteile.
Am letzten Tag wird noch schnell der Rumpf poliert, so dass sich am 05.07. ein strahlend weißes Segelboot wieder auf den Weg zum „Angra dos Reis Marina Clube“ macht, diesmal mit einer max. Geschwindigkeit von 7 Knoten.
Es stellt sich heraus, dass unser Boot vor der Reinigung des Rumpfes allein aufgrund des Bewuchses 3 Knoten langsamer war, so dass uns nun ein Stein vom Herzen fällt: Kein unerkanntes Antriebsproblem des Motors, nur Algen und Muscheln bremsten die Fahrt.

Jetzt haben wir endlich Zeit für das Vergnügen: In der nächsten Woche finden einige Barbecues mit unserem Freund und Helfer Mario statt, der in der Nähe des Hafens wohnt. In dem sehr freundlichen Segelclub lassen wir ebenfalls keinen „Grillabend“ ausfallen. Selbst Profi-Griller können hier noch jede Menge lernen – aber Argentinien kommt ja erst noch.

Unter den Grillgästen befindet sich auch ein Urologe, der bei Timo auf ganz unbürokratische Weise noch eine kostenfreie Kontrolle der Laborwerte durchführt: Tudo bom – alles wieder in Ordnung.

In der nächsten Woche wird die wunderschöne Inselwelt rund um Angra erkundet, während wir immer noch auf das Paket aus Deutschland warten.

Gemeinsam mit den Australiern Paul und Diane, die wir bereits aus Rio kennen, ankern wir 2 Tage in einer kleinen Bucht vor der „Ilha da Cotia“.

Nahe des schönen Touristenörtchens Parati begegnet uns die Segelyacht „Why Not“ mit dem Engländer Philip und der feurigen Italienerin Paula an Bord.

In bestem Oxford- Englisch (beide haben in Oxford studiert) erhalten wir wichtige Insiderinformationen über die Hafen- und Seeverhältnisse für die Route bis Buenos Aires. Paula diktiert und zeichnet Pläne von Ankerplätzen, wir schreiben fleißig mit, bis uns die Ohren dröhnen. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Beiden.

In verschiedenen Ankerbuchten rund um die „Ilha Grande“ entdecken wir beim Schwimmen und Schnorcheln in klarstem Wasser unheimliche Riesen- Seesterne, urtümliche Steinzeitfische und multinationale Touristenschwärme.

Während wir in der Enseada do Abraao (Ihla Grande) vor Anker liegen, erwischt uns ein Sturm. Zuerst driftet ziemlich dicht ein ankerndes Fischerboot vorbei, dann ein kleines, herrenloses Segelboot mit schleifendem Anker, wieder ein Fischer und dann driften wir an anderen Seglern vorbei.
Wir ?! – Alarm!!! Maschine an, Anker hoch, den Aussis und Kiwis noch schnell zuwinken und im Sturzregen ab in die nächste, geschütztere Bucht. Wir schlafen etwas unruhig – hält unser 22kg CQR-Anker bei 15 Metern Tiefe und 60 Metern Kette oder nicht? Ach übrigens: wir geben uns sehr viel Mühe beim Einrucken etc.

Am nächsten Morgen wollen wir wieder nach Angra. Aber der Anker tut was er soll: halten.
Die Ankerwisch und die Crew beginnen zu schwitzen. Ausruckversuche scheitern kläglich mit dem Erfolg, die Aufnahme des Ankers zu verbiegen. Wir kurbeln per Hand und Strom. Blut und Schweiß fließen in Strömen (die Handkurbel rutscht gerne ab) und der ein oder andere Fluch soll wohl auch gehört worden sein.
Nach einer Stunde Kurbelei ist unser Anker langsam unter dem Meeresspiegel zu sehen. Weitere 10 Minuten später erkennen wir das Elend: Eine alte Stahltrosse, ca. 15m lang und armdick. Wir verzeihen unserer Ankerwinsch die Arbeitsverweigerung und entlassen XXX Kilo Drahtseil wieder auf den Meeresgrund.

Ende Juli erreicht uns über den Trans- Ocean Stützpunktleiter Klaus Bartels die Nachricht, dass das lang ersehnte Paket (nach 8 Wochen Lieferzeit) in Rio beim Zoll auf uns wartet. Darin befindet sich ein neuer Dieselkocher von Wallas, ein Toiletten- Dichtungsset, eine Lampenfassung für das Positionslicht und andere Kleinigkeiten, die in Brasilien nicht erhältlich sind.
Ein Glück, denn viel länger hätten wir nicht warten können, da wir am 28.08. in Buenos Aires Besuch von Freunden aus Deutschland erwarten. Bis zur Hauptstadt von Argentinien liegen noch ca. 1200 Seemeilen vor uns.

Also sitzen wir am 02.08. um 0600 Uhr im klimatisierten Bus, der uns in 2 Stunden von Angra zum Busbahnhof in Rio bringt. Weiter geht es mit dem Taxi zum Zollgebäude am alten Flughafen (Galeao).
Hier erwartet uns eine unangenehme Überraschung: Eine korpulente Zollbeamtin fordert uns in sehr gebrochenem Englisch auf, 60 % Einfuhrsteuern für das Paket zu zahlen. Dummerweise lag dem Paket die Rechnung bei, wonach die resolute Dame eine Summe von 600 € an Steuern errechnet, plus zusätzlicher Lagergebühren.
Der Umstand, dass wir eine „Yacht in Transit“ sind und somit keine Einfuhrsteuer zu entrichten haben, interessiert hier niemanden. Diesbezüglich warnte uns bereits in Angra eine deutsche Segelyacht vor, die vor kurzem ebenfalls zum Zoll zitiert wurde.

Mit hängenden Köpfen erklären wir, das Paket unter diesen Bedingungen nicht annehmen zu können.
Ob der Dame die mit dieser Entscheidung verbundene Mehrarbeit vor Augen steht oder sich tatsächlich ein Funke des Mitleids in ihr regt, bleibt unklar, jedenfalls lässt sie sich nach großem Palaver erweichen, das Paket zu öffnen.
Nachdem wir gerade betont haben, dass dieses Paket für die Sicherheit unseres Schiffes unbedingt notwendige Utensilien enthält, fällt der Zolldame die zuoberst aufliegende, wichtig aussehende Klodichtung in die Hände - laut Timo eine dringend erforderliche Dichtung für den Motor. Es folgt ein Sortiment an Schrauben, die Lampenfassung, eine Niedersachsenflagge. Noch bevor der Kocher zum Vorschein kommt, wendet sich die Dame ab und greift zum Telefonhörer.
Mit einem Lächeln im Gesicht zerknüllt sie den Zettel mit ihren Berechnungen und deutet zum Ausgang: „Sie können das Paket mitnehmen!“ – „Und die Steuer, die Lagergebühren?“ – „Entfällt! Sie können sich bei meinem Chef bedanken! Ich wünsche Ihnen noch eine gute Reise.“ Auch das ist Brasilien.
Geschafft! Nach einigen Freudensprüngen geht es auf demselben Weg zurück nach Angra.
In den folgenden 2 Tagen wird das Boot auf die lange Etappe nach Buenos Aires vorbereitet: Volltanken (Diesel und Wasser), Mast- und Riggkontrolle, Segelwechsel, Beiboot einpacken, neuen Kocher einbauen, Fenster abdichten, Windsteuerung klarmachen, aufräumen, festzurren, einkaufen, verabschieden…

Das Wettergeschehen haben wir in den letzten Wochen per Internet intensiv verfolgt, z.B.:
www.mar.mil.br;
www.veleiro.net (INPE/CPTEC: 6-Tage-Progn.; Lamma: 6-Tage-Progn.);
www.buoyweather.com (3-Tage-Progn. in englischer Sprache);
www.cybernautica.com.ar;
www.wetterzentrale.de;
www.wetteronline.de.
Am Morgen des 05.08. werfen wir die Leinen los. Bei mäßigem Wind aus Nordost werden Klüver und Großsegel gesetzt. Es dauert einige Zeit, sich wieder an den typischen Tagesrhythmus beim Segeln mit nächtlichem Wachwechsel alle 4 Stunden zu gewöhnen.

Am dritten Tag auf See tragen Timo´s bisher kläglichen Angelversuche endlich Früchte: Eine goldgelbe Makrele (ca. 4 kg) beißt an. Ein stolzer Hochsee- Angler holt sie nach kurzem Kampf erschöpft (die Makrele oder Timo?) an Deck.

Eine Frage ist noch offen: Wer von uns beiden verpasst ihr den erlösenden Hieb? Es hängt schließlich zum ersten Mal ein Fisch an unserer „Beastmaster“- Angel.
Schnelles Handeln ist gefragt, also wird die zappelnde Makrele mit zwei Kiemen voll Whisky und einem Messerstich außer Gefecht gesetzt. Für das Ausnehmen ist dann die Dame des Hauses zuständig. Wir fühlen uns wie Könige, als wir am Abend unsere filetierte, panierte Beute in die Pfanne werfen. Wie schnell doch so ein Fisch verschwindet...

Als unser Wetterfax auch am vierten Tag noch keine Daten liefert, funken wir nachts auf Kanal 16 einen Frachter an, um eine aktuelle Wetterprognose zu erhalten. Dieser reagiert leider nicht. Stattdessen fährt uns eine Stunde später auf der Höhe von Florianopolis fast ein anderer Frachter über den Haufen.
Durch lange Kreuzschläge sind wir inzwischen fast 200 sm von der Küste entfernt. Wir beschließen, nicht wie geplant nach Porto Belo, Florianopolis oder Imbituba zu segeln, sondern gleich die ca. 350 sm entfernte Stadt Rio Grande do Sul anzulaufen, wo sich die letzte Ausklarierungsmöglichkeit in Brasilien befindet.
Zwischen Imbituba und Rio Grande gibt es außer dem schwer zugänglichen Laguna, wofür wir ohnehin keine exakten Karten haben, keinen weiteren Hafen.
Am 09.08. reffen wir um 0200 morgens, als der Wind (immer noch aus NE) zunimmt. Das Barometer fällt zusehends und der Wind nimmt weiter zu, so dass wir am späten Nachmittag ein 2. Reff eindrehen.

Wir düsen bei 25 Knoten Wind dahin, als plötzlich um 0400 Uhr morgens der Schäkel am Kopf des Klüvers bricht. Der Klüver schwimmt inzwischen parallel zum Boot, also eilt Sandra mit einem Hechtsprung aufs Vordeck, um das triefende, widerspenstige Segel wieder einzufangen. Da wir vorerst das im Masttop verbliebene Klüver- Fall nicht herunterbekommen, setzen wir erstmal die Sturm- Fock.
Das Barometer hat eine Stunde später seinen heutigen Tiefstand von 1012 hPa erreicht, als der Wind schlagartig auf S/SW dreht, um uns mit unverminderter Stärke von 26 Knoten und mehr gegenan zu traktieren. Eine dicke, schwarze Wolkenwand zieht tief über unseren Köpfen hinweg. Wir nutzen die Gelegenheit, um unser 3. Reff zu testen.
Als wir unseren Am-Wind-Kurs nicht mehr halten können, drehen wir schließlich auf der Höhe von Porto Alegre auf Steuerbordug bei und driften in den nächsten 10 Stunden mit 1,5 Knoten entlang der 2000 m- Linie nach NE. Hier ist es schön tief und niemand stört unsere Ruhe, wir sitzen und warten…
Bewundernswert, mit welcher Leichtigkeit die Seevögel derweil über die Wellenberge gleiten. Das klitschnasse Vorsegel verbreitet inzwischen auf dem Boden im Vorschiff eine weniger elegante Atmosphäre: Was nicht vorher schon nass war, ist es spätestens jetzt. Lüften geht nicht! Und dann noch die bis jetzt nicht zu behebende Undichtigkeit im Schrank...
Wir kommen mal wieder zu der Erkenntnis: Segeln ist die unbequemste Art zu reisen...

Weiter geht´ s, ein Reff raus, wir segeln wieder. Da wir mit der Sturmfock nicht so hoch am Wind segeln können und zudem trotz hart arbeitendem Windgenerator ein Energieproblem haben, läuft der Motor eine Weile zusätzlich mit.
Am 11.08. funken wir, inzwischen noch 200 sm von Rio Grande entfernt, um 0300 Uhr nachts den Frachter „Torm Skagen“ an und erhalten von der wachhabenden Steuerfrau den aktuellen Wetterbericht für die nächsten 24 Stunden: Nord moderate.
Am wolkenlosen Himmel weist uns das Kreuz des Südens den Weg, das Barometer zeigt 1024 hPa. Schöne Aussichten!?
Drei Stunden später setzt Wetterleuchten ein, es bilden sich Schleierwolken und das Barometer entschließt sich, wieder zu sinken.
Um 1500 Uhr passiert uns der Frachter „Akademik Semenov“ 1 sm an backbord. Der freundliche Russe aktualisiert unseren „moderaten“ Wetterbericht folgendermaßen: Lokal warning – until tomorrow 1200 GMT NE/NW 7 - 8 Beaufort, Wave 3.5 m.
Der Funker erkundigt sich noch nach unserer Position und antwortet etwas verlegen mit „thank you, maam“, als Sandra ihm mitteilt, dass wir soeben in Sichtweite an ihm vorbeigesegelt sind. Wir beschließen nach dieser Erfahrung, Schiffe, die uns in Zukunft zu nahe kommen, nicht nur aus wettertechnischen Gründen anzufunken.

Gegen 1600 Uhr dreht der Wind auf SE und weht ziemlich bald mit 30 Knoten und starken Böen, das 3. Reff ist wieder fällig. Eine Segellatte vom Großsegel quittiert ihren Dienst und flattert davon.
Gewitter und Regen setzen ein. Dauerblitze traktieren uns in der folgenden Nacht im Sekundenabstand, schlagen mit voller Wucht neben, vor und hinter dem Boot ein. Unbändiger Donner kracht ohrenbetäubend aus dem Nichts durch die Weite des Ozeans, daneben das Brüllen des Windes. Ein unheimliches, unvorstellbares Schauspiel der Naturgewalten. Vorsichtshalber ziehen wir die Antennestecker heraus und schalten nur zur Kontrolle kurzzeitig GPS, AIS und Windanzeiger ein.
Unter diesen Umständen ändern wir unseren Kurs und halten uns vom Land (Rio Grande do Sul) fern. Unser neuer Wegpunkt heißt jetzt „La Paloma“ in Uruguay, knapp 300 sm entfernt. Zwischen Rio Grande und La Paloma befindet sich nur ungeschützte, felsige und flache Küste.
Anfangs laufen wir mit dreifach gerefftem Groß und Sturmfock auf Steuerbordbug achtern vor dem Wind. Der Wind hat inzwischen auf 40 Knoten zugenommen, in Böen mehr. Unser altersschwaches Großsegel gibt auf und reißt am Achterliek komplett ein, die zweite Segellatte verabschiedet sich bei der Gelegenheit auch gleich.
Während wir beidrehen, verzurrt Timo den wild flatternden Rest vom Großsegel am Baum. Eine Welle erwischt uns seitlich, es kracht gewaltig.
Weiter geht´s; mit der Sturmfock laufen wir bei achterlichem Wind 6 Knoten. Schlaf- und Kräftemangel im ersten Stadium.

Am Morgen des 12.08. steht das Barometer mal wieder auf 1012 hPa, Wind geht auf 25 bis 30 Knoten zurück, weiterhin Dauergewitter mit Endlos-Blitzen, Luftfeuchtigkeit liegt bei 85 %.
Wir machen erst mal Bestandaufnahme : Außer dem eingerissenen Großsegel und den weggeflogenen Segellatten haben wir noch einen ausgerissenen Mastrutscher, eine eingerissene Cockpit- Seitenverkleidung an der Steuerbordseite sowie je eine zerfetzte Deutschland- und Brasilienflagge zu verzeichnen.
Auch einer unserer beiden Radarreflektoren hat sich verabschiedet. Außerdem ist das Gestänge der Windsteueranlage verbogen; sie funktioniert noch, ist aber schwergängig.
Das Großsegel wird trotz zerfetztem Achterliek wieder zur Arbeit genötigt.

Am Nachmittag dann die nächste Überraschung: Der Motor springt nicht mehr an! Bei sehr bewegter See und Flaute wird der Motordeckel im Cockpit hochgenommen und seitlich festgezurrt.
Timo baut fluchend den Anlasser aus und reinigt die von Salzwasser verdreckten und korrodierten Kontakte. Der Einbau des Starters ist unter den schaukeligen Umständen eine Kräfte zehrende Strapaze. Vier Unterarme schmerzen, als wir kurz vor Sonnenuntergang den Motor wieder in Gang kriegen. Schlaf- und Kräftemangel im zweiten Stadium.
Die nächste Nacht beschert uns wenig Wind aus Süd, so dass wir zeitweise den Motor zu Hilfe nehmen. Wieder Dauergewitter; Blitze, Donner und Regen lassen unsere anfängliche Ehrfurcht allmählich abstumpfen. Ein paar Stunden Schlaf für jeden.
Der Morgen des 13.08. überrascht uns pünktlich zum Frühstück um 0500 Uhr mit südlichen Gewitterböen bis zu 30 Knoten. Ein Frühstücksei wäre uns lieber.
Im Logbuch steht um 0515 Uhr: Motor will wieder nicht! Der Verdacht liegt nahe, dass der Anlasser erneut hakt. Als auch die Behandlung mit dem Hammer nicht zum Ziel führt, wird er bei nachlassendem Südwind also zum zweiten Mal unter den bereits geschilderten Bedingungen ausgebaut – und springt am Nachmittag nach mehreren Versuchen an.

Wir entdecken ein neues Problem: Die Starterbatterie wird von der Lichtmaschine nicht mehr geladen und zeigt gerade mal 10,5 Volt an.
Da hilft nur noch Trick 17: Wir transportieren mit dem 220 V- Handbatterieladegerät den Strom des 2. Batteriekreises über den Spannungsumwandler zur Starterbatterie (die langen Kabel sind irgendwo in unserem Kreuzfahrtdampfer verschwunden). Absurd, aber es scheint zu funktionieren.
In der Nacht wird es stockfinster und der Wind weht aus SW mit Stärke 8 Bft, als uns ziemlich nah ein Schiff überholt. Barometerstand 1018 hPa. Die Wellen sind 3-4 Meter hoch, kurz und giftig. Rodeo oder Schleudersitz?
Um 0500 morgens (14.08.) weicht die schwarze Wolkenwand kurzzeitig einem klarblauen Himmel. Gegen 0800 Uhr zieht wieder eine dicke, schwarze Wolkendecke über uns hinweg, Gewitter, Regen, Donnergroll, mehrere Blitzeinschläge direkt vor uns. Barometerstand 1013 hPa. Die Sicht wird immer schlechter, so dass wir die 2 Schiffe, die uns 1 sm an backbord und 5 sm an steuerbord passieren, nur per AIS und Radar orten können. Auf unser Anfunken erfolgt keine Reaktion.
Bei zunehmendem Wind holen wir die Sturmfock ein und haben bei dreifach gerefftem Groß immer noch eine Geschwindigkeit von 7 Knoten und mehr.
Eine günstige Gelegenheit, die Segeleigenschaften unseres Bootes „vor Top und Takel“ zu testen: Wir segeln ohne Segel bei achterlichem Wind stabil bei einer Geschwindigkeit von immer noch 5 Knoten.
1000 Uhr, Barometerstand 1011 hPa.
1030 Uhr, Barometerstand 1009 hPa.
Um 1130 spielt unser neues Barometer verrückt und sinkt auf 996 hPa, das alte bleibt bei 1009 hPa. Was soll man da noch glauben? Wir vertrauen dem Altbewährten! Ab 1230 geht es dann bei beiden übereinstimmend wieder aufwärts.
Bei uns auch, denn nach einem Winddreher von SW auf NE folgt erstmal Flaute. Das bedeutet: Tanken, aufräumen, ausbessern, ausruhen, essen, schlafen.
Der Motor tuckert zuverlässig. Um 1900 Uhr dann der Supergau: Auf der Suche nach dem Stromproblem betätigt der Käpt´ n versehentlich den Batterie-Notaus-Schalter. Es knallt und alle Geräte gehen vorschriftsmäßig aus – leider auch der Motor!

Problem: Die Starterbatterie (und auch die anderen) sind für den Motorstart zu schwach, eventuell hakt auch der Anlasser wieder, so dass er nochmals unter ungemütlichen Bedingungen (inklusive Dunkelheit) aus- und wieder eingebaut wird.
Wir dümpeln bei einem Strom von 1.5 Knoten gegenan drei Stunden in der Flaute, bis Timo mit Hilfe einer nicht ganz ungefährlichen Idee der Motorstart gelingt. 2200 Uhr, wir haben einen Versuch:
Alle 5 Batterien werden zusammengeschlossen, dann wird per Hand mit der Knarre die Kurbelwelle angedreht. Es klappt! Glück gehabt! Und los geht die Fahrt!
Nach der Schufterei sind wir fix und fertig. Das Chaos im Boot – überall Werkzeug, Batterien, Kabel, nasse Klamotten – wird so gut es geht beseitigt.
Pünktlich zum Motorstart kommt auch der Wind – Westwind, 22 Knoten - genau aus der Richtung, in die wir wollen. Volle Kraft voraus, Augen zu und durch, Endspurt! Nusskuchen und Saft für Energie und Kraft (zum Kochen sind wir zu müde).
Schlaf- und Kräftemangel im dritten Stadium.

Der 15.08. beginnt eiskalt, finster und nass. Der kalte Falkland– Strom beschert uns eine Wassertemperatur von 10,6 °C. Mützen, dicke Pullover und Handschuhe werden eiligst aus der tief verstauten Winterkiste hervorgekramt. Einziger Lichtblick in dieser düsteren Nacht ist eine Gruppe von ca. 10 Delphinen, die weiß leuchtend ihre Bahnen zieht.
Inzwischen haben wir zusätzlich zum Wind auch noch 2.5 Knoten Strom gegenan, so dass wir kaum vorwärts kommen. Unseren zwischenzeitlichen Plan, an La Paloma vorbeizufahren und direkt Punta del Este anzulaufen, müssen wir notgedrungen fallen lassen, da wir nur noch 85 Liter Diesel haben. Also doch „La Paloma ohe´“!
Die Hundertmeter- Linie ist inzwischen überschritten, 60 sm von La Paloma entfernt beträgt die Wassertiefe noch 50 m.
Uruguay, einer der kleinsten südamerikanischen Staaten, grenzt im Norden an Brasilien und im Südosten an den Atlantik. Der Fluss Uruguay, der zur Küste hin in das Rio de la Plata- Delta übergeht, bildet die Süd- und Westgrenze zu Argentinien. Die Landschaft besteht aus hügeligem, von Flüssen durchzogenem Weideland.
An der Küste gibt es zahlreiche schöne Sandstrände. Der Grossteil des Landes wird als Weideland für Steak- und Lammbratenzucht genutzt. Montevideo, wo über 50% der Bevölkerung lebt, liegt am südlichsten Punkt des Landes.

1300 Uhr: Land in Sicht! 3 Stunden später steuern wir den weißen, runden Leuchtturm „Santa Maria“ an, eine weitere Stunde später liegen wir fest vertäut im Hafen von La Paloma, nachdem wir uns über VHF, CH 16 angemeldet haben.
Der sehr freundliche Hafenmeister der Hidrografia (Hafenbehörde) erledigt schnell die Formalitäten und versorgt uns mit Duschmünzen. Die Liegeplatzgebühren betragen pro Tag ca. 6 €. Dreck und Sorgen verschwinden erstmal im Abfluss.
Direkt neben dem Hafengelände befindet sich die Prefectura Naval (Küstenwache). Wir rechnen mit Problemen bei der Einklarierung, da wir in Rio Grande nicht ordnungsgemäß ausklarieren konnten und somit keinen brasilianischen Ausreisestempel im Pass haben.
Unsere Sorgen sind unbegründet; nachdem alle Dokumente begutachtet und kopiert wurden, heißt es „no problemo“.
Den Einreisestempel gibt es erst im nächsten Hafen bei der Immigration in Piriapolis.

Wir genießen den Luxus des Durchschlafens und begeben uns am nächsten Morgen voller Tatendrang auf Entdeckungsreise. Am Hafenausgang werden wir von dem netten Rentner Paul aufgelesen, der uns mit seinem Geländewagen voller Stolz seinen Heimatort zeigt.
Eigentlich besteht La Paloma nur aus einer schnurgeraden Hauptstrasse, die am weißen Leuchtturm Santa Maria beginnt und sich später in einem lichten Kiefernwald verliert. Außerhalb der Saison ist hier nicht viel los, die meisten Läden und Restaurants sind geschlossen. Wir finden zwei kleine Supermärkte, ein Internet- Cafe´ und eine Bank, wo wir unser brasilianisches Restgeld tauschen.
Paul berichtet, dass in der Saison zwischen Dezember und Februar hauptsächlich argentinische Touristen die Straßen bevölkern, da es in Argentinien nur wenige Sandstrände gibt – Mallorca auf südamerikanisch mit einer sehr kurzen Saison.
Am Strand finden wir später zwei (leider tote) Pinguine, die mit dem Falklandstrom nach Norden gereist sind. Im Hafenbecken dreht ein quicklebendiger Seehund seine Runden und erbittet sein Frühstück von den Fischern.

Den nächsten Tag verbringen wir im Waschsalon, in der Tankstelle, im Internet- Cafe´ und im Supermarkt. Auf dem Boot werden die Spuren der letzten Tage beseitigt. Das zum Glück unbeschädigte Klüversegel wird wieder angeschlagen, nachdem das Fall aus dem Mast gefischt wurde.
Am Abend sind wir bei Paul und seiner Frau in deren Haus am Leuchtturm zu Gast. Vor dem flackernden Kamin sitzend, lauschen wir den Geschichten über Land, Leute und die familieneigene Rinderfarm auf dem Land – ein echter Gaucho!

Drei Tage später machen wir uns bereits wieder auf den Weg. Bevor es losgeht, entdeckt und repariert Timo provisorisch eine Undichtigkeit am Wärmetauscher im Motorraum (hat leider nicht gehalten).
Unser nächstes Ziel ist das 60 sm entfernte Piriapolis. Bei 15 Knoten Wind aus SW sind wir am nächsten Morgen auf der Höhe von Punta del Este.
Die Port Control Punta del Este scheint uns auf ihrem Radar ausgemacht zu haben und will mehrmals über Funk genauestens informiert werden: position, speed, call sign, Schuhgröße, etc.
Wir haben derweil andere Sorgen:
1. Wasser im Motorraum – sind ja genug Pumpen da.
Die Handbilgepumpe will aber nicht mehr fördern. Die flexible elektrische Bilgepumpe hat sich offenbar während des Sturms ungehört trocken gelaufen. Der Schlauch der zweiten flexiblen Bilgepumpe reicht nicht bis in den Motorraum. Die dritte Bilgepumpe ist fest eingebaut und somit ebenfalls nicht geeignet. Also pumpen wir halbstündlich manuell per Schlauch ab, mit Hilfe der noch verbliebenen Vakuumpumpe. Mal wieder Schlauch- und Pumpenchaos im Boot.
2. Als wir den Motor starten, da der Wind inzwischen mit 20 Knoten genau von vorne kommt, bemerken wir ein schleifendes, schabendes Geräusch im Bereich der Welle, das im Vorwärtsgang stark zunimmt. Wir befürchten einen Schaden am Wellenlager. Erste Zweifel kommen auf, den Hafen mit Motorunterstützung erreichen.
Wir kreuzen um 1800 Uhr hoch am Wind bei 1.5 Knoten Strom gegenan dem Hafen entgegen. Der Motor läuft im Leerlauf mit. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir die Hafeneinfahrt.
Der letzter Versuch, den Vorwärtsgang einzulegen, wird mit einem lauten, grauenhaften Krachen quittiert – das Log zeigt 0,1 Speed an. Dann segeln wir eben rein.

Einige Meter vor der Mole Windstille - der Strom ist so gnädig, uns langsam in das Hafenbecken zu schieben. Wir finden eine Lücke und „landen“ erstmal quer zur Pier. Nach einem kräftigem Schluck Mad(agaskar)- Rum bringen wir mit dem Schlauchboot zwei lange Leinen aus und vertäuen das Heck an den Mooring- Bojen.
In der Nacht reißt uns dann der angekündigte „Pampero“ aus dem Schlaf. Bis zu 35 Knoten Wind aus Süd und eisige Kälte. Ach ist es schön, im Hafen zu liegen…
Die Besuche bei Prefectura Naval, Hidrografia und Aduana (Zoll) sind schnell erledigt. Die Immigration befindet sich am Flughafen, eine halbstündige Überland- Busfahrt.
Während Sandra dort am 22.08. die 4 Stempel abholt (2 für die Einreise, 2 für die Ausreise), nimmt sich Timo des Problems an der Welle an:
Es stellt sich heraus, dass eine Kupplungsscheibe sich gelöst hat und somit das schabende Geräusch und den nicht vorhanden Vortrieb verursachte. Zum Glück hat der „Liebe Gott“ Loctite und Schlauchschellen erfunden.

Der Motor läuft wieder. Wir vermuten die Ursache für den Wassereintritt im Motorraum weiterhin beim Wärmetauscher, den wir aber erst in Buenos Aires ausbauen wollen. Ersatzteile sind hier schwer bis gar nicht zu bekommen.
Eine mechanische oder elektrische Bilgepumpe lässt sich leider nicht auftreiben, also bleibt es bei unserem Schlauchprovisorium. Die 150 sm bis zur argentinischen Hauptstadt (Capital) schaffen wir jetzt auch noch.
Da der Rio de la Plata an einigen Stellen sehr flach ist und einige Wracks auf dem Weg liegen, nutzen wir zur Navigation die unter www.cybernautica.com.ar zu findende Waypoint- Liste.
Wenn man nicht gerade über das Wrack der „Graf Spee“ fährt, ist es aber gar nicht so schlimm und flach, wie wir erwartet haben. Die Wassertiefe reicht meistens für uns Freizeitsegler.

Besonders beeindruckt uns die bei diesiger Sicht wie aus dem Nichts erscheinende „Isla de Flores“ südöstlich von Montevideo.
Nachts tauchen vereinzelt Nebelfelder auf, der Wind weht nur schwach aus NW. Wir pumpen inzwischen stündlich den Motorraum aus und versprechen unserem tapferen Volkswagen- Motor eine Komplettwartung in Buenos Aires.

Ohne weitere besondere Vorkommnisse laufen wir am 24.08. um 1800 Uhr mit Maschine in den Yacht Club Argentino im Zentrum von Buenos Aires, der Stadt der guten Lüfte, ein.
So oder ähnlich könnte man unser Wiedersehen im fernen Argentinien betiteln. Schließlich hatten wir Sandra und Timo vor mehr als 5 Jahren das letzte Mal gesehen. WIR, das bin ich – Astrid Karbach – Sandras bessere Hälfte während der Schulzeit; einige „Zeitzeugen“ können dies sicherlich bestätigen! – und Uwe Langenbach – meine heutige bessere Hälfte!

Als ich von der geplanten Weltumseglung hörte, dachte ich mir: „Wir müssen uns vorher unbedingt noch mal treffen.“ Aber ein Wiedersehen beim Auslaufen in Stade im Oktober 2005 scheiterte an den Flugverbindungen.
Nächster Versuch einige Wochen später: Porto oder Lissabon wären eigentlich auch nicht schlecht und als Wochenend-Trip gut geeignet. Wären da nicht wieder diese Flugverbindungen! So wurde aus einem Wiedersehen wiederum nichts.
Und wie wär’s, Anfang Januar für ein paar Tage auf die Kanaren zu fliegen, um sich dort zu treffen? Das war dann schlichtweg ein bisschen zu teuer.
So vergingen die Monate, Sandra und Timo überquerten den Atlantik und kamen in Brasilien an. Ich verfolgte unterdessen die Reiseberichte auf der Homepage und hatte dann ein spontane Idee: „Wie wär’s denn mit einem Wiedersehen in Südamerika???“
Unsere Sommerferien waren bis auf einen zweiwöchigen Italien-Urlaub direkt zu Beginn noch nicht verplant, so dass uns noch vier Wochen zur Verfügung standen. In dieser Hinsicht ist unser Lehrerdasein wirklich eine feine Sache!!!
Nach einigem Hin- und Hermailen und kurzer Überzeugungsarbeit bei Uwe stand dann Ende Juni fest: Es geht für zehn Tage nach Buenos Aires auf die Ultima! … und am 27. August war es auch dann soweit.
Unser Hinflug war eine Katastrophe. Wir stellten uns bereits im Vorfeld auf einen „Höllentrip“ ein (von Frankfurt nach Madrid, dann nach Santiago de Chile und von dort aus nach Buenos Aires: bei normalem Verlauf ca. 19 Stunden). Aber dass wir nachts fünf Stunden in Madrid warten mussten, hätten wir auch nicht gedacht. Und als wir im Flieger die Nachricht „Wir landen in wenigen Minuten in Sao Paulo.“ hörten, hatten wir wieder allen Grund, uns aufzuregen. Dieser Zwischenstopp zum Tanken kostete erneut Zeit.
Der Flug von Santiago de Chile nach Buenos Aires war hingegen angenehm. Wir hatten endlich einen Fensterplatz und somit einen genialen Ausblick auf die Anden.

Nachdem wir am Montag, den 28. August spät nachmittags in Buenos Aires ankamen und tatsächlich auch unser Reisegepäck komplett und unversehrt vorfanden, war er endlich da, der große Augenblick: Das Wiedersehen nach mehr als fünf Jahren! Und das auch noch in Südamerika, am Flughafen von Buenos Aires! Verrückt! Uwe und Timo verstanden sich auf Anhieb (zuerst mal eine rauchen und gemütlich ein Bierchen trinken) und dass Sandra und ich uns einiges zu erzählen hatten, ist wohl klar!

Uwe und ich, wir waren sehr gespannt: auf die Stadt, auf das Land, auf die ULTIMA und auf das Leben, das Sandra und Timo führen.
Die Ultima – unser Zuhause für die nächsten zehn Tage
Mit einem Taxi (dagegen sind unsere alten Autos ein wahren Luxus – doch es sollte noch schlimmer kommen!) ging’s quer durch die Stadt zum Yacht Club Argentino, wo die ULTIMA lag.
Uwe freute sich als ehemaliger Matrose ganz besonders auf das Boot und ich dachte mir: “Ich habe zwei Wochen Wohnwagenurlaub überstanden, also ist dies hier auch kein Problem!“ Und so war es auch. Klar, die Enge auf einem Boot ist schon gewöhnungsbedürftig, aber wir fanden’s richtig gemütlich.

Abends gingen wir noch schick essen – also das Restaurant war sehr schick, wir waren wohl eher nicht entsprechend gekleidet und noch leicht daneben von dem anstrengenden Flug. Dennoch: das Essen war sagenhaft gut; Uwe schwärmt heute noch von seinem „Filet Mignon Black Pepper“.
Zurück auf der ULTIMA stand uns die erste Nacht in Argentinien auf einem Boot bevor. Aber da Sandra und Timo uns ihre Luxussuite im Bug überlassen hatten, konnten wir auch super schlafen.

Buenos Aires – eine Mischung aus Tradition und Moderne
Der erste Morgen an Bord (Dienstag, 29. August) begann ähnlich wie im Campingurlaub: Tasche packen und ab ins Sanitärgebäude. In dieser Hinsicht waren wir ja schon eingeübt! Sandra und Timo überraschten uns anschließend mit einem Riesenfrühstück, so dass wir gut gestärkt zu einer Stadtrundfahrt aufbrechen konnten.
Buenos Aires (2,7 Mio. Einwohner, als Agglomeration ca. 12 Mio. Einwohner) wirkte auf uns wie eine sehr moderne Stadt: hohe Geschäftsgebäude, eine moderne Fußgängerzone und gleichzeitig ein immer wiederkehrendes Stadtbild mit historischen Gebäuden. Gleichzeitig konnte man leider auch an vielen Stellen Armut sehen und spüren.
Die Namensgebung Buenos Aires, was übersetzt gute Winde bedeutet, konnten wir allerdings nicht nachvollziehen - die Autoabgase waren enorm (meine Brillengläser waren abends immer leicht verrußt!).
Die interessantesten Sehenswürdigkeiten der Stadt haben wir wohl besichtigt, z.B.
• den Präsidentenpalast Casa Rosada (mit dem Balkon, wo einst Evita Peron eine flammende Rede an das Volk hielt),
• die Plaza de Mayo, das Zentrum der Stadt,
• das Teatro Colon,
• das alte Hafengebiet Puerto Madero, ein Gastronomie- und Nachtclubviertel mit restaurierten Lagerhallen,
• das Stadtviertel La Recoleta, das teuerste Wohn- und Geschäftsviertel der Stadt,
• das Stadtviertel San Telmo, geprägt durch viele Altbauten aus dem 19. Jahrhundert,
• das Stadtviertel La Boca, das aufgrund der farbenfrohen Gestaltung der Häuser durch verschiedene Einwanderer eine besondere Atmosphäre ausstrahlt.
Und das absolute Highlight des Tages war jedoch unser Tango-Auftritt. Hierzu muss man lediglich die Fotos betrachten – diese sagen alles aus!

Den nächsten Tag (Mittwoch, 30. August) verbrachten wir in erster Linie mit der Planung unseres Ausflugs nach Uruguay und mit Shoppen, unter anderem in dem noblen Kaufhaus „Galerias Pacifico“. Die Preise in Argentinien sind sehr günstig, so dass wir uns noch mit etwas Warmem eindeckten.
Denn man muss bedenken: Wir befanden uns im argentinischen Winter, der sich aber während unseres gesamten Urlaubs von seiner sehr angenehmen Seite zeigte: Tagsüber hatten wir oft Sonnenschein und bis zu 15 Grad, was sich jedoch wegen den rauen Winden oftmals ein bisschen kühler anfühlte. Nachts gab es aber auch Frost! … und wegen den günstigen Preisen sind wir auch (fast) jeden Tag essen gegangen. Welch’ ein Luxus!
Ausflug nach Colonia del Sacramento, Uruguay
Am Donnerstag, den 31. August ging es nach Colonia del Sacramento, einer historischen Stadt in Uruguay (und wieder ein Stempel im Reisepass, wobei unsere Reisepässe wie Anfängerprodukte aussahen im Gegensatz zu denen der Profis Sandra und Timo!!!).
Mit einer Fähre gelangten wir innerhalb von fast drei Stunden über den Rio de la Plata nach Colonia. Was auf einer Landkarte sooo nah aussieht, ist in der südamerikanischen Wirklichkeit eine durchaus weite Entfernung. Wir mussten uns immer wieder vor Augen halten, dass Argentinien fast achtmal größer ist als Deutschland.

Das Städtchen Colonia del Sacramento ist gut überschaubar und zu Fuß zu erkunden. Einige Sehenswürdigkeiten sind die Basilika, der Leuchtturm und das Straßenbild insgesamt. Denn auch hier ist der Kolonialstil besonders ausgeprägt und erhalten geblieben.
Aber warum Colonia zum Weltkulturerbe gehört, ist uns immer noch nicht ganz verständlich (oder haben wir irgendetwas verpasst???). Nichtsdestotrotz – ein wirklich nettes Städtchen!
Segeln nach San Fernando
Freitags hieß es Abschied nehmen von der Stadt Buenos Aires und auf nach San Fernando, ca. 25 km in Richtung Nordwesten. Aber eigentlich waren wir immer noch in der argentinischen Hauptstadt, denn San Fernando zählt noch zum Ballungszentrum Buenos Aires. Ein bisschen aufgeregt waren Uwe und ich schon, denn man segelt ja nicht alle Tage!
Zum Glück, denn wie sich bereits nach kurzer Zeit herausstellte, bin ich nicht wirklich seetauglich. Man berichtete mir, dass sich meine Gesichtsfarbe leicht bis stark gelblich veränderte. Mir war richtig elend zumute und ich war froh, dass wir bereits nach ca. zwei Stunden ankamen.

Und dabei war eigentlich kaum Seegang. Nicht auszudenken, wie es auf hoher See wäre! Schließlich habe ich mich doch noch gut erholt, aber weitere Segeltörns sind hiermit für mich gestorben!
Den folgenden Tag (Samstag, 2. September) verbrachten wir damit, Sandra und Timo in diverse Seglerfachgeschäfte zu begleiten, denn schließlich mussten die beiden das Boot für die bevorstehende Weiterfahrt nach Feuerland auf Vordermann bringen.
Mit dem Touristenzug „Tren de la Costa“ nach Tigre
Sonntags besuchten wir den Touristenort Tigre, ein mit dem zugehörigen Flussdelta beliebtes Naherholungsgebiet. Zunächst schlenderten wir über den Markt, anschließend stand eine Bootstour auf dem Programm. Das Tigre-Delta, wo der Rio Lujan an das Delta des Rio Parana grenzt, wirkte wie eine wilde Landschaft und ein Labyrinth aus vielen Flussläufen. Einige herrschaftliche Häuser, aber auch viele Wochenendunterkünfte waren am Ufer zu sehen.
Zu Besuch bei den Gauchos
Ein weiteres Highlight und eigentlich auch ein Muss unserer Argentinienreise war der Besuch einer Estancia. So wird in Südamerika ein Landgut bezeichnet, wo stationäre, extensive Weidewirtschaft von den Gauchos (Viehzüchter) betrieben wird – also einfach gesagt: eine Rinderfarm!

Wir fuhren in den Norden der Provinz Buenos Aires zu der Estancia La Cinacina. Hier erwartete uns ein volles Programm: Reiten, Asado (traditionelles argentinisches Barbecue), Musik- und Tanz sowie Showeinlagen der Gauchos, mit denen sie ihre Reitkünste demonstrierten. Ein echt gelungener Tag, obwohl sich Uwe nicht aufs Pferd traute, obwohl ich in den einzigen Pferdeapfel weit und breit trat, obwohl Sandras Pferd für ihr Empfinden viel zu langsam war, obwohl Timo und Uwe tanzen mussten, obwohl wir zum Schluss ewig auf den Bus warten mussten, und und und …
Es geht wieder in Richtung Heimat!

Am Donnerstag, 7. September hieß es Abschied nehmen von der ULTIMA und ihrer Crew. Mit einem schrottplatzverdächtigen Taxi (ich wundere mich bis heute noch, dass wir damit überhaupt angekommen sind) wurden wir zum Flughafen von Buenos Aires gebracht.
Nach fast 20 Stunden hatte uns Deutschland wieder und wir konnten nach fünf Wochen Katzenpension endlich unsere Tippi abholen. Ein genialer Urlaub war zu Ende. Wir haben eine Stadt und ein Land kennen gelernt, die eigentlich gar nicht in unseren Urlaubsplanungen vorkamen, die uns dennoch begeistert haben. Und wir haben festgestellt, dass Sandras und Timos Lebensweise sicherlich kein Dauerurlaub ist. Im Nachhinein sind wir froh, dass wir diesen eher ungewöhnlichen Trip gewagt haben und wer weiß, vielleicht war das nicht unser letzter Besuch auf der ULTIMA!!!

Doch das wissen wir noch nicht, als wir am 11.12.06 den Hafen von Mar del Plata bei gesetztem Spinnaker am Horizont verschwinden sehen. Der Wind weht mäßig aus nordöstlichen Richtungen, das Barometer bleibt konstant bei 1015 mb. Geplant ist, die ca. 400 sm entfernte Bucht Golfo Nuevo anzulaufen, wenn das Wetter passt.
Hier befindet sich die Halbinsel Peninsula Valdez, ein Tierschutzgebiet von 3600 km² mit einer Küstenlänge von 400 km, wo die vom Aussterben bedrohten Südlichen Glattwale (Südkaper/ ballena franca austral), Orcas, verschiedene Delfinarten, Magellanpinguine, Seelöwen, See- Elefanten und zahlreiche Seevögel zu bewundern sind.
Zwischen Juni und Mitte Dezember suchen die Südkaper im wärmeren, geschützten Wasser entlang des Golfo Nuevo ihre Paarungs- und Aufzuchtplätze auf. Aus diesem Grund wurde die Halbinsel 1999 zum Weltnaturerbe der Unesco erklärt. Glattwale haben keine Zähne, sondern fangen Krill und Plankton mit ihren fransigen Barten, die vom Oberkiefer herabhängen.
Aber zunächst einmal sehen wir zahlreiche Albatrosse, die an Größe zunehmen, je südlicher wir uns befinden. Auch ein Hai knabbert auf der Seite schwimmend an unserer Bordwand und die ersten Pinguine tummeln sich auf offener See.

Als sich an steuerbord eine Wolkenwand auftürmt, holen wir vorsichtshalber den Spinnaker ein, leider hakt die Einhol- Leine, so dass der Segelwust erst mal unsortiert und nass auf dem Vorschiffboden landet, das Salzwasser selbstverständlich in den Kojen.
Zwischendurch Blitze, Regen, Flaute, Böen, Winddreher. Kurzzeitig starten wir den Motor und stellen fest, dass die Motortemperatur bedenklich nah ans Limit reicht, zudem treten Kühlflüssigkeit und Hydrauliköl aus dem Überlauf aus. Was denn jetzt schon wieder?
Alles deutet auf ein Leck im gerade erst reparierten Wärmetauscher hin. Auf See lässt sich dieser Schaden nicht beheben, was bedeutet, dass wir auf jeden Fall die am Golfo Nuevo gelegene Stadt Puerto Madryn anlaufen müssen.
Am 14.12.06 dreht der Wind wieder auf Nord und nimmt bis auf 30 Knoten zu, so dass wir um Mitternacht mit 8 Knoten Geschwindigkeit am Leuchtturm „Punta Delgada“ südwestlich der Halbinsel Peninsula Valdez vorbeidüsen.
Mit zweifach gerefftem Groß- und Klüver kreuzen wir hoch am Wind bei kurzen Steilen Wellen zu dem bei Nordwinden geschützten Ankerplatz Richtung Puerto Piramide. Durch die Kreuzerei geht die Zeit ins Land (oder ins Wasser) und erst am Nachmittag erreichen wir den Ankerplatz Punta Pardelas, südlich von Puerto Piramide.
Erst beim dritten Versuch hält der 22Kg CQR-Anker auf 11 m Wassertiefe. Bei 25°C herrscht hier Sonnenbrandgefahr. Die Wassertemperatur beträgt allerdings nur 12°C.
Wir trauen unseren verschlafenen Augen kaum, als in unmittelbarer Bootsnähe ein paar Südliche Glattwale gemächlich ihre Runden drehen, mehr oder weniger vorsichtig verfolgt von Touristenbooten, durch die sich die majestätischen Meeressäuger allerdings nicht aus der Ruhe bringen lassen.

Da der Wind zusehends auf Südwest dreht, verlassen wir (leider) bereits bei Einbruch der Dunkelheit diese Bucht der friedlichen Wale. In einer sternenklaren Nacht überqueren wir den Golfo Nuevo in Richtung des ca. 30 sm entfernten Puerto Madryn. Der Anker fällt mittags auf 7 m Wassertiefe in Höhe des „Club Nautico Atlantico Sur“, von dessen Mitgliedern wir freundlichst empfangen werden.
Nachdem wir uns bei der Prefectura Naval Stempel und Wetterbericht abgeholt haben, fallen wir erst mal über Supermarkt und Metzgerei her.
Die heute 74000 Einwohner zählende Stadt wurde 1886 von Walisern gegründet und verdankt ihren Namen Love Parry, Baron von Madryn. Die „Universidad de la Patagonia“ in Madryn ist für ihr Meeresbiologisches Institut bekannt.
Hier befindet sich der zweitgrößte Fischereihafen des Landes sowie Argentiniens erste Aluminiumfabrik. Das Stadtbild ist geprägt von zahlreichen Souvenirshops und Touristikunternehmen, die sich auf Waltouren sowie Führungen im Tierschutzgebiet spezialisiert haben.
Der Strand ist immer gut besucht: Die „portenos“ genannten Einwohner von Buenos Aires entfliehen hier der Hektik der Metropole.
Alle zwei Tage legt ein Kreuzfahrtdampfer an. Die glücklichen – fünf Mahlzeiten am Tag, kein Geschaukel und im Vergleich zu uns: Billiges Reisen.
Zurück auf dem Boot, dreht der Wind gegen Abend ohne Vorwarnung auf Nordost und nimmt in Böen auf über 30 Knoten zu. Der nachmittags auftretende lokale, thermische NE-Wind, hier „brisa del Norte“ genannt, wird uns in der nächsten Zeit fast täglich erfreuen. Da der Ankerplatz nach Nordost und Ost ungeschützt ist, entstehen unangenehme Wellen und das Boot steht quer zum Schwell, „making life aboard inconfortable“, wie es in unserem Patagonien- Handbuch so schön heißt – correcto!
Dieser Nautische Führer (Patagonia & Tierra Del Fuego; M. Rolfo u. G. Ardrizzi; ISBN 88-85986-34-X), auch Italian – Guide genannt, ist unser Einschätzung nach der wichtigste von allen für diese Region und später in Chile.
Auch das noch: Wir sind todmüde und der Anker slippt. Anker auf und wieder runter, slippt schon wieder. Anker auf, Anker fällt, hält. Als wir uns umdrehen, sehen wir unser orangefarbenes Gummiboot mit Außenborder in 10 Meter Entfernung schnell auf´ s offene Wasser treiben. Mist, die Lasche ist bei einer Böe ausgerissen, die Leine liegt unversehrt auf der Klampe. Hinterher schwimmen? Geht nicht bei dem Wind (und der Wassertemperatur). Anker auf, Beiboot mit dem Bootshaken einfangen, Anker fällt bei inzwischen 35 Knoten Wind, 50 m Kette diesmal, hält.

Da der Motor während der Wärmetauscher-Reparatur nicht einsatzbereit ist, verholen wir unser Boot vorsichtshalber an eine, bei Starkwind zwei Mooringbojen des Clubs, nachdem uns versichert wurde, dass diese für unser 5-Tonnen- Schiff stark genug sind. Sind sie auch, wie sich herausstellt; der Zustand der Moorings wird während unserer Anwesenheit mehrmals von Tauchern kontrolliert.
Leider verheddert sich die lange Mooringleine aufgrund der häufigen Winddreher und des Schwells des Öfteren zwischen Kiel und Schraube, längere Landausflüge sind somit gestrichen.
Trotz der inzwischen gut ausgerüsteten Bootswerkstatt lässt sich die Undichtigkeit am Wärmetauscher nicht mit Bordmitteln beheben, so dass wir diesen bei der nahe gelegenen Linde-Vertretung prüfen und reparieren lassen. Einen Tag später kann Timo ihn nach Zahlung von 50 Pesos (13€) bereits wieder einbauen, die Testfahrt ergibt: Alles in Ordnung.
Nachdem unser geschundenes Beiboot inzwischen bereits den dritten Haken- Verlust zu verzeichnen hat, ist auch hier professionelle Hilfe gefragt, unser 2-Komponenten-Gummikleber reicht da nicht mehr.
Kurz vor Weihnachten erhalten wir aus Buenos Aires die Nachricht, dass unser Paket mit dem SSB-Tuner doch noch eingetrudelt ist. Ein schönes Weihnachtsgeschenk, das eigentlich ein Oktober- Geburtstagsgeschenk von den lieben Vätern daheim werden sollte. Dankeschön!
Hermann, inzwischen auf die ComoNo zurückgekehrt, gibt dem Paket noch den letzten Schubs und schickt es im Weihnachtstrubel von Buenos Aires nach Puerto Madryn. Muchas gracias!
Das Geschenk ist inzwischen eingebaut und funktioniert.
Seitdem stehen wir mit ComoNo (Buenos Aires), JustDoIt (Ushuaia) sowie mit den deutschen Segelyachten Atlantis und Breakpoint (Puerto Montt, Chile) in Kontakt. Den wichtigsten Kontakt stellt aber das „SSB Patagonia Cruising Net“ dar, das täglich von Wolfgang von der SY „Wilde Mathilde“ auf 8164,00 kHz um 09:00 (Lokal Time) geleitet wird. Hier werden Positionsdaten, Wetter und Erfahrungen ausgetauscht. Tratsch und Klatsch kommen nach der Sendung nicht zu kurz – „Marienhof“ für Segler.
Weihnachten feiern wir mit geschmücktem Boot bei 22°C, Braten, Semmelknödeln (die letzten ihrer eingeschweißten Art) und Rotkohl.
Zum Jahreswechsel (wann denn jetzt: UTC, MEZ, Lokal Time?) hören wir Frau Merkel mit verzerrter Stimme auf der Deutschen Welle. Ach, hier ist es doch ganz schön…
Nach zweieinhalb Wochen geht es am 05.01.07 endlich weiter. Ziel Caleta Horno. Wir benötigen knapp 2 Tage für die Strecke von ca. 160 sm. Der Wind kommt hauptsächlich aus nördlichen Richtungen. Unzählige Albatrosse begleiten uns. Das einzige Problem auf dieser Etappe: Das Gestänge der Windsteueranlage ist verbogen, so dass wir nun den elektrischen Autopiloten zu Hilfe nehmen, der bei stärkeren Winden allerdings überfordert ist.
Schwarz- weiße Commerson- Delfine reiten im Canal Leones geschickt und sehr wendig auf unserer Bugwelle, es scheint ihnen Spaß zu machen. Wir finden die Abkürzung zwischen den Inseln hindurch bei über 20 Knoten Wind von achtern und Strom gegenan eher ungemütlich.

Am Eingang der sehr windgeschützten, malerisch von Felsen umsäumten Bucht Caleta Horno erwarten uns 2 Guanakos, die uns von den Felsvorsprüngen herab genau betrachten (und umgekehrt). Der gewundene Fjord mündet in einem kleinen Felsbassin, in dem bereits eine belgische Segelyacht liegt.
Wir werfen den Anker, befestigen zum ersten Mal unsere neuen 100m- Leinen an den Felsen und genießen dann fasziniert diese traumhaft schöne Naturkulisse. Pinguine umkreisen neugierig unser Boot. Vor Urzeiten wird es hier nicht viel anders ausgesehen haben.
Die Belgier haben eindeutig den besseren Platz erwischt: Unter uns befinden sich bei Niedrigwasser nur 2 Meter Wasser, vor uns tost durch das Flussbett der Wind. Bei starken Böen slippt natürlich auch mal wieder der Anker, Timo bringt ihn mit dem Beiboot neu aus.
In der Nacht nimmt der Wind auf 35 Knoten aus Nord zu und ein Weltuntergangsgewitter bricht los. Donnergrollen im Echo-Sound, ein Blitz schlägt mit einem Krachen im Felsen ein. Es folgt: Flaute.
Am nächsten Morgen verabschieden sich die Belgier, nachdem sie uns noch den neuesten Satellitentelefon- Wetterbericht dagelassen haben.
Wir nutzen die Gelegenheiten und verholen unser Boot ins Innere der Bucht. Diesmal befestigen wir zu Testzwecken einen zweiten Anker (Danforth) mit Kette zusätzlich am Hauptanker und üben noch mal bei wenig Wind das Ausbringen der Leinen.

Es folgt ein sommerlich warmer Landerkundungstag durch die felsige Urlandschaft. Oben angekommen, Pampa, soweit das Auge reicht, das fast ausgetrocknete Flussbett windet sich weit ins Landesinnere.

Zwischen Gräsern, Büschen und sogar Blumen springen Guanakos umher. Sandra springt fasziniert zwischen Steinen und teilweise versteinerten Muscheln umher, die bestimmt schon seit Ewigkeiten unberührt auf den hohen Felsen liegen.

Hätten wir doch bloß ein größeres Boot (Anmerkung Timo: Ein 20.000 BRT-Frachter würde für den Plunder nicht reichen...).

Timo interessiert sich eher für die Pinguine, das tote Gürteltier und den von Fischern und Seglern angelegten Grillplatz am Strand. Wie gut, dass wir noch ein Paket Bratwürste haben. Ein richtiger Urlaubstag.
Das Gestänge der Windpilot lässt sich wieder halbwegs begradigen, wirkt jedoch insgesamt instabiler.

Nach Begutachtung des aktuellen Wetterberichtes beschließen wir, am Morgen des 10.01. weiterzusegeln. Wir haben zwar südwestliche Winde, kommen aber gut voran und können den Kurs halten. Gegen Abend weht der Wind aus Nordost mit 20-25 Knoten.
Alles läuft bestens, wir träumen in den Tag hinein und genießen den Sonnenuntergang, als uns plötzlich eine mächtige Welle in Verbindung mit einer hakenden Windsteueranlage mit dem Heck durch den Wind drückt.
Es kracht unheilvoll, als der Großbaum auf die andere Seite schlägt. Der gesetzte Bullenstander mildert zum Glück den Aufprall und rettet uns wahrscheinlich vor einem Mastbruch. Doch ein Blick nach vorne genügt: Wir entdecken einen ca.5cm langer Riss und eine etwa 10x20cm große Stauchung an der Backbord- Seite des Mastfußes. Schnellstens werden alle Segel geborgen und der Mast mit allen vorhandenen Fallen gesichert.

Die restlichen 100 sm bis Puerto Deseado werden wir wohl oder übel bei vorerst nördlichen Winden bis zu 30 Knoten mit Motorkraft zurücklegen müssen. Das unangenehme Gefühl, dass der Mast jeden Moment herunterkommen kann, begleitet uns.
Zum Glück erreichen wir Hermann noch am selben Abend per SSB-Funk und geben unsere aktuelle Position durch, für alle Fälle.
Bis zu unserer Ankunft in Puerto Deseado werden wir fürsorglich jeden Morgen durch das „Patagonia Cruising Net“ mit aktuellen Wetterinformationen und Zuspruch versorgt.
Unseren ersten Plan, die 35 sm nördlich von Puerto Deseado gelegene Bucht „Caleta Sur“ am Cabo Blanco anzulaufen verwerfen wir, da für die Nacht bereits südliche Winde vorhergesagt werden. Die Ankerbucht bietet bei Südwind keinerlei Schutz.
Am 11.1. gegen Mittag dreht der Wind innerhalb kurzer Zeit von 30 Knoten aus Nord auf 35 Knoten aus Südwest, auch das noch!
Wir lassen die Bancos Byron, Ana und Susana an backbord liegen und kämpfen uns im Abstand von 1-2 sm von der Küste weiter nach Süden vor. Wenigstens sind die Wellenberge unter Landschutz nicht ganz so hoch, doch dafür arbeitet der Strom nun gegen uns.
Wie lange hält der Mast noch durch? Als wir nur noch mit maximal 1 Knoten vorwärts kommen (oder rückwärts?), geben wir auf. Wir nähern uns der Küste bis auf 10 m Wassertiefe und werfen in Lee eines Kelp- Feldes, 10 sm von Puerto Deseado entfernt, den Anker. Hier „erholen“ wir uns im Sitzliegen ca. 5 Stunden von den Strapazen.
„Kelp“ ist eine Wasserpflanze, die südlich des 45°S Breitengrades entlang der argentinischen und chilenischen Küste zu finden ist. Kelp- Pflanzen sind mit den Wurzeln am Grund verankert, wachsen zur Wasseroberfläche und können eine Länge von bis zu 50 Metern erreichen.
Kelp- Felder sind ein untrügliches Zeichen für flache Gewässer und Steine und haben somit für den Seefahrer auch eine warnende Funktion, zumal auf den Seekarten nicht alle Begebenheiten verzeichnet sind. Große Kelp- Banken sind sogar auf Radar erkennbar.
Unser schlaues Handbuch rät: „In doubt, the golden rule is: stay away from kelp“.
Auf Ankerplätzen wird man jedoch häufiger von Kelp „angegriffen“ und der Anker mit einem zusätzlichen Gewicht von bis zu 100 kg belagert. Da hilft nur noch eine Gegenoffensive mit Machete oder einer sensenförmigen Sichel. Fluchen hilft nicht.
Als der Wind gegen Mitternacht abflaut und auf Süd dreht, nehmen wir die letzten 10 Meilen trotz Strom gegenan in Angriff. Der ablaufende Strom an der Einfahrt nach Puerto Deseado stellt sich mit 1,5 Knoten als eher mäßig heraus. Welch glücklicher Umstand, denn unser Patagonien- Handbuch berichtet von bis zu 3-4 Knoten Strom bei ablaufend Wasser.
Die Ansteuerung erfolgt bei sternenloser Dunkelheit mit Hilfe von Radar, Richtfeuer und einprogrammierten GPS- Wegpunkten.
Nachts um eins machen wir bei schwachem Südwind an einer Mooringboje vor dem „Club Nautico Capitan Oneto“ fest.
Die überschaubare Hafenstadt Puerto Deseado mit ihren historischen Bauwerken zählt 12000 Einwohner und lebt hauptsächlich von Fischindustrie, Viehwirtschaft, Bootsbau und Tourismus. Sie liegt an der „Ria Deseado“, einem der wichtigsten Meeresschutzgebiete Südamerikas.
Hier fließt das Meerwasser in einem alten Flussbett, das durch Meeresspiegelanstieg versunken ist. Das Meer dringt 40 km ins Landesinnere vor und bietet zahlreichen Meeresbewohnern einen geschützten Raum: verschiedene Kormoranarten, Felsen- und Magellanpinguine, Sturmvögel, Reiher, Commerson-Delfine und Seelöwen treten hier zahlreich auf. Auch Guanacos und Nandus (Pampastrauße) lassen sich hier bewundern.
Ganz in der Nähe befindet sich eine weitere Naturattraktion, die wir hoffentlich noch erkunden werden (aber erst die Arbeit, dann das Vergnügen): Das 15000 ha große „Monumento Natural Bosques Petrificados“ – der Versteinerte Wald:
Vor 150 Mio. Jahren, als in dieser Gegend ein feuchtwarmes Klima herrschte, wurden bei Vulkanausbrüchen unzählige Andentannen (Araukarien) unter einer bis zu 20 m dicken Ascheschicht begraben und im Laufe der Zeit mineralisiert. Durch Wind und Regen wurden die Bäume mit einem Durchmesser von bis zu 3 m und einer Länge von 35 m wieder freigelegt.
1520 ankerte Fernando de Magellan nach einem zerstörerischen Sturm in der geschützten Flussmündung, um dort seine Flotte zu reparieren. Er nannte das Gebiet „Rio de los Trabajos“ (Fluss der Arbeit). So wandeln wir zumindest ein wenig in seinen Fußstapfen. 1586 erkundete der englische Freibeuter Cavendish die Mündung und benannte sie nach einem seiner Schiffe: Desire (spanisch: deseado).
Am Morgen, als wir uns gerade auf den Weg zur Prefectura Naval machen wollen, dreht der Wind auf Südwest und nimmt schlagartig auf 30 Knoten zu. Der mächtige Holzsteg vom Club kommt immer näher (oder wir?) und somit auch der felsige Strand. Nichts wie weg hier, diese Mooring war nichts wert.
Nach 3 Versuchen hält schließlich der Anker bei 5 Meter Wassertiefe, so dass wir einen kurzen Landgang wagen: Sandra zur Prefectura (mehr Spanischkenntnisse), Timo zum Supermarkt (mehr Transportkapazität).
Als Timo nach 20 Minuten zurückkommt, sitzen wir bereits auf einem Felsen fest, bei einer Schräglage von 35°. Der Anker hält bombenfest, doch ein Winddreher hat unser geschundenes Boot auf eine in den Karten nicht verzeichnete, steile Kiesbank gedrückt, so dass aus den 5 Metern Wassertiefe unter dem Kiel in Sekundenschnelle 1 Meter wurde.
Zum Glück ist in einer Stunde bereits wieder auflaufendes Wasser; bei einem Tidenhub von 5 Metern dürften wir bald wieder frei sein. Ob der Mast dieser Belastung standhält, ist eine andere Frage, zumal der Wind weiter mit bis zu 30 Knoten auflandig weht.
Sandra verständigt kurz den Herbeieilenden vom Prefectura- Wachhäuschen, dass wir auf das Hochwasser warten, während Timo die Gelegenheit nutzt, den freiliegenden Bootsrumpf von Muscheln und Algen zu befreien.
Plötzlich taucht der Chef von der Prefectura mit zwei Untergebene im Auto auf und mit ihnen 1 Prefectura- Schlauchboot mit 3 Mann Besatzung in Neopren- Anzügen; des weiteren 5 Clubmitglieder, einige Fischer, ca. 10 Schaulustige und 1 Kameramann. Was soll das denn werden?
Ein Riesenpalaver, das Schlauchboot wird zu Wasser gelassen, Sandra vorne drin und bereits nach einer Minute klitschnass.
Eine „Hundeleine“ von 8 Metern wird hervorgekramt, mit der die Herren beschlossen haben, unser 5.5 Tonnen Aluminium gegen den starken Wind mit ihrem Schlauchboot frei zu ziehen. Da Reden nicht hilft, lassen wir sie tun, was sie für richtig halten.
Das Schlauchboot wird mit einem Ruck zurückgeworfen, die Leine verheddert sich in der Schraube des Außenborders. Neuer Versuch, das gleiche Dilemma.
Wir übergeben dem Schlauchboot eine unserer 100m- Leinen und Sandra siedelt auf die schräg aber trocken liegende Ultima über.
Nach einem weiteren Riesenpalaver wird endlich unser Vorschlag akzeptiert, die Leine am gegenüberliegenden Ufer festzumachen, damit wir bei auflaufendem Wasser unser Boot mit der Winsch selber vom Felsen ziehen und weiteres Schwojen verhindern können. Und wieder landet die Leine in der Schraube des Außenborders.
Zu guter Letzt geht dem Schlauchboot nach 2 Stunden des „Rettungseinsatzes“ der Sprit aus und ein Ruderkajak bringt unsere 100m- Leine ans andere Ufer.
Der Wind dreht inzwischen auf Süd und hilft mit, so dass unser Segelboot mit Mast nach einer halben Stunde wieder Wasser unter dem Kiel hat.
Als der Wind zunimmt, verlassen wir schnellstens die Bucht und versuchen unser Glück in der östlicher gelegenen Bucht des Clubs, wo ein Steinwall etwas Schutz vor den häufigen Südwestwinden bietet.
Hier liegen zwei Moorings, allerdings viel zu nah an Land und bei dem starken, auflandigen Wind nicht möglich aufzunehmen. Später stellt sich heraus, dass eine der Moorings beschädigt ist. Ein Festmachen ist aber wegen der geringen Wassertiefe nur zwischen beiden Moorings an Bug und Heck möglich. Die rote Mooring hat 7t, die gelbe Mooring 2t Haltekraft. Position: 47°45,468´S 65°54,126´W.
Da bleibt uns nur noch die dritte in den Karten verzeichnete Ankerbucht am gegenüberliegenden Flussufer (fernab jeglicher Zivilisation), die bei Südwest- Winden geeignet ist. Wie immer hält nach dem dritten Versuch der Anker zuverlässig, auch als der Strom umkippt.
Als der Wind am nächsten Tag abflaut, wagen wir noch einen Ankerversuch in der ersten, westlich gelegenen Bucht am Club, diesmal weit entfernt von dem unsichtbaren Felsen und mit Landleine. Kurzzeitig hakt das Relais der Ankerwinde, so dass wir erst mal wieder abdrehen – plötzlich funktioniert es wieder so zuverlässig wie immer. Elektrik und Boote...
Gar nicht so einfach, einen sicheren Platz für sein Boot zu finden!

Jetzt haben wir endlich Zeit, eine Lösung für unser eigentliches Problem – den beschädigten Mast – zu finden. Der Mast muss für die Reparatur vom Boot, ein Alu- Schweißgerät und ein fachkundiger Schweißer müssen her.
Der Chef des Clubs bietet uns an, den Mast per Menpower (4 oder mehr) zu legen, während das Boot am Holzsteg trocken fällt. Bei Niedrigwasser hat der Steg eine Höhe von ca. 10 Metern. Ein Kran steht hier nicht zur Verfügung, dafür aber ein Alu- Schweißgerät und drei Schweißer. Abgesehen von der Tatsache, dass dies eine sehr kostengünstige Lösung wäre, sind wir doch sehr skeptisch.
Alternativen sind immer gut, also machen wir uns auf den Weg zur nahe gelegenen Schiffswerft „Coserena SA“. Hier soll es auch einen Ingenieur geben, der uns eventuell Ratschläge bezüglich der anstehenden Reparatur geben kann. Außerdem entdecken wir hier einen sehr geschützten Liegeplatz an einem kleinen, innen liegenden Steg.
Der Pförtner der Werft verwehrt uns den Zutritt, er müsse erst mit dem Chef reden. Hinter vorgehaltener Hand erklärt er uns, der Chef sei „no muy simpatico“.
Der Chef lehnt es ab, mit uns persönlich zu reden und lässt uns ausrichten, dass in seiner Werft nicht mit Aluminium gearbeitet würde. Mit einem Liegeplatz oder einem Kran zum Heben des Mastes (alles vorhanden) könne er auch nicht dienen. Dummerweise ist der Chef auch gleichzeitig der Ingenieur, also keine Chance, dass Mastproblem weiter zu erörtern. Frustriert machen wir uns auf den Rückweg.
Bisher keine andere Lösung in Sicht, also werden wir unser Boot wohl trocken fallen lassen. Hoffentlich denkt dann die Prefectura nicht, dass wir einen Notfall haben.
In den letzten Tagen hat uns der Wind einen Strich durch die Rechnung gemacht, ständig 30 Knoten und mehr aus Südwest, keine Chance, den Mast zu legen.
Für Freitag, den 19. Januar, ist besseres Wetter angesagt, so dass wir an diesem Tag einen Versuch wagen wollen.
Inzwischen wurde die defekte Mooring in der östlich gelegenen Bucht vom Club repariert und wir sind mal wieder umgezogen. Zwischen den zwei Moorings und bei zusätzlichem Heckanker liegen wir „relativ“ ruhig auf 5 Metern Wassertiefe. Man wird genügsam mit der Zeit.
Heute werden wir mal wieder durchgeschüttelt von - wie könnte es anders sein - 30 Knoten und mehr aus Südwest, angebunden wie eine Ziege am Pflock, Landgang verschoben.
Jetzt heißt es warten – auf weniger Wind und darauf, dass sich das Wetter endlich an den Internet- Wetterbericht hält.
Der aktuelle Stand der Dinge am 19.01.2007: Ein glücklicher Zufall (der Freund eines Freundes war der Freund vom Chef…) führte gestern dazu, dass wir den Chef der Werft „Coserena“ persönlich kennen lernten, der plötzlich einen „muy simpatico“ Eindruck machte. Er versicherte uns, es sei kein Problem, in den nächsten Tagen in der Werft den Mast per Kran zu legen. Wie schnell sich die Dinge aendern koennen...
So liegen wir also am kleinen, innen liegenden Steg der Werft und warten im Windschutz darauf, dass morgen endlich das Mastproblem in Angriff genommen wird. Der Alu- Schweißer, der Ingenieur (und mindestens 20 Werftarbeiter), waren auch schon da, um den Schaden zu begutachten.

Am 21.01.2007 wird mit grosser Sorgfalt der Mast per Kran gelegt. Der windgeschuetzte Liegeplatz mit Wasser- und Stromanschluss bleibt uns weiterhin erhalten. Das Wetter bleibt in den naechsten Tagen sommerlich. Alles wird gut!

An die Arbeit!

Nach unserer Ankunft am 24.08.06 erkunden wir abends die Hafengegend und tauschen bei der Fährstation Buquebus Uruguay-Pesos gegen argentinische Pesos, die gleich in staubige Empanadas und Cerveza umgewandelt werden.
Den Vormittag des 25.08. verbringen wir mit dem Einklarieren in der „Capital“. Da der Yacht Club Argentino mitten im Zentrum von Buenos Aires liegt, werden wir ohne Vorwarnung bereits an der Pforte von einer riesigen Lärm- und Abgaswolke eingehüllt, als wir uns auf den Weg zur Prefectura Naval machen.
Hier wird uns freundlich mitgeteilt, dass wir erst unsere Stempel bei der Immigration abholen müssen und zudem eine Bescheinigung vom Yachtclub benötigen; also geht es den ganzen Weg wieder zu Fuß zurück (B.A. ist übrigens sehr groß).
Nachdem wir uns zu den Zuständigen der Immigrationsbehörde durchgefragt haben, erhalten wir problemlos unsere Einreisestempel. Vom Yachtclub aus nehmen wir ein Taxi in das Stadtviertel „La Boca“ zur Zollstation (Aduana) am alten Hafen.
Da die Gegend nicht gerade sehr einladend wirkt, bedeuten wir dem Taxifahrer zu warten (geht ganz einfach: nicht zahlen, dann haut er nicht ab), während unserem Boot ein für 8 Monate gültiges „certificado de admision temporal“ ausgestellt wird.
Mit dem Taxi brausen wir wieder zur Prefectura Naval , die unserem Papierberg den letzten Stempel verleiht. Geschafft! (4 Stunden, 23 Minuten und 14 Sekunden – sehr gute Zeit!)

Und unser Boot? Eine Grundreinigung nach der turbulenten Überfahrt ist dringend notwendig, zumal in 3 Tagen unser Besuch aus Deutschland eintrifft. Die Grundüberholung des Motors, das Ersetzen der elektrischen Bilgepumpen und vieles mehr heben wir uns für später auf.
Als Astrid und Uwe am 28.09. nach einigen Stunden Verspätung schwer beladen aus Deutschland eintreffen, holen wir sie am internationalen Flughafen Ezeiza ab. Nach einem Steak mit inflationären Ausmaßen fallen wir satt in die Kojen.
Wir nutzen die Gelegenheit, mal nicht am Boot zu arbeiten und erkunden in den nächsten Tagen zusammen Buenos Aires. !!!Autos vor Fußgängern!!!

Das Zentrum von Buenos Aires zählt 3 Mio. Einwohner; dazu kommen weitere 9 Mio. in den 19 Vorstädten. Die Stadt erstreckt sich am Südwestufer des Rio de la Plata über 70 km und landeinwärts noch einmal über 30 km.
Auf einer Stadtrundfahrt gewinnen wir erst mal einen Gesamteindruck der weitläufigen Metropole: die Casa Rosada an der Plaza de Mayo - der Amtssitz des Staatspräsidenten Nestor Kirchner, das berühmte Theatro Colon, Stadtviertel wie La Recoleta, San Telmo, La Boca, Palermo.
Der Monolith, an dem der Kilometerstein Null aller Fernstrassen liegt, verdeutlicht uns, dass wir uns im Zentrum Argentiniens befinden.

Der starke europäische Einfluss ist überall sichtbar. Ab 1870 kamen vor allem Italiener nach Argentinien. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ankerten im Hafen von Buenos Aires bis zu 2000 Schiffe pro Jahr, von denen manche statt Waren nur Einwanderer brachten.
Man spricht hier auch deutsch: Erstaunt sind wir, als wir das einmal wöchentlich erscheinende, deutschsprachige „Argentinische Tageblatt“ entdecken; zudem gibt es ein deutsches Krankenhaus, eine deutsche Bücherei, den Ruderclub Teutonia, einen deutschen Sportverein, eine deutsche Kirche etc.

Das Stadtbild ist geprägt von extremen Gegensätzen. Gleich neben den luxuriösen Einkaufspalästen findet man Papiersammler und bettelnde Kinder. Gleich nebenan wird auf der Strasse Bandoneon (eine Art kleines Akkordeon) gespielt und Tango getanzt.

Im Park sitzen Einheimische und trinken Matetee, das argentinische Nationalgetränk. Yerba mate wird seit der Kolonialzeit aus den Blättern einer Stechpalmenpflanze gewonnen. Der Tee wird aus Kalebassen getrunken, die aus Kürbisschale, Holz oder Metall bestehen. Man schlürft den Tee dann durch eine bombilla, eine Art (meist) silbernen Strohhalm mit einer siebähnlichen Verbreiterung am unteren Ende, die verhindern soll, dass sich die Blätter im Trinkröhrchen festsetzen.
Auch eine Fährüberfahrt nach Colonia in das benachbarte Uruguay steht auf dem Programm. Das alte Stadtviertel Barrio Historico wurde von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt, wir wissen allerdings nicht warum. Bei strahlendem Sonnenschein schlendern wir über die von Kolonialbauten gesäumten Kopfsteinpflasterstrassen.

Nachdem wir einen Leuchtturm aus dem 19. Jh. Erklommen haben, lassen wir uns auf der Terrasse eines Steak-Restaurants nieder und bestellen parilla. Dahinter verbirgt sich eine Mischung aus Würstchen, Huhn, Rindfleisch und (was wir nicht ahnen) kleinen und großen Innereien, Kalbsbries, Kuheuter, Nieren und Blutwurst - unser Appetit schwindet. Plötzlich vibriert die Topfpflanze neben uns, als sich der streunende Hund die „unter den Tisch gefallenen“ Fleischstücke aus dem Busch zieht; auch er lässt einige Teile liegen…

Am 01.09. brechen wir mit unseren Gästen an Bord nach San Fernando zum Rio Lujan auf. Nach einer Überfahrt von ca. 2 Stunden machen wir im Yacht Club Barlovento fest. Da es hier keine Stege gibt, nutzen wir unser Beiboot zum Übersetzen an Land, was bei Niedrigwasser häufig zu einer matschigen Klettertour ausartet. Hier treffen wir 2 weitere deutsche Segelyachten: SY Leoa (www.sy-leoa.de), und SY JustDoIt (www.justdoit.de.ki).
Da Anne und Jochen von der SY Leoa ihre Fahrt nach Patagonien und Feuerland bereits erfolgreich beendet haben, können wir von Ihnen zwei 100m- Leinen, einige Handbücher und Seekarten für Argentinien und Chile erstehen.
Anke und Martin von der SY JustDoIt machen sich im November auf den Weg in den Süden.
Nachdem wir 6 Ausrüstungsläden für Segelboote in einer Strasse entdeckt haben, fühlen wir uns im Vergleich zu Brasilien und Uruguay wie im Paradies. Der Grosseinkauf lässt nicht lange auf sich warten: elektrische Bilgepumpe, manuelle Bilgepumpe, Radarreflektor, Handfunkgerät, Schäkel, Leinen, Kabel, Verbindern, Karten, Ketten, Öl, Filter, Zangen, Moosgummi, Metallmucke, Schläuche, O-Ringe, Fett, Schalter, Kästen, Tanks, Schrauben, Schellen, Klampen, Klamotten…

Mit dem Tren de la Costa, der am Yachtclub Barlovento vorbeiführt, fahren wir in den nahe gelegenen Touristenort Tigre. Wir schlendern über den Mercado de Frutos, wo von der Matetee-Tasse bis zum Schafsfell alles angeboten wird, und unternehmen am Nachmittag eine Flussfahrt durch das weitläufige Flussdelta.

Bevor sich unsere Gäste nach 10 Tagen schon wieder verabschieden, unternehmen wir noch eine Busfahrt in das ca. 100 km weit entfernte San Antonio de Areco in den grünen Pampas im Norden der Provinz Buenos Aires.
Auf der Estancia La Cinacina vergnügen wir uns nach einer geführten Reittour bei einem asado (Barbecue) und traditionellen Tänzen. Die Ruhe und Idylle auf dem Land zieht uns in ihren Bann. Nur sind Sandra, wie könnte es auch anders sein, die Pferde zu lahm.

Kaum sitzen Astrid und Uwe im remis (meist ältere Privattaxis ohne Stossdämpfer außerhalb der Stadtgrenzen) auf dem Weg zum Flughafen, geht für uns die Arbeit am Boot los.
Da wir im Yachtclub Barlovento nicht länger liegen können, machen wir unsere Leinen am 09.09. am Steg des privaten Nachbarhafen Canestrari fest, wo wir sehr freundlich empfangen werden. Da ist der für die Stege verantwortliche hilfsbereite „Alfredo“, der allwissende Pförtner „Walter“ und nicht zuletzt unsere Hausente „Erwin“ und die beiden Nutrias (dem Biber ähnlich), die zu einer familiären Atmosphäre im Hafen beitragen.

Gleich am nächsten Tag kommt der Segelmacher von „Hood“ zur Begutachtung unseres zerrissenen Großsegels. Wir einigen uns auf die Kürzung und Ausbesserung des alten, sehr zerschlissenen Großsegels und lassen aufgrund des extrem günstigen Preises zudem ein neues Großsegel anfertigen. Das hat sich unser tapferes Boot verdient. Fock, Klüver, Genua, Großsegelpersenning und der zerfetzte Seitencockpitschutz werden ausgebessert, unsere Sturmfock wird an das Rollfocksystem angepasst.
Außerdem geben wir einen Sonnen- bzw. Regenschutz für Cockpit und Vorschiff mit Wasserauffangsystem in Auftrag.
Mit Hilfe eines Mechanikers einer deutschen Hinterhofs VW- Werkstatt ersetzt Timo am Motor sämtliche Steuer und Keilriemen und baut eine neue, leistungsfähigere Lichtmaschine mit 65 Amps ein. Die alte ist aufgrund starker Korrosion nicht mal mehr reparaturfähig (was hier was heißen soll). Eine neue kostet hier nicht einmal 100€.
Wärmetauscher von Motor und Hydrauliksystem werden ausgebaut und Lecks, die uns auf der Überfahrt Wasser im Motorraum beschert haben, repariert. Blut, Schweiß und Öl fließen.
Der nette Hafenschreiner „George“ fertigt für das Cockpit ein passendes Brett mit Grätings aus argentinischem Hartholz an, hinter dem wir unsere zwei100 m- Leinen griffbereit verstauen können. Diese Leinen werden wir später in den engen Buchten Patagoniens und Feuerlands regelmäßig einsetzen, um unser vor Anker liegendes Boot zusätzlich zu sichern.
Leider ist es mit der Zuverlässigkeit für anstehende Arbeiten noch schlimmer als in Brasilien. Egal – dafür gibt es jede Menge Teile. Was uns immer wieder erstaunt und sehr entgegenkommt, sind die im Vergleich zu Deutschland sehr günstigen Preise für verschiedenste Maschinen, Werkzeug oder Ersatzteile. Importierte Ware ist allerdings eher teuer. Der Zoll lässt wieder einmal grüssen. „Yacht in Transit“ hilft nix.
Während Timo sich mit der verkorksten Elektrik unseres Bootes herumschlägt und diesbezüglich zahlreiche Verbesserungen vornimmt (Versetzen der Batterien, neue Verkabelung, Einbau von Batteriekontroll-Gerät und Trenndiode etc.), kundschaftet Sandra mit dem Fahrrad sämtliche Segelläden, ferreterias (Eisenwarenläden), bulonerias (Schrauben aller Art) gomerias (Schläuche), casas electricos aus. Hier haben wir auch die vorerst letzte Gelegenheit, kupferfreies Antifouling für unsern Aluminium- Eimer zu kaufen, leider zu Import- Preisen.

Der Windgenerator wird gewartet und erhält einen neuen Anstrich. Das verbogene Gestänge der Windsteueranlage „Pacific“ wird wieder gerichtet und der elektrische Autopilot zur Reparatur gebracht. So ziehen die Tage ins Land.
Sandra beendet das erste Lehrjahr mit dem Bau einer stabilen Topfhalterung aus Aluminium und VA für den Herd: abgenommen und TÜV- geprüft.
Die ehemalige Batteriekiste aus Aluminium wird an Deck verschraubt und zur Dieselkanister- Halterung umfunktioniert. Wir haben zusätzlich zu unserem Haupttank und den bisherigen Behältern noch 4 weitere Kanister erstanden, so dass wir insgesamt knapp 300 Liter Diesel aufnehmen können.
Der TO- Stützpunktleiter „Gustavo Hardt“, den wir bei einem gemeinsamen asado mit den beiden anderen deutschen Segelyachten kennen lernen, versorgt uns regelmäßig mit Post aus Deutschland und hat immer ein offenes Ohr für unsere Sorgen. Wir warten seit über 2 Monaten auf ein Päckchen aus Deutschland, in dem sich der Tuner für unser SSB- Funkgerät befindet und vereinbaren mit Gustavo, dieses nach Chile nachzusenden (falls es jemals eintreffen sollte).

Klaus Meierhold vom deutschen „Ruderclub Teutonia“ versorgt uns mit den neuesten Ausgaben der Zeitschrift „Yacht“, zeigt uns den Ruderclub und organisiert eine Führung durch das Theatro Colon, das aufgrund von Renovierungsarbeiten bald für längere Zeit geschlossen wird. Außerdem fährt er mit uns zur deutschen, evangelischen Kirche in Olivos, wo wir uns mit deutschen Büchern (von Klassiker bis Konsalik) zu günstigsten Preisen eindecken.
Unsere beiden Geburtstage im Oktober und unser einjähriges Unterwegssein feiern wir, wie könnte es anders sein, in Gesellschaft der deutschen Crews bei einem asado.

Timo wird endlich der Wunsch erfüllt, ein Fußballspiel in Südamerika zu besuchen. Wir sind bestens ausgestattet mit Trikots, Cola und Würstchen, als wir uns mit den Justdoit´s ins Gewühl stürzen. Der Chef vom Canestrari- Hafen sorgt für unsere Sicherheit. Es spielt Tigre gegen irgendwen. Irgendwer gewinnt 2:0. Die Fans werden getrennt aus dem Stadium gelassen. Jetzt kennen wir alle argentinischen Schimpfwörter und alle Schrotgewehre der Polizei. Keine Angst – ein Besuch lohnt sich auf alle Fälle. Eine wahnsinnige Stimmung, obwohl nur 2.Liga.

Wir lernen ungewollt auch das deutsche Krankenhaus kennen, da Timo einen veränderten Leberfleck entdeckt (mal wieder geduscht – soll man ja nicht machen), der untersucht werden soll. Es werden mehrere Termine fällig, die zur vollständigen Entfernung des Leberflecks führen. Dies bedeutet jeweils eine zeitaufwändige Taxi- und Zugfahrt ins Stadtzentrum, die nervenaufreibender ist als der Rest (2 Stunden hin, 2 Stunden zurück).

Das Ergebnis des spanischsprachigen Untersuchungsbefundes lassen wir uns von einem deutschen Buchhändler übersetzen. Das Hospital wollte für einen weiteren Arztbesuch zum Übersetzen des Befundes wieder 52$ Eintrittsgeld kassieren, obwohl das bisschen Geschnibbel schon 1500$ (umgerechnet 380 €) gekostet hat (wir sind über Trans-Ocean im Ausland versichert, mal schauen ob die Württembergische Versicherung zahlt).
Der Buchhändler und wir sind glücklich:
1. Timo hat keinen Hautkrebs
2. Der Buchhändler macht mit uns seinen Jahresumsatz

Nach der Operation, die Wunde leckt noch (endlich mal nicht unser Boot), fährt Timo mit der Fähre nach Montevideo, um unseren deutschen Leidensgenossen „Hermann“ und seine „ComoNo“ durch den Rio de la Plata nach Buenos Aires zu begleiten - eine stürmische Überfahrt mit denselben oder ähnlichen technischen Problemen (Radar, Computer, Strom, Motor, Frauen…), die wir auch immer haben – wir sind nicht allein. Ein freudiges Wiedersehen nach sechs Monaten. Die Geschichten und der Abend werden immer länger, immer interessanter und auch bekannter.
Auch einen Schuhplattler im Deutsch-Argentinischen Sportverein tun wir uns an. Aber fern der Heimat mit Wurst und Warsteiner…ist das schön! „ComoNo“ und die holländischen „Mataharis“ begleiten uns.

Hermann ist inzwischen nach Deutschland geflogen, mit einigen Weihnachtspaketen von uns im Gepäck. Danke fürs Mitnehmen!
Am 28.11. starten wir bei wenig Wind aus NE endlich Richtung Mar del Plata. Es fängt mal wieder gut an: Am Nachmittag entdecken wir mal wieder Wasser in der Bilge und pumpen fleißig mit elektrischer und manueller Bilgepumpe.
Da wir die Ursache für den Wassereintritt nicht lokalisieren können, beschließen wir am Abend schweren Herzens, trotz bestem Nordwind den Hafen von La Plata anzulaufen.
Bei Einbruch der Dunkelheit erreichen wir die Hafeneinfahrt. Über Funk melden wir uns auf Kanal 71 bei der Prefectura Naval und beim Club Regatas La Plata an. Mit Radar laufen wir ein. Um Mitternacht leuchtet uns der Nachtwächter des Clubs den Weg zu einem freien Liegeplatz und nimmt die Leinen entgegen.
Wir werden hier als ausländische Segelyacht auch am nächsten Morgen sehr freundlich empfangen und machen uns gleich an die Arbeit: Die Ursache für den Wassereintritt ist schnell gefunden: Ein Stück Kabelbinder hat (mal wieder) den OneWayValve blockiert. Wir sind erleichtert, denn wir hatten schon eine Undichtigkeit an der Welle befürchtet.
Nach dem gleichzeitigen Ein- und wieder Ausklarieren genießen wir die idyllische Atmosphäre in dieser ländlichen Gegend. Noch schnell ein Tauchgang im Hafenbecken, um das Ruderblatt zu kontrollieren, denn seit unserem Start in Buenos Aires ist das Ruder sehr schwergängig - kein Fischernetz oder sonstiges zu erkennen.
Am 30.11. setzen wir nachmittags bei Wind von 10 Knoten aus NE wieder die Segel und erfreuen uns am Anblick des gut stehenden neuen Großsegels. Wir sind fast bereit für jede Regatta.
Nachts: Wieder Wassereinbruch. Wir pumpen uns durch die Nacht.
Am nächsten Tag genügt ein Blick in die Ankerkiste: Ein Ablaufschlauch hat sich gelöst, so dass bei Schräglage Wasser ins Boot gelangt. Mit einem zurechtgestutzten Wein-Korken ist das Problem vorerst behoben. Der Wein danach war köstlich. Bei Gewitter verspeisen wir zufrieden unsere beiden letzten Aldi- Fertigmenüs der Sorte „Cevapcici“.
In der zweiten, wolkenverhangenen Nacht leuchten die Wellenkämme um uns herum weiß- glitzernd. Nur die hoch aufgetürmte Wolkenwand macht uns mal wieder nervös, aber wie so oft bleiben die erwarteten Böen aus.
Um 1230 erreichen wir Mar del Plata an der Atlantikküste.
Mar del Plata ist einer der wichtigsten argentinischen Fischereihäfen; Fischfabriken prägen das Bild und den Geruch des Hafenviertels.
Hinter der Mole befindet sich eine Seelöwenkolonie, gleich dahinter rosten Wracks auf dem Schiffsfriedhof vor sich hin.

Im Museo del Mar lassen sich über 30.000 Muscheln von 6000 verschiedenen Arten bestaunen. Hilft alles nichts, Mar del Plata ist hässlich, aber der allerletzte Platz bis Uschuaia zum ausrüsten.
Es geht in die Endrunde der Reparaturen und Vorbereitungen auf den Süden. Bei einem Schiffselektronik– Laden lassen wir für 50 argentinische $ (umgerechnet 13 €) den Regulator des Windgenerators reparieren.
Elektrische Schönheitsreparaturen in der Bilge, die neue elektrische Pumpe in der Ankerkiste wird verkabelt, die manuelle Bilgepumpe erhält einen neuen Schlauch.
Letzte Besorgungen werden in diesen Tagen getätigt: Hydrauliköl, Anglerhose für das Anlanden (Ultra Sexy and Heavy Duty Version – Foto folgt im nächsten Bericht), richtig warme Kleidung, einige kleinere Ersatzteile und Proviant– wir sind fast so weit.
Werden wir jemals fertig sein, zumindest zu 80%?
Der Wind weht momentan für uns günstig aus nördlichen Richtungen. Viele Schiffe sind schon weg. Aber wir sind ja die “ULTIMA“ und inzwischen bei 79%!
Da wir uns an Weihnachten auf dem Wasser oder in einer (zum Glück) internetfreien, windgeschützten Ankerbucht befinden werden,
wünschen wir jetzt schon

Frohe Weihnachten!!!
(Sylvester, Ostern…)











