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Date: Sunday, 23 Dec 2012 15:49

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…  im Kreis der Liebsten!

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Plus 12 Grad morgen? Nicht auf Usedom.

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(VS)

 


Author: "Volker Strübing" Tags: "Fotos, Unterwegs"
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Date: Saturday, 22 Dec 2012 13:43

Gibt es eigentlich Menschen, die noch wirklich gespannt auf die Fortsetzung von „Game Of Thrones“ / „Das Lied von Eis und Feuer“ warten? Ich war von der Fantasy-Saga nach anfänglicher Skepsis sehr begeistert, habe die ersten Bände verschlungen, mich in die Charaktere verliebt und über die Fähigkeit von R.R. Martin gestaunt, jede Szene mit einer Fülle von liebevollen Details zum Leben zu erwecken, habe die Dialoge genossen, die Weltschöpfung bewundert. Bis es ab dem fünften Band (in der deutschen Fassung, also dem dritten im Original) immer deutlicher wurde, dass das alles wohl nirgends hinführen wird.

Die Handlung labbert aus, es geht nicht voran, Hauptpersonen sterben, Bataillone von Nebenfiguren werden eingeführt und aufgebaut, um dann meist sang- und klanglos wieder zu verschwinden, die Haupthandlungsstränge finden nicht zusammen, gefühlt alle 200 Seiten wird Tyrion Lannister entweder entführt oder fällt ins Wasser, und das entsprechende Kapitel endet mit der Frage, ob er ertrinken wird oder nicht (wird er nicht, wie wir ein paar Kapitel später völlig überraschend erfahren), nach mehreren tausend Seiten reitet Daenerys endlich mal auf einem ihrer Drachen – und zwar bis auf Weiteres heraus aus der Handlung des Romans; wahrscheinlich weil ihr das ganze ziellose hin und her öde geworden ist. Wobei sie mit dem hin und her nicht allzuviel zu tun hatte, da sie ganze 6 Bände lang nur in ihrer eroberten Stadt rumhockt. Die Schneezombies warten seit dem Prolog darauf, endlich mal eine wichtige Rolle zu spielen, und der Winter naht noch immer.

Das Ganze ist wie eine Endlos-Fernsehserie angelegt. Ich mag Serien, aber wenn es sich nicht um eine Sit-Com, sondern ein Drama handelt, dann freue ich mich doch sehr über einen Abschluss. Bei Romanen umso mehr.

Klar: Es ist viel realistischer, dass alles immer irgendwie weitergeht, dass es keine Katharsis gibt, sondern nur eine endlose Wiederholung der immerselben Motive in neuer Kulisse und mit anderen Protagonisten, so ist das Leben nun einmal, das Schicksal ist ein schlechter Dramaturg. Aber ich lese doch keine Fantasy-Saga, weil ich an einer Geschichte, wie sie das Leben schreiben würde interessiert bin. Gebt mir ein Ende, nachdem ich ein Buch zuklappen kann – traurig, dass es vorbei ist, aber doch zufrieden und erlöst.

Wird das die Zukunft sein: Auf der einen Seite 100seitige Erzählungen oder notdürftig zusammengehaltene Episoden, auf die der Verlag ganz frech das Wort „Roman“ drucken lässt, auf der anderen endlose „Sagas“, die bald ähnlich wie Fernsehserien von Autorenkollektiven geschrieben werden? Bin ich zu kulturpessimistisch? Sehne ich mich insgeheim nach dem Weltuntergang und hoffe nach dem erneuten Ausbleiben desselben nun wenigstens auf eine Literaturapokalypse? Du weißt gar nichts, Volker Strübing.

Vielleicht kriegt es Martin ja noch hin und führt sein Werk zu einem Ende, dass diesen Namen verdient. Das wäre eine nobelpreiswürdige Leistung, aber hallo. Ich werde die nächsten Bände trotzdem oder gerade deswegen lesen (kein Wunder, dass Verlagen das Serienkonzept so gut gefällt). Die Hoffnung stirbt zuletzt bzw. zusammen George R.R. Martin.

(Volker Strübing)

PS: Ja, okay, der GZSZ-Vergleich in der Überschrift ist fies, Entschuldigung, Aufmerksamkeitsöknomie und so. Apropos GZSZ and now for something completely different: Bei Hörspielen kann man so deutlich wie sonst nur bei Tatort-Folgen feststellen, dass die wichtigste Qualifikation deutscher Schauspieler die Fähigkeit zu sein scheint, keinen einzigen noch so banalen Dialogsatz wie ein normaler Mensch auszusprechen.


Author: "Volker Strübing" Tags: "Filme / Bücher / Musik / Kunst, Zumutun..."
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Date: Friday, 21 Dec 2012 17:13

Es ist allgemein akzeptiert, dass Musiker Musikstücke schreiben, die dann auf Konzerten gespielt und als mp3 zum Download angeboten werden, dass Maler Bilder malen, die dann in einer Ausstellung gezeigt werden, dass Bäcker Brötchen und Kuchen backen, die dann in der Bäckerei verkauft werden. Niemand würde einen Musiker fragen, ob er ein Konzert und mp3-Musik schreibt, einen Maler, ob er eine Ausstellung malt, einen Bäcker, ob er eine Bäckerei bäckt.

Autoren werden allerdings manchmal gefragt, ob sie ein Buch schreiben, und wenn sie dann mit „Ja“ antworten, reicht diese Antwort vielen Leuten aus, als sei alles, was zwischen zwei Buchdeckeln steckt, dasselbe. Beim Poetry Slam begegnet man dieser Gleichsetzung von Botschaft und Kanal besonders häufig. Das ist nicht weiter schlimm. Es ist nun einmal eine relativ neue Sache, die noch dazu eigentlich nicht zusammengehörende Sachen wie Lesung und Show bzw. Literatur und Sport zusammenbringt, das kann schon verwirren. „Nein, ich schreibe keine Slams, auch keine Slam Poetry, ich schreibe Texte und trage sie unter anderem auf Slams vor“, erkläre ich dann und hoffe, verstanden zu werden

Poetry Slam ist keine Literaturgattung, keine Literaturströmung, sondern eine Veranstaltungsform, in der Platz für jede Art von Text ist, solange er selbstgeschrieben und nicht länger als 5 Minuten ist. Es ist wie eine Sportveranstaltung, bei der Hammerwerfer, Sprinter, Schachspieler, Bogenschützen, Stabhochspringer, Zauberwürfler, Ruderer, Gewichtheber, Dice Stacker, Kunstturner, Turmspringer gegeneinander antreten, dazu gelegentlich jemand mit einer ganz neuen, selbst erfundenen Sportart wie Gummibärchenweitkotzen oder Selbstzerstörung oder Bärenkatapultieren. Kein Mensch kann das ernsthaft miteinander vergleichen wollen, und trotzdem wird ein Sieger ermittelt – um dem Chaos eine Dramaturgie zu geben.

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(Symbolbild Gummibärchenweitkotzen)

Ein Poetry Slam ist eine genreoffene Lesebühne mit Showelementen. Eine Veranstaltungsform. Ein Podium. Boris Preckwitz, einst ein Pionier der Szene in Deutschland, schrieb in einem Beitrag für die Süddeutsche Zeitung: „Slam ist ein Phänomen des literarischen Lebens, aber keine Strömung der Literatur“, er unterscheide sich „von genuin literarischen Bewegungen durch die Abwesenheit einer Poetik“. Das ist erstens richtig und zweitens ein Glück. Poetry Slam darf nicht „eine Poetik“ haben, sondern soll Platz bieten für die ganz persönlichen Poetiken (bzw. deren Fehlen) jedes einzelnen Teilnehmers. Boris Preckwitz aber beklagt, „dass der Slam nie in der Lage war, sich programmatisch zu artikulieren.“

Der ganze Artikel ist voller durchaus richtiger Beobachtungen, aus denen Schlüsse gezogen und Vorwürfe konstruiert werden, die ich nicht verstehe. Slam hat sich nicht programmatisch artikuliert? Na und? Jede festgeschriebene Poetik oder Programmatik geht zu Lasten der Offenheit.

Man kann natürlich die Offenheit selbst als Problem sehen, denn sie hat den Poetry Slam für das Böse und Banale geöffnet: „Storyteller und Comedians“. Es stimmt schon: Lyrik spielt trotz des Namens eine relativ kleine Rolle und meist gewinnen lustige Texte. Um beim Bild von oben zu bleiben: Hammerwerfer und Bärenkatapultierer sind im Schnitt erfolgreicher als Bogenschützen oder Schachspieler. Wenn man denn den Erfolg am Sieg bei Poetry Slams festmachen will.

Ja, es wird viel gelacht bei Poetry Slams und das ist scheinbar immer noch ein Problem für Leute, die Kultur in gut und schlecht, respektive E und U einteilen. Humor muss entweder aus England, Amerika oder Skandinavien importiert, als politisches Kabarett etikettiert oder Müll sein. Stell dich auf eine Bühne und bring Leute zum Lachen und manche Leute nehmen dich nur noch als Witzeerzähler war: „Kaum waren Slam-Bühnen Teil urbaner Unterhaltungskultur geworden, lockten sie Kleinkünstler, die sich das gewerbsmäßige Witzereißen im Stil des Comedy-TV zum Vorbild nahmen.“ Oh Mann. Ja, es kommt vor, dass sich Leute mit Stand-Up-Comedy auf eine Slam-Bühne stellen. Da ist zum Glück niemand, der die Texte der Auftretenden vorher auf gesellschaftliche Relevanz und kulturellen Wert prüft. Dafür wird „Witzereißen im Stil des Comedy-TV“ fast immer vom Publikum abgestraft. Aber Boris Preckwitz hat kein Interesse an Differenzierung (und ich habe jetzt keine Lust, dieses Fass aufzumachen), das Lachen des Publikums entwertet ihm ganz allgemein das ganze Format, er beklagt „eine Publikumsheiterkeit, in der das eingespielte Gelächter der Sitcoms real geworden ist“, wettert gegen „humoristischen Gefälligkeitsprosa“ und die „Mischung aus Stand-up, Punchlines und histrionischem Unterton“, diesen ganzen billigen Zirkus von Leuten und für Leute, die ohne Nachzuschauen wahrscheinlich nicht einmal sagen könnten, was „histrionisch“ bedeutet.

Vielleicht hat er ja sogar Recht damit und ich – selbst „Storyteller und Comedian“ – belle hier nur wie ein getroffener Hund. Also gehen wir davon aus, dass diese Analyse stimmt, und 90 Prozent der Texte bei Poetry Slams nur Witzsammlungen sind. Gehen wir weiter davon aus, dass auch richtig ist, was er über die letzten Bastionen der Lyrik beim Poetry Slam schreibt: „Die seriellen Rap-Rhymes, wie auch die Refrains und Repetitionsverfahren des spoken Word nähern sich dem Prinzip der Werbung an, demzufolge eine Botschaft nur oft genug wiederholt werden muss, um anzukommen.“ Ich erkenne in den Repetitionsverfahren ja eher eine Annäherung an musikalische Prinzipien, aber der Werbevorwurf passt halt prima zur Preckwitz’schen Hauptthese, auf die ich weiter unten zu sprechen komme.

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(Der repetitive Charakter von Sonnenauf- und untergängen erinnert an die Prinzipien der Werbung)

Es ärgert mich, dass die Vielfalt der Texte einfach ignoriert wird. Und es gibt diese Vielfalt – stilistisch, inhaltlich, qualitativ. Nicht bei jedem einzelnen Poetry Slam, das gebe ich gerne zu.

Poetry Slam und Lesebühnen haben gesprochene Literatur hunderttausenden Menschen nahegebracht. Da kann man reflexhaft „Mainstream! Massengeschmack!“ schreien und sich die Haare raufen, man kann sich aber auch darüber freuen. Es ist ja nicht so, dass diese Zuschauer früher in ordentlichen Dichterlesungen im Literaturhaus saßen und nun vom Fast Food der Slams verdorben wurden. Nein, diese Menschen hätten sonst vielleicht in der Kneipe oder vor dem Fernseher gesessen, so aber hören sie Leuten zu, die einen Monat vorher vielleicht selbst noch Publikum waren und ihnen jetzt ihre lustigen, wütenden, banalen, traurigen, gereimten, gebrüllten, ehrlichen, gekünstelten, guten, mittelmäßigen oder grottenschlechten Texte vortragen. Und wenn die meisten Zuschauer zum Slam gehen, um sich unterhalten zu lassen – na und? Jochen Schmidt, Mitglied der Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“, (ups, ich glaube zumindest, dass es Jochen war) hat mal gesagt: „Wir wollen die Leute unterhalten, ohne sie dümmer zu machen“ – aber auch ohne sie zu erziehen. Ich halte das weder für ehrenrührig noch für literaturunwürdig.

So. Jetzt habe ich das böse Wort selbst verwendet: Poetry Slams sind unterhaltsam. Und nicht die längst fällige Weltrevolution. Sie sind nicht Ausdruck „literarischer und sozialer Dissidenz“, sondern „Sprachrohr eines affirmativen gesellschaftlichen Milieus“, „nicht rebellisch und innovativ, sondern durchweg gesellschaftskonform“.

Das ist der Kernvorwurf von Boris Preckwitz’ Artikel. Und seit ich ihn gelesen habe, will er mir nicht aus dem Kopf gehen (dieser Blogpost funktioniert hoffentlich als Exorzismus). Poetry Slammer sind keine Dissidenten, zumindest nicht in dem Sinne, in dem wir das Wort normalerweise gebrauchen. Sie können die Gesellschaft noch so kritisieren, ihre Wut auf die Zustände herausbrüllen, die Abschaffung des Kapitalismus fordern, sich selbst oder andere anklagen – sie bleiben Teil der Gesellschaft, nichts von dem was sie auf der Bühne tun, wird das System oder auch nur den Kulturbetrieb in seinen Grundfesten erschüttern. So sieht’s aus.

Das Problem ist nur, dass das ein Nichtproblem ist. Dass das auf alle Kultur in unserer Gesellschaft zutrifft. Dass die Voraussetzungen für die Art von Dissidenz, wie es sie in den sozialistischen Ländern gab und in den autoritären Ländern der Welt heute noch gibt, in Deutschland nicht mehr existieren.

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(Warnung: Dieses Foto ist nicht rebellisch, nicht innovativ, nicht dissident. Längeres Betrachten kann zu Gesellschaftskonformität führen.)

Ohne darauf einzugehen, wie frei unsere Gesellschaft wirklich ist: In kultureller Hinsicht zumindest halte ich sie für sehr frei. Kritik an der Regierung führt nicht ins Gefängnis, kein Autor muss Botschaften zwischen den Zeilen verstecken. Wenn man nicht gerade einen Gottes- oder Führerstaat herbeischreiben will und von einigen anderen Ausnahmen abgesehen, kann sich der Autor austoben und abarbeiten. Sogar Israel darf man kritisieren, obwohl das immer wieder bestritten wird. Das ist eigentlich ziemlich prima.

Aber damit geht auch etwas verloren. Wo sich Kritik nicht hinter Versen verstecken muss, deren eigentliche Bedeutung mühselig entziffert werden muss, wo Ironie nicht mehr überlebenswichtige subversive Taktik ist, um Dinge zu sagen, die man eigentlich nicht sagen darf, wo ein Bild nicht mehr durch subtile Verzerrung der offiziellen Wirklichkeit eine verbotene Wahrheit enthüllt, weil es keine verbotene Wahrheit gibt, wo radikale Gesellschaftskritik selbst schon wieder gesellschaftskonform ist (und vom Feuilleton bürgerlicher Zeitungen geradezu eingefordert wird) da bleibt für Dissidenten eigentlich nur, diese Freiheiten verächtlich zu machen und ihre Abschaffung zu fordern. Nazi-Liedermacher können sich mit einigem Recht als Dissidenten bezeichnen. Soviel zu der Frage, ob Dissidenz an sich etwas Positives sein muss.

Der Kunst aber bleiben abseits der Dissidenz genug Aufgaben, und eine davon ist es, die Meinungsbildung innerhalb der Gesellschaft zu beeinflussen. Das versuchen mit ihren Mitteln viele, wenn nicht die meisten der Protagonisten bei Slams.

Poetry Slam sei auch „nicht rebellisch“ – was heißt denn das? Ist „rebellisch“ (oder „unangepasst“ oder „unbequem“) nicht nur noch ein Orden, der Künstlern von Kulturverwaltern und -erklärern angeheftet wird und ihren Marktwert steigert? Oder meint Boris Preckwitz die Suche nach den letzten verbliebenen Tabus, die man noch brechen kann? Den Versuch, möglichst viele Leute vor den Kopf zu stoßen? Einen verzweifelten Angriff auf die Kunst an sich oder das Medium, dessen man sich selbst bedient? Das Verwerfen herkömmlicher Lebenschancen, Karrieren und Sicherheiten zugunsten der Kunst? All das kann er beim Poetry Slam finden.

Ist es eigentlich wirklich so schlimm, dass Slams genau wie Musik oder gedruckte Bücher Teil der Gesellschaft sind? Und ist „harmlos juvenile[r] Popsound, in den Versatzstücke des Medienkonsums wie Slogans, Web-Jargon oder Anglizismen gemixt sind“ das Ende der Kultur oder gehören diese Versatzstücke vielleicht zwingend in Texte, in denen junge Menschen versuchen, ihr Leben, ihre Hoffnungen, Ängste, Gefühle in einer Welt darzustellen, in der Medienkonsum nun einmal mindestens dieselbe Bedeutung hat, wie zu Zeiten der Romantiker das Naturerlebnis?

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(Symbolbild Romantik)

Ich schreibe lustige Geschichten. Ich habe schon über unabgewaschenes Geschirr, Herpes an der Lippe, nervige Mitreisende im ICE und andere banale Themen geschrieben. Manchmal auch über Themen, die eigentlich feuilletonaffin wären, die Geschichten werden leider trotzdem lustig. Ich kann scheinbar nichts anderes, aber das ist mein Problem, nicht das des Slams an sich.

Ich bin sehr froh, bei Poetry Slams Menschen zu begegnen, denen es ähnlich geht – und Menschen, die Sachen schreiben, zu denen ich nicht fähig bin. Menschen, denen Lesebühnen oder Poetry Slams den Mut und die Gelegenheit gegeben haben, sich auszuprobieren. Und die sich vielleicht weiterentwickeln werden. Zu Comedians oder Lyrikern oder Revolutionären. Die ihr ganzes Leben dem Schreiben widmen oder es als Hobby betreiben..

Als ich 2004 anfing, an Slams teilzunehmen, konnte ich mit dem, was beim Slam „Poetry“ war, wenig anfangen. Ich fragte mich, welche Geschichte mir diese Poeten mit ihren Gedichten erzählen wollen. Es dauerte lange, bis ich begriff (bzw. wiederentdeckte), dass ein Text statt Handlung einfach ein Gefühl transportieren kann, dass Sprache Melodie sein kann, dass Worte manchmal vor allem Bilder malen wollen.

Ich kann das nicht. Ich will es auch gar nicht. (Ideal wäre natürlich, wenn ich Lyrik oder ernste Prosa schreiben könnte und mich dann dagegen entschiede. So haftet meinem „Ich will nicht“ der Makel der Unfreiwilligkeit an, aber egal, ich schweife ab.)

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(Rebellisch dem Wind trotzendes Schilf)

Was ich sagen will: Poetry Slam ist eine Veranstaltung, die Augen öffnen kann. Beziehungsweise Ohren. Und manchmal auch Münder und Herzen und Beine … nein, Beine nicht, das ist Quatsch. Ich höre jetzt besser auf, der Witzereißer in mir nörgelt, weil ich ihn 13.000 Zeichen lang an der kurzen Leine gehalten habe. Ich zieh mir nachher noch ‘ne Fips-Asmussen-Kassette rein; Inspiration für einen weiteren gesellschaftskonformen Text mit histrionischem Unterton. .

Und weil dieser Beitrag alles schon viel zu lang ist und ein Schnitzel auf mich wartet, das ich noch in diesem Zyklus des Mayakalenders braten möchte, bleibt Boris Preckwitz’ These, Poetry Slam Workshops würden Jugendliche für den kapitalistischen Menschenzoo abrichten, an dieser Stellle unwidersprochen und ich gehe auch nicht mehr auf seine Analyse der humoristischen Kurzprosa bei Poetry Slams ein, die ich sehr gelungen finde, der ich aber noch etwa hinzuzufügen hätte. Ich verspreche hoch und heilig, dies bald nachzuholen. Dieses Versprechen hat den einzigen Zweck, sicherzustellen, dass ich es auf keinen Fall tun werde; es reicht ja nun.

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(Symbolbild “Schnitzel braten”)

(Volker  Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Literatur / Lesebühne / Poetry Slam"
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Date: Wednesday, 19 Dec 2012 17:17

Das geht mir alles noch nicht weit genug. Natürlich ist es gut, dass Zigarettenpackungen in Zukunft mit Schockfotos bedruckt und Zusatzstoffe, auch und besonders solche, die den Geschmack angenehmer machen, verboten werden. Schließlich, so erklärte irgendein EU-Kommissar im Radio, soll Tabak wie Tabak schmecken, nicht nach Vanille oder Kakao oder Menthol, da so etwas Jugendlichen den Einstieg in die Sucht schmackhaft machen. Doch das kann nur ein Anfang sein. Wann werden endlich alkoholische Getränken einem drakonischen EU-Reinheitsgebot unterworfen, laut dem sie nur Wasser und Alkohol enthalten dürfen? Schließlich soll Alkohol nach Alkohol schmecken, nicht nach Hopfen, vergammelten Trauben oder Torf. Hamburger sollten nur noch aus Fett bestehen dürfen, da Zusatzstoffe wie Salatblätter und traurige Tomatenscheiben den gefährlichen Inhalt verschleiern, den Konsum angenehmer machen und Kindern den Einstieg erleichtern. Und dann gibt es da ja auch noch Kondome mit Erdbeergeschmack, das ist doch Betrug, ganz davon abgesehen, dass es Jugendlichen den Einstieg usw., herrjeh, wenn es wenigstens Penisgeschmack wäre! Ach, es gibt noch so viel zu tun.

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Quatsch, es gibt gar nichts zu tun, das geht alles schon viel zu weit, sagt dagegen die Tabakindustrie. Vorhin, als ich gerade Zucker aß, dem verschiedene Zusatzstoffe wie Teig, Kakao und Kirschen beigemengt waren, lief ein Interview mit dem Dings vom Sowieso – ich hab jetzt keine Lust nachzugucken, wer das genau war, da ich offline schreibe und nachher nur kurz zum Hochladen auf den Dachboden gehe, wo der DSL-Stecker ist, es war jedenfalls ein Sprecher eines Vereins der Tabakindustrie. Es hat viel Spaß gemacht, ihm bei seiner Sprachakrobatik zuzuhören. Da war dauernd die Rede von „gewissen Risiken“ beim Konsum von Zigaretten (wie auch beim unverantwortlichen Konsum anderer Genussmittel), ja natürlich, man gebe zu und habe nie bestritten, dass es „durchaus auch Risiken“ gebe, aber der freie selbstverantwortliche Bürger und so weiter und so weiter und außerdem: Die Arbeitsplätze in der Zigarettenindustrie, geraden jetzt, in der Krise! Das hat richtig Vorfreude auf die Pressekonferenz der amerikanischen Waffenlobby am Freitag gemacht.

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Falls sie denn stattfindet, denn Freitag, da ist ja nun auch Weltuntergang oder eben auch nicht, auf alle Fälle will niemand mehr etwas davon hören. Trotzdem – „Hope for the best, prepare for the worst“ – ich möchte darauf hinweisen, dass es noch nicht zu spät ist, eine Weltuntergangsversicherung abzuschließen (siehe im verlinkten Artikel unter Punkt 10). Seltsamerweise bin ich mit dieser Idee nicht reich geworden, ich habe nur zwei Premiumpolicen verkauft. Wer glaubt, dass Gruselfotos auf Zigarettenpackungen die Leute vom Rauchen abhalten, wenn Sie sich nicht mal wegen einem ollen, bald abgelaufenen Kalender aus dem Urwald Sorgen machen?

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PS: Ich finde es gut, diese Fotos auf die Zigarettenschachteln zu drucken. Wenn sie auch nur ein paar Jugendliche davon abhalten, mit Rauchen anzufangen, in diese fiese Falle zu geraten, wenn sie dazu beitragen, dass Rauchen noch ein wenig unattraktiver wird, dann ist das eine gute Sache. Das Verbot von Aromastoffen, zumindest die Begründung „Tabak soll nach Tabak schmecken, Aromen würden Jugendliche verführen“, halte ich für fragwürdig. Jugendliche steigen auch mit dem stinkigsten Kraut in die Raucherei ein (bei mir war es „Porti“ ;), wenn sie glauben, es sei attraktiv, cool, erwachsen oder einfach nötig, um nicht mit den Losern in einer Ecke zu stehen. Eher eine Frage der Einstellung der Gesellschaft zum Rauchen, als eine des Geschmacks.

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Author: "Volker Strübing" Tags: "Fotos, Rauchen, Schnappschüsse, Schnips..."
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Im Grauen   New window
Date: Tuesday, 18 Dec 2012 17:03

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Dort, wo hinter einem schmutzigbraunen Schilfgürtel das zugefrorene Haff und der Himmel eins wurden,

wo die kahlen Ästchen knorriger Bäume wie Sprünge in einer Milchglasscheibe wirkten, wie Wurzeln, die im Nichts nach Halt und Nahrung suchten,

wo der Schnee immer ein paar Tage länger liegen blieb und sich die Spuren der Rehe auf den Feldern in endlosem Grau verloren,

dort, unter einer Kuppel aus mattem Glas,

wo laut Wetterbericht „Dichternebel“ herrschte,

wo es so still war, dass man die Tropfen, die das Tauwetter von den Bäumen fallen ließ, zählen konnte,

wo der Flügelschlag einer Blaumeise Fluglärm war und der Klang der Kirchenglocken des nächstgelegenen Dorfes nur dumpf und erschöpft durch den Nebel drang, als habe er mit letzter Kraft einen letzten Menschen gesucht, in dessen Ohren er endlich sterben konnte,

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dort, wo man die Einsamkeit nicht mit Tausenden teilen musste, wo allein sein nicht Schicksal, sondern Verheißung war,

dort, am Ende der Welt,

wo das Ende der Welt jeden Schrecken verlor, da es nur hundert Schritte vor einem begann und Nichts war, Nebel, eine leere Leinwand, weder Paradies noch Hölle, ein Nichts, dass alle Fehler und Sünden verschlucken würde, wenn man die hundert Schritte nur schneller liefe, als das Nichts vor einem fliehen konnte,

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dort, fernab vom Tosen der Stadt, ihren Lichtern, ihren Farben, ihren Menschen,

dort, im Land der Stille, wo die leisen Geräusche Asyl gefunden hatten,

wo Zeit verging und nicht verschwand,

wo Dinge nicht passierten, sondern waren,

dort, wo man nichts brauchte als einen Kamin, Hühnerbrühe und einen guten Rotwein … dort gab es blöderweise auch einen Fernseher und das Handy meldete mit einem fröhlichen „Bi-ding“ ein offenes WiFi-Netzwerk. Es war trotzdem schön.

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(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Fotos, Unterwegs"
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Date: Monday, 03 Dec 2012 14:34

Mehrere Facebookfreunde haben das Video empfohlen, insgesamt wurde es fast 30.000 Mal bei Facebook geteilt und mehr als 15 Millionen mal auf youtube angeschaut. Na gut, ich guck’s mir auch an: Sentimentales Klaviergeklimper. Ein blinder Mann sitzt auf einer Treppe neben einem Fußweg. Eine Blechbüchse und ein Schild: „I’m blind. Please help me!“ Passanten eilen vorbei, einige werfen achtlos eine Münze hin. Nahaufnahmen des traurigen Mannes und einiger Leute, die von seinem Leid ungerührt ihren Geschäften und Vergnügungen nachgehen.

Eine hübsche Frau (soweit man das trotz ihrer Puck-die-Stubenfliege-Brille beurteilen kann) stöckelt an ihm vorbei, hält inne, kehrt um und hockt sich vor ihn. Während er ihre Schuhe abtastet, schreibt sie wortlos etwas auf die freie Rückseite seines Pappschildes und stellt es wieder hin. Dann geht sie, und in der Folge kann sich der Bettler kaum noch vor Spenden retten, er kommt kaum mit dem Einsammeln der Münzen hinterher, die auf seine Sitzdecke herabregnen, niemand geht mehr vorbei, ohne sein Portemonnaie zu zücken, er sollte dringend über die Anschaffung eines Kartenlesegerätes nachdenken oder morgen zumindest eine Schubkarre mitbringen.

Schließlich hockt sich die junge Frau erneut vor ihn, er erkennt sie an ihren Schuhen. „What did you do to my sign?“, fragt er.

„I wrote the same“, antwortet sie lachend, etwa so, als würde sie einem kleinen Kind erklären, dass es doch nicht schlimm sei, dass es eingepullert habe, „but with different words!“

Abgang der Frau, Schwenk auf das von ihr geschriebene Schild: „It’s a beautiful day and I can’t see it.“ Schwarzblende. 2 Schrifttafeln zu ausfadender Schnulzmusik. „Change your words. Change your world“, sagt die erste, die zweite stellt die Internetmarketingfirma vor, die mit diesem Rührstück für ihre Dienste wirbt.

Ich lese ein paar Kommentare: „Wie schön, mir geht das Herz auf“, „Das ist so süüüüüüüüß“, „Wenn es doch mehr Menschen wie diese nette Frau gäbe“, „Teilt dieses Video, das sollten sich manche mal zu Herzen nehmen“, „Ich hätte fast geweint“. Statt zu weinen kotze ich in breitem Strahl auf die Tastatur (denkt einfach an die Restaurantszene aus „Der Sinn des Lebens“). Ich weiß vor Schreck gar nicht, was ich schlimmer finden soll: Das Video selbst, die angehängte Werbetafel oder die Kommentare. Mit einem Kotzkübel auf den Knien zwinge ich mich, mir das Video noch dreimal anzuschauen und noch ein paar Dutzend Kommentare zu lesen, in der Hoffnung, einen Hinweis darauf zu finden, dass das alles nur Satire ist – erfolglos.

Was für Menschen machen sowas? Was für Menschen klicken bei sowas „Gefällt mir“? Warum dauert es noch fast drei Wochen, bis die Welt endlich untergeht?

Armut – ein Problem schlechten Marketings.

Da war diese vollkommen besoffene Frau gestern am Nollendorfplatz. Parka, strähniges Haar, eine Goldkroneflasche in der einen, einen halbzerfetzten, nach oben geklappten Regenschirm in der anderen Hand stand sie im Schneeregen und blaffte ab und zu „Fuffzich Zent, mal ‘n Euro“. Statt Pianokitsch gab es „Lasst uns froh und munter sein“ von Nena aus dem Ghettoblaster eines anderen Betrunkenen, der zehn Meter weiter Stellung bezogen hatte. Welche Worte würden die Welt dieser Frau ändern und zu einem signifikanten Umsatzplus führen? Vielleicht: „Es ist ein beschissener Tag. Und ich muss ihn doppelt sehen.“

Gar nicht schlecht, oder? Ich war ja mal Werbetexter, vielleicht sollte ich mich in den Dienst der guten Sache stellen und (gegen eine faire Umsatzbeteiligung) die Armut in Deutschland besiegen. „Bettel Star Galactica“ wäre ein ziemlich cooler Name für die Agentur. Statt dem langweiligen „Bitte 50 Cent für Hundefutter“-Schild, würde ich dem Punk vor dem McDonalds einen „Lassen Sie ein Hundeherz höher schlagen“-Aufsteller gestalten, komplett mit vielen Herzchen und einem Link zur Facebook-Fanseite des Hundes, die ich gegen entsprechenden Aufpreis ebenfalls einrichten und pflegen würde.

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(Dieses Bild hat mit dem Artikel nichts zu tun. Ich möchte mir nur nicht nachsagen lassen, ich würde immer nur meckern und vollkommen ignorieren, dass eigentlich alles immer besser wird.)

Ich weiß gar nicht, warum ich mich über dieses Filmchen (und vor allem über die erschreckend dummen positiven Kommentare darunter) so aufrege. Es ist doch eigentlich viel schlimmer, dass es überhaupt bettelnde Menschen gibt, als dass irgendjemand diesen Umstand für klebrigen, paternalistischen Eigenwerbescheiß ausbeutet und Tausende dumme Menschen sich davon rühren lassen. Aber man kann sich ja auch nicht immer aussuchen, worüber man sich besonders ärgert.

Vielleicht bin ich ja ein kaltherziger Zyniker, der den Menschen nur die Märchen kaputtmachen will, die sie doch brauchen, um in einer Welt ohne Happy Ends klarzukommen (dabei hat mir doch “Slum Dog Millionär” selber so gut gefallen und wenn ich mir endlich mal “Pretty Woman” angucken würde, müsste ich bestimmt auch weinen). Und überhaupt: Wenn es in Dritte-Welt-Slums kein fließendes Wasser gibt, dann sollen die Leute halt Milchkaffee trinken.

(Volker Strübing)

Ach so: Wer den Film sehen will: http://www.youtube.com/watch?v=Hzgzim5m7oU. Ein paar Klicks mehr machen jetzt auch nichts mehr.

 


Author: "Volker Strübing" Tags: "Aus dem Netz gefischt, Weltuntergang, We..."
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Date: Wednesday, 28 Nov 2012 16:53

Der Zug verlässt den Hauptbahnhof, ich packe die Zeitung aus, mache die Beine lang und freue mich: allein an einem Vierertisch lassen sich drei Stunden Zugfahrt gut aushalten. Ich bin selten so entspannt wie auf langen Zugfahrten. Aus dem Fenster schauen, lesen, mit offenen Augen träumen, Kaffee trinken – herrlich!

In Spandau hält der Zug noch einmal, ein paar Leute tröpfeln ins Abteil, aber es gibt viele freie Plätze, mit etwas Glück setzt sich niemand zu mir. Vorsichtshalber ziehe mir trotzdem das schwarze Cap tief in die Stirn, setze eine Sonnenbrille auf, drapiere eine volle und zwei leere Hasseröder-Flaschen auf dem Tisch, lege die Zeitung weg, damit sie mein Tor-Steinar-T-Shirt nicht verdeckt und stelle ein Bein in den Gang, damit auch jeder die 18-Loch-Doc-Martens sieht. Ich habe überwiegend gute Erfahrungen mit meinem speziellen Bahnfahr-Outfit gemacht. Wenn sich dann allerdings trotzdem mal jemand zu mir setzt, ist der natürlich gleich besonders unangenehm.

Der Zug fährt ab, und ich bin noch immer allein an meinem Tisch. Ich setze die normale Brille auf, räume die Bierflaschen weg, ziehe einen Pullover über das Nazi-Shirt, die Turnschuhe aus dem Rucksack und die Stiefel aus. Bis Hannover habe ich Ruhe und ab dort lasse ich es drauf ankommen.

Als ich gerade noch mit den Schnürsenkeln der Turnschuhe beschäftigt bin, schieben sich zwei Lederschuhe und nadelgestreifte Hosenbeine in mein Sichtfeld. Ich blicke auf. Neben dem Tisch steht ein Anzugträger Anfang dreißig und schaut böse auf mich herab. Er hat ein kantiges Gesicht mit spitz zulaufendem Kinn, seine Haare sind zu einem Guttenbergschmalztopf frisiert. Dazu passend trägt er eine dieser hässlichen Brillen, über die alleine ich einen zehnseitigen Hasstext schreiben würde, hätte ich nicht zufälligerweise selber eine auf der Nase.

Ich richte mich auf. „Ist was?“, frage ich ihn. Er atmet dreimal lautstark durch die Nase ein und aus, seine Hände sind zu Fäusten geballt, die Lippen zusammengepresst, doch er sagt nichts. Schließlich setzt er sich auf den Platz mir gegenüber. So ein Idiot, kann er nicht ans Fenster durchrücken?

Ich nehme die Zeitung und halte sie mir vor das Gesicht. Da lese ich tausendmal lieber von Bomben, Billionenschulden und B-Promis als mir diese Hackfresse anzugucken.

„Ihr Rucksack“, zischt er. „Er liegt auf meinem Platz!“

Ich klappe die Zeitung um. „Bitte?!“

„Ihr Rucksack“ – er presst die Worte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor – „Auf meinem Platz! Da am Fenster. Den hab ich reserviert!“

„Es wurden aber keine Reservierungen angezeigt.“

„Hier!“ Er knallt eine Platzkarte auf den Tisch und schlägt ein paar Mal schnell hintereinander mit der flachen Hand darauf. Seine Kiefern mahlen, er schnauft und vermittelt ganz allgemein den Eindruck eines Psychopathen, der im Begriff steht, sich den Notfallhammer zu schnappen und mir den Schädel einzuschlagen.

„Sehr geehrte Fahrgäste“, meldet sich die Bordsprechanlage. Aufgrund eines Computerfehlers können die Reservierungen heute nicht angezeigt werden. Wir bitten Sie, Fahrgästen mit gültiger Platzkarte den reservierten Sitzplatz zu überlassen.“

Der Mann lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Seine Lippen verziehen sich zu einer grauenerregenden Karikatur eines Lächelns. Ich seufze, stehe auf, nehme den Rucksack in die Hand und weise auf den nun leeren Fensterplatz. „Bitte sehr“, sage ich.

Er starrt mich an. Ich starre ihn an. Schließlich schnaubt er abfällig und schaut aus dem Fenster. Ich bleibe noch ein paar Sekunden stehen, dann setze ich mich kopfschüttelnd und greife wieder zur Zeitung. Doch ich kann mich kaum auf all die schönen Katastrophen, Kriege und Skandale, all den morgigen Schnee von gestern konzentrieren – dieser Typ macht mir Angst. Am liebsten würde ich mich umsetzen, doch irgendwelche archaischen Schaltkreise in meinem Hirn schwenken „Never surrender“-Transparente, brüllen „Rückzug ist Selbstkastration“ und wollen mir weismachen, mein Stolz sei wichtiger als eine schöne Zugfahrt.

Wie ich solche Statusspielchen hasse. Zwei Männer laufen auf einem Gehweg aufeinander zu, ihre Blicke treffen sich und schon geht der Dominaz-oder-Unterwerfungs-Zirkus los: Wer wendet als erstes den Blick ab, wer geht einen Schritt zur Seite, um dem anderen Platz zu machen, wer wirft sich winselnd auf den Boden und bietet seinen ungeschützten Bauch dar?

Auf Zugfahrten hat man es oft mit Leuten zu tun, deren Kopfhörergezischel den halben Waggon nervt oder die mit dem Habitus des mächtigen Weltenlenkers minutenlang Gewindegrößen für einen anstehenden Auftrag ihrer popeligen Schraubenfabrik ins Telefon poltern. Ich habe noch nie erlebt, dass ein anderer Fahrgast diese Leute gebeten hätte, die Belästigung einzustellen oder wenigstens zu vermindern. Ich selbst tue das regelmäßig. Und beinahe jedesmal entschuldigt sich der Zurechtgewiesene und die anderen Reisenden nicken mir dankbar zu. Und dennoch kostet es jedes Mal auf’s Neue viel Überwindung, da ich unglaubliche Angst vor dem Tag habe, an dem mal jemand einfach nur „Nö“, sagt, wenn ich ihn bitte, die Musik leiser zu machen. Was sollte ich dann tun? Die Demütigung wäre soviel größer, als wenn ich wie alle anderen so getan hätte, als würde ich nichts bemerken.

Ich blättere durch die Zeitung und habe mich fast schon wieder beruhigt, als der Mann die Faust auf den Tisch haut.

„Vier Euro!“, zischt er.

„Was?“

„Vier Euro! Für die Reservierung! Ich will, dass Sie mir die erstatten.“ Sein Zeigefinger pocht hektisch auf die Tischplatte.

„Was?!“

„Geben Sie mir meine vier Euro zurück oder nehmen Sie Ihren …“ – er unterbricht sich, sein Mund zuckt, das linke Augenlid flattert – „… Ihren … beschissenen … verdreckten … Pennerrucksack von meinem Platz!“

Okay, dieser Mann ist verrückt. Und es ist nichts ehrenrühriges dabei, einem Verrückten seinen Willen zu lassen. Argumente wären hier ohnehin verschwendet. Ich verstaue den Rucksack in der Gepäckablage. Eigentlich sollte ich sofort einen anderen Sitzplatz suchen, doch ich setze mich wieder hin.

Zwei Minuten bleibt es ruhig. Dann tritt er mit dem Fuß gegen meinen Schuh. Ich ignoriere es. Er trampelt mit beiden Füßen ein Stakkato auf den Boden, dann tritt er mich noch einmal.

„Hören Sie mal …“, sage ich matt, doch er faucht mich an: „Ihr Fuß war in meiner Hälfte!“ Er beugt sich vor und wedelt mit dem rechten Arm unter dem Tisch herum. „Da ist die Linie!“

„Welche Linie?“

„Die Grenzlinie! Genau in der Mitte! Lassen sie ihre … dreckigen … billigen … Kackschuhe auf ihrer Seite!“

„Da ist keine Linie.“

„Sie wissen genau, was ich meine!“

Ich schüttele den Kopf, falte die Zeitung zusammen und rutsche auf den Fensterplatz.

„Das ist mein Platz!“, kreischt er.

„Dann setzen Sie sich da jetzt verdammtnochmal hin.“

„Von einem … Subjekt wie Ihnen lasse ich mir gar nichts vorschreiben!“

„Dann lassen Sie mich doch bitte einfach in Ruhe.“

Er springt auf und für einen Moment packt mich die Angst, dass er wirklich auf mich losgehen will. Stattdessen stürmt er aus dem Wagen und in eine Toilette. Auch gut.

Kurz darauf kommt er zurück und baut sich neben dem Tisch auf. Sein Haar ist feucht und zerstrubbelt, an seinen Wangen glänzen noch Wassertropfen, das Hemd hat einige Spritzer abbekommen. „Ich fordere sie auf meinen reservierten Sitzplatz freizugeben, andernfalls sehe ich mich gezwungen, das Zugpersonal zu informieren und Sie entfernen zu lassen.“

Okay, er hat gewonnen. Ich spiele kurz mit dem Gedanken, einfach wieder auf den Gangplatz zu rutschen, aber ich kann mir den folgendnen Ellbogenkrieg um die Hoheit über die Armlehne zu gut vorstellen. Also winke ich nur ab und setze mich an den Nachbartisch zu einem ziemlich normal wirkenden Mann, der friedlich auf seinem Laptop herumtippt.

Mein Psychopath wirft mir gehässige Blicke zu und macht sich am eroberten Tisch breit. Es ist mir egal. Ich nehme mir endlich wieder meine Zeitung vor.

„Hier isses Trudchen. Jetzt sind wir endlich richtig“ Ein Rentnerpärchen und zwei Kinder bleiben bei unseren Tischen stehen. „Junger Mann“, spricht Opa den verrückten an. „Es tut mir sehr leid, aber wir haben diese vier Plätze reserviert, wenn Sie bitte …“

„NEIN! HABEN SIE NICHT! Ich hab diesen Platz reserviert, ich, ich, ich! Hier!“ Er hält ihnen seine Platzkarte hin. Der alte Mann holt umständlich eine Lesebrille hervor, studiert den Zettel und lächelt schließlich bedauernd. „Tut mir sehr leid, aber sie sind im falschen Wagen. Sie haben für die 23 reserviert und das ist die 22.“

Die Oma nickt. „Uns ist das selbe passiert. Kann ja mal vorkommen.“

Der Mann läuft rot an, er presst die Lippen aufeinander, seine Backen blähen sich auf. Dann platzt er. Blut und Gedärme klatschen an die Scheibe, besudeln Oma, Opa, Enkelkinder, die Brille und ein Auge landen auf meinem Tisch.

„Hach“, sagt Oma zu dem Enkeln, während sie sich kopfschüttelnd setzt und mit den Ärmeln roten Glibber vom Tisch wischt. „Jetzt versteht ihr vielleicht, warum wir euch keinen Bubbeltee gekauft haben. Aber Opa hat ne Thermoskanne Kamille im Koffer, davon könnt ihr soviel trinken, wie ihr wollt.“


Author: "Volker Strübing" Tags: "Unterwegs, Zumutungen"
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Date: Monday, 19 Nov 2012 17:11

Vorbei. Plötzlich wieder in Berlin und man läuft nicht ständig auf der Straße in Leute, die man umarmen kann. Überraschenderweise bin ich schon wieder halbwegs hergestellt, ich hatte eigentlich mit mindestens drei Tagen Rekonvaleszenz gerechnet.

Aber erst mal das Wichtigste: Herzlichen Glückwunsch an die U20-Meisterin Jule Weber, Pierre Jarawan, den neuen amtierenden SLAM-Champion sowie an die beiden Zweitplatzierten Fatima Moumouni und Jan Philipp Zymny! Leider habe ich vom Finale selber kaum etwas mitbekommen, aber immerhin habe ich das U20-Stechen gesehen und Pierre Jan Philipp kenne ich gut genug, um zu wissen, dass das sehr verdient ist und mich für alle vier zu freuen. Vielen Dank an alle Organisatoren und die vielen ehrenamtlichen Helfer, ganz besonders an Kathrin und Frank, an die Sponsoren, an die Stadt Heidelberg und an das schöne Wetter. Und liebe Grüße nochmal an alle Poeten und Slammaster, die da waren. Ach, und an die, die leider nicht da waren, erst recht. Herzlichen Dank natürlich auch an das super Publikum … und an die Losfeen, die mich durchweg mit guten Startplätzen versorgt haben.

Ich beiße mir ein bisschen in den Arsch, weil der Finalauftritt nicht so lief, wie ich gehofft hatte. War wahrscheinlich einfach kein Text fürs Finale, dann habe ich ihn auch noch beim Kürzen verstümmelt und bin hastig durchgestolpert, naja, schade. Vorrunde und Halbfinale liefen fantastisch, und ich hatte das Vergnügen und die Ehre, auch bei der Eröffnungsveranstaltung mitzumachen und (wenn auch aus unschönem Anlass) bei der ersten Teamvorrunde als Opferlamm aufzutreten. Es gibt also eigentlich keinen Grund zur Klage – obwohl es schon bitter ist, im Finale mit mehr Applaus auf die Bühne zu kommen, als von ihr runterzugehen.

So Schluss damit, es waren sehr, sehr tolle Tage. Texte, Liebe, Alkohol, Adrenalin, was will man mehr? Ich war vor meinen Auftritten unglaublich aufgeregt, und das war schön. Ein paar fragten: “Wieso bist du denn so aufgeregt, du kennst das doch schon?”, aber ich hoffe, dass das Auftreten nie zur reinen emotionslosen Routine wird, und beim “National” besteht diese Gefahr ohnehin nicht. Ich werde mir auch den nächsten nicht entgehen lassen, sei es, dass ich wieder teilnehmen kann oder einfach nur so hinfahre, um mitzufeiern.

(Kurz vor dem Finale: Da es beim Slam zum Glück kein Dopingverbot gibt habe ich vorher noch einen ordentlichen Schluck  Mondquelle (Vollmondabfüllung) getrunken. Danke für das Foto und das Mondwasser an Hazel. Die Flache ist eine Erinnerung an einen Video-Abend mit der “Mondverschwörung“, einem Film, den ich hiermit jedem ans Herz lege.)

Hab ich noch irgendwas vergessen? Bestimmt. Zum Beispiel muss ich unbedingt noch berichten, warum ich demnächst für fünf Monate nach Oberfanken ziehe. Aber jetzt will ich in die Badewanne, das ist doch auch mal wichtig.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Literatur / Lesebühne / Poetry Slam"
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Date: Saturday, 17 Nov 2012 12:34

Okay, ich bin wie das kleine Strebermädchen, das vor jeder Klassenarbeit rumheult, dass es nicht gelernt habe und dann selbstverständlich eine 1+ schreibt. Hab meine Halbfinalrunde gewonnen und bin heute Abend im Finale der 16.deutschprachigen Poetry Slam Meisterschaften in Heidelberg. Ich muss zu meiner Verteidigung anführen, dass das Halbfinale voll war mit großartigen Leuten und ich das letzte Mal vor 5 Jahren im Einzelfinale der Meisterschaften war – also nüscht von wegen: “war doch eh klar”. Aber die Jury hatte vorgestern in Mannheim ein Herz für ältere, ordentlich angezogene Herren – unter 30 und mit T-Shirt oder Kapuzenpulli hatte man keine Chance ;)

Man kann sich das U20-Finale und das Einzelfinale heute ab 17.00 Uhr als Livestream bei arte.tv angucken:

http://liveweb.arte.tv/de/video/Poetry_Slam_Meisterschaften_in_Heidelberg/

Herzlichen Glückwunsch an das Team Totale Zerstörung, die gestern zum zweiten Mal den Teamwettbewerb gewonnen und damit Team LSD eingeholt haben. Herzlichen Dank an alle Teams dafür, dass ihr die etwas kühle Halle 02 ordentlich aufgeheizt  habt!

Ich muss jetzt noch einen Text für heute Abend kürzen und einen neuen Anfang schreiben, mich außerdem auf heute Abend vorfreuen und richtig aufgeregt werden. Das schöne ist: Ich hab im Prinzip schon gewonnen, denn wie alle Finalisten bekomme ich heute Abend nochmal Getränkemarken!!! Hey!

(VS)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Literatur / Lesebühne / Poetry Slam, Un..."
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Date: Tuesday, 13 Nov 2012 14:51

Endlich in Heidelberg, wo heute Abend die soundsovielten Meisterschaften der deutschsprachigen Poetry Slams, kurz der SLAM2012, bzw. der “National”, wie er sogar von Schweizern und Österreichern genannt wird, mit einer Eröffnungsgala anfangen. Ich hab mich schon lange darauf gefreut. Jetzt wird 5 Tage lang geslammt und gefeiert, danach bin ich im Eimer, verlasse mindestens drei Tage meine Wohnung nicht und beginne anschließend ein gesundes, verantwortungsvolles Leben – das wird schön.

Wer nicht hiersein kann oder keine Karten mehr bekommen hat, muss aber nicht traurig sein: Poetry Slam ist sowieso Scheiße, wie Boris Preckwitz für das Feuilleton der SZ herausgefunden hat.

Wer nicht glauben will, dass es sich beim Slam um nichts als billige Comedy, von Werbung kaum zu unterscheidenden Rap und generell um innovationslosen, gesellschaftskonformen Biedermaier handelt, findet den Beweis in untenstehendem Video. Es ist ein Mitschnitt des Hamburg-vs.-Berlin Poetry Slam Battles letzte Woche. Ab Minute 55 kann man mich als Mario-Barth-Atze-Schröder-Verschnitt sehen.

 

 

Wer sich nun denkt: Na gut, dann geh ich eben nicht zum Poetry Slam, sondern gucke mir den neuen James Bond an – tut es nicht, der ist doof! Und wenn ihr es doch tut, obwohl ihr ja nun wisst, dass er doof ist, dann geht aus dem Kino, sobald der Vorspann anfängt, denn dann habt ihr das mmit Abstand Beste am Film (die Verfolgungsjagd durch Istanbul) schon gesehen und erspart euch auf eine fast zweieinhalb Stunden aufgeblasene bescheuerte Geschichte – wann haben die Regisseure eigentlich verlernt, 90-Minuten-Filme zu machen? -, viel Langeweile und vor allem: das nervige, kennermäßige Lachen der anderen Zuschauer, mit dem sie jeden “coolen” Spruch, jeden mauen Gag und jede Anspielung auf frühere Filme quittieren.

Ach nee, dann doch lieber Poetry Slam ;)

(Lobenswert sind die Bemühungen Heidelbergs, die Stadt nicht zu hübsch werden zu lassen. Ein paar geschickt platzierte Neubauten sowie der Umbau der meisten Erdgeschosse in der Altstadt zu großflächig verglasten Schaukästen von Modekette und Handyläden tuen in dieser Hinsicht wahre Wunder.)

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Sonst so"
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Date: Sunday, 04 Nov 2012 13:00

“Graphomanie (die Besessenheit, Bücher zu schreiben) wird zwangsläufig zur Massenepidemie, wenn die gesellschaftliche Entwicklung drei grundlegende Voraussetzungen erfüllt:

1) hoher Grad, allgemeinen Wohlstands, der es den Leuten ermöglicht, sich unnützen Tätigkeiten zu widmen;

2) hohes Maß an Atomisierung des gesellschaftlichen Lebens und daraus hervorgehend allgemeine Vereinsamung der Individuen;

3) radikaler Mangel bedeutender gesellschaftlicher Veränderungen im inneren Leben eines Volkes. (In dieser Hinsicht scheint es mir bezeichnend, daß in Frankreich [...] der Prozentsatz an Schriftstellern einundzwanzigmal höher ist als in Israel. [...])”

Milan Kundera, Das Buch vom Lachen und Vergessen, 1978

Bin darüber gerade gestolpert und fand’s ganz hübsch, vor allem die Sache mit den unnützen Tätigkeiten. Wenn es 1978 schon Emoticons gegeben hätte, hätte Kundera bestimmt noch ein Minus und ein Klammer-zu hinter das Semikolon gesetzt Semikolonminusklammerzu.

Der Schnipselfriedhof sieht seit Kurzem voll gerümpelig aus, die Fotos, die eigentlich genau die Breite der Textspalte haben sollten, sind plötzlich schmaler und mal rechts, mal links, mal mittig. Ich hab noch nicht nachgeguckt, was da passiert ist und ich werde auch den Teufel tun, mir damit den Sonntag Nachmittag zu verderben. Ich nehme an, dass WordPress irgendeine Aktualisierung der Software vorgenommen hat. Neulich habe ich Thunderbird aktualisiert, danach waren alle Mails und sämtliche Einstellungen samt aller sorgfältig eingerichteter Spamfilter und Ordnerweiterleitungen weg. Komplett und für immer. Zum Glück hatte ich zumindest die eingegangenen Mails des letzten Jahres noch auf meinem Laptop und irgendwo liegen Sicherungsdateien der Mails bis 2009 oder 2010 herum. “Aktualisierung” wird für uns eines Tages einen ebenso bedrohlichen Klang haben wie “Jüngstes Gericht” für frühere Generationen. Je stärker wir von elektronischer Kommunikation und digitalen Daten abhängig werden, je mehr wir deren Verwaltung und Speicherung an aus der Hand geben, desto müssen wir die nächsten Ideen der Software-Ingenieure und Marketing-Experten der Firmen, die uns so lieb bemuttern fürchten. Software-Aktualisierung als Schicksal.

Dinge, in die wir viel Zeit und Nerven investiert haben (zum Beispiel das Erlernen der Bedienung eines DB-Fahrkarten-Automaten) werden von einem Tag auf den anderen über den Haufen geworfen. Eines Tages schalten wir morgens den Rechner ein und stellen fest, dass uns Facebook eine neue Biografie entworfen hat, Amazon alle Bücher, die wir für den Kindle gekauft haben durch andere ersetzt und WordPress in allen Texten, die wir gepostet haben, schmutzige Wörter wie Blume, Regenbogen und Pinguin durch harmlose Wörter wie Blume, Regenbogen oder Pinguin ersetzt hat (huch!), weil sie mit Schmutz nichts mehr tun haben wollen, und irgendeine App hat unterdessen über Nacht allen Kontakten auf unserem Handy SMSe geschrieben, in denen sie Zalando oder irgendeine Dentalklinik angepriesen hat, und einen Tag nach Wahl führt die Partei, die man gerade gewählt hat, ein Software-Update durch und ist auf einmal doch für Krieg und mehr Armut und so weiter, heiliger Bimbam, uff nüscht kann man sich mehr verlassen!

Und die Aktualisierungen, die man sich wirklich wünscht, kommen nie. Warte seit Ewigkeiten, dass die Sparkasse beim Homebanking eine Funktion zur selbstständigen Editierung des Kontostandes einführt, das kann doch nicht so schwer sein.

(VS)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Schreiben, Weltuntergang, Zumutungen"
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Date: Thursday, 25 Oct 2012 15:03

Und nun Kurzmeldungen aus aller meiner Welt: Ich kann wieder Fahrradfahren! Und humpel schon wieder wie ein junges Reh durch die Weltgeschichte; vorbei sind sie vorbei die Zeiten, in denen ich die Immobilienteile der Zeitungen studiert habe, in der Hoffnung, einen Artikel über mich zu finden. Ich sag mal: Nicht richtig laufen können war eine interessante Erfahrung, man sieht die städtische Infrastruktur mit ganz anderen Augen, freut sich über die vielen Rolltreppen und Fahrstühle und wünscht den Leuten, die den Hauptbahnhof geplant und ungefähr eine Bank pro Bahnsteig vorgesehen haben, einen Meniskusriss … ähm, nicht an den Hals … ans Knie. Außerdem fällt einem erstmals auf, wieviele Menschen humpelnd unterwegs sind, es ist wirklich unglaublich.

Wer nochmal sehen will, wie ich auf eine Bühne hinke (man muss mittlerweise aber schon genau drauf achten), kann zu einem der folgenden Termine kommen:

Heute, 25.10.2012, 21.00 Uhr, Berlin, Café Ä, Rakete 2000

26.10., Freitag, Leipzig, Musikalische Komödie, Best of Poetry Slam mit Theresa Hahl, Dalibor, Bleu Brode und mir.

29.10., Montag, Dresden, Militärhistorisches Museum, Krieg/Frieden Poetry Slam (ach Du grüne Neune, was tue ich?) mit Harry Kienzler, Tobias Glufke, Pauline Füg, Dominik Bartels, Tobias Kunze und mir.

31.10., Mittwoch, 19.30 Uhr, Gießen, Foyer der Universitätsbibliothek Gießen, icke solo

5.11., Montag, Berlin, Volksbühne, Städtebattle Berlin vs. Hamburg mit Michel Abdollahi ,Fabian Navarro, Neurosenstolz, Bente Varlemann, Casjen Ohnesorge (für Hamburg) sowie Josefine Berkholz, Julian Heun, Bas Boettcher, Sebastian Lehmann und mir (für Berlin)

8.11., Donnerstag, Wien, Poetry Slam (hab leider keinen Link gefunden)

Wer nichts vorgelesen bekommen will, muss eben selber lesen. Man kann zum Beispiel in eine Buchhandlung gehen und, wie der dicke, etwas angegammelte Mann neulich im Buchladen in den Schönhauser Allee Arcaden, die Verkäuferin fragen: “Ham Sie außer Der Knochenbrecher und Der Vollstrecker noch andere Bücher von dem Autor?” Literatur ist was Schönes.

Wenn jemand nette Cafés oder Kneipen in Bayreuth kennt, bin ich für Hinweise sehr dankbar. Nächstes Jahr werde ich dort fünf Monate leben. Lange Geschichte. nach guter Schnipselfriedhof-Tradition verspreche ich, sie ein andermal zu erzählen.

(Ich verstehe diese Werbung nicht. Ist die Frau mit dem Kaktus im Schritt ein Vorher- oder Nachherbild? Gruslig auf alle Fälle. Niemand sollte Kakteen zwischen den Beinen haben.)

(VS)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Sonst so"
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Date: Thursday, 11 Oct 2012 12:19

(Moep  +++ Entschuldigung, das ist ein Repost. Hatte die Geschichte gestern schonmal veröffentlicht, aber da ist was schief gegangen. +++ Moep)

„Ich kaufe nichts, und ich will auch nicht über Gott sprechen!“, schnauzte ich die beiden Idioten an, die mich aus dem Mittagsschlaf geklingelt hatten. Als ich ihnen die Tür vor der Nase zuschlagen wollte, stoppte sie der größere der beiden mit seiner Möbelträgerpranke. Er schüttelte den Kopf.

„Nicht über Gott sprechen, soso“, sagte der andere, ein abgebrochenes Männchen mit Mantel und Hut. „Worüber denn dann? Über Allah? Über Mohammed?“

„Über Odin?“, grunzte der Schrankwandtyp und trat drohend einen Schritt nach vorn. Das Männchen legte ihm beruhigend eine Hand auf den Rücken. „Am besten, Herr S., Sie lassen uns erst einmal herein“, sagte er zu mir.

„Das werde ich selbstverständlich nicht tun!“

Die beiden glotzten sich an. „Huij, das fängt ja gut an. Widerstand gegen die Staatsgewalt…“

„Welche Staatsgewalt?“

Sie griffen in ihre Manteltaschen, holten irgendwelche Plastikkarten mit Bundesadler hervor und fuchtelten mir damit kurz vor dem Gesicht herum. „Schrader mein Name, Staatsschutz, und das hier ist mein Kollege Schlobach. Lassen Sie uns jetzt herein, oder bestehen Sie auf einer Zuführung durch ein SEK?“

 ***

Schrader fixierte mich mit leicht zusammengekniffenen Augen über den Küchentisch hinweg, Schlobach – Grobschlacht, wie ich ihn insgeheim getauft hatte – saß neben ihm und grabbelte mit seinen Wurstfingern ungeniert in meiner Obstschale.

„Darf ich vielleicht erfahren, worum es geht?“, fragte ich, kleinlauter als ich eigentlich wollte. Schrader antwortete nicht.

„Was habe ich denn getan?“

Er seufzte: „Sehen Sie, Herr S., das ist genau die Frage, die uns umtreibt. Was haben Sie getan? Oder auch: Was planen Sie zu tun? Wir hatten gehofft, Sie könnten ein wenig Licht in diese Angelegenheit bringen.“

„Wie bitte? Ich habe Mittagsschlaf gehalten. Und ich plane, einkaufen zu gehen, sobald wir das hier hinter uns gebracht haben.“

Schrader grinste. „Sehr witzig“, sagte er. Und, zu Grobschlacht: „Ein echter Scherzkeks, nicht wahr?!“

„Lange nicht mehr so gelacht“, brummte Grobschlacht ohne eine Mine zu verziehen.

Ich rutschte unruhig auf meinem Stuhl herum. „Sagen Sie doch bitte einfach, was mir vorgeworfen wird! Sicher ist es nur ein Missverständnis oder eine Verwechslung!“

„Herr S., wenn wir wüssten, was Sie getan haben oder zu tun beabsichtigen, dann säßen wir nicht hier in ihrer Küche beim gemütlichen Plausch, sondern in Verhörraum drei und ihre Hände wären an die Stuhlbeine gefesselt.“

„Ähm, heißt das, mir wird gar nichts vorgeworfen?“

„Noch nicht, Herr S., noch nicht!“

„Und was soll das ganze dann? Was wollen Sie von mir?“

„Es gab Hinweise. Ein, nun, sagen wir ‘wachsamer Bürger’ hat uns auf Sie aufmerksam gemacht. Und dem müssen wir natürlich nachgehen. Nicht, dass es am Ende wieder heißt, die Sicherheitsbehörden hätten versagt und Hinweise ignoriert.“

„Ja, gut, aber was für Hinweise denn? Was hat Ihnen dieser ‘wachsame Bürger’ denn über mich erzählt?“ Mir fielen eine ganze Reihe Verfehlungen ein, aber beim besten Willen keine, für die sich irgendein Geheimdienst interessieren würde. „Habe ich den Müll falsch getrennt?“

„Haben Sie das, Herr S.?“

„Was weiß ich! Aber Sie sind ja wohl nicht deswegen hier.“

„Nicht direkt, aber selbstverständlich interessieren uns alle Puzzlestücke, die unser Bild vervollständigen könnten.“ Er nickte seinem Kollegen zu, der aufstand, um meine Mülleimer zu inspizieren. „Aber unser Zuträger hat uns etwas anderes über Sie verraten …“

„Und zwar?“

Er lächelte. „Immer schön den Ahnungslosen spielen was?! Jaja, nun gucken Sie nicht so, ich habe schon bessere Schauspieler als Sie gesehen! Unser Informant jedenfalls beschreibt Sie als freundlichen, unauffälligen, alleinstehenden Mann, Herr S.!“

„Ja, na und?“ Ich brach ab, als sich mir ein bizarrer Verdacht aufdrängte. „Nein! Sie meinen doch nicht … das kann doch nicht Ihr Ernst …“

„Hat’s Klick gemacht? Nach so gut wie jedem Amoklauf, jedem Attentat, jedem im Keller gefangengehaltenen Kind erzählen fassungslose Anwohner den Fernsehkameras von ihrem ach so freundlichen, unauffälligen, alleinstehenden Nachbarn, dem sie so etwas niemals zugetraut hätten.

Nun, wir trauen jedem alles zu und wollen uns nicht zum Mittäter machen, indem wir eindeutigen Warnhinweise ignorieren.“

Ich hörte kopfschüttelnd zu. Was für ein Blödsinn! „Ähm, ich nehme an, sie wollen mich verulken. Gibt es hier irgendwelche versteckten Kameras?“

„Noch nicht, Herr S., der Antrag liegt noch beim Staatsanwalt.“

„Was?! Hören Sie, beenden wir doch bitte diese Farce! Soweit ich weiß, ist es nicht verboten freundlich, unauffällig und alleinstehend zu sein!“

„Das nicht. Amokläufe, Terroranschläge sowie das Gefangenhalten von Kindern im Kellern allerdings schon. Und wir wollen doch nicht erst eingreifen, wenn es zu spät ist. Also, was ist es bei Ihnen?“

„Nichts von alledem, verdammt!“

„Schon möglich“, sagte Schrader.

„Klo!“, schnauzte Grobschlacht und hob anklagend seine Hände, mit denen er den Dreck aus den ausgekippten Mülleimern durchwühlt hatte.

„Rechts. Nächste Tür.“ Er nickte und verließ die Küche.

„Schon möglich“, wiederholte Schrader. „Aber wir müssen natürlich sicher gehen. Wenn ich mich jetzt auf ihre Beteuerungen verlasse und mich irre … ich könnte nie wieder schlafen, wenn durch meine Nachlässigkeit Unschuldige zu Schaden kämen.“

„ICH BIN SELBER UNSCHULDIG!“

„Mag sein, mag sein, auch wenn ihr Verhalten nicht unbedingt dafür spricht. Jeder Unschuldige würde uns auf Knieen danken und nach Kräften unterstützen. Schließlich geht es hierbei um ihren Schutz.“

Ich hob abwehrend die Hände. „Aber ich bin ja gern kooperativ. Und ich weiß, dass Sie eine wichtige Aufgabe erfüllen und alles. Sie sind nur leider bei der falschen Person. Aber gut, machen wir weiter, je eher Sie sich wieder den echten Bösewichtern widmen können, desto besser. Stellen Sie Ihre Fragen, ich werde sie beantworten.“

Schrader nickte und lehnte sich entspannt zurück. „Na also, Herr S., wir wissen das zu schätzen, und es wird sich positiv auf unsere Einschätzung Ihrer Person auswirken. Also dann mal raus mit der Sprache: Womit haben wir es hier zu tun? Sind Sie Islamist? Wollen Sie den Dshihad nach Deutschland tragen?“

„Islamist? Mensch, ich hab nicht mal einen Bart!“

„Hatte Mohammed Atta eine Bart? Für wie blöd halten Sie uns eigentlich? Ist das etwa Ihre Kooperationsbereitschaft?“

„Hören Sie, ich bin kein Islamist. Ich bin ja nicht mal Moslem. Ich glaube ja nicht einmal an Gott!“

„Ah, da kommen wir der Sache schon näher. Atheist also. Religion ist Opium für’s Volk und so. Marx. Also linksradikal, eine neue RAF, ist es das? Hatte ich mir fast gedacht; dass deckt sich auch mit unseren bisherigen Erkenntnissen!“

„Was für Erkenntnisse?“

„Ihr Weblog, Herr S., einige Artikel äußern sich kritisch zu Armut, Konsumgesellschaft, Vermögensverteilung und anderen Themen.“ Er schüttelte den Kopf, als ich etwas einwenden wollte. „Ich weiß, was Sie sagen möchten. Das sei alles von der Meinungsfreiheit gedeckt, es gäbe keine Aufrufe zur Gewalt oder zum Umsturz und sei sowieso alles vollkommen harmlos. Und im Prinzip haben Sie ja auch Recht, aber stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Spaziergänger, von seiner Wanderung ein wenig erschöpft, lässt sich auf einer Parkbank nieder und erfreut sich ein paar Minuten am fröhlichen Spiel einiger Kinder auf einem nahegelegenen Spielplatz. Was könnte harmloser sein? Wenn dieser Mann nun allerdings im Verdacht stünde, ein Kinderschänder zu sein, würde dieses so friedliche Bild kippen, und wir täten gut daran, unsere Augen nicht zu verschließen. Und leider muss ich Ihnen sagen, dass im Lichte unserer Ermittlungen auch ihr Weblog nicht mehr ganz so harmlos wirkt …“

„Chef, ich hab was gefunden“, platzte Grobschlacht herein. „Im Schlafzimmer!“

***

„Unfassbar“, sagte Herr Huld, ein Anwalt, den mir mein in solchen Dingen erfahrener Onkel empfohlen hatte, als ich ihm einige Stunden später mein zertrümmertes und verkohltes Schlafzimmer zeigte. „Was genau ist hier passiert?“

„Naja, dieser eine Typ hatte meinen Koffer entdeckt, und plötzlich waren beide der Meinung, das sei eine Bombe. Dann haben sie das Haus evakuiert und irgendsoein Räumkommando hat ihn in die Luft gejagt. Dabei hatte ich ihnen doch gesagt, dass da nur Dreckwäsche drin ist! Ich wollte ihn sogar aufmachen und es ihnen zeigen, aber der Muskeltyp hat mich zurückgehalten und mir dabei fast den Arm ausgekugelt.“

Der Anwalt nickte. „Na, das müssen Sie verstehen, Herr S., die sind natürlich davon ausgegangen, dass Sie sich selbst in die Luft sprengen und die beiden mit in den Tod nehmen wollten, nachdem Sie einmal enttarnt waren.“

„Enttarnt? Ich bin unschuldig!“

„Gewiss, gewiss. Ich will Ihnen doch nur klar machen, wie das Ganze aus Sicht der Beamten wirken musste – wenn wir Sie verteidigen möchten, müssen wir genau wissen, wie die andere Seite tickt. Also weiter. Sie haben den Beamten also im Vorfeld erzählt, das im Koffer nur Dreckwäsche sei. Und was war nun wirklich drin?“

„Dreckwäsche, verdammt! Dreckwäsche! Das hat auch die anschließende kriminaltechnische Untersuchung ergeben, hier, schauen Sie!“ Ich krramte in den Formularen, die man mir dagelassen hatte, und hielt ihm eine Seite hin. Er nahm mir den ganzen Stapel aus den Händen und bätterte ihn, gelegentlich die Finger mit der Zunge befeuchtend, durch. Einige Male hielt er inne, verzog den Mund, hob die Augenbrauen oder nickte.

„Tatsächlich“, sagte er schließlich. „Nun, Sie müssen zugeben, dass das schon ein bisschen verdächtig ist. Wo wollten Sie denn mit einem Koffer voller Dreckwäsche hin?“

„Häh? Ich wollte nirgendwohin. Auf welcher Seite stehen Sie eigentlich? Ich bin vor einer Woche aus dem Urlaub zurückgekommen und war bisher zu faul, das Zeug zu waschen. Und selbst wenn ich damit irgendwohin gewollt hätte – na und?! Das ist doch meine Sache! Man kann mit Dreckwäsche schließlich keine Kofferbombe bauen!“

Er runzelte die Stirn. „Sind Sie sicher? Gab es da nicht mal so eine McGuyver-Folge? Na, wie auch immer. Auf jeden Fall kann man aus Dreckwäsche und einem Koffer, eine vorzügliche Kofferbombenattrappe bauen. Und genau das wird Ihnen nach derzeitigem Stand der Ermittlungen ja auch vorgeworfen, wie ich hier gerade lese.“

Ich konnte ihn nur anstarren und den Kopf schütteln.

„Erschwerend kommt hinzu“, fuhr der Anwalt fort, „dass der Koffer unbeaufsichtigt war …“

„Unbeaufsichtigt IN MEINEM SCHLAFZIMMER!“

Er nickte. „Das ist ja das Schlimme: Im Schlafzimmer einer Person gegen die zur Zeit Ermittlungen wegen des Verdachts auf die Vorbereitung politisch motivierter Terroranschläge laufen, eijeijei, da kommt eins zum anderen. Sie wissen schon, wie das aussieht, oder?!“

Komplett irre sah das aus. Ich zwickte mich in die Wange, um endlich aus diesem Alptraum zu erwachen, doch es klappte nicht.

„Und hören Sie bitte auf, sich so nervös im Gesicht herumzufuhrwerken. Wenn Sie das bei einer Vernehmung machen, können Sie sich gleich mit dickem Edding schuldig auf die Stirn schreiben.

Bitte, Herr S., reißen Sie sich zusammen, geben Sie mir etwas, womit ich arbeiten kann. Etwas besseres als: Ich war zu faul, die Wäsche zu waschen. Vielleicht hat Ihnen ja jemand den Koffer untergeschoben?“

Ich glotzte ihn fassungslos an. „Warum in alles in der Welt sollte mir jemand einen Koffer mit Dreckwäsche unterschieben?“

„Das Warum ist schon die nächste Frage, Herr S., immer schön eine nach der anderen.“

„Es war doch nur ein harmloser Koffer voller Dreckwäsche“, sagte ich matt.

„Natürlich. Und Sie sind nur ein freundlicher, unauffälliger Mann. Das Problem ist, dass sich ein harmloser mit Dreckwäsche gefüllter Koffer nicht so ohne weiteres von einer mit Sprengstoff gefüllten Kofferbombe unterscheiden lässt, was ihn ja gerade zu so einer perfekten Kofferbombenattrappe macht. Zwar ist der Besitz eines kofferbombenattrappentauglichen Koffers keine Straftat; aber die Ermittler müssen natürlich die Möglichkeit berücksichtigen, dass Sie ihn dazu verwenden wollten, Sicherheitsmaßnahmen zu testen oder von der richtigen Bombe abzulenken.

Herr S., ich will Ihnen nicht verhehlen, dass Ihre Lage verzwickter ist, als Sie vielleicht denken. Es ist nämlich fast unmöglich, zu beweisen, dass ein Koffer einfach nur ein Koffer ist, da er sich in nichts von einer Kofferbombenattrappe unterscheidet. Dazu kommt noch, dass das fragliche Gepäckstück gerade gesprengt wurde.“ Er schob mit dem Fuß einige angekokelte Kofferfetzen herum.

„Unschuldsvermutung“, murmelte ich. „Im Zweifel für den Angeklagten.“

„Sicher, sicher, aber noch sind Sie ja gar nicht angeklagt. Sie sind lediglich Gegenstand einer Ermittlung, und die mit der Ermittlung Beauftragten müssen selbstverständlich von der Schuld des Gegenstandes ebendieser Ermittlung ausgehen, sonst könnten sie es ja gleich bleiben lassen!“

Mir wurde schwindlig, in meinem Kopf drehte sich alles. Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Ich war müde. Ich wollte nur, dass das alles aufhörte.

„Was können wir denn nur tun?“

„Nun, zuallerersteinmal sollten Sie sich keine Gedanken machen. Sie sitzen nicht in Haft, Sie stehen nicht vor Gericht, und niemand weiß, ob es überhaupt soweit kommen wird. Ich rate Ihnen: Spielen Sie den Kooperationsbereiten, beantworten Sie alle Fragen, ohne zu lügen und sich selbst zu belasten Wenn das nicht möglich ist, verweigern Sie die Aussage, und bestehen Sie darauf, mit mir zu sprechen. Und falls es wirklich zu einem Prozess kommt, habe ich ein echtes As im Ärmel.“ Er lächelte triumphierend und wedelte mit dem Papierstapel in seiner Hand. „Ich habe festgestellt, dass das Formblatt 12 A über die Sprengung verdächtiger Gepäckstücke nicht korrekt ausgefüllt ist und Anlage D 4 gar komplett fehlt. Die werden Sie wegen Formfehlern laufen lassen müssen!“

„Aber das wäre doch der falsche Grund! Ich bin unschuldig!“

„Besser aus den falschen Gründen freigesprochen werden, als aus den richtigen verurteilt, oder nicht?!“

 ***

Wie man sich vielleicht denken kann, ging es mir in den folgenden Wochen nicht allzugut. Meine Nachbarn gingen mir aus dem Weg. Wenn ich doch einmal einem von ihnen begegnete, war ich auffallend unfreundlich, um mich nicht noch verdächtiger zu machen. Schrader und ich sahen uns regelmäßig. Mal ließ er mich vorladen, mal stand er unangemeldet mit Grobschlacht vor meiner Tür.

Immer dieselben Fragen, immer dasselbe sinnlose Spiel. Bis er mir bei der achten oder neunten Vernehmung einen Vorschlag unterbreitete.

„Sie können sich das natürlich auch alles ein bisschen einfacher machen, Herr S.“

Ich schaute auf. Er musste das Hoffen, das Flehen in meinen Augen gesehen haben, denn er lächelte mich freundlich an. „Arbeiten Sie für uns. Als V-Mann.“

Ich war längst bereit, beinahe alles zu akzeptieren. Noch drei oder vier Vernehmungen und ich hätte ihm gestanden, dass ich in meinem Keller Nazisalafisten als Sexsklaven halte und aus meiner getragenen Unterwäsche Chemiewaffen herzustellen beabsichtigt hatte oder was auch immer er von mir hören wollte.

„Natürlich! Gerne! Aber … müssen V-Männer nicht immer irgendwelche Gruppen infiltrieren? Wen soll ich denn ausspionieren?“

„Herr S., das müssen Sie doch selbst am besten wissen. Geben Sie uns einfach alles, was Sie an Informationen bekommen können, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Sei es aus ihrer eigenen kleinen Terrorzelle oder aus der größten und gefährlichsten aller Gruppen, der Mutter allen Terrors, aus der schon viele Terroristen, Extremisten und sogar Hartz-IV-Betrüger hervorgegangen sind: Der Bervölkerung.“

Grobach spuckte aus. Auf mein Wohnzimmerparkett, aber an so etwas war ich inzwischen gewohnt. Es war nunmal seine Art. „Wir sammeln derzeit Beweise für ein Verbotsverfahren!“

Schrader erhob sich und gab mir die Hand. „Willkommen bei den Guten.“

***

Ich war auf dem Heimweg von meinem wöchentlichen Treffen mit Schrader. Es war bereits spät und der November gab sich Mühe zu beweisen, dass wenigstens auf ihn noch Verlass war. Ich hatte den Mantelkragen hochgeschlagen, den Hut tief in die Stirn gezogen; ich eilte durch die regnerische Nacht und grinste bei dem Gedanken, dass ich jetzt nicht nur Agent war, sondern auch wie einer aussah. Meine Hand in der Manteltasche umklammerte das kleine Geldbündel, das mir Schrader im Austausch für die Namen und Adressen einiger freundlicher, unauffälliger Herren aus meiner Nachbarschaft gegeben hatte.

Ich beschloss, mir ein Taxi zu rufen, doch da trat aus einem Hauseingang ein Mann mit Kapuze auf mich zu. „Herr S.?“, stellte er mehr fest, als dass er es fragte; ich hörte ein Geräusch hinter mir, doch ehe ich mich umdrehen konnte, krachte mir etwas auf den Hinterkopf und alles wurde schwarz …

***

Ich erwachte in einem kahlen Raum mit Linoleumfußboden und unverputzten Wänden. An der Decke hing eine nackte Energiesparlampe. Ich saß auf einem Stuhl, Oberkörper und Arme waren mit Gaffa-Tape an die Lehne gefesselt. Vor mir stand ein schäbiger Küchentisch, auf der anderen Seite standen zwei Männer, ein weiterer saß mir direkt gegenüber. Obwohl ich noch immer benommen war und mein Kopf von dem Schlag wie ein hohler Zahn puckerte, begriff ich sofort, dass ich mich in einer recht unangenehmen Lage befand: Der Mann am Tisch war einer der freundlichen, unauffälligen Männer, die ich Schrader gemeldet hatte. Durch Zufall hatte ich scheinbar einen echten Terroristen erwischt. Vor ihm auf dem Tisch lag eine Pistole.

„Raus mit der Sprache, du Schwein! An wen hast du uns verraten?“

„Ich habe niemanden – Aua!“ Er langte über den Tisch und versetzte mir die Mutter aller Ohrfeigen, vielleicht sogar die Großmutter.

„Verarsch mich nicht!“

„Schrader!“, schrie ich. „Mein Führungsoffizier heißt Schrader! Aber das ist doch nur ein Missverständnis! Ich habe ja auch bloß den Namen und die Adresse weitergegeben, ich weiß doch gar nichts von eurer Truppe hier und will auch gar nichts wissen!“

„Wir sind die PUP, der Patriotischer Untergrund Pankow, Sieg Heil, du Arschloch!“

Einer der beiden Stehenden runzelte die Stirn. Er trug ein Palituch und ein Stirnband mit arabischen Schriftzeichen. „Oh … nicht die Vereinigten Orientalischen Terror-Zellen Europas?“

„Nee, die treffen sich mittwochs, heute ist Dienstag. Aber wo du schon mal da bist, bleib halt hier. Und jetzt wieder zu dir, Sportsfreund“, wandte er sich an mich. „Raus mit der Sprache: Wieviel zahlen dir diese Schweine, damit du für sie schnüffelst.“

„Bitte tut mir nichts, ich …“

„WIEVIEL?!“

„Vierhundert! Im Monat!“

„Du Schwein! Du miese Drecksau! Ratte!“, riefen sie durcheinander und ich fing mir eine weitere Ohrfeige. „Vierhundert! Scheiß-Preisdrücker! Verdammter Amateur! Du blöder Billig-Bond! Du machst das ganze Geschäft kaputt!“ Der Typ mir gegenüber war aufgeprungen und schüttelte mich: „Mann, ich hab Frau und Kinder, inzwischen muss ich in drei Terrorgruppen spitzeln, um über die Runden zu kommen, weil Typen wie du mit ihrem Lohndumping das ganze Geschäft kaputt machen!“

Der Mann mit dem Palituch legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. „Hast ja recht, aber der Typ hier wusste es wahrscheinlich einfach nicht besser. Wir müssen mit Schrader reden. Das ist schon der dritte 400-Euro-Spitzel, den wir diesen Monat schnappen.“

Schließlich banden sie mich los. „Nichts für ungut, Kumpel. Musst verstehen, dass wir ein bisschen sauer sind. Ich hoffe, du bist auf unserer Seite. Zusammen sind wir stark.“

Und so wurde ich Mitglied in der Gewerkschaft der V-Männer.

***

Inzwischen mache ich meine 4000 im Monat. Die Hälfte geht natürlich in den Unterhalt der diversen Terrorgruppen, die ich infiltriert habe. Sie werden von meinen drei Entführern geleitet; im Gegenzug habe ich meine eigene Organisation gegründet, die Autonomen Nazi Arsch-Löcher, und die Kollegen selbst eingeschleust. Wir alle brauchen ständig gutes Material, das wir unseren Führungsoffizieren präsentieren können; wer immer nur freundliche Männer denunziert, kann sich nicht lange in diesem Geschäft halten. Ich plane noch ein wenig zu expandieren und gleichzeitig Schraders Grenzen auszutesten; ich baue daher gerade die Buddhistische Union / Milizionäre Siddhartas auf, mal sehen, ob wir ihm Geld für deren Observation aus dem Kreuz leiern können. Letztlich wird ihm und seinen Leuten gar nichts anderes übrig bleiben, so wie sie auch schon der Einführung von Weihnachts- und Urlaubsgeld zustimmen mussten. Wir hatten mit einem Generalstreik der V-Männer und der sofortigen Aussetzung sämtlicher terroristischer und verfassungsfeindlicher Tätigkeit in Deutschland gedroht. Ihnen blieb keine Wahl. Denn ohne uns sind sie nichts.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Geschichten"
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Date: Friday, 05 Oct 2012 15:09

Irgendwann wird es mal wieder eine richtige Seite mit Auftrittsterminen geben, die dann auch regelmäßig aktualisiert werden, aber irgendwann wird schließlich auch die Sonne erkalten, weil ihr der Brennstoff ausgeht, und deshalb kommen hier jetzt meine nächsten Auftrittstermine für alle, die mich vorlesen hören oder eben gerade auf garkeinen Fall vorlesen hören möchten. Die Fotos haben Hazel Brugger und ich gemacht und zwar mit ihrem Lens Baby, einem tollen Objektiv, mit dem man qualitativ minderwertige aber schöne Fotos machen kann ohne eine Fotoqualitätsverschlechterungsapp zu benutzen.

(Das schönste Foto von einer der merkwürdigsten Statuen der Welt – dem ulkigen Mann im U-Bhf. Vinetastraße. Foto: Hazel Brugger)

Sonnabend, 6.10., Heidelberg, Zirkuszelt auf der Neckarwiese,  Champions Potry Slam mit Patrick Salmen (Wuppertal, Sieger SLAM 2010), Yasmin Hafedh (Wien, U20-Siegerin SLAM 2009), Julian Heun (Berlin, U20-Sieger SLAM 2007), Nektarios Vlachopoulos (Mannheim, Sieger SLAM 2011), Bleu Broode (Marburg, U20-Sieger SLAM 2008) und mir.

Sonntag, 7.10., Ilmenau, BD Club, Solo

Donnerstag, 11.10., Zürich, Slam im Zelt mit Laurin Buser und mir.

Dienstag, 16.10., Hamburg, Knust, NDR Comedy Contest, Aufzeichnung, Ausstrahlung Anfang November

Mitttwoch, 17.10., Hamburg, Ernst Deutsch Theater, Best Of Poetry Slam

Donnerstag, 18.10., Greifswald,  Kaisersaal der Stadthalle Greifswald, Best Of Poetry Slam

So. Reicht erstmal. Jetzt noch ein paar Bilder.

(Essen instagrammen ist so 2011. Jetzt wird lensgebabed!)

(Icke. Foto von Hazel. Das nächste Bild: Auch icke. Auch von Hazel.)

(Kastanien, Zahnbürste und Tomate – so verschieden, und doch in Harmonie und Frieden vereint. Warum können wir Menschen nicht von ihnen lernen?)

(Dieses Bild trägt den Titel: Verblühende Tomatenpflanze, in Sauerkirschtee sich spiegelnd.)

(Symbolbild “Herbst”)

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Fotos, Literatur / Lesebühne / Poetry S..."
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Date: Sunday, 23 Sep 2012 15:09

Ehrlich, ich mag Facebook. Und kann dieses von Unwissenheit und Neophobie geprägte „Meine Daten, meine Daten, ach du lieber Gott, meine Daten!“-Gejammer mancher Leute nicht mehr hören. Als sei eine Anmeldung bei Facebook dasselbe ist wie ein Einzug in den Big Brother Container!

In letzter Zeit allerdings ist es sogar mir ein bisschen unheimlich geworden. Wahrscheinlich werde ich einfach mit dem Alter immer ängstlicher und konservativer. Ich kämpfe dagegen an, aber ganz kann ich es offenbar nicht verhindern.

Neulich jedenfalls tauchte am rechten Rand Werbung für eine Single-Börsen-App auf. „60 Millionen Singles zum Greifen nahe“, versprach sie. Darunter standen die Namen zweier Facebookfreunde, die diese App benutzten. Dies warf einige Fragen auf. Zuallererst, welchen Sinn die Angabe meiner beiden Facebookfreunde haben sollte, handelte es sich bei ihnen doch um ältere Herren. Solange sich in meinem Freundeskreis keine Frauen fanden, die die App benutzten, musste sich eine eventuell erhoffte Werbewirksamkeit dieser Maßnahme in ihr Gegenteil kehren. Desweiteren fragte ich mich, ob die beiden wussten, dass ihre Namen von der App zu Werbezwecken verwendet wurden. Wahrscheinlich nicht, aber das war selbstverständlich ihre eigene Schuld, hätten sie sich doch die Nutzungsbedingungen etwas genauer angeschaut!

Auch der Werbespruch verfehlte seine beabsichtigte Lockwirkung bei mir vollkommen: 60 Millionen Singles! Zum Greifen nahe! Das wollte ich nicht, das waren mir eindeutig zuviele, selbst wenn es sich bei diesen 60 Millionen nicht durchweg um ältere Herren handeln sollte, sondern um Frauen, die mir einzeln durchaus zu gefallen wüssten. Und auch wenn „zum Greifen nah“ sicher nicht wörtlich zu verstehen war, stellte sich bei mir dennoch sofort das Bild einer riesigen Menschenmenge ein.

Menschenmengen sind mir gruselig, sie setzen das Schlimmste in ihren Mitgliedern frei, Menschenmengen sind böser als die Summe ihrer Teile; sie haben keinen Geschmack, kein Herz und kein Hirn. Seht euch nur einmal an, wo und wann sich Menschenmengen bevorzugt aufhalten, es sind schlechte Orte und falsche Zeiten. Man trifft sie bei Fußballspielen, im Berufsverkehr, bei Sommerschlussverkäufen und Tote-Hose-Konzerten. (Manchmal auch bei Lesebühnen und Poetry Slams. Darüber muss ich noch einmal nachdenken.)

60 Millionen Singles! Zum Greifen nahe! Wie soll man sich denn da entscheiden? Amerikanische Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die sich aus 8 verschiendenen Pralinen eine aussuchen durften, hinterher glücklicher waren, als die Testpersonen, die die Wahl zwischen 30 Sorten hatten. Je größer die Auswahl desto größer die Angst, man hätte sich besser entscheiden können, desto größer die Unzufriedenheit; es folgen Streit, Scheidung, Alkoholismus und die regelmäßigen Familientragödien in der Tagesschau, bei denen Särge aus gesichtslosen Einfamilienhäusern getragen werden.

Bei Singlebörsen greifen alle erst einmal nach den schönsten Pralinen, doch diese sind stets nur Lockvögel und so wühlen sich Ottonormalverlierer und Petra Mustermann schließlich frustriert durch den Grabbeltisch mit abgelaufener Ware in der Hoffnung, zwischen angeditschten Hallorenkugeln und zerdrückten Edlen Tropfen wenigstens noch ein halbwegs passables Raffaello zu finden – es ist ein Trauerspiel!

(Was soll denn bei so einer Diskussion rauskommen?)

Vor allem aber fragte ich mich, wie Facebook auf die Idee gekommen war, dass ich mich für Singlebörsen interessierte. Ich hatte meinen Beziehungsstatus im Profil nicht angegeben, und wahrscheinlich war genau das der Grund: Irgendein Algorhythmus, der für die Verteilung der Werbung zuständig war, ging vielleicht davon aus, dass Menschen, die glücklich in einer Beziehung lebten, dies auch stolz auf Facebook kundtaten, das war schließlich nichts, was man geheim halten würde, nichts wofür man sich schämte. Wer da Feld nicht ausfüllte war nach dieser Logik entweder Single oder mit seiner Beziehung unglücklich, auf jeden Fall aber auf der Suche. Ganz schön perfide. Dadurch, dass ich keine Aussage machte, machte ich eben gerade doch eine Aussage, „keine Antwort ist auch eine Antwort“!

Während ich noch über die unheimlichen Implikationen meiner Entdeckung nachdachte, scrollte ich durch die Statusmeldungen. Es war die übliche Mischung aus Instagram-Bildern, Aphorismen und Links zu Musikvideos. Zwischendrin eine Menge Genörgel über die Änderungen an der Profilseite, die Facebook angekündigt hatte. Wieder so ein Sturm im Wasserglas, wie damals als die Chronik eingeführt wurde. Herrjeh, dann macht doch nicht mehr mit! Schließlich war es deren Website, sie konnten damit machen, was sie wollten und und wenn es uns hier nicht mehr gefiel, dann würden wir eben weiterziehen.

Ich schloss die Seite, rief meine liebste Bastel-Website auf und arbeitete den Rest des Tages weiter an meiner Atombombe.

Als ich mich am nächsten Tag wieder bei Facebook einloggte, stellte ich halb angewidert, halb amüsiert fest, dass anstelle der Singlebörse nun ein Sexshop für Masturbationshilfen warb. Darunter wie gehabt eine Aufzählung von Freunden, die diesen Sexshop besucht hatten. Die nächste Anzeige warb seltsamerweise für Handcreme von Nivea; eine weitere für Thor Steinar Klamotten. Man, jetzt dreht ihr aber echt durch, dachte ich. Da klingelte das Telefon.

„Strübing?!“

„Guten Tag, hier ist Wiebke Schmidt von Facebook Customer Care. Wir rufen sukszessive alle Facebook-Teilnehmer, die ihre Telefonnummer angegeben haben an, um eventuelle Fragen zur neuen Profilseite zu beantworten und mögliche Fehler und Missverständnisse auszuräumen.“

„Ähm, die neue Profilseite?“

„Ja, wir haben ein paar Änderungen vorgenommen, damit sie ihr Profil noch besser auf ihre Person anpassen können. Wurde heute nacht freigeschaltet, schauen Sie doch mal nach.“

Ich tat, wie mir geheißen.

Und kippte fasst vom Stuhl.

Es gab plötzlich Dutzende von Feldern für persönliche Angaben – und alle waren ausgefüllt.

„Habt ihr ein Rad ab?“, brüllte ich ins Telefon.

„Stimmen die Angaben nicht? Eine Software hat die wahrscheinlichsten Antworten für alle Felder auf Basis ihrer bisherigen Angaben und ihres Nutzerverhaltens errechnet, um ihnen das Leben leichter zu machen. Falls unser Algorhytmus Fehler gemacht hat, können Sie die natürlich jederzeit korrigieren.“

„Beziehungsstatus: Ich bin ein einsamer Loser und kriege langsam Hornhaut an der rechten Handfläche?!“, schrie ich. Das erklärte dann wohl die Nivea-Werbung.

„Wenn Sie Linkshänder sind, können Sie im Menü auch die linke Handdfläche auswählen.“

„Verarschen Sie mich doch nicht! Wie kommen Sie überhaupt auf diesen Scheiß?!“

„Naja, Sie haben keinen Beziehungsstatus angegeben, sich nicht für Singlebörsen interessiert und nie ‘Gefällt mir’ gedrückt, wenn jemand ein Kitschbild mit einem schmalzigen Spruch über die Liebe gepostet hat, und daraus hat die Software extrapoliert, dass sie wahrscheinlich ein notorischer Masturbierer ohne Interesse an wirklichen Beziehungen und echtem Sex sind. Es ist doch auch in Ihrem Interesse! Damit Sie nur Statusmeldungen und Werbung zu sehen bekommen, die sie wirklich interessieren.“

Ich rang nach Luft, Fassung und Worten. Wiebke Schmidt plapperte weiter: „Und es ist doch auch nichts dabei, wir verurteilen Sie ja gar nicht.“

„Es ist aber nicht wahr!“

„Dann ändern Sie es eben!“

Ich öffnete das Auswahlmenü und überflog die angebotenen Alternativen. Es war eine lange Liste, aber …

„Ähm, hören Sie, ich finde ‘Keine Angabe’ nicht.“

„Ja, das gibt’s ja auch nicht mehr. Das haben wir durch ‘Ich bin so pervers, dass ich nicht darüber sprechen will’ ersetzt. Wissen Sie, die Idee hinter Facebook ist doch das Teilen von Informationen mit Freunden. Es ist doch ein ziemlich unsoziales Verhalten, bei anderen den Beziehungsstatus zu checken und den eigenen geheimzuhalten. Wir wollen Facebook gerechter und sozialer machen. Hand auf’s Herz, haben Sie noch nie bei jemandem nachgeguckt, ob er oder sie in einer Beziehung ist?“

„Naja … schon, aber …“

„Und außerdem, um mal unseren Chef, den Marc, zu zitieren: ‘Wer nichts zu verstecken hat, hat auch durch Transparenz nichts zu befürchten.’ Gerade Ihnen als Nazi müsste das doch gefallen!“

„Was?!“ Tatsächlich, unter „Politische Ansichten“ stand „Faschist“.

„Sie sind doch Nazi, oder? Weil, wenn Sie ein verfassungstreuer Demokrat wären, hätten Sie ja kein Problem damit gehabt, die Spalte auszufüllen und da hat der Algorhythmus gefolgert …“

„Ja, ich verstehe schon!“, sagte ich. „Und ich weiß ja auch, dass die Idee dahinter gut ist, aber wissen Sie … ich weiß nicht, ob das noch was für mich ist, löschen Sie doch bitte mein Profil. “

„Ich kann ihren Login gerne löschen. Dann können Sie aber auch Fehler in ihrem Profil nicht mehr ändern, denn das bleibt natürlich bestehen. Das ist Eigentum von Facebook. Wenn Sie sich mit ihrer Mutter verkrachen, gehen Sie doch auch nicht zu ihr und reißen sämtliche Fotos von sich selbst aus Muttis Fotoalben. Und außerdem: Das finde ich sehr unanständig von ihnen, Herr Strübing. Jahrelang haben Sie unseren Service genutzt und nichts haben Sie je zurückgegeben. Nicht auf eine einzige Werbeanzeige haben Sie geklickt, wie ich gerade sehe. Sie haben unsere Arbeit, unsere Server, unsere Energie genutzt, um ihren Spaß zu haben, Sie Schmaotzer, Sie haben, wie ich gerade sehe, kostenlos bei uns Werbung für ihre Lesungen gemacht, und als einzige klitzekleine Gegenleistung bitten wir um ein paar Informationen, und die wollen Sie uns jetzt wieder wegnehmen! Was für ein schlechter Mensch Sie doch sind“

Sie weinte. Und ich sah nun ein, dass sie Recht hatte und ich ein schlechter Mensch war. Zum Glück war das entsprechende Feld in meinem Profil schon korrekt ausgefüllt.

„Ist ja gut, ist ja gut“, lenkte ich ein. „Ich bin Ihnen allen ja auch dankbar für ihre Arbeit. Also gut. Ich lass mir das alles nochmal durch den Kopf gehen.“

Ich legte auf, änderte meine politische Anschauung in „Islamist“, meine Religion in „Hinduismus“ und meinen Beziehungsstatus in „Ich ficke deine Mutter und es ist kompliziert“, dann schaltete ich den Computer aus und ging in den Park, um meine Atombombe endlich einmal auszuprobieren.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Sonst so"
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Date: Tuesday, 18 Sep 2012 15:54

Ich lese morgen (Mittwoch) solo in der Groovestation in Dresden. Um acht. Es gibt Bier und Brause an der Bar und allerlei Texte von mir. Der Eintritt beträgt 5 Euro, dazu kommen gegebenfalls noch Fahrtkosten, wenn man zum Beispiel aus Wuppertal oder so anreist.


Author: "Volker Strübing" Tags: "Sonst so"
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Date: Monday, 17 Sep 2012 16:50

  • Apropos Spirelli mit Tomatensauce: Ich vermute ja, dass das ein typisches DDR-Gericht ist oder dass zumindest der Name DDR-typisch ist, aberich  maße mir darüber  keine Aussage an, da mir Sprach- und Esskultur der Vorwende-BRD nicht gut genug bekannt sind.

    Dieselbe Zurückhaltung wünsche ich mir manchmal von den Autoren altbundesländischer Zeitungen, die ihr Halbwissen über DDR-Sprache gerne mit einem ironischen Schmunzeln in ihre Texte einfließen zu lassen. So zum Beispiel heute Camilla Blechen in der FAZ in einem Artikel über Friedrich den Großen und seine Rolle als PR-Mann der Kartoffelmafia: „Bis heute erfüllen die mehligen Feldfrüchte – nicht nur im weiterlebenden Sprachgebrauch der DDR – ihre Funktion als ‘Sättigungsbeilage’“. Das ist Quatsch. Kartoffeln wurden im Osten „Kartoffeln“ genannt (so wie man übrigens für gewöhnlich Weihnachtsengel „Weihnachtsengel“ nannte). Die Sättigungsbeilage waren irgendwelche sauer eingelegten Gemüse und Ähnliches.

    So! Das war vielleicht kleinlich, aber was gesagt werden muss, muss gesagt werden, und es heißt nunmal „Rös’chenhof“ und nicht „Röschen-Hof“!

  • Bevor ich jetzt gleich auch noch über einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung herziehe, möchte ich anmerken, dass FAZ und FAS zu meinen Lieblingszeitungen/-zeitschriften gehören, obwohl – und auch ein bisschen weil – ich die Meinungen der Autoren oft nicht teile.
  • Von allem, was ich dieses Jahr im Internet gesehen habe, hat mir das Jesus-Monchichi wohl die meiste Freude bereitet, der misslungene Versuch einer spanischen Rentnerin, ein Jesus-Fresko zu restaurieren. Ich muss ehrlich gesagt noch immer kichern, wenn ich daran denke.

    Wie viele der besten lustigen Geschichten ist sie gleichzeitig ein bisschen traurig; eine Erzählung von Anspruch und Scheitern, und damit noch ein ganzes Stück großartiger als niesende Pandas oder so.Wie man hört, ist die Rentnerin ziemlich unglücklich über die mediale Aufmerksamkeit: Ich glaube gern, dass es schlimm für sie ist, dass ihr Versuch, dem Bildnis ihres Erlöser seine Erhabenheit zurückzugeben, dazu geführt hat, dass die ganze Welt darüber lacht. Und nur ein herzloser Utalitarist würde das Unglück dieser Frau gegen die Freude, die sie Millionen Menschen gemacht hat, aufrechnen.

    Andererseits: Das ändert nichts daran, dass es nunmal verdammt lustig ist.

    Für manche Leute ist die ganze Geschichte allerdings ein (weiterer) Beleg für den Untergang des Abendlandes. Zum Beispiel für Paul Ingendaay, der sich in der FAS von gestern darüber beklagte, dass es doch wohl wichtigere Themen gäbe – als müssten erst Euro, Umwelt und das deutsche Rentensystem gerettet, Hunger, Krieg und Krebs beseitigt werden, bevor irgendjemand es wagen darf, die Mundwinkel nach oben zu ziehen. Anschließend beschreibt er kurz die Geschichte des Bildes und seiner missglückten Restaurierung, um dann mit Ekel zu konstatieren:„Nicht, dass sich die Spaßgemeinde im Netz für diese Zusammenhänge interessiert hätte. Sie wäre wohl auch über größere Kunstwerke ohne Bedenken hinweggestiefelt. Denn hier siegt Albernheit über Ernst, Gelächter über Feierlichkeit, das Säkulare über die Religion.“ – hallelujah, wir werden alle sterben.

    Allerdings nimmt der Autor kurz darauf den Vorwurf der Gottlosigkeit zurück, indem er praktisch behauptet, die alles Schöne und Wahre niederstiefelnden Netz-Orks hätten den Witz an sich zu ihrem Gott erklärt. Oder, wie er in einem anderen, online verfügbaren Artikel zum selben Thema schreibt: „Die neue, von den sozialen Netzen heraustrompetete Frömmigkeit gilt dem Scherz, der peinlichen Lachnummer, der Banalisierung und Blasphemie.“ -  niesender Panda, geheiligt werde Dein Schnupfen, Dein Reich komme, wie im Tierpark so auch auf Erden. (Ich habs in letzter Zeit irgendwie mit Neufassungen des Vater Unser)

(Herbst 1972: Der Autor dieses Beitrages auf der Motorhaube eines F8. 16.9. 2012 (leider ohne Foto): Der Autor dieses Beitrages und ein F8 im Museum für sächsische Fahrzeuge in Chemnitz. Wie sich die Zeiten ändern. Der F8 stand nur rum, ich durfte immerhin ein paar Geschichten vorlesen und hinterher wieder nach Hause.)

  • Nebenher läuft gerade der Fernseher und Angela Merkel behauptet in den Nachrichten: “Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung.” Aber hallo ist sie das! Auch wenn es bedauerlich ist.

(Volker Strübing)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Schnipsel"
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Date: Saturday, 15 Sep 2012 16:17

Gestern war ich zu Hochzeitsfeierlichkeiten nach Weißensee eingeladen. Schön war es, dem wunderbaren Paar sei eine glückliche Ehe beschieden und zur goldenen Hochzeit mache ich gerne wieder Bouletten. Unvergesslich wird mir das Fest unter anderem wegen des SEK-Einsatzes und des Birkenwodkas bleiben. Hier mag der Leser stutzen; falls es sich bei ihm um eine Comicfigur handelt, wird eine Gedankenblase mit einem großen Fragezeichen über seinem Kopf erscheinen: Birkenwodka, wtf? Eigentlich handelte es sich nicht um echten Birkenwodka, sondern um normalen Wodka mit Birkenaroma. Wie er schmeckt, ist leicht zu beantworten: Wie Birkenpudding oder Birkenkompott, nur eben mit Wodka, ist doch logisch.

(Hochzeitstorte -hackherzen)

Der SEK-Einsatz wurde durch eine Schießerei auf dem Hof der zum Feiern gemieteten Lokalität ausgelöst bzw. durch das, was ein besorgter Nachbar für eine Schießerei hielt. Eigentlich waren nur ein paar Knaller und eine Feuerwerksbatterie gezündet worden, trotzdem rückte ein Sondereinsatzkommando an, man muss das ja auch verstehen, die hatten eben nur die Info: Schießerei auf finsterem Weißenseer Hof. Von einer Erstürmung des Anwesens wurde nach gründlicher Prüfung der Lage Abstand genommen.

Mein Lieblingssatz heute stammt aus dem FAZ.net-Artikel „Die langfristige Perspektive: Inflation oder Schuldenschnitt“ und lautet: „Berechnungen […] zeigen, dass in den vergangenen zwei Jahrhunderten in einem Drittel aller Jahre jeweils mehr als ein Fünftel der Staaten zahlungsunfähig war.“ Da fragt man sich doch: Kann es nicht auch sein, dass in den vergangenen zwei Jahrhunderten an der Hälfte aller Tage in zwei Dritteln der Zeitungen aus vier Fünfteln aller Länder in einem Viertel aller Artikel gut ein Zehntel aller Sätze seltsam war? Lesenswert ist der Artikel übrigens allemal.

Wo ich einmal bei schönen Sätzen bin: Im Buchladen fragte vorgestern jemand: “Ham Sie von dem Autor noch andere Bücher außer ‘Der Knochenbrecher’ und ‘Der Vollstrecker’?”

Schönes Wochenende!


Author: "Volker Strübing" Tags: "Sonst so"
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Date: Wednesday, 12 Sep 2012 11:28

Okay. Ich hab also eine Schreibblockade. Schreibblock adé sozusagen. Wie schlimm sie ist,  sieht man schon daran, dass ich darüber schreibe. Darüber zu schreiben, dass man nicht schreiben kann, ist nun wirklich das Letzte. Das ist noch schlimmer als wilde Geschichten über Monster, Einhörner und Wackelpudding, die damit enden, dass der Protagonist aufwacht und erleichtert feststellt, dass alle – puh! – nur ein Traum war. Und dann beim Aufstehen in ein Häuflein Einhornkacke tritt, das vor seinem Bett liegt … uijuijui, war es vielleicht doch nicht nur ein Traum? Gähn … aber immer noch besser als “Ich kann nicht schreiben”-Gejammere. “Dann lass es doch!”, möchte man dem Autor zurufen, außer man ist es zufällig selbst.

Nichts geht. Dabei ist es garnicht so, dass ich keine Themen hätte, nö, ich kann gerade einfach nur nicht schreiben. Nicht denken. Wenn ich eine Idee zu fassen versuche, fühle ich mich sofort, als würde ich mit einem Nudelsieb Wasserschöpfen wollen oder bei einem Ramstein-Konzert Sudokus lösen. Als würde ich probieren, mich mit der einen Hand am Fuß zu kitzeln, während die Finger der anderen in der Steckdose stecken.

Naja. So ungefähr. Seit Wochen kein neuer Text, die längerfristigen Sachen kommen nicht voran, eine neue Kloß-und-Spinne-Folge ist seit drei Monaten halb fertig und will es wohl noch eine ganze Weile bleiben. Ich bringe keinen Gedanken zu Ende, denke in Halbsätzen, springe von Thema zu Thema, werde von Ohrwürmern gemartert, zum Teil sind es Sätze oder Halbsätze, die sich selbstständig gemacht und plötzlich eine Melodie haben und in meinem Kopf in Endlosschleife laufen. Ich öffne Textverarbeitung oder Notizbuch und, schwupps, laufen tausend Männchen durch meinen Kopf und brüllen durcheinander. Und ich gebe auf und lenke mich stattdessen mit Computerspielen, Videos, Büchern ab, die einzige Möglichkeit, mich auf irgendwas zu konzentrieren.

(Symbolbild Schreibkrise: Ungefähr so wie auf der Wand hinter mir im Backstageraum des Substanz vor einem halben Jahr sieht es in meinem Kopf aus, wenn ich zu schreiben versuche. Nur leider nicht ganz so zotig.)

Natürlich kenne ich das.  Gehört wohl dazu. Aber es ist jedesmal auf’s Neue Scheiße.

Immerhin gibt es diesmal im Vergleich zu früheren Schreibblockaden zwei unschätzbare Vorteile: Zum einen geht es mir davon abgesehen und nichtsdestotrotz prima, zum anderen habe ich (seit 3 Wochen) eine Superausrede: Mein Knie ist angemurkst, ich kann nicht richtig laufen, bin also krank, da kann ich doch nicht arbeiten!
Man könnte natürlich spitzfindig anmerken, dass ich mir den Meniskus angerissen habe und nicht den Frontallappen und dass es meinem Knie egal ist, ob ich vor dem Fernseher sitze oder am Schreibtisch, aber das würden nur sehr böse, herzlose Menschen machen, Humankapitalverwertungsfanatiker, Menschen, die auch nichts dabei finden, selbst noch Beinamputierte zum Hürdenlauf zu prügeln und Armlose in Olympiaschwimmbecken zu schubsen, hör mir auf! Aber ich will jetzt gar nicht abschweifen, nein, ich versuche, schnell fertig zu werden, bevor meine Schreibkrise merkt, dass ich schon 435 Wörter geschrieben habe – seien sie auch noch so belanglos – und mich dazu bringt den Laptop zuzuklappen und mich mit Kaffee und Zigarette auf den Balkon zu setzen, vorgeblich um Nachzudenken, während ich in Wirklichkeit nur stumm “Tötet Onkel Dittmayer” oder “Komm mutier mit mir zu etwas ganz besonders Merkwürdigem” vor mich hinsinge und und wie ein irrwisch auf dem Balkontisch herumklopfe. Nein, Volker, los, du schaffst das, du kriegst diesen Artikel fertig, nein, nein, leg das Handy weg, nicht “Bubbleshoot” starten, nicht …

Ich erwachte. Zum Glück war alles nur ein schlechter Traum gewesen. Ich wischte mir mit der Bettdecke den Schweiß von der Stirn. Ich setzte mich auf und schüttelte lächelnd den Kopf. Was für eine Scheiße man manchmal zusammenträumte … da fiel mein Blick auf ein leeres weißes Blatt auf dem Boden vor meinem Bett … NEEEIIIINNN!

Solidarische Grüße an Kirsten und Micha!

(VS)


Author: "Volker Strübing" Tags: "Schreiben, Zumutungen"
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Date: Tuesday, 04 Sep 2012 11:29

Die lange totgeglaubte Philosophie boomt derzeit wie seit den Tagen der ollen Griechen nicht mehr. Gar nicht so sehr wegen der Beststeller von Precht und anderen populärwissenschaftlichen Philosophieerklärern , sondern wegen der starken Philosophienachfrage seitens der Wirtschaft. Jede popelige Schraubenbude braucht ja heutzutage eine “Philosophie”, wenn sie sich am Markt behaupten will, Produkte alleine reichen schon lange nicht mehr. Ein Glück für alle Studenten dieser edlen Geisteswissenschaft, die früher dazu verdammt waren, in Holzfässern, schimmligen Wohnungen oder Feuilletons vor sich hinzuvegetieren. Endlich werden sie gebraucht. Manche Unternehmen scheinen sich regelrechte Philophieabteilungen aufgebaut zu haben.

Zum Beispiel der Fernsehhersteller Loewe, für den irgendein Manager in einem Interview auf Inforadio nicht eine, nicht zwei, sondern gleich drei Firmenphilophien präsentieren konnte. Ich stelle mir gern ein Großraumbüro voller sympathisch angetrottelter Philosophen vor, überall stehen Kaffeetassen, Teller mit Rühreiresten, halbleere  Schierlingsbecher (oder halbvolle? Ein ewiger Streit in der Abteilung!) herum, die Luft ist aufgeladen von kreativer Energie, die sich hin und wieder in Geistesblitzen entlädt: “Platon!”, brüllt da plötzlich einer  und Krümel des  Pflaumenstreuselkuchens, an dem er gerade gekaut hatte, als die Erleuchtung ihn ereilte, fliegen durch den Raum. “Höhlengleichnis!”, fügt er hinzu und plötzlich ist kein Halten mehr. Die Philosophen laufen wild gestikulierend durcheinander, Haare werden gerauft, Bärte gezupft, Kaffeetassen umgekippt. Natürlich! Das Höhlengleichnis, das ist es! Was könnte besser zu einem Fernsehhersteller passen!

Sieben Monate später, nachdem sich meherere miteinander unversöhnlich streitende philosophische Schulen gebildet, wieder aufgelöst und neu gruppiert haben, die Hälfte der Belegschaft in den Selbstmord getrieben wurde und die Mitarbeiter in der Beschwerdeabteilung eine Etage tiefer wegen des Geschreis und Getrampels über ihnen kaum noch arbeiten konnten, ist es soweit: Die Philosophen legen der Geschäftsführung die von ihnen ausgearbeitete Unternehmensphilosophie vor, ein 4000 Seiten dickes Manifest in drei Bänden, ledergebunden, die ersten beiden Bände in Schweinsleder, der dritte in die Haut eines Neopositivisten, der bei der Kaffeekasse beschissen hatte.
Die Geschäftsführung ist beeindruckt und gibt das Werk an die Marketingabteilung weiter mit der Bitte, es ein wenig zu kürzen, man habe morgen einen Interviewtermin auf der IFA und wolle der Öffentlichkeit gerne drei Unternehmensphilosophien vorstellen.

Und so durfte ich mir schließlich folgendes anhören (Gedächtniszitat): “Unsere erste Philosophie ist Qualitätsarbeit. Unsere zweite Philosophie ist verantwortungsvolles Unternehmertum. Und unsere drittte Philophie ist ‘Made in Germany’” Sich des Umstandes, dass nicht alle Zuhörer Philosophie studiert haben, voll bewusst fügte er noch einen besonders schönen Satz an: “Und diese Philosophie können wir in Deutschland am besten leben“. Yeah! Soviel “lebenswerte” Philosophie war selten.

(Zur Philosophie dieses Unternehmens liegen mir leider keine Informationen vor.)

(Volker Strübing)

PS: Bin noch etwas irritiert, weil die berühmte Schweizer Philosophin Hazel Brugger kürzlich darauf hinwies, das “Volker Struebing” ein Anagramm zu “Kotversilberung” darstellt. Klingt jedenfalls nach ner prima Geschäftsidee, man möchte fast sagen, nach einer Philosophie: Aus Scheiße Silber machen.


Author: "Volker Strübing" Tags: "Sonst so, Weltuntergang, Werbung, Zumutu..."
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