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Date: Tuesday, 28 Aug 2012 17:27

„Was heißt hier Nerd? Du willst ein Nerd sein?“, schrie TFM. „Bloß weil du ne Brille hast, eine Wifi-Verbindung einrichten und stundenlang über Theorien zu Lost quasseln kannst? Du bist genausowenig Nerd, wie diese Idioten mit Fußballer-Iros Punks sind! Du bist genausowenig Nerd, wie irgendein Werbefuzzi Revolutionär ist, weil er nach Feierabend im Che-Guevara-T-Shirt zu einem Indi-Pop-Konzert mit gesellschaftskritischen Texten geht! Du bist ein Pseudo, du Pupnase! Du bist wie ein Bier, das sich „Fun“ nennt, obwohl es alkohol- und spaßbefreit ist! Du bist ein menschgewordenes Tofu-Würstchen mit Nerd-Simulator-App! Du hast dich doch nur als Nerd verkleidet, Mann, geh doch zum Fasching!“
TFM war außer Kontrolle, sein Kopf war rot und glänzte von Schweiß; anklagend zeigte er auf Mischas T-Shirt, auf dem „Angry Nerds“ stand – und es war keine Frage, wer hier in Wahrheit der Angry Nerd war.

(Symbolbild “Angry Nerds”)

„Hey, Peace, ist ja gut!“, sagte Mischa und hob beschwichtigend die Arme, doch an Frieden war nicht zu denken, TFM brüllte ihn nieder: „Du bist kein Nerd! Du bist nur ein verschissener Hipster, denn du – hast eine Freundin.“
Das letzte Wort spie er mit solcher Verachtung aus, das man meinen konnte, „Freundin“ sei ein Synonym für „kinderschändendes Nazi-Alien mit Mundgeruch“.

Ich bereute langsam, TFM mitgebracht zu haben. Wir kannten uns aus der C64-Crackerszene der späten 80er-Jahre in der DDR. Eigentlich hieß er Christian, TFM stand für The Floppy Monk. Später, gegen Ende der 90er Jahre, als sich immer mehr alte Bekannte, die früher nie etwas mit ihm zu tun haben wollten, bei ihm meldeten, weil er sich doch mit Computern auskenne, und naja, ihnen sei ihr Windows abgestürzt, und da dachten sie, ob vielleicht und so weiter und so fort, übersetzte er TFM gerne selbstironisch mit „The Fucking Manual“. Für uns war TFM immer The Fat Man gewesen, das passte super, und er hatte es nach einigem Gegrummel akzeptiert. Das mit den Szenenamen war damals ein großes Ding, ich nannte mich Syntax Terror, aber egal, das war lange her. Für mich zumindest – TFM war offensichtlich auf dem ganzen Scheiß hängengeblieben.

(Symbolbild “Syntax Terror”)

„Ja, na gut, ich hab ne Freundin“, sagte Mischa. „Aber das ist doch kein Grund …“, doch da unterbrach ihn TFM schon wieder: „Nein, das ist kein Grund, das ist ein Symptom! Für Nichtnerdigkeit. Echte Nerds leben wie Mönche, nur mit Youporn. Die einzigen Titten, die ein echter Nerd zu befummeln kriegt, sind seine eigenen!“ Er grabschte sich an den stattlichen Busen und ich zog ihn, entschuldigende Grimassen in Mischas Richtung machend, aus dem Backstageraum.

Scheiße. Ich hatte TFM vor ein paar Stunden zufällig getroffen, wir hatten uns seit mindestens 10 Jahren nicht gesehen und ein paar Bier zusammen getrunken. Als ich losmusste, weil ein Poetry Slam anstand, hatte ich ihn gefragt, ob er mitkommen wolle und jetzt hatte ich ihn an der Backe.
„Ich war schon Nerd, da bist du noch mit nem Luftballon um die Russenkolonne rumgerannt!“, grölte er, bevor sich die Backstagetür vor Mischas fragendem Gesicht schloss. „Da gab’s das Wort noch gar nicht! Freaks haben sie uns genannt und Mode-Typen wie du haben uns ausgelacht, weil wir Computer hatten! Lutsch meinen Joystick, du Apple-Affe!“
Ich schob den dicken, vor sich hinschimpfenden Mann vor mir her zur Bar. „’Angry Nerds’, haha, wie witzig. Der wird sich noch umgucken. Denn wir sind wütend, oh ja!“

Bis zu einem gewissen Grad konnte ich seine Wut verstehen. 1986, als ich das erste Mal an einem Computer saß, galten diese allgemein noch als nutzlose Spielerei für weltfremde, nicht lebensfähige, asoziale Trottel der Marke „verrückter Professor“. Programmierkenntnisse waren der sichere Weg in die Isolation und die Kombination Computer, Brille, Science-Fiction-Literatur bewahrte einen zuverlässig vor frühzeitigem Geschlechtsverkehr, denn die Mädchen verschleuderten ihre Jungfräulichkeit lieber an windige Typen mit Mopeds, Blousons und Popperfrisuren. Ich lernte Assembler, hörte und schrieb dreistimmige 8-Bit-Musik und hing auf Crackerparties ab, auf denen wir Grafikdemos programmierten und nach neuen, spektakulären Möglichkeiten suchten, einen Text von links nach rechts über den Bildschirm scrollen zu lassen – wer hätte das alles gegen einen Kuss tauschen wollen?! Mit 16 entdeckte ich zum Glück Punkmusik, sie bewahrte mich vor TFMs Schicksal.

(Dieses Bild heißt: “Nerds don’t come easy”, aber nur, weil ich dieses Wortspiel unbedingt noch unterkriegen wollte und mir sowieso keine sinnvolle Bildunterschrift einfällt.)

Ich glaube, es ist nicht übertrieben, TFM und seinesgleichen als Märtyrer zu bezeichnen und auf eine Stufe mit jenen mutigen Männern zu stellen, die in den finsteren Zeiten der Inquisition die Stimme und den Zeigefinger erhoben und sagten: „Momentmal. Die Erde ist keine Scheibe!“ und damit nachfolgenden Generationen das Tor zu Aufbruch aus der Unmündigkeit und den Weg in eine neue Zeit wiesen. Diese Männer riskierten den Scheiterhaufen, wir das Fegefeuer einer ungeküssten Jugend. Wir waren die Wegbereiter. Heute sind Computer Mainstream, du bist raus, wenn du keinen hast, und niemand wird wegen seiner Brille diskriminiert, im Gegenteil, ich wette, es rennen sogar ein paar Leute mit Fensterglas vor den Augen rum, weil Brillen ja so cool sind – Brillen übrigens, das sei noch angemerkt, für die wir damals völlig zu Recht auf dem Schulhof verkloppt worden wären.

„Genau. Und wie danken sie’s uns? Indem sie uns ironisieren und nachäffen und Atari-T-Shirts tragen, als hätten sie ein Recht dazu! Retro, Retro, Retro! Zu blöd sich was eigenes auszudenken.“
„Jugend von heute, hör mir uff.“, pflichte ich ihm bei, denn ich will nur noch, dass er sich abregt und von hier verschwindet.
„Nee, kannste so nicht sagen. Es gibt schon noch echten Nerd-Nachwuchs. Leute, die richtig was drauf haben und sich nicht für Experten halten, weil sie ein bisschen Flash können und einen C-64-Emulator auf ihrem iphone installiert haben. Aber ich sag dir was: bald wird die Spreu vom Weizen getrennt. Denn diese Modenerds, die beherrschen nur die Oberfläche. Wer hat denn die Betriebssysteme geschrieben, mit denen die Arbeiten? Wer hat denn die Compiler programmiert, auf denen sie ihre armseligen Hipster-Apps schreiben? Wer hat die Protokolle entwickelt, auf denen ihr geliebtes Internet basiert. Das waren wir, die echten Freaks und Nerds, die wahren Ausgestoßenen und jetzt …“, er blickte sich misstrauisch um und bedeutete mir näher heranzurücken, „jetzt schlägt unsere Stunde, Angriff der Nerd-Krieger, The Dark Nerd Rises, Nerd Alert!“

Und so erfuhr ich von der Verschwörung der „Serious Nerds And Freaks United“ (SNAFU), der Illuminerdi, wie sie sich auch nennen, und ihrem Projekt „New Nerd Order“. Am 21.12. schlagen sie los. „Und die alte Welt wird untergehen und eine neue Zeitrechnung beginnen“, wie TFM mit übertrieben viel Pathos und gen Clubdecke gerichtetem Blick verkündete. „Seit den frühen 60er Jahren bereitet unsere Bruderschaft diesen Tag vor. Wir mussten Geduld haben. Wir mussten warten, bis sich die Menschen sich an die Computer gewöhnt hatten, bis sie von ihnen abhängig waren und sich in dem Glauben wiegten, sie würden sie beherrschen. Aber tief unter all den Touchscreens, Menüs, Icons, unter den Bedien- und Programmieroberflächen für Idioten, liegt das Reich der Maschinensprache, die Welt der Nullen und Einsen, unsere Welt, die Welt von: SNAFU.
Die Pseudos paddeln an der Oberfläche und glauben sie hätten Durchblick, wenn sie mal ein bisschen schnorcheln, doch ganz unten in der dunklen Tiefe lauern wir …

Wie die überflüssigen Abschnitte einer DNS stecken in jedem Programm und jeder App irgendwo ein paar seltsame Bytes, die scheinbar keine Funktion haben. Bis wir sie in 4 Monaten aktivieren. Und dann ist es vorbei mit all den hübschen Buttons und Schiebreglern und Fingergesten, mit Fenstern und Apps. All die schicken Smartphones und Ultrabooks werden nur noch Kommandozeileneingaben auf der untersten Betriebssystemebene und Zahlen im hexadezimalformat akzeptieren. Die Bildschirme von ipads, Fahrkartenautomaten, in Auto- und Flugzeugcockpits werden nur noch einen blinkenden Cursor vor grünem Hintergrund zeigen. Und dann werden sie angekrochen kommen und wir werden sie betteln und kriechen lassen!“ TFM lachte und rammte seine Bierflasche gegen meine. „Wir werden ihnen das neue Glaubensbekenntnis eintrichtern: Am Anfang – war der Nerd! Und sein ist die Macht und die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen! Sein Reich ist gekommen, sein Wille geschieht, wie im Rechner so auch auf Erden! Verstehst du?! Nichts wird mehr laufen ohne uns! Wir haben sie im Sack!“

(Symbolbild “Nerd Domination”)

Ich starrte ihn an, während er sein Bier herunterstürzte und die Hände selbstzufrieden auf seinem beeindruckenden Bauch faltete …

Bis heute weiß ich nicht, ob er mich verarscht hat, ob das nur das größenwahnsinnige Gebrabbel eines ewig Ungeküssten war, oder ob … nun, ich denke, wir werden es rausfinden, in nicht einmal 4 Monaten.

(Volker Strübing)

PS: Ein paar Tage beruhigte ich mich damit, dass ich mir einredete, dass er mir sicher nichts von der Verschwörung erzählt hätte, wenn es sie wirklich gäbe. Doch dann fiel mir ein, dass alle erfolgreichen Verschwörungen ganz offen operiert haben. Nicht umsonst heißt es: Im Licht der Öffentlichkeit ist gut munkeln. Und außerdem wusste TFM verdammt gut, dass mir mal wieder niemand glauben würde. Kassandra wäre ein guter Künstlername für mich.

PPS: Eine weltweite Machtübernahme durch SNAFU gilt nicht als Versicherungsfall im Sinn meiner Weltuntergangsversicherung.


Author: "Volker Strübing" Tags: "Religion, Verschwörungen, Weltuntergang..."
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Date: Tuesday, 21 Aug 2012 14:32

Ich suche Menschen, die mit mir eine Selbsthilfegruppe für Leute gründen, die sich ebenfalls den Meniskus verletzt haben, als sie nachts durch ein Fenster in eine medizinische Fußpflegepraxis eingestiegen sind. Bitte meldet euch, ich kann doch unmöglich der einzige sein, dem das passiert ist!

Aber immer langsam mit den jungen Pferden, bzw. alten Gelenken, lasst mich meine Geschichte erzählen … 

Die letzten Tage (abzüglich Sonntag und Montag, die ich mit Kniekühlen, Humpeln, Bubble-Shot-Spielen und Fernsehen verbracht habe) waren für mich ziemlich aufregend und sehr schön.  Am Donnerstag war ich in Dortmund zu Gast bei der Lesebühne LMBN, die normalerweise in einem Club vor lumpigen 400 Leuten auftritt, aber einmal im Jahr ins Westfalenstadion umzieht. Da Westfalenstadion heißt offiziell  ”Colgate Innova Park” oder so, irgenddwas mit einer Zahncreme jedenfalls und ist mit 80.720 Plätzen das größte Stadion Deutschlands. Normalerweise wird hier Fußball gespielt, und ich finde es sehr löblich, dass dieser Ort endlich einer sinnvollen Bestimmung zugeführt wurde. (Na gut, man kann sich streiten. Mischa fragte mich, ob denn das was wir tun so sinnvoll sei.) In einem Block war eine Bühne und eine Leinwand aufgebaut, denn normalerweise zeigen sie im Sommer dort Filme.

(Vor dem Einlass. Auf der Leinwand lief dann später auch ein Kloß-und-Spinne-Film. Und einen Tag später die Premiere eines Tatorts der in Dortmund spielt. Ich habe ihn nicht gesehen, aber da es sich um einen Tatort handelt, gehe ich davon aus, dass mein Film schauspielerisch und überhaupt mehr geboten hat.)

Es kamen 600 Leute und es war ein super Abend. Obwohl der Kloß in mir behauptet, es sei der schlimmste Auftritt aller Zeiten gewesen, weil noch bei keiner Lesung 80.120 Plätze freigeblieben sind.

(Andy Strauß in Bademantel, Shorts und T-Shirts. Kenner zeigten sich etwas enttäuscht darüber, dass er so stockkonservativ gekleidet war; so kenne man ihn gar nicht.)

(Von links nach rechts: Mischa-Sarim Verollet, Andy Strauß)

(Fester  Bestandteil von LMBN: Live-Paintings von Artur Fast. Echt cool!)

(Backstage: Sulaiman Masomi, Mischa-Sarim Verollet, Andy Strauß)

(Das fand ich  super: Eine Händewaschanleitung. Oft steht man ja  vor dem Waschbecken und weiß gar nicht, was man eigentlich machen soll.)

Am Freitag fuhr ich nach Köln, wo anlässlich der Gamescom ein Slam zum Thema Nerds stattfinden sollte und für die ich eine Geschichte geschrieben habe, in der ich die Verschwörung der wahren Nerds zwecks Errichtung der New Nerd Order (Projekt: Nerd Domination) enthülle.

(Ist es nun besonders nerdig oder das genaue Gegenteil, dass ich meine Geschichten meistens noch immer mit Füllern und Kulis in Hefte schreibe?)

Der Slam war allerdings nicht auf dem Gelände der Gamescom, sondern Teil des zur Spielemesse gehörenden Festivals in der Innenstadt – und zwar auf der Bühne des Kinderfernsehsenders Toggo …  Unsere Begeisterung hielt sich sehr in Grenzen, als wir das herausfanden, zumal einige von uns vorher voller Selbstbewusstsein zur Hauptbühne des Festival gelatscht waren, nur um festzustellen, dass Kettcar sie uns an diesem Abend vor der Nase weggeschnappt hatte. Dann war auch noch das Essen hinter der Bühne alle, es gab kein Bier im Toggo-Backstage und nachdem Bob der Baumeister abgezogen und die Hüpfburg auf dem Platz vor der Bühne abgebaut war, blieben als Publikum nur ein paar vorbeihastende Leute mit Bierflaschen oder Burgern in der Hand (McDonalds war gleich neben der Bühne). 10 vor 8 saßen schließlich 10 Leute auf dem Platz, die auf den Slam warteten, 5 vor 8 waren es 12 … und als wir gegen Viertel neun anfingen schätzungsweise 200. Ein Kühlschrank mit Bier wurde nachgeliefert, neues Essen kam und es wurde ein richtig, richtig schöner Slam, auch wenn am Ende ein paar Besoffene nervten.

Nach dem ersten Stadionauftritt also auch meine Toggo-Kinderbühnenpremiere. Diese Reihe von spektakulären Auftrittsorten musste fortgesetzt werden, und was bot sich da mehr an, als ein Schuhladen in Friedenau? Als Wolf mich vor ein paar Wochen fragte, ob ich mitmachen wolle, sagte ich zu und ging selbstverständlich davon aus, es handele sich bei diesem Schuhladen um irgendeine hippe Bar, die früher einmal ein solches Geschäft beherbergt habe und sich nun noch voll ironisch so nenne. Aber nö: Es war wirklich ein Schuhladen, der “Ganzkörperschuh” (fragt mich nicht), der im Rahmen der Friedenauer Lesenacht zur Slam-Location wurde.

(Daniel Hoth. Einmal drinnen …)

(… einmal draußen.)

Was soll ich sagen: Voll war’s. Heiß war’s. Schön war’s.  Und als Backstageraum stand uns die an den Laden angeschlossene Fußpflegepraxis zur Verfügung, und weil man durch den rappelvollen Schuhladen nicht hinter die Bühne kam, benutzten wir das Fenster zum Ein-und Ausstieg und irgendwie schaffte ich es dabei, das Bein ulkig zu verdrehen und mir das Knie zu vermurksen.
So. Das ist die Geschichte, nicht besonders dramatisch, oder? Wenn ich mich verletze, dann eigentlich immer, bei wirklich harmlosen Sachen. Zum Beispiel mit Rudern aufhören. Oder barfuß über einen Teppich laufen. (Wobei der Teppich freilich in einer Forschungsstation in der Arktis war und mir ein tonnenschweres Kamerastativ auf den Fuß geschmissen wurde.)

Am Sonntag hätte noch ein denkwürdiger Auftritt angestanden: Eine Art Mauer-Gedäcchtnis-Slam in der Kapelle der Versöhnung, aber den musste ich leider absagen. Mein nächster Auftritt ist am Freitag, und zwar – und das finde ich ziemlich passend- in einer Reha-Klinik ;)

(Wertvoller Ratschlag an alle Schnipselfriedhofsleser: Wenn ihr zur Fußpflege geht, nehmt um himmelswillen den Haupteingang!!! Gepflegte Füße nützen nichts, wenn man sie wegen zerschroteter Kniee nicht mehr verwenden kann!)

(Zum Schluss nochmal Andy Strauß. Der sitzt und steht immer so dekorativ rum; man muss ihn einfach fotografieren.)

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Fotos, Fußball, Literatur / Lesebühne ..."
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Date: Tuesday, 14 Aug 2012 10:19

Es passiert gar nicht so selten, dass mich nach einer Lesung jemand leicht verwirrt fragt, was ich da eigentlich mache, weil ihm die passende Schublade fehlt, in die er es stecken kann. Ich würde natürlich gerne behaupten, dass das, was Lesebühnenautoren machen in keine Schublade passt, aber wenn die Schublade groß genug ist und man sich nicht daran stört, dass ein paar Ecken raushängen, passt alles. Meist kommt dann noch ein Zusatz wie: „Also, es ist ja schon Comedy oder Kabarett, aber irgendwie doch nicht, aber irgendwie doch, weil die Leute lachen.“ Comedy und Kabarett scheinen für viele die einzigen Kategorien zu sein, die für lustige Bühnenauftritte zur Verfügung stehen. Ich sage dann meistens: „Nein, Comedy ist es nicht. Wir erzählen Geschichten. Keine Witze. Auch wenn in den Geschichten Witz ist. Und nein, Kabarett ist es auch nicht. Wir versuchen mit unseren Geschichten für uns selbst ein bisschen Sinn in eine absurde Welt zu bringen, statt sie aus einer allwissenden Position zu erklären.“

Um es kurz zusammenzufassen und grobschlächtig und unfair zu kategorisieren:

Comedian: „Kennste och, wa?!“

Kabarettist: „Jetzt sag ich euch mal schonungslos eure Meinung.“

Lesebühnenautor: „Ich erzähl euch eine Geschichte.“

Die Grenzen zwischen den Bereichen sind fließend und genauso wie es großartige Comedy gibt, gibt es grauenhafte Lesebühnengeschichten (ich weiß das, ich hab genug geschrieben). Aber im Großen und Ganzen kann man das zur Abgrenzung verwenden, wenn man denn abgrenzen möchte.

Ganz schwierig wird es, wenn jemand wissen will, was denn nun Poetry Slam eigentlich ist und partout nicht begreift, dass es sich einfach um ein Veranstaltungsformat handelt. Poetry Slam ist offen für alles. Für lustige Geschichten, ernste Lyrik, Prosa, Rap, Aufrufe zur Revolution und Texte über den WG-Abwasch. Ich trete dort mit meinen Geschichten an, und die sind lustig, weil meine Texte eben immer lustig werden. ich kann nicht anders; wenn ich es gelegentlich mit einem ernsten oder traurigen Text versuche, wird das eher peinlich.

Ich liebe Poetry Slam unter anderem dafür, dass es so vielfältig ist, dass es mich davor bewahrt, nur mit Leuten aufzutreten, die so was Ähnliches wie ich machen. Ich sehe dort Leute, die Worte zu Musik werden lassen, die Wut in Schönheit verwandeln können, ohne ihr ihre Kraft zu nehmen, die Traurigkeit in Schönheit verwandeln können, ohne ihr ihren Schmerz und ihre Tiefe zu nehmen; Leute, die mit ihren Texten wirklich alle Schubladen aufreißen und alte Socken, Reizwäsche, Pullover und Krawatten wild durcheinanderschmeißen.

Toll. Und wie schön, dass ich da mitspielen darf.

(Und wie passt das jetzt zusammen? Abstimmungsboxen beim Comedy-Slam in Dresden. Von links nach rechts:  Nektarios Vlachopoulos, Andy Strauß, icke, Jan Philipp Zymny, ein Wasserkocher, Silvester Klement)

(VS)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Literatur / Lesebühne / Poetry Slam"
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Grulm!   New window
Date: Saturday, 28 Jul 2012 15:27

Grulm ist die Abkürzung für „Grüße aus Ulm“. Ich war gerade zu faul, „Grüße aus Ulm“ auszuschreiben, darum habe ich sie mir ausgedacht. Ich bin für 4 Tage hier, als Teilnehmer beim Donau-Riß-Poetry-Slam-Cup. Es ist mein zweiter Besuch hier; das letzte Mal war ich 2010 in Ulm, und es ist schön wieder hier zu sein, denn Ulm ist ein sehr inspirierender Ort – vor 2 Jahren habe ich hier meinen Text über hässliche Städte geschrieben.

Nicht dass Ulm hässlich wäre. Oder hässlicher als andere Städte. Ulm hat alles, was der Mensch zum Glücklichsein braucht: Hübsche Kanälchen, eine erfreulich hohe Dichte an kleinen Buchhandlungen, Maultaschen, ICE-Anschluss, einen Poetry Slam, eine Bar, in der man rauchen kann und in der einem unvermittelt fremde Frauen freundlich durch die Haare wuscheln (sie kam aus Richtung der Toiletten, und vielleicht waren einfach bloß die Papierhandtücher auf dem Damenklo alle, aber ich gehe meines sonnigen Gemüts wegen davon aus, dass das ein netter Ulmer Brauch gegenüber Gästen der Stadt ist), es gibt die „gigantische Sparolympiade“ eines Möbelhauses und einen Arschbomben-Contest. Vor allem aber gibt es: Oma-Kuchen!


Ich musste sofort an die alte Oma Eierschecke aus meinem Lieblingskinderbuch „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“ denken. Oma-Kuchen finde ich gut. Und Oma-Cafés sowieso. Vielleicht ist ja die kleine Bäckerei in Ulm Vorreiter einer neuen Oma-Kuchen-Café-Welle und wenn die Bubble-Tea-Läden pleite gehen werden sie durch Oma-Cafés ersetzt, das wäre doch schön.

Ich hab den Oma-Kuchen übrigens nicht probiert, im Schaufenster sah er aber gut aus. Nur die etwas zu große Auswahl hat mich etwas stutzig gemacht. Es gab ein Dutzend verschiedene Oma-Kuchen, die beschriftet waren mit „Oma Erdbeer“, „Oma Mandarine“, „Oma Kirsch“ und so weiter. Das klingt noch ziemlich nett, aber die Sorten „Oma Quark“, „Oma Pflaume“ und vor allem „Oma Käse“ sind etwas unglücklich betitelt, finde ich. Man hätte ja auch einfach „Käsekuchen“ hinschreiben können, aber nein, sie hauen einem die Oma um die Ohren wie die Jungs von der „gigantischen Sparolympiade“ ihren „Aktions Rabatt“ – „einen Begriff penetrieren“ nannten wir das, als ich als Texter in einer Werbeagentur arbeitete. Hier wird also sozusagen die Oma penetriert, und darüber möchte ich lieber nicht nachdenken, nein, nein, nein. Vielleicht sollte ich doch nicht auf einen Oma-Kuchen-Café-Trend hoffen, vielleicht ist es besser, der Oma-Kuchen stirbt aus und bleibt eine schöne Erinnerung, als dass er auch noch auf dem Markt verheizt wird.

(Lobenswerte Versuche, Ulm ein modernes Antlitz  zu geben, scheitern immer wieder an atavistischen Bausünden, wie diesem düsteren Ding im Bildhintergrund. Wenn man es wenigstens anstreichen würde, in freundlichen Pastellfarben zum Beispiel! Oder mit Dämmplatten bekleben, das Monstrum hat doch sicher eine grauenhafte Energiebilanz!)

Heute Abend ist der letzte Slam im Rahmen des Donau-Riß-Cups und den Nachmittag habe ich mit Theresa Hahl und Sebastian 23 im Kino verbracht. Wirklich den ganzen Nachmittag, denn wir haben Batman geguckt und das hat 3 Stunden gedauert. Ich will nicht zuviel über den Film verraten, aber ich hoffe, es ist kein Spoiler, wenn ich schreibe, dass er totale Grütze ist und ich bei der „gigantischen Sparolympiade“ oder dem Arschbomben-Contest sicher mehr Spaß gehabt hätte. Mäßige Actionszenen, ewiges Gesülze (zum Kompott auch noch mit runtergepitchten Stimmen), Plot-Twists von der Stange, Hans-Zimmer-Überwältigungs-Musik, Hirnriss und Pathos und der reichlich vorhandene unfreiwillige Humor trägt leider auch nicht über die gähnenden Abgründe der Langeweile.

Grulm!

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Filme / Bücher / Musik / Kunst, Unterwe..."
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Date: Wednesday, 11 Jul 2012 11:57

“Jau, und da drüben, das Haus da drüben, das hat ja nun auch einer von der NPD gekauft. Na, da kannste nix machen, ne?! Aber ich sag auch: Ich hab kein Problem mit dem. Ich hab dem nix getan, der hat mir nix getan, wieso soll ich was gegen den haben? Der grüßt immer freundlich und seine Frau grüßt auch immer freundlich. Und wenn man dann immer hört, dass die irgendwelche Leute zusammenschlagen, das kann ich mir nicht vorstellen. Da wird schon vorher was gewesen sein …”

Hab gerade 2 Wochen Landurlaub hinter mir. Das Wetter war schön (außer wenn die Sonne dolle schien), die Heidelbeeren waren lecker, die Gespräche über den Gartenzaun interessant (siehe oben). Und wenn ich jetzt nicht gerade was anderes vorhätte, würde ich einen langen Artikel über den Satz “Die werden schon irgendwas gemacht haben” schreiben, den ich für einen der schlimmsten überhaupt halte. So belasse ich es bei ein paar Kitschbildern und dem Hinweis, dass heute Abend im Ritter Butzke ein Poetry Slam stattfindet mit Dalibor, Lars Ruppel, Jan Koch, Broca Areal, Sebastian Lehmann, Maik Martschinkowsky und mir. Und die sind alle mindestens super. (Ja, ich auch, scheiß auf falsche Bescheidenheit ;)

(Ganz ohne Katzen geht’s natürlich auch nicht.)

(Arbeitsurlaubsplatz)

 

(VS) 



Author: "Volker Strübing" Tags: "Fotos, Schnappschüsse, Schnipsel, Unter..."
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Date: Tuesday, 26 Jun 2012 09:44

Ich hoffe, die folgenden Vorschläge werden nicht wieder als Satire missverstanden, nur weil ich sie mit Katzenfotos verziert habe. Die Katzenbilder dienen einzig der Auflockerung und Popularisierung meiner staubtrockenen theoretischen Ausführungen.

Raus aus dem Euro!

Das wird doch nichts mehr. Wir müssen zurück zur guten, alten, stabilen Mark. Also zur Ostmark, meine ich selbstverständlich. Die D-Mark war nie wirklich stabil, in der BRD herrschte Inflation, alles wurde immer teurer, bis auf die Sachen, die niemand wirklich brauchte. Von der DDR-Mark konnte man sich zwar praktisch nichts kaufen, das aber zu stabilen Preisen! Als Umrechnungskurs schlage ich 4:1 vor, also 4 Euro gegen eine Mark, ausgehend von den ungefähren Preisen für Brötchen, die haben im Osten immer 5 Pfennige gekostet. Sicher wäre es generell sinnvoll, analog zum früheren und zur Zeit wieder häufig geforderten Goldstandard den Brötchenstandard einzuführen. Die Bundesbank (bzw. Bundesbäckerei) würde sich also bereit erklären jederzeit beliebige Geldmengen gegen eine festgesetzte Anzahl (nämlich 20 pro Mark) frische Brötchen einzutauschen.

(Brötchen? Wer braucht denn Brötchen? Zurück zum Mäusestandard!)

Allerdings wäre auch der umgedrehte Umrechnungskurs und eine nicht an das Brötchen gebundene Ostmark denkbar. Sollt mal sehen, wie gut das der Exportindustrie tut, wie schnell die Chinesen beginnen,
Arbeitsplätze nach Deutschland auszulagern und wie rasch wir wieder für die Herstellung von IKEA-Möbeln bezahlt werden, statt absurderweise dafür bezahlen zu müssen, dass wir sie zusammenbauen dürfen!

Umverteilung neu denken!

Die Welt muss gerechter werden. Und dazu muss selbstverständlich umverteilt werden. Und zwar von oben nach unten – auf den Globus bezogen, das heißt, grob gesagt, von Nord nach Süd, von der ersten in die dritte Welt. Soweit ein alter Hut. Doch ich spreche nicht von einer Umverteilung von Geld und Vermögenswerten, sondern von Schulden! Die Pro-Kopf-Verschuldung in Deutschland beträgt mehr als 20.000 Euro (5.000 Mark). Demgegenüber stehen nicht einmal 500 Euro (125 Mark) im Sudan und lumpige 155 Euro, weniger als ein Hunderstel der Schulden in Deutschland, im Niger! Nach allem, was wir für sie getan haben, ist es ein Gebot der Fairness und der Solidarität in schwierigen Zeiten, dass die Länder der dritten Welt ihre Meckerecke verlassen, sich aktiv an der Lösung der bestehenden Probleme beteiligen und einer sofortigen gleichmäßigen Verteilung der Schuldenlast auf alle Nationen dieser Erde zustimmen!

(Teilen ist das Gebot der Stunde. Es sind genug Schulden für alle da!)

Die Industrieländer, Hauptträger des Fortschritts und der stetigen Verbesserung der Lebensumstände weltweit, wären durch die damit einhergehende Entlastung in der Lage, massiv neue Schulden aufzunehmen und mit diesen finanziellen Mitteln 1. die Energiewende zu schaffen (die Finanzierung von Walfarmen etwa wäre kein Problem mehr), 2. im Winter ihre Gehwege zu beheizen und 3. Geflügelfarmen stärker zu subventionieren, damit arme Afrikaner noch billiger an Hühnchen (abzüglich Brustfleisch) kommen. Klassische Win-Win-Situation. Und ein bisschen mehr spenden würden wir bestimmt auch.

Vollbeschäftigung jetzt!

Was klingt wie eine Forderung ist in Wirklichkeit schon jetzt Realität: Wir haben Vollbeschäftigung in Deutschland! Man muss sich nur von der alten Arbeiterbewegungsdefinition des Begriffes lösen, die als „Beschäftigung“ nur das verstehen wollte, was ein abhängig Beschäftigter an seinem Arbeitsplatz trieb. Es ist Zeit für ein umfassenderes, wissenschaftlicheres, wirtschaftsnäheres aber auch menschlicheres Verständnis dieses Begriffes: Beschäftigung soll künftig jede Tätigkeit genannt werden, die direkt der Wirtschaft und dem Wachstum zugute kommt. Und dazu zählt selbstverständlich auch der Konsum. Und in diesem essenziellen Bereich unserer Wirtschaft bemühen sich auch sogenannte Arbeitslose, Kinder, Rentner und andere Menschen, die allzugerne als „Schmarotzer“ beschimpft werden, nach Kräften darum, ihren Anteil zu leisten. Und das muss endlich gewürdigt werden; sowohl Produktion als auch Konsum sind als Arbeit im Dienste der Wirtschaftsmaschine anzuerkennen.

(Auch scheinbar nutzlose Mitglieder der Gesellschaft leisten ihren Beitrag und halten das Rad am Laufen. Wenn man ihnen nur die Möglichkeit gibt.)

Dann ließe sich auch Schluss machen, mit zwei fundamentalen Ungerechtigkeiten: Zum einen der Doppelbelastung der klassisch arbeitenden Bevölkerung, die sowohl Werte schaffen, als auch verbrauchen muss. Zum anderen dem Unvermögen der sogenannten Arbeitslosen im von ihnen gewünschten und wirtschaftlich wünschenswerten Maße zu konsumieren. Produzenten und Dienstleister zahlen einfach ihren gesamten Lohn (bis auf einen Grundbetrag für lebenserhaltende Ausgaben) an die Konsumenten, die sie dafür der Aufgabe des Konsumierens entheben. Hier muss endlich eine strikte Trennung der Tätigkeitsbereiche her, um die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft und die allgemeine Lebenszufriedenheit zu erhöhen! Ich würde mich sogar freiwillig für eine Konsumententätigkeit melden.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Weltverbesserung"
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Date: Monday, 25 Jun 2012 08:13

Ich halte Klos ja für eine tolle Erfindung, ich benutze sie gerne und oft, aber “reinschauen, testen und begeistert sein”? Nee. Das letzte Mal, dass mich ein Urinal begeistert hat war vor ein paar Wochen in Halle, in der Moritzburg – die haben da Monitore mit einem Aquariumsvideo in der Wand der Pissrinne! Man kann die Fische anpinkeln! (Was ich mich aber erst nach drei Bieren getraut habe, weil ich als Kind noch so erzogen worden bin, dass man nicht in Aquarien pullert. So war das halt damals im Osten.)

(Nee, das bin nicht ich auf dem Bild!)

Interessant wäre nun natürlich gewesen, statt eines normalen Bildschirms einen Touch-Screen einzubauen (die Bezeichnung “Platsch-Screen” böte sich dafür an) und das ganze mit einem Computerspiel zu kombinieren. Lange wird es wohl nicht mehr dauern, bis so etwas irgendwo auftaucht. Denkbar wäre auch ein Facebook-Klo, wo man … aber, nein, das wird jetzt plump und unappetitlich … ich würde jedenfalls jeden “entfreunden”, von dem ich erfahre, dass er einen Beitrag von mir auf diese Weise geliked hat.

Das Hallenser Videoklo entdeckte ich übrigens, als gerade ein Sturm im Wasserglas wegen des “Aufbaus Ost” tobte und diverse westdeutsche Kommunen sich beschwerten, dass im Osten Landschaften und Städte blühen, während bei ihnen die Straßen kaputt gingen und die Schwimhallen geschlossen wurden. Wenn die von dem Klo in Halle wüssten … Ich kann dazu ich nur sagen: Der Aufbau Ost ist erst abgeschlossen, wenn ich sowas auch in meiner Wohnung habe!

(VS)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Schnappschüsse, Sonst so"
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Date: Sunday, 17 Jun 2012 19:23

Sommer 2012. Die Glückssucht in Deutschland ist zu einer gesellschafts- und freiheitsbedrohenden Epidemie geworden. Die Süchtigen taumeln durch die Straßen; gedankenlos, gleichgültig, hedonistisch; erbärmliche Würstchen, an nichts anderem als dem nächsten Schuss Glück interessiert; sie wollen nicht wissen; sie halten die Freiheit für etwas, das vom Jobcenter an Bedürftige ausgegeben wird; die Glückssucht hat ihren Verstand vernebelt und ihre Seelen zerfressen, alles außer der nächsten Dosis Glück ist ihnen eine Last, sogar, dass es wieder deutsche Gefallene gibt, ist ihnen nur schwer erträglich. Die Glücksdealer reiben sich die Hände, ihre Geschäfte laufen bestens, während die Glücksbeschaffungskriminalität immer schrecklichere Ausmaße annimmt und Glückssüchtige auf Turkey wie die Zombies in Dawn of the Dead die Einkaufszentren stürmen …
Höchste  Zeit, den „War on Drugs“ auf das Glück auszudehnen!  

Ja, okay, Gaucks Bundeswehrrede ist Schnee von gestern, diese Kuh ist durchs Dorf getrieben, aber der Schnipselfriedhof begreift sich als stolzer Vorreiter der entschleunigten Erregung, weshalb ich nun nachträglich etwas dazu schreiben will. Afghanistan und die Bundeswehr lasse ich weitgehend außen vor, obwohl ich kurz meinen Ekel über Gaucks herablassende Verständnishudelei für das ja irgendwie menschliche Nicht-Sehen-Wollen des Krieges, seine Gleichsetzung von Pazifismus mit Gleichgültigkeit und seine implizite Unterstellung, wer etwas gegen das Kämpfen und Sterben deutscher Soldaten in einem tausende Kilometer entfernten Drittweltland habe, sei generell nicht bereit, die Freiheit zu verteidigen, loswerden möchte. Done. Schachtelsatz Ende.

Das meistdiskutierte Wort der Rede war „glückssüchtig“. Ich finde es ganz unabhängig vom Kontext der Rede sehr interessant. Ich frage mich, was Glückssucht eigentlich sein soll, und ob es sie überhaupt geben kann.
Ein Merkmal von Sucht ist, dass man immer stärkere Dosen des Suchtstoffes braucht, um überhaupt noch die gewünschte Wirkung zu erlangen, die dann trotzdem mit den Jahren immer geringer und kläglicher wird, weshalb viele Süchtige sich Zweit- und Drittsüchte zulegen, um diesen Verlust auszugleichen.
Wenn ich mich frage, was Glück ist, bzw. wo man es finden kann, dann fallen mir ziemlich kitschige Antworten ein: in der Liebe, in der Freundschaft, in jeder Form von Geborgenheit, in einer sinnvollen, erfüllenden Arbeit, so Zeugs halt. In Dingen, die tiefe Zufriedenheit erzeugen statt eines Kicks. Man kann zwar lieben, aber nicht liebessüchtig sein, weil das dem Wesen der Liebe vollkommen widersprechen würde. Niemand braucht immer größere Dosen Liebe, auch ist eine Beschaffungskriminalität irgendwie schwer vorstellbar. Man kann vielleicht süchtig sein nach Sex oder Affairen, aber doch niemals nach Liebe.
Und genausowenig kann man glückssüchtig sein; statt Glückssucht, kann es nur eine Glückssuche geben (laut Wikipedia kommt „Sucht“ übrigens nicht von „Suche“, sondern von „siechen“). Auf dieser Glückssuche kann man sich natürlich leicht verirren und, statt das Glück zu finden, nach einem scheinbaren Ersatz süchtig werden. Nach Glücksmuckefuck, Zufriedenheitsmethadon oder Gefühlsersatzverkehr.

(Symbolbild Glück: Es war der schönste Tag im Leben von Jaqueline Mustermann, als sie erfuhr, dass sie ihre Parkscheine in Zukunft auch einfach per SMS bezahlen kann. Endlich verstand sie, was mit dieser ominösen “Freiheit” gemeint war, von der man in letzter Zeit so viel hörte.)

Süchte lassen sich ja grob in zwei Kategorien einteilen: Erwünschte und unerwünschte. Die unerwünschten sind klar, es sind die, die üblicherweise gemeint sind, wenn von „Sucht“ die Rede ist. Die erwünschten sind die … ich sag mal: systemerhaltenden Süchte: Nach Erfolg, Geld, Konsum etc. – gesellschaftlich sanktionierten Glückssurrogaten.
Diese werden zwar oberflächlich gern gegeißelt, man müsse sich davon lösen, nicht soviele Fernreisen, zurück zum Sonntagsbraten, bildet Fahrgemeinschaften etc. blabla, aber das sind meist nur Phrasen, wohlfeiles Geseiere für die Sonntagspredigt, das sollte man nicht zu ernst nehmen: Ohne diese Süchte (insbesondere die Konsumsucht, die man vielleicht als Primärsucht bezeichnen könnte, aus der sich zum Beispiel die Sekundärsucht nach Erfolg ableiten ableiten ließe), würde dieser ganze Laden schließlich nicht laufen. Glückliche oder zufriedene Menschen brauchen nicht dauernd neue Handys, neue Autos, neue Klamotten. Sie brauchen kein Wachstum, das einfach nur die Erzeugung von immer mehr Arbeit, Geld ,Waren und Müll bedeutet. Insofern sind Glück und Zufriedenheit Subversion, denn das Schneeballsystem, in dem wir leben, bräche ohne diese Art von Wachstum (oder Wucherung?) zusammen; es braucht stetig steigende Produktion. Und der ganze Krempel muss dann natürlich auch gekauft und konsumiert werden und zwar immer schneller, damit immer schneller immer mehr Krempel produziert werden kann, ohne dass es die Möglichkeit gäbe, wenigstens kurzzeitig einen Gang runterzuschalten und ernsthaft zu überlegen, ob dieses ulkige „Wachstum“ für uns oder wir für das Wachstum da sein sollen, ob vielleicht eine Art von Wirtschaft denkbar wäre, die nicht nur immer mehr bzw. immer neue Waren und Müllkippen und Grabbeltische produziert, und ob es wirklich Wohlstand ist, dass wir uns regelmäßig neue Handys nicht nur kaufen können, sondern vor allem müssen, weil es uns die immer schnelleren Produktzyklen sowie der Druck der Werbung und des Hypes unmöglich machen, noch länger mit unserem alten zufrieden zu sein.
Zufriedenheit ist der Feind des Wachstums, weshalb die verbleibenden Freiräume für Glück, Zufriedenheit, Muße nach und nach für den Markt erobert werden müssen.

Das klingt jetzt ein bisschen paranoid, oder? Nach einer Weltverschwörung der imperialistischen Finanzkapitalreptiloiden, den Protokollen der Weisen von Samsung, nach dem in Wirklichkeit nie verstorben Steve Jobbs und seinen Apple-Illuminaten. Das ist natürlich Quatsch, dahinter steckt kein Masterplan, das Ganze ist weder von denen da oben noch sonst jemandem gesteuert, es ist reine Eigendynamik.

Ähm … worum ging’s gleich nochmal? Ach so. Glückssucht. Vorgestern stürzte ich mich aufgrund des Innsbrucker Fehlgriffs in Magdeburg erneut mang vielen, vielen anderen Gauck’schen Glückssüchtigen in einen Kleiderketten-Schlussverkauf. Wenn man in die Gesichter der herumhastenden, verbilligte Billigkleidung aus Bangladesh zusammenraffenden Leute schaute, war schnell klar, dass es ihnen nicht um Glückssuche ging (oder falls doch: dass sie erfolglos bleiben musste). Was für ein Gemurre in der kapitalistischen Wartegemeinschaft an der Kasse einsetzte, als eine der Verkäuferinnen trotz langer Schlangen plötzlich verschwand! Es wurde sogar gemutmaßt, sie würde auf Toilette gehen, während doch die Süchtigen auf Entzug schnellstmöglich bezahlen mussten – es galt schließlich, auch die Grabbeltische der anderen Läden im Einkaufszentrum noch zu plündern! Wenn Religion Opium fürs Volk ist, dann ist Shopping Crack. (Es stellte sich dann zum Glück heraus, dass die Verkäuferin nicht pinkeln war, sondern noch einen dritten Verkäufer geholt hatte. Bei dem ich schließlich landete. Und als ich ihn fragte, ob ich die Hose nochmal mit in die Umkleidekabine nehmen und dort gleich anziehen könne, guckte er mich nachdenklich an und sagte: „Die Stimme … ähm … machst du Kloß und Spinne?“, was mich insgesamt doch erheblich mehr freute, als das Hosenschnäppchen ;)

Nach dem Einkauf brauchte ich dringend ein kleines Bier, setzte mich vor das nächstbeste Restaurant und schaute neidisch einem Mann am Nachbartisch zu, der sein gerade frisch gekauftes Galaxy SIII auspackte (ich arme Sau krepele noch immer mit dem ersten Galaxy S herum!), während seine Frau rasch alle Gesprächsversuche aufgab, einfach vor sich hinglotzte und ihren Aperol Spritz in sich hineinschüttete.

Papa Gaucks Spruch von der Glückssüchtigkeit lässt mich also fragen, was er eigentlich unter Glück versteht. Und dann komme ich schnell zu der Frage, was er mit anderen Begriffen meint, wenn er mit ihnen um sich schmeißt. Zum Beispiel „Freiheit“. Was ist denn diese Freiheit, von der er dauernd erzählt? Vor allem doch die Freiheit, im Laufrad mitzulaufen. Als Bonbon dazu die Freiheit, sich über das Laufrad zu beschweren und sogar über kleine Kurskorrekturen mitzubestimmen, solange es nur grundsätzlich „vorwärts“ geht und zwar immer schneller (was ein bisschen so klingt, als würde es bergab rollen). Ein Anhalten ist nicht vorgesehen. Und die Freiheit auszusteigen, die muss man sich erkaufen, das heißt, man muss vorher besonders eifrig mitgerannt sein. Aber immerhin kann man sich den Ausstieg erkaufen, das ist eine Verbesserung gegenüber dem sozialistischen System. Andererseits hatten auch die Sklaven in Rom schon die Möglichkeit, sich aus der Sklaverei freizukaufen, das ist also keine zivilisatorische Errungenschaft, über die man nun vollkommen aus dem Häuschen geraten müsste.

Sommer 201x: Die Glückssucht ist weitgehend besiegt. Von ihrem Hedonismus befreit, geben die Deutschen freudig in fernen Ländern „das Leben, das eigene Leben“ (und, wo es sich so ergibt, das Leben einiger im Weg stehender Einheimischer), um die Freiheit zu verteidigen. Die Gefallenen werden an der Heimatfront durch Automaten ersetzt, die aus einer revolutionären Kombination von 3D-Drucker und Müllschredder bestehen, integrierte Produktions- und Konsumtionseinheiten mit eigenem Facebookprofil, auf dem sie regelmäßig vollautomatisch gesellschaftskritische Cartoons, Kriegsverbrecherempörungsvideos sowie Katzenfotos liken und teilen. Die letzten unverbesserlichen Glücksjunkies geben ihr letztes Hemd für Parkplatzgebühren und in einem riesigen Schloss in Amerika legt Montgomery Burns die Fingerspitzen aneinander, verzieht die dünnen Lippen zu einem Grinsen und murmelt: „Ausgezeichnet” …

(Volker Strübing)

PS: Uijujui, wie bin ich denn heute drauf? ;)

PPS: Schön hier auf dem Land. Sitze gerade in einem klitzekleinen Nest in MV und habe gerade erst durch eine einsame Fuvuzela am anderen Ende des Dorfes mitbekommen, das gerade ein Deutschlandspiel läuft. Na, dann wird diesen Sermon wohl so schnell niemand lesen …


Author: "Volker Strübing" Tags: "Science Fiction, Weltuntergang, Zumutung..."
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Date: Friday, 15 Jun 2012 11:06

Man kann ja über vieles schimpfen – und sollte dies auch unbedingt tun! „Schimpfen, meckern, nörgeln aber sind die edelsten menschlichen Tätigkeiten, denn die Gabe des Schimpfens erst ist es, die den Menschen zum Menschen macht, ihn über das Tierreich und selbst noch über Gott erhebt, denn nur ihm ist sie gegeben – machen wir davon Gebrauch!“ (Volker Strübing, Der Mensch. Eine Annäherung., Band IV, S. 673). Gründe sind schnell gefunden: Finanzkrise, S-Bahn, Bubble Tea, Jugend von heute, Jugend von gestern, „die da oben“ (und die da unten erst!), Benzinpreis, Wetter, die Unregelmäßigkeit der Aktualisierung dieses Blogs, das dauernde Gemecker anderer Leute etc., etc., man muss und kann ja über alles schimpfen.

Die einzige mir bekannte Ausnahme ist Innsbruck. Gegen Innsbruck lässt sich nun wirklich überhaupt nichts sagen. Innsbruck ist toll und hat alles, was eine Stadt braucht: Eine Lesebühne, einen Poetry Slam, urste Berge, einen Fluss mit ulkiger Farbe, eine Zahnradbahn und eine direkte ICE-Verbindung nach Berlin. An Innsbruck gibt’s absolut nichts zu meckern und ich möchte es ganz ausdrücklich nicht als Nörgelei, sondern als konstruktive Kritik verstanden wissen, wenn ich darauf hinweise, dass der ICE von Innsbruck statt in Berlin Südkreuz lieber in Berlin Gesundbrunnen halten sollte, und dass die Stadt sogar (obwohl das unmöglich erscheinen mag) noch ein bisschen schöner wäre, wenn sie am Meer läge.

(Neue Trends und Entwicklungen erreichen Innsbruck vielleicht nicht unbedingt als erstes, aber was macht das schon?)

Gestern abend war Innsbruck insgesamt nicht so schön wie sonst, da ich mich in der Stadt herumtrieb und sehr hässlich war. Also, eigentlich war ich gar nicht hässlich, nur meine Hose war hässlich, die dafür aber so richtig. Das heißt, vielleicht war die Hose eigentlich auch gar nicht sooo hässlich und sah nur an mir dran bzw. mit mir drin hässlich aus. So hässlich nun freilich auch wieder nicht, aber … ulkig. Glaub ich wenigstens, ich hab mich auf alle Fälle ulkig gefühlt. Es war nämlich eine Röhrenhose und ich schwöre, sowas wollte ich nie anziehen!

Das kam nämlich so: Die Zugfahrt nach Innsbruck dauerte 9 Stunden. Und was macht man auf einer neunstündigen Zugfahrt? Na klar: Man kippt sich einen Deutsche-Bahn-Kaffee über die Hose – wann kommt man sonst schonmal dazu?

In Innsbruck angekommen rammelte ich also in den nächstbesten H&M, weil ich bei der Text Ohne Reiter Jubiläumsveranstaltung nicht im Kaffeefleckencamouflage auftreten wollte (ich bildete mir ein, das würde ulkig aussehen – heilige Einfalt!), ramschte einen Batzen Hosen von einem Sonderangebotsständer, probierte sie in der Kabine durch, entschied mich für die am wenigsten hässliche Alternative, hängte diese dann zusammen mit einigen anderen zurück an den Ständer und rannte mit der am meisten hässlichen Alternative zur Kasse … scheiße.

Hätte ich meine schwarze Fettrahmen-Brille nicht letztes Jahr in einem Taxi in Jordanien liegengelassen, hätte ich ausgesehen wie ein Hipster oder wenigstens Mipster (Möchtgern-Hipster).

Jetzt weiß ich nicht, was ich mit der Hose machen soll. Heute kommt wahrscheinlich Magdeburg nochmal in den zweifelhaften Genuss, mich in ihr zu sehen, aber danach? Vielleicht hebe ich sie auf und wenn mal wieder ein Langstreckenflug ansteht, ziehe ich sie als Trombosestrumpfhose unter die normalen Jeans …

(Von diesem Trend hingegen kann man sich nur wünschen, dass er von Innsbruck aus die Welt erobert: Klare Kommunikation, Produktpräsentation ohne störenden Schnickschnack, Konzentration auf eine Kernkompetenz statt einer erschlagenden Vielfalt an sinnlosen Produkten, die mit falschen Glücks- oder Individualitätsversprechen beworben werden.)

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Schnappschüsse, Schnipsel"
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Date: Tuesday, 29 May 2012 17:30

(Und alle so: Hui! )

1000 Beiträge auf dem Schnipselfriedhof! Ach, was sag ich! 1018 mit diesem hier! Eigentlich wollte ich den tausendsten groß feiern – mit Fotos von Champagnerflaschen und Konfettivorlagen zum Ausdrucken und Ausschneiden, aber ich hab’s verpasst. Allerdings ist dieser Beitrag genau mein 900. – die anderen 118 sind von Spider. Wenn ich selbst die Tausend voll habe, dann aber, aber dann, aber hallo! Was auch immer. Hey, Spider, ich komm nachher bei LSD vorbei, dann gratulieren wir uns gegenseitig und trinken einen Schnaps!

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Schnipselfriedhof, Weltverbesserung"
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Date: Saturday, 26 May 2012 10:14

ACHTUNG: Enthält sinnlosen Cat-Content und unausgegorenes Zeugs! Und überhaupt: Wer sagt denn, dass eine Fortsetzung denselben doofen Titel wie der erste Teil haben muss?

(Was die Eigenschaft angeht, einen von den wirklich wichtigen Dingen im Leben  -  rumliegen und Fantasy-Romane lesen etc. – abzulenken, können Katzen durchaus als eine Art Vorläufer des Internets gelten.)

Ab und zu stößt man im Netz auf die Idee, die Kultur der Zukunft brauche keine Urheber im klassischen Sinne mehr. Die „schwache“ Variante dieser Idee meint damit nur, sie brauche keine bezahlten Urheber mehr. Die „starke“ Variante meint: Sie braucht keine Individuen mehr, das Netz, das Kollektiv, der Schwarm würde das übernehmen, die Kreativität der Vielen würde die beschränkten Möglichkeiten des Einzelnen weit hinter sich lassen. In Reinform bin ich dieser Variante noch nicht begegnet, aber es geht mir hier ja auch um Spekulation und Gedankenspiele und nicht um aktuellpolitische Erörterungen – weshalb ich auch auf die sich bei diesem Thema anbietenden Bezüge zur Diskussion um Urheberrecht und geistiges Eigentum verzichten will.

Soweit es geht, denn ganz komme ich nicht herum.

Beide Variante gehen im Prinzip von einem Ende individuellen Ausdrucks aus. Kunst könne nicht mehr als Werk eines Einzelnen gelten, da sie auf der Gesamtheit des kulturellen Schaffens der Vorgänger beruhe und daraus schöpfe – sie sei letztlich nur ein Mash-Up des Zuvordagewesenen, könne keine Eigenständigkeit beanspruchen. Denkt man das konsequent, weiter ist auch jeder Mensch nur ein Mash-Up der Gene seiner Eltern.

Außerdem kann man argumentieren (und man tut es), die Vielen würden freiwillig und kostenlos Kultur produzieren, der Urheber als Spezialist würde nicht mehr benötigt.

Bevor mich jemand falsch versteht: Natürlich wird freiwillig und kostenlos Kultur geschaffen. Niemand greift ja erst zur Gitarre, wenn er einen Arbeitsplatz als Musiker gefunden hat! Und was professionelle Künstler schaffen, ist weiß Gott nicht zwangsläufig besser, als die Leistungen guter Amateure. Aber auch die guten Amateure sind Spezialisten und Individuen/Individualisten.

Aber jetzt ist ersteinmal an der Zeit für ein weiteres Katzenbild:

Was käme heraus, wenn man das Prinzip des Ochsenschätzens (siehe Teil 1)auf die Kunst anwendete? Ich vermute: Dasselbe wie beim Ochsenschätzen. Ein brauchbarer Mittelwert, sprich: Mittelmaß, ein Ergebnis das nah am Durchschnittsgeschmack der Schwarmmitglieder läge – irgendwo über dem Niveau des langweiligsten und unter dem des kreativsten Mitglieds. Kreativität addiert sich nicht einfach. Und wenn man eine große weiße Leinwand hat, auf die jeder seinen eigenen kleinen Farbklecks macht, verschwimmen diese zu einer grauen Fläche, wenn man das Ganze mit einem gewissen Abstand betrachtet.

Wie könnte Schwarmkreativität aussehen? Im armseligsten Fall so wie die bisherigen Ansätze dazu: Eine endlose Kaskade aus Mashups und Remixen von Schnipseln aus Werken, die auf „herkömmlichem Wege“ urgehoben worden. Schuld und Sühne mit Zombies und Nazis auf dem Mond und „What society thinks I do“ und Chuck Norris und Vampiren. Nachgespielt mit Star Wars Legofiguren. Als Soundtrack die Muppetshow-Musik, interpretiert auf einem Gameboy und mit einem schönen gesampelten Beat unterlegt. Oder so. Kann schon Spaß machen.

Second Life war ein Versuch einen Spielplatz für die Kreativität zu schaffen, aber letztlich wurden dort nur mit Mühe und Hingabe bekannte Szenarien nachgebaut; die Spieler taten so als wären sie Figuren aus Comics, Filmen oder anderen Spielen und: schnatterten. Könnte aus so etwas einmal eine Welt entstehen, die so komplex ist wie Westeros und könnten dort quasi von allein durch die Interaktion der Mitspieler Geschichten entstehen, die so spannend sind wie „Das Lied von Eis und Feuer“? Ich glaube nicht.

Nicht unwahrscheinlich ist natürlich auch, dass ich mir nur nicht vorstellen kann, wie eine auf dem Schwarm basierende Kreativität aussehen würde. Bin ich als Geschichtenerzähler 1.0 vielleicht dasselbe wie ein Heißluftballonbauer des 18. Jahrhunderts, der mit der Idee von Flugmaschinen schwerer als Luft konfrontiert wird?

Die Kreativität der Vielen im Sinne einer „Schwarmkreativität“ ist übrigens etwas anderes als Teamarbeit oder Brainstormings – deren Ergebnis kann natürlich über die Fähigkeiten der einzelnen Beteiligten hinaus gehen. Aber Teams basieren auf der Spezialisierung der Mitglieder und auf einer wenigstens rudimentären Hierarchie, Brainstorming ist nur sinnvoll, wenn nicht allzuviele mitmachen oder jemand entscheidet, welche der dabei entstehenden Ideen weiterverfolgt werden soll. Fundamentale Unterschiede zum „Schwarm“.

(Wenn 2 Katzen lustiger sind als eine, müssen doch auch 7 Milliarden Menschen lustiger sein als einer!)

Andererseits (und wenn ich hier schon mit dem Schwarmbegriff um mich schmeiße): Natürlich kann ein Schwarm Schönheit produzieren, und zwar ganz ohne Urheber und Individualität. Man denke nur an die faszinierenden Aufnahmen von Fischschwärmen, die Schönheit und Eleganz der synchronen Bewegung von tausenden Einzelwesen! Aber: Die Fische selbst merken davon nichts. Diese Schönheit existiert nur für einen außenstehenden Beobachter, der über ein ästhetisches Konzept verfügt, in das dieser Anblick passt.

Damit bin ich schon fast bei der nächsten Frage, die mich sehr fasziniert: Kann das Netz vielleicht eines Tages dieser Beobachter sein? Mit anderen Worten: Wird das Internet irgendwann Bewusstsein erlangen? Hat es das vielleicht schon?

Aber für heute reichts mir; ich setz mich wieder in die Sonne. Frohe Pfingsten und so.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Gedanken, Science Fiction, Weltuntergang..."
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Date: Wednesday, 23 May 2012 14:09

Das folgende soll Auftakt einer kleinen Reihe sein. Mal sehen, wie lange ich sie durchhalte. Ich denke gerne über die Zukunft nach, in letzter Zeit wieder besonders viel und vor allem über die Zukunft des “des Netzes” und die Auswirkungen auf uns kleine Fische, die sich darin verfangen haben. Das liegt zum Teil an der Urheberrechtsdiskussion, zum anderen, weil ich an einem Weltentwurf für einen möglichen SF-Roman bastle. (Bitte keine Nachfragen – falls ich den tatsächlich schreiben sollte, dann nicht in nächster Zeit!) Das Problem ist, dass beim Nachdenken mehr Fragen als Antworten rauskommen. Und ein paar davon wollte ich jetzt mal in dieses Internetdingens reinschreiben.

Weisheit der Massen oder Dummheit des Mobs?

Es gibt dieses Experiment: Wenn man 100 Leute das Gewicht eines Ochsen schätzen lässt und den Durchschnittswert bildet, erhält man ein Ergebnis, das ziemlich nahe am tatsächlichen Gewicht des Ochsen liegt. Die Wahrscheinlichkeit für ein annähernd korrektes Ergebnis ist auf jeden Fall viel höher, als wenn man irgendeine einzelne Person befragt. Mit diesem Experiment wird gerne die „Weisheit der Vielen“ oder die „Schwarmintelligenz“ illustriert.

Ich habe allerdings keine Ahnung, was das mit Weisheit zu tun haben soll. Und vielleicht ist ja unter den 100 Leuten einer, der sich sehr gut mit Ochsen auskennt und eine viel zuverlässigere Schätzung abgeben kann – seine Erfahrung wird im Gesamtergebnis kaum ins Gewicht fallen. Vielleicht ist sogar ein „Weiser“ unter den 100, der auf den Abstimmungszettel schreibt: „Hey, lasst uns doch eine Waage holen, dann wissen wir’s genau“, aber diese Antwort wird natürlich als ungültig gewertet.

Welche Schlussfolgerungen für die Zukunft der Politik bringt die Theorie von der Weisheit der Vielen mit sich? Ihre Umsetzung in der Wirtschaft ist ein radikal freier Markt; wäre das politische Gegenstück die direkte Demokratie?

Darf man der Masse politische Entscheidungen überlassen? Hat sie nicht ein Recht, die Entscheidungen, die ihr Leben und ihre Zukunft betreffen, selbst zu fällen, wenn dies möglich ist? Und mit welcher Rechtfertigung kann man noch die alte, langsame, korruptions- und erstarrungsanfällige Vertreterdemokratie verteidigen, wenn das Netz in Zukunft eine direkte Demokratie technisch möglich macht?

Aber können „die Vielen“ Entscheidungen treffen, die nicht einfach nur den momentanen Interessen des durchschnittlichen Individuums innerhalb dieser Masse entsprechen? Ich glaube, man braucht Brems- und Korrekturmöglichkeiten und einen Rahmen, der die Entscheidungsfreiheit des Kollektivs eingrenzt, Mechanismen, die uns vor unserer eigenen Dummheit schützen und verhindern, dass aus der Demokratie ihr böser Bruder, die Ochlokratie, die „Tyrannei des Pöbels“ wird – oder die Herrschaft von Peter und Erika Mustermann.

100 Leute stehen um einen Ochsen herum und beglückwünschen sich dazu, wie toll sie sein Gewicht geschätzt haben. Dem Ochsen wird das irgendwann zu dumm, er schnaubt und scharrt mit den Hufen. Der Ochsenexperte will erklären, dass kein Grund zur Beunruhigung bestehe, man müsse sich nur langsam und leise zurückziehen, aber leider ist er einer der ersten, die in der ausbrechenden Panik zu Tode getrampelt werden.

Ist übrigens Wikipedia ein Beispiel für die Weisheit der Massen? Nö. Nur für ihren Fleiß. Hier wird Wissen zusammengetragen und auf bequeme Art zugänglich gemacht – aber es wird kein Wissen geschaffen. Und funktionieren kann es nur, weil die Mitwirkenden weitgehend auf alles verzichten, was sie zu Individuen macht: eigene Meinung, eigenen Geschmack, eigene Moral.

Wie steht es eigentlich um Schwarmempathie, die Moral der Vielen oder die Kreativität der Massen? Auch dazu habe ich keine Antwort, sondern nur eine Meinung und viele weitere Fragen – was mich nicht davon abhalten wird, demnächst darüber zu schreiben.

 (Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Gedanken, Science Fiction, Weltuntergang..."
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Date: Wednesday, 16 May 2012 13:17

Vielleicht glauben Sie ja gar nicht , dass im Dezember die Welt untergeht. Vielleicht halten Sie das alles für kompletten Blödsinn und sich selbst für besonders schlau, wenn Sie mit wichtigtuerischem Gehabe erzählen, dass einfach nur ein neuer Zyklus im Maya-Kalender anfange und überhaupt: Erst neulich sei ein noch viel älterer Maya-Kalender gefunden worden, der weit über das Jahr 2012 hinausginge.

Glauben Sie, was Sie wollen, aber denken Sie mal darüber nach, dass Sie diese Informationen wahrscheinlich aus dem internet haben – genau wie ich mein Wissen um das bevorstehende Ende der Welt.

Und ist es nicht besser, sich vorzubereiten, als dann eines Morgens womöglich doch dazustehen, „Ups“ zu sagen und angesichts der auf einmal doch eintretenden Apokalypse nicht ein, noch aus zu wissen?

Hier kommen sie, die 10 ultimativen Weltuntergangstips und unser exklusives Angebot für die Rundum-Sorglos-Weltuntergangsversicherung. Für Skeptiker und Überzeugte. Und keine Sorge: Ich betreibe ganz gewiss keine Panikmache, denn der wichtigste Tip lautet: 

1.) KEINE PANIK!

Nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird. So ein Weltuntergang wird als Riesenevent angekündigt, aber schon einen Tag später kräht kein Hahn mehr danach. Entweder weil er ausgefallen ist, oder weil er nicht ausgefallen ist und es daher keinen Hahn mehr gibt, der danach krähen könnte. Das Ergebnis ist in beiden Fällen das selbe und fest steht: Ein Ereignis, von dem man hinterher nicht mehr spricht, ist eine Luftnummer, eine aufgebauschte Belanglosigkeit, ein umgekippter Reissack. Ich garantiere Ihnen: Das Presse-Echo auf den Weltuntergang wird geringer ausfallen als auf mit letzter Tinte geschriebene Gedichte, den aktuellen Tatort oder den neuesten Blödsinn zur Urheberrechtsdiskussion.

Und deswegen machen Sie sich Sorgen?!

2.) KEINE PANIK!

Rennen Sie nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn herum, um Vorräte an Wasserflaschen, Konserven, Hygieneartikeln, Medikamenten und Waffen anzulegen. Kaufen Sie keinen Solarcharger für Ihr iPhone! Legen Sie Ihr Geld nicht in Gold an! Kaufen Sie keine Survivalratgeber und gehen Sie nicht in den Wald, um zu lernen, wie man von Würmern, Käfern und Rehkötteln überlebt! Das ist Unsinn, denn im Falle eines echten Weltunterganges sind Sie tot.

Der oben angeführte Schnickschnack hilft vielleicht bei Atomkriegen, Zombie-Epidemien, Finanzcrashs und ähnlichen Unannehmlichkeiten. Sich jedoch angesichts des Weltunterganges mit Überlebensvorbereitungen die verbleibende Zeit zu verderben, ist genauso dumm, als würden Sie sich mit dem Anlegen der Rettungsweste abplagen, während Ihr Flugzeug mit brennenden Turbinen über der Sahara abstürzt! Bestellen Sie lieber schnell noch einen letzten Tomatensaft!

3.) KEINE PANIK!

Bis Dezember ist es noch eine ganze Weile hin. Wenn Sie die Zeit gut nutzen, können die Monate bis zum großen Knall die Jahre, die Ihnen sonst geblieben wären locker aufwiegen.

Kündigen Sie Ihren Job, räumen Sie Ihr Konto leer. Zerreißen Sie das Zahnarztbonusheft und alle Behördenbriefe. Vernachlässigen Sie die Körperpflege, rauchen Sie, trinken Sie, huren Sie herum, als gäb’s kein Morgen mehr, denn es gibt keins!

Befreien Sie sich von allen Fesseln der Konsum- und Konsensgesellschaft, erleben Sie wahre Freiheit!

Und wenn der Weltuntergang im Dezember doch ausfallen sollte – kein Problem! Im Internet finden Sie zahlreiche alternative Termine, suchen Sie sich den nächstbesten heraus und machen Sie einfach so weiter! Sie können nun ohnehin nicht mehr zurück in Ihr altes Leben. Sie sind keine Ameise mehr, Sie sind jetzt ein (setzen Sie hier ein nicht sozial lebendes Tier Ihrer Wahl ein).

4.) KEINE PANIK!

Beachten Sie den vorherigen Punkt, aber fallen Sie nicht in sinnlosen Aktionismus! Tun Sie,was Sie schon immer tun wollten, aber nur wenn Sie es auch wirklich tun wollen! Arbeiten Sie keine „100 Dinge, die man im leben gemacht haben muss“-Listen aus dem Internet ab. Dort steht nur Blödsinn drin, ich habe das überprüft. Alberner Kram, der meist darauf hinausläuft, man solle mal richtig abfeiern, die Sau rauslassen, einfach mal Paaaadiiiiie machen.

Vergessen Sie’s! Wenn Sie es bisher nicht geschafft haben, total abzufeiern, dann ist das einfach nicht Ihr Ding! Belasten Sie sich nicht damit!

Irgendwo las ich den Vorschlag „etwas tun, was man sich schon lange vornimmt“ und da musste ich natürlich gleich an meinen Abwasch denken. Aber wozu brauch ich sauberes Geschirr, das geht sowieso kaputt, wenn uns der Mond auf den Kopf fällt!!!

Couchkartoffeln Sie vor sich hin, wenn Ihnen danach ist – nach dem Weltuntergang haben Sie keine Gelegenheit mehr zum sinnlosen Rumgammeln! Wenn Ihnen Veränderungen Angst machen, dann leben Sie einfach weiter wie gewohnt, selbst wenn Sie mit Ihrem Leben unzufrieden sind. Es dauert ja nicht mehr lange.

Und vor allem: Fangen Sie nicht an mit Fun-Sport-Arten! Man kann prima leben (und erst recht sterben!) ohne nackt über der Arktis einen Fallschirmsprung absolviert zu haben, mit einem Seil um die Hüften vom Mount Everest gesprungen oder in einem asiatischen Kochgeschirr eine Bob-Bahn heruntergefahren zu sein!

Kaufen Sie keine „1000 Places to see before you die“-Bücher – an diesen Orten werden Sie nur auf große Trauben von Trotteln stoßen, die das selbe Buch gekauft haben plus eine Gruppe pensionierter Lehrer aus Wuppertal auf Studiosus-Tour!

Gehen Sie nicht mit mehr Frauen oder Männern ins Bett, als Sie bewältigen können, das bringt nichts! Glauben Sie mir, ich weiß wovon ich spreche, dabei hatte ich bisher noch nie mit mehr als einer Person Sex.

Bauen Sie kein Haus, pflanzen Sie keinen Baum und vor allem: Zeugen oder empfangen Sie kein Kind! Dafür ist es zu spät, Sie müssten auf ein Frühchen hoffen, damit das überhaupt noch rechtzeitig klappt! Das Kind wird sich bedanken, wenn es als erstes statt dem Licht der Welt den Blitz des Unterganges derselben sieht.

Es gibt nichts, was Sie UNBEDINGT erleben müssten! Denken Sie daran: Der Weltuntergang wird sowieso aufregender als all die armseligen „Muss man mal gemacht haben“-Vorschläge!

5.) KEINE PANIK!

Flehen Sie nicht um Gnade, beichten Sie nicht, bereuen Sie keine Sünden – begehen Sie welche! Natürlich nur, wenn Ihnen danach ist. Brechen Sie die Ehe und alle anderen Gebote, bis auf das mit dem Töten, denn das wäre Zeitverschwendung, das können Sie getrost dem Weltuntergang überlassen, der ist da Profi. Ruhen Sie an 6 Tagen in der Woche und machen Sie sich am 7. ein Bild von Gott oder malen Sie eine Mohammed-Karikatur, am besten mit einer Sprühdose und zwar an die Klagemauer in Jerusalem. Fluchen Sie, essen Sie Schweinefleisch, falls Ihre Religion Ihnen dies verbietet, beten Sie Götzen an, falls Sie das nicht ohnehin schon tun, weil Sie Apple-Jünger sind.

Haben Sie keine Angst vor der Hölle! Schließlich steht ein Weltuntergang nach dem Maya-Kalender ins Haus, damit haben unsere heimischen Götter absolut nichts zu tun und können nach der Mayapokalypse keinen Anspruch auf unsere Seelen erheben! Hallelujah! Und das beste: Sie müssen auch keine Angst haben, ins Paradies zu kommen, bei dem es sich in Wirklichkeit um den achten Kreis der Hölle, das Fegefeuer der ewigen Langeweile handelt.

6.) KEINE PANIK!

Sie sind nicht allein! Wir alle gehen mit Ihnen den Bach runter! Kein unnötiges Testamenteschreiben, keine trauernden Hinterbliebenen, niemand wird um Sie weinen und Sie müssen um niemanden weinen. Freuen Sie sich über die Barmherzigkeit des gemeinsamen Todes. Genau besehen ist das kollektive, gleichzeitige Aussterben das größte Geschenk, das der Menschheit je versprochen wurde!

7.) KEINE PANIK!

Es gibt Schlimmeres als einen Weltuntergang. Atomkrieg zum Beispiel. Oder eine Zombie-Epidemie. Oder einen Finanzcrash. Oder die Abschaffung des Urheberrechts. Wenn Sie Pech hätten, würden Sie diese Möchtegern-Apokalypsen überleben und müssten sich künftig von Würmern, Käfern, und Rehkötteln ernähren!

Und es könnte sogar noch schlimmer kommen: Alles könnte so weiter gehen wie bisher!

8.) KEINE PANIK!

So ein Weltuntergang ist natürlich ein ganz besonderes und durchaus einschneidendes Erlebnis im Leben eines jeden teilnehmenden Menschen. Klar, dass die Aufregung im Vorfeld groß ist und viele Leute sich fragen, wie man sich dem Anlass entsprechend verhalten soll. Welche Kleidung ist angemessen? Welche letzten Worte soll man sprechen? Werden Häppchen gereicht? Ist es gesellschaftlich akzeptabel, wenn man betrunken erscheint?

Es fehlt bisher ein verbindlicher Weltuntergangsknigge, eine Lücke, die dieser kleine Ratgeber schließen will.

Machen Sie sich vor allem eins klar: Es ist für jeden von uns das erste Mal, und beim ersten Mal stellt man sich nun einmal oft etwas ungeschickt an. Niemand wird Ihnen das übelnehmen, zumal Ihre Mitmenschen vermutlich viel zu sehr mit dem eigenen Ableben beschäftigt sein werden, als dass sie mit dem Finger auf sie zeigen könnten. Schreien Sie, ziehen Sie sich eine Papiertüte über den Kopf, tanzen Sie nackt durch die Straßen, machen Sie sich vor Angst in die Hosen oder setzen Sie sich einfach vor den Fernseher, um die Liveübertragung zu verfolgen. Twittern Sie oder zittern Sie, haben Sie Sex, nehmen Sie Drogen, rufen Sie Mutti an oder die Polizei – Sie haben die Wahl! Überhaupt steht die Jüngste-Tagesordnung gar nicht fest, niemand weiß, wie es genau ablaufen wird, betrachten Sie es als Überraschungsparty. Seinen Sie offen, lassen Sie sich darauf ein, improvisieren Sie und sei es auch das Letzte, was Sie tun!

9.) KEINE PANIK!

Was kann Ihnen denn schon passieren? Also vom Tod mal abgesehen. Und was heißt das schon?!

Betrachten wir es einmal mathematisch: Zwar heißt es: Wer früher stirbt ist länger tot. Doch diese Behauptung ist unhaltbar. Sie sind auf jeden Fall unendlich lange tot, egal ob Sie nun mit 80 im Bett oder in jungen Jahren bei einem Weltuntergang sterben. Eine Unendlichkeit kann nicht kürzer oder länger sein. Ob Sie da nun ein paar Jahre oder Jahrzehnte dazu addieren oder abziehen – das Ergebnis bleibt unendlich. Deshalb bleibt auch das Verhältnis von Lebenszeit zu Tot-Sei-Dauer immer gleich: Was auch immer geteilt durch unendlich ergibt Null. Stellen wir diese Gleichung um und setzen ein x für Ihre Lebenszeit ein, erhalten wir x gleich Null mal unendlich, was eine Lebenszeit von genau Null ergibt.

Mathematisch gesehen sind Sie demzufolge sowieso immer tot, egal wie lange Sie leben – es gibt also nichts zu verlieren, zu befürchten, zu bedauern. Ist das nicht großartig?

10.) KEINE PANIK!

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Author: "Volker Strübing" Tags: "Lebenshilfe, Sonst so, Weltuntergang, We..."
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Date: Tuesday, 15 May 2012 10:09

“Verachtung gegenüber der geistigen und künstlerischen Tätigkeit”, “Kampf gegen das Urheberrecht”, “Eine Generation, die durch das haltlose Internetgequassel groß geworden ist”, “die schlimmsten Banausen”, “beispiellose kunstfeindliche Beleidigungen”, Künstler mundtot machen”, “Jargon der Unmenschlichkeit”, “Progromstimmung gegen Künstler”, “zutiefst erschüttert und an dunkle Zeiten erinnert” – alles FAZ von heute, Seite 25, Feuiletton. Teilweise geht es um diese beschissene Anonymusaktion, bei der private Daten von Unterzeichnern des eher dussligen”Wir sind die Urheber”-Briefes veröffentlicht wurden. Aber eigentlich wird hier alles in einen Topf geworfen. Nur noch Gebrüll und das ewige Wiederholen der immer selben Argumente und Beleidigungen. Von Ignoranten auf beiden Seiten (als gäbe es zwei Seiten und nicht 437). Tut mir fast leid, dass ich selber etwas dazu geschrieben habe. Es lebe die Hysterie, lasst die Waffen sprechen, Urheberrechts-Wars, Episode I (Die digitale Bedrohung) bis Episode VI (Die Rückkehr der Urheber).

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Zumutungen"
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Date: Monday, 14 May 2012 09:18

Im Dezember 2010 schrieb ich hier schonmal darüber, dass ich mir eine Elektrozigarette gekauft habe. Dann berichtete ich nie wieder darüber, was unter anderem daran lag, dass ich sie nach zwei, drei Monaten nicht mehr benutzt habe. Jetzt probiere ich es noch mal. Und zwar mit einem weiterentwickelten Modell. Meine alte eGo E-Zigarette hatte ein Wattedepot, das das Liquid (Mischung aus Glykol, destilliertem Wasser und Nikotin) aufnahm und dem Verdamper zuführte. (Wie E-Zigaretten funktionieren, will ich hier aus gutem Grund – Faulheit – nicht näher erklären. Steht aber irgendwo im Internet drin.) Dieses System hatte einige Nachteile: Der Liquidzufluss war ungleichmäßig, so dass manchmal kaum Dampf entwickelt wurde und ein anderes Mal der Verdampfer abgesoffen ist, man wusste nie, wann man nachfüllen muss und manchmal fing offensichtlich die Watte an zu kokeln und es schmeckte extrem widerlich.

Alles Ärger von gestern. Es lohnt sich, dem Dampfen noch eine Chance zu geben. Bevor ich jetzt Geräte empfehle und Links zu Händlern setze, möchte ich darauf hinweisen, dass ich dafür kein Geld, keinen Rabatt und darüberhinaus auch kein Garnichts bekomme.

Ich habe mir vor zwei Monaten eine eGo-T zugelegt. Das T steht für “Tank”. Statt eines Wattedepots verfügt sie über einen (na, was wohl?) Tank, in den man das Liquid einfüllt. Von dort wird es dem Verdampfer direkt zugeführt. Bis jetzt hat noch nichts gekokelt, die Dampfentwicklung ist absolut gleichmäßig bis Tank oder Akku alle sind und durch ein Fenster im Tank weiß man immer, wieviel noch drin ist.

Und das Ding dampft richtig gut. Bei nikotinhaltigen Fluids hat man exakt dasselbe Gefühl beim Inhalieren wie bei einer richtigen Zigarette (nur das es besser schmeckt, wenn man erstmal sein Lieblingsaroma gefunden hat) und man pustet ordentliche Wolken in die Luft (die allerdings nicht stinken und sich schnell verflüchtigen), schließlich raucht das Auge mit.

Die eGo-T sieht allerdings nicht aus wie eine Zigarette und auch das Handling unterscheidet sich deutlich. Man muss sie anders halten und beim Ziehen einen Knopf drücken, der den Akku anschaltet. Ein bisschen gewöhnungsbedürftig, nicht schlimm, aber auch nicht perfekt.

Darum habe ich mir noch ein Doppelpack der 510-T gekauft und die ist richtig prima. Die 510-T verfügt ebenfalls über das Tanksystem und macht fast soviel Dampf wie die größere eGo-T. Dabei kann man sie aber in der Hand halten wie eine normale Kippe und der Akku schaltet sich automatisch ein, sobald man daran wie an einer normalen Zigarette zieht. Funktioniert prima. Zwar hält der Akku nicht solange und der Tank fasst nicht einmal halb soviel wie der der größeren Schwester, aber für einen Tag reicht es. Außerdem hat man ja eh immer zwei dabei und für zwischendurch noch die Große. Und ich habe ohnehin immernoch Tabak einstecken – von einem Komplettumstieg bin ich leider weit entfernt.

Wer sich sowas kaufen will: Besser nicht im Tabakladen, da gibt es manchmal irgendwelche Nachbauten, die schweineteuer sind und nicht richtig funktionieren. (Meine allererste eGo-T war so ein Reinfall.) Ich kann zwei Internetshops empfehlen, mit denen ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Zum einen steamo, zum anderen dampferbude. Andere mögen genausogut sein, die habe ich aber nicht ausprobiert

Was den Geschmack angeht: Super. Ich mag vor allem die Tabakaromen, bei denen man sich aber nicht vorstellen darf, dass sie wie Zigarettenrauch schmecken würden. Eher so, als würde man seine Nase in ein frisches Päckchen Tabak halten. Meine Favoriten: Tabak Royal, 7 Leaves und Cuban Supreme, alle erhältlich bei steamo. (Auch die Liquids würde ich nicht in irgendwelchen Läden kaufen, das ist in China zusammengepanschtes Zeug, da will man nicht wissen, was wirklich drin ist. So wurden zum Beispiel in einigen davon krebserregende Nitrosamine gefunden – die freilich auch in Tabak, Bier, Fischen, Käse etc. vorkommen ) Sehr eklig finde ich Mellow Sunset und den Bestseller Malle.

Es gibt auch Liquids mit Frucht- oder Gummibärchen- oder Pina-Colada-Geschmack, demnächst wahrscheinlich auch Bratwurst und Harzer Käse, aber die haben mir überhaupt nicht zugesagt. Sehr gut fand ich Cappuccino und Vanille.
Aber da muss jeder für sich was finden. Das ist überhaupt das Nervigste am Anfang: die Suche nach dem persönlichen Lieblingsliquid.

Auch schwierig am Anfang: Das erste Mal in der Öffentlichkeit dampfen. Man kommt sich komisch vor, manchmal wird man auch komisch angeguckt oder gefragt, was das ist, insbesondere bei der 510-T, die vorne an der Spitze eine blaue LED hat, die aufglimmt, wenn man daran zieht. Diese könnte man auch abkleben oder so, aber irgendwie ist das eine schöne Sache, mir gefällt das.

Eigentlich fehlt nur noch eine Sache, um Elekrozigaretten zu einem vollwertigen Ersatz zu machen: Das Anzünden und das Ausdrücken. Dieses: “Jetzt gehe ich mal auf den Balkon eine Rauchen, nehme mir eine Kippe aus der Schachtel oder drehe selbst und nach 15 Zügen ist es vorbei, und ich gehe wieder rein.” Man kann theoretisch dauerhaft vor sich hin dampfen und viele Nutzer machen das wohl auch. Das ist mir zum Glück nicht passiert, ich dampfe meist ungefähr solange wie ich auch Rauchen würde, dann packe ich sie zur Seite. Aber der definierte Anfang und das unweigerliche Ende fehlen mir dennoch.

Warum eigentlich dampfen und nicht rauchen? Die Antwort ist einfach: Zum einen ist es viel billiger, trotz der hohen Anschaffungskosten für das Gerät und die in den Sand gesetzten Ausgaben für Liquids, die einem nicht schmecken während der Experimentierphase. Zum andern spricht vieles dafür, dass es deutlich weniger schädlich ist, als das Rauchen. Nicht gesund, wohlgemerkt. Das wird auch von keinem Hersteller oder Händler behauptet.

In der Presse liest man oft von den Gefahren der E-Zigarette. Da wird dann zum Beispiel gewarnt, dass E-Zigarette wegen des enthaltenen Nikotins süchtig machen würden – na ist doch super, ich rauche und dampfe doch, weil ich süchtig bin, also her mit dem Zeug – und dass der Trägerstoff auch als Frostschutzmittel eingesetzt würde und zu Atemwegsreizungen und  verminderter Sauerstoffzufuhr führen könne. Au backe. Das kommt ja bei herkömmlichen Zigaretten nie vor. Was man dann gerne unter den Tisch fallen lässt ist die Tatsache, dass das Propylenglykol nicht nur als Frostschutzmittel verwendet wird, sondern zum Beispiel literweise in Diskos verdampft wird um Nebel zu erzeugen. Es ist also offziell zur Inhalation freigegeben.
Aber egal, es fehlen Studien, vor allem über eine längere Zeit, aber schlimmer als das, was man sich mit Zigaretten antut, wird es sicher nicht sein. Die Gefahr beim Rauchen geht kaum vom Nikotin aus (Nikotin an sich ist nicht krebserregend), sondern von den Verbrennungsprodukten des Tabaks.
Was die Presseberichte angeht ist anzumerken, dass sie beinahe durch die Bank weg sehr tendenziös sind, ich habe bisher kaum einen Artikel gelesen, der sich auch nur annähernd darum bemüht hätte, das Thema von allen Seiten zu beleuchten oder Wissenschaftler oder Studien zu zitieren, die der E-Zigarette positiv gegenüberstehen (und davon gibt es eine Menge).

Für Passivraucher scheint die E-Zigarette ebenfalls zumindest weniger gefährlich zu sein, schon allein deshalb, weil die Hauptbelastung für Passivraucher durch den Nebenstromrauch entsteht – das was vor sich hinqualmt, wenn gerade nicht an der Zigarette gezogen wird. Und der fällt komplett weg. Ebenso der Feinstaub im Rauch und die  erwähnten Verbrennungsprodukte. Aber auch das ist nicht hinreichend erforscht und ich benutze die Elektrozigarette in der Regel nur dort, wo auch geraucht werden darf. Neben den gesundheitlichen Gründen gibt es ja auch noch sowas wie Rücksichtnahme und Schamgefühl.

Wer sich dafür interessiert wird im Internet tausende Stellungnahmen und Gegenstellungnahmen finden und kann sich dann aussuchen woran er glauben möchte.

Mit dem Rauchen aufzuhören ist definitiv das Beste (schon allein, um von der Sucht wegzukommen, die doch eine erhebliche Freiheitsbeschränkung darstellt), aber wer das zur Zeit nicht kann oder will, sollte es mal ausprobieren.

Von den recht vielen Leuten, die damals mit mir zusammen mit dem Dampfen anfingen, ist übrigens niemand dabei geblieben, das sei nicht verschwiegen. Ich will das nicht komplett auf die alte Watte-Depot-Technologie schieben. Offensichtlich ist es für manche eine Alternative, für andere nicht. Mal sehen, wie es sich bei mir entwickelt.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Rauchen, Sonst so"
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Date: Thursday, 03 May 2012 08:54

“Nimm mich” und gespreizte Beine, das ist schon eine gewagte Kombination. In einer Geschichte, die ich mal für einen Bad-Story-Contest geschrieben habe, stand: “Wie ein Goldbroiler lag sie vor mir: nackt, enthaart und braungebrannt.” Aber das war doch nur ein blöder Witz!

(VS)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Schnappschüsse, Zumutungen"
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Date: Tuesday, 01 May 2012 10:48

So, ick habs mal wieder nicht geschafft, mich um irgendwas zu kümmern, aber nachher, wenn die Olle von Schicht kommt und uff die Gören uffpasst, geh ick in den Keller und suche das Fronttransparent. Wir haben leider keinen Fanfarenzug und das mit den Kremsern, die jemand klarmachen wollte, hat auch nicht geklappt. Aber angemeldet isse schon längst. Die Große Demonstration anlässlich des Internationalen Kampf- und Feiertages der Arbeitslosen. Am 2. Mai. Um 13 Uhr am Senefelder Platz in Berlin. Seit 2005 Demonstrieren wir gegen den Zwang zur Lohnarbeit. Für gut bezahlte Arbeit – und gut bezahlte Arbeitslosigkeit. Gegen die Spaltung der Menschheit in Arbeitende und Arbeitslose. Gegen die Spaltung der Arbeitslosen in Arbeitssuchende und Arbeitsscheue. Gegen die Diskriminierung Arbeitsloser. Gegen eine veraltete Arbeitsethik. Für mehr Roboterisierung, Automatisierung und Rationalisierung. Gegen überflüssige Arbeit und sinnlose Produkte. Für ein Bedingungsloses Grundeinkommen. Denn das Leben ist kein Lohn!

(Andreas Krenzke)


Author: "Andreas Krenzke" Tags: "Lebenshilfe, Weltverbesserung"
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Date: Tuesday, 24 Apr 2012 14:10
Author: "Volker Strübing" Tags: "Sonst so"
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Date: Tuesday, 24 Apr 2012 13:21

Vor ein paar Tagen schrieb ich, dass mir die Idee einer Kulturflatrate sehr sympathisch sei. Dann habe ich angefangen, darüber nachzudenken ;)

Das Nachdenken hätte ich mir sparen könne: Steht ja alles schon im Internet. Und natürlich sind all die Probleme, die mir aufgefallen sind, auch schon anderen in den Sinn gekommen. Auch der Lösungsansatz, der mir einfiel, ist selbstverständlich schon anderen eingefallen und gründlich durchdacht worden. Aber wenn ich, bevor ich anfange nachzudenken oder zu schreiben, jedesmal nachgucken würde, ob ich mir das sparen kann, weil da schon andere drüber nachgedacht und geschrieben haben, dann kann ich die Schreiberei gleich ganz aufgeben.

Hier also meine Gedanken zur Kulturflatrate, vielleicht ist sogar der eine oder andere dabei, der zumindest nicht genauso schon woanders steht, wenn nicht, ist es einfach eine Dokumentation des Standes meiner eigenen Überlegungen:

Die Grundidee ist einfach und prima: Es wird von allen Internetnutzern eine pauschale Abgabe erhoben, dafür ist der Download von Musik, Filmen, Büchern frei und legal. Das eingenommene Geld wird unter allen Urhebern aufgeteilt, je nachdem, wie oft ihre Werke heruntergeladen wurden. Die Gebühr könnte ganz einfach von den Internetprovidern eingezogen werden.

Klingt erstmal super, aber: 

1.) Eine Kulturflatrate (KF) müsste umfassenden Zugriff auf digitale Kulturgüter der ganzen Welt erlauben – eine nationale Kulturflatrate dürfte schwer vermittelbar sein. Wahrscheinlich wird es schwer, die Urheber bzw. Rechteverwerter der ganzen Welt davon zu überzeugen, dass sie ihre Produkte den Deutschen gegen einen schwer zu kalkulierenden Betrag unbegrenzt zum Download zur Verfügung stellen sollen.

2.) Eine Kulturflatrate wäre eine Zwangsabgabe, was sicher vielen misfallen würde. Insbesondere denen, die heute nichts oder nur sehr wenig für Kultur bezahlen, weil sie entweder sowieso schon alles kostenlos downloaden, sich schlicht für nichts interessieren oder mit der werbefinanzierten Kultur von Privatfernsehen und -rundfunk vollkommen zufrieden sind.

3.) Die Einnahmen der Kulturflatrate würden nach Anzahl der Downloads verteilt. Das widerspricht aber dem Prinzip: Mein Geld soll den Künstlern, die ich mag zugute kommen. Denn: Die Möglichkeit, alles downzuloaden, würde ganz sicher dazu führen, dass man sich massenhaft Musik und E-books und Filme und Computerspiele und hastenichgesehen runterlädt, dann reinguckt, -hört, -liest, -spielt, dann den ganzen Krempel, den man doof findet löscht (oder auf der Platte verrotten lässt) und nur den kleinen Teil konsumiert, der einen wirklich gepackt hat. Das Geld, dass man für die KF zahlt, wird aber auch an die verteilt, die man nach dem Download für doof befunden hat (es gibt einen Lösungsansatz, dazu später mehr).

4.) Ein Problem, dass damit eng zusammenhängt: Die Missbrauchsgefahr. Es ist davon auszugehen, dass finstere Gestalten Pseudoinhalte ins Netz stellen würden, mit reißerischen Titeln (“Liebe Piraten, fickt euch, aber nicht mich” oder so), die nur auf Downloads und damit auf Anteile an der Kulturflatrate abzielen.

5.) Die KF würde es erfordern, dass die Downloads aller Internetnutzer erfasst und für Aberechnungszwecke gespeichert werden. Neben den offensichtlichen datenschutzrechtlichen Bedenken wäre wahrscheinlich eine recht große Behörde/Institution für die Verwaltung, Abrechnung, Verteilung nötig, für das Aushandeln der Verträge mit einheimischen und internationalen Urhebern/Verwertern, für den Kampf gegen Betrüger etc. etc. etc.
Wie neulich schon angemerkt, sind aber die großen Befürworter der KF, die Piraten, die größten Gegner solcher Verwaltungsmonster und aller Institutionen, die zwischen den Urhebern und den Konsumenten stehen.

(EDIT: Sorry: Die Piraten als “die großen Befürworter der Kulturflatrate” zu bezeichnen ist falsch. Die KF ist aus genau aus den oben genannten Gründen unter den Piraten sehr umstritten. Danke Benny.)

6.) Die Höhe der Pauschale wird natürlich ein Riesenstreitpunkt. Wie will man die berechnen? Vielen wird der Betrag zu hoch erscheinen (egal wie niedrig man ihn ansetzt), die BILD-Zeitung wird garantiert ein großes Geschrei anstimmen, Urheber und Verwerter werden sie genauso voraussehbar für zu niedrig halten. Klar ist: Sie wird deutlich unter dem liegen, was der Deutsche im Schnitt für Kulturgüter aller Art  ausgibt. Das ist einerseits natürlich sehr sympathisch und demokratisch und überhaupt ganz dufte, man erlaube mir aber den Egoismus zu sagen: Die Leute sollen lieber weniger für hässliche Kleidung, ekliges Essen und so weiter ausgeben, als für Kultur. Zumal die Senkung der Lebenshaltungskosten in einem Bereich sowieso nur dazu führt, dass sich die Vermieter die Hände reiben und denken, sie können die Mieten noch ein Stück erhöhen … grummel,
Und was wäre zum Beispiel mit Hartz-IV-Empfängern? Soll ihnen die Rate erlassen werden? Ihr ahnt den Aufschrei der Urheber! Oder soll der Staat ihnen das Geld auf die Sozialhilfe draufpacken? Das sich erhebende Geschrei ist ebenfalls leicht vorstellbar.

7.) Wer entscheidet, welche Werke etwas von dem Geld abbekommen? Ein Beispiel: Ich würde nicht auf die Idee kommen, den Schnipselfriedhof zu einem kostenpflichtigen Werk zu machen. Aber selbstverständlich würde ich es für die KF als urgehobenes Werk anmelden, in der Hoffnung, für jeden Leser 0,00003 Cent oder so zu bekommen. Das würden viele so machen. Neben der Anmerkung oben, dass die KF auch auf die “toten” Downloads verteilt würde, wäre das ein weiterer Punkt, der dazu führt, dass die (ich behaupte mal ohnehin zu geringen) Einnahmen so weit verteilt werden, dass es sich für viele Urheber kaum lohnt.

8.) Und wie wird die Verteilung auf verschiedene Werke geklärt? Wieviel ist der Download eines E-Books im Vergleich zum Download einer CD wert? Bekommt ein 500-Seiten-Roman doppelt soviel wie ein 250-Seiten-Roman? (Hoffentlich nicht, man hat jetzt schon den Eindrucck, dass viele Autoren sinnlos Zeilen schinden, weil dicke Bücher teurer verkauft werden können.) Um diese Frage wird es ricchtig Zoff geben. Künstler sind ja generell schon etwas eitel und von sehr von ihrer Kunst überzeugt (wofür die meisten allerdings auch mit schlaflosen Nächten voller schrecklicher Selbstzweifel zahlen), auf eine friedliche Einigung braucht man da nicht hoffen. Das Schöne: Die Debatte wird wahrscheinlich mehr Unterhaltungswert haben, als die meisten Werke …

9.) Eine weitere Frage: Welche Rechte erwirbt man mit der KF? Nur das Recht zu konsumieren? Einige fordern, dass die Werke dann auch im Rahmen eigener Schöpfungen verwendet und bearbeitet werden dürfen, der Begriff des “geistigen Eigentums” sei zu streichen, Kultur müsse frei sein, ihre Nutzung dürfe nicht eingeschränkt werden, schon gar nicht, wenn man per KF dafür bezahle. Aber man stelle sich zum Beispiel folgendes vor: Jemand schreibt ein Lied, es wird vielleicht 1000 Mal runtergeladen, der Musiker erhält dafür anteilig ein paar Cent  aus der KF, damit sind seine Ansprüche abgegolten und andere haben das Recht, seine Musik weiterzuverwenden (möglicherweise unter Nennung des Musikernamens). Ein Videokünstler, dem das Lied gefallen hat, kommt auf die Idee, ein Video zu diesem Lied zu machen, dieses wird 3 Millionen mal aufgerufen. Ohne geistiges Eigentum würde er das ihm dafür zustehende Geld nicht mit dem Musiker teilen müssen. Und selbst wenn er teilen müsste: Welche Institution soll die Verteilung übernehmen und entscheiden wieviel von einem angeklickten Video welchem der Beteiligten zusteht?

So. genug kritisiert fürs Erste,, obwohl es noch ein paar Sachen gebe. Jetzt aber zu einem Ansatz, der zumindest einen Teil dieser Probleme lösen würde. Ich hab ihn Kultur-Flattr-Rate genannt, bei Wikipedia findet man ihn unter Kulturwertmark, ein Konzept, dass voom Chaos Computer Club favorisiert und weiterentwickelt wird.

Die Idee ist ganz einfach: Man zahlt wie bei der KF eine Pauschale, kann aber selbst entscheiden, wem das Geld zugute kommt. Das würde die Kritikpunkte 3, 4, 7 und 8 sofort gegenstandslos machen. Insgesamt halte ich die Kulturwertmark für wesentlich realistischer und besser als die simple Flatrate.
Das Geld, das nicht von den Nutzern selbst verteilt wird, käme allerdings in einen großen Topf und würde doch wieder auf alle Downloads verteilt.

Deshalb ist die Umsetzung entscheidend. Wenn es für die Konsumenten aufwändig ist, über die Verteilung ihres Geldes zu entscheiden, dann werden die meisten es nicht tun und der gute Ansatz verpufft. Andererseits darf man es auch den Urhebern nicht zumuten, die technische Lösung bereitzustellen und alle ihre Werke mit hässlichen “Bitte hier klicken, wenn Dir das gefallen hat, damit ich ein bisschen Geld kriege”-Bannern vollzumüllen.

Ich könnte mir folgendes vorstellen: Eine App, die den privaten Medienkonsum protokolliert. Sie läuft auf dem heimischen PC, dem Laptop, dem Smartphone, dem Tablet, dem internetfähigen Fernseher und wo auch immer. Einmal im Monat (oder je nachdem, wie der Abrechnungszeitraum gewählt wird) liefert sie eine Übersicht, was man sich alles angesehen, gehört oder gelesen hat und man kann mittels Häkchen entscheiden, auf welche davon man seine Kulturwertmark verteilen will. Diese Information (und nur diese) wird dann an die zuständige Institution weitergeleitet. Wer sich um gar nichts kümmern will klickt einfach an: “Meine Kulturwertmark auf alle konsumierten Inhalte nach Dauer der Nutzung verteilen” und die Software erledigt alles automatisch.

Wie oben bereits geschrieben handelt es sich hier um den aktuellen Stand meiner Überlegungen, weshalb ich nicht mit einem Fazit dienen kann.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Gedanken, Weltuntergang, Weltverbesserun..."
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Date: Thursday, 19 Apr 2012 11:17

In all den Debatten um das Urheberrecht und den Iran-Israel-Konflikt geht leider völlig unter, dass die BVG zu blöd ist, ein halbwegs perspektivisch korrektes Brandenburger Tor auf die U-Bahn-Scheiben zu malen:

Man sehe sich nur mal den zweiten Pfeiler von links an, jede Scheibe ist mit diesem krepeligen Ding bedruckt, sowas macht mich ganz wuschig und wann immer es geht, versuche ich die U-Bahn zu meiden (schade, dass der Schienenersatzverkehr auf der U2 aufgehoben wurde). Dann doch lieber die eingekratzten “mandy ist foll schwuhl”- und “GrlmprxxZ”-Schriftzüge, die man damit wahrscheinlich verhindern will.

Ich war übrigens doch sehr überrascht, welche Wellen mein Piraten-Artikel geschlagen hat. Ich hatte zwar mit (für Schnipselfriedhofsverhältnisse) vielen Lesern und Kommentaren gerechnet, aber nicht damit (12.000 Abrufe am Dienstag). Ich möchte mich auf alle Fälle bei allen bedanken, die den Beitrag geteilt haben, und auch bei den (meisten) Kommentatoren.  Sehr froh bin ich darüber, dass sich die Beschimpfungen in engen Grenzen gehalten haben und inhaltliche Auseinandersetzung überwog. Danke übrigens auch für viele sehr gute Links in den Kommentaren.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Weltuntergang, Weltverbesserung, Zumutun..."
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